Krokodile  Wie die Dayaken, töten die Eingeborenen von Madagaskar niemals ein Krokodil, "es sei denn als Sühne für einen ihrer Freunde, der von einem solchen Tiere umgebracht worden ist. Sie glauben, die absichtliche Tötung eines dieser Reptilien werde den Verlust von Menschenleben nach dem lex talionis zur Folge haben". Das Volk, das in der Nähe des Itasysees auf Madagaskar lebt, erläßt alljährlich eine Proklamation an die Krokodile, worin ihnen angekündigt wird, daß man den Tod einiger Freunde rächen werde, indem man nacheinander ebenso viele Krokodile töte, und in der alle gutgesinnten Krokodile ermahnt werden, sich aus dem Staube zu machen, da man keine Klage gegen sie habe, sondern nur gegen ihre bösartigen Verwandten, die Menschenleben geraubt haben. Verschiedene Stämme Madagaskars meinen, sie stammten von Krokodilen ab, und daher betrachten sie das schuppige Reptil durchaus als. einen Menschen und Bruder. Sollte eines der Tiere sich soweit vergessen, daß es einen seiner Verwandten verschlingt, dann begibt sich der Häuptling des Stammes oder in seiner Abwesenheit ein alter Mann, der mit den Stammesgewohnbeiten vertraut ist, an der Spitze des Volkes an das Ufer des Flusses und fordert die Familie des Verbrechers auf, diesen dem Arm der Gerechtigkeit auszuliefern. Hierauf wird ein Haken mit einem Köder versehen und in den Fluß oder See geworfen. Am folgenden Tage wird der schuldige Bruder oder sonst ein Angehöriger seiner Familie an Land gezogen, und nachdem sein Verbrechen ihm in einem strengen Verhör eindringlich bewiesen worden ist, wird er zum Tode verurteilt und hingerichtet. Nachdem den Rechtsansprüchen auf diese Weise Genüge geschehen und die Hoheit des Gesetzes gewahrt ist, wird das verstorbene Krokodil beweint und wie ein Verwandter begraben. Ein Hügel wird über seinen Überresten errichtet, und ein Stein bezeichnet die Stelle, wo sein Haupt ruht. - (fraz)

Krokodile (2)  Das Krokodil hat folgende Art und Beschaffenheit: Vier Monate, wenn es am kühlsten ist, frißt es nichts, und es ist ausgestattet mit vier Beinen, ein Land- wie auch Wassertier. Nämlich seine Eier legt und bebrütet es auf dem Land und bringt den größten Teil des Tags auf dem Trocknen zu, die ganze Nacht aber im Fluß. Denn im Wasser ist es doch wärmer als unter klarem Himmel und bei Tau. Und unter allen sterblichen Wesen, die wir kennen, wird dies aus dem kleinsten das größte. Denn die Eier, die es legt, sind nicht viel größer als die von Gänsen, und das Junge entspricht dem Ei, dann wächst es und kommt auf siebzehn Ellen und noch mehr. Augen hat es wie ein Schwein, und große hauerartige Zähne. Es ist das einzige Tier, das es zu keiner Zunge gebracht hat; auch bewegt es den unteren Kiefer nicht, sondern bewegt - und auch das ist einzigartig unter den Tieren - den oberen Kiefer gegen den unteren. Es hat auch starke Klauen und auf dem Rücken eine Schuppenhaut, die undurchdringlich ist. Im Wasser blind hat es draußen sehr scharfe Augen. Und da es viel im Wasser lebt, ist sein Rachen drinnen ganz voll von Blutegeln. Alle andern Vögel und Tiere flüchten vor ihm, mit dem Läufervogel aber steht es auf gutem Fuß, denn von ihm hat es Nutzen. Nämlich wenn das Krokodil vom Wasser aufs Land steigt und dann das Maul aufsperrt - das tut es nämlich gerne, im allgemeinen gegen den West hin -, dann schlüpft der Läufer hinein und verschlingt die Blutegel. Diese Hilfe gefällt ihm, und es tut dem Läufer nichts.

Einigen Ägyptern nun sind die Krokodile heilig, andern wieder nicht, sondern sie setzen ihnen zu als Feinden. Die um Theben und den Moiris-See wohnen, die haben ganz besonders den Glauben, daß sie heilig sind. An beiden Stellen hegt man je ein ausgewähltes Krokodil, das abgerichtet und zahm ist, und sie tun ihm Gehänge in die Ohren, von Glasfluß und Gold, und Spangen um die Vorderfüße, und geben ihm vorgeschriebene und geweihte Speisen und pflegen es aufs beste, solange es lebt. Ist es gestorben, balsamieren sie es ein und setzen es in heiliger Lade bei. Die aber in der Gegend von Elephantine wohnen, essen sie sogar und glauben nicht, daß sie heilig sind. - (hero)

Krokodile (3)

Krokodilromanze

Ich bin ein altes Krokodil
Und sah schon die Osirisfeier;
Bei Tage sonn' ich mich im Nil,
Bei Nacht am Strande leg' ich Eier.

Ich weiß mit list'gem Wehgekreisch
Mir stets die Mahlzeit zu erwürken;
Gewöhnlich fress' ich Mohrenfleisch
Und sonntags manchmal einen Türken.

Und wenn im gelben Mondlicht rings
Der Strand liegt und die Felsenbrüche,
Tanz' ich vor einer alten Sphinx,
Und lausch' auf ihrer Weisheit Sprüche.

Die Klauen in den Sand gepflanzt,
Tiefsinnig spricht sie: Tochter Thebens,
Friß nur was du verdauen kannst!
Das ist das Rätsel deines Lebens.

 - Emmanuel Geibel, nach: Das ABC der Tiere. Gedichte. Hg. Evelyne Polt-Heinz und Christine Schmidjell. Stuttgart 2003 (Reclam 18275)

Krokodile (4) Vorher hatte es nur moralischen und geistigen Schrecken gegeben. Aber jetzt waren die Hauptakteure häßliche Vögel, Schlangen oder vor allem Krokodile. Das verfluchte Krokodil wurde für mich mehr als alles andere zum Gegenstand größeren Schreckens. Ich war gezwungen, mit ihm zu leben, und zwar (wie es in meinen Träumen immer der Fall war) jahrhundertelang. Manchmal entfloh ich ihm und fand mich in chinesischen Häusern wieder. Alle die Füße von Tischen, Sofas und so weiter wurden bald von Leben erfüllt; der widerwärtige Kopf des Krokodils, seine schielenden Augen schauten nach mir aus, in zehntausendfacher Wiederholung multipliziert, und ich stand da, voll Abscheu und gebannt. So oft verfolgte dieses scheußliche Reptil meine Träume, daß oft derselbe Traum auf dieselbe Weise unterbrochen wurde: ich hörte freundliche Stimmen zu mir sprechen (ich höre alles, wenn ich schlafe), und sofort erwachte ich; es war heller Mittag, und meine Kinder standen Hand in Hand neben meinem Bett, um mir ihre bunten Schuhe oder ihre neuen Kittel zu zeigen, oder um mich sehen zu lassen, wie sie zum Ausgang angezogen waren. Kein Erlebnis war für mich so schrecklich und gleichzeitig so ergreifend wie dieser abrupte Übergang von der Dunkelheit des Unendlichen zu der farbenprächtigen Sommeratmosphäre am hohen Mittag und von der unaussprechlichen Scheußlichkeit mißgestalteten gigantischen Ungeziefers zum Anblick von kindlichen, unschuldigen menschlichen Naturen. - Thomas de Quincey, Bekenntnisse eines englischen Opiumessers. Leipzig 1981 (Gustav Kiepenheuer Bücherei 32, zuerst 1822)

Krokodile (5)

Ich bin ein altes Krokodil
und leb dahin ganz ruhig und still,
bald in dem Wasser, bald zu Land
am Ufer hier im warmen Sand.

Gemütlich ist mein Lebenslauf:
Was mir in' Weg kommt, freß ich auf.
Und mir ist es ganz einerlei:
In meinem Magen wird's zu Brei.

- Franz Graf Pocci, Kasperl unter den Wilden. Nach (schen)

Krokodil (gähnendes)

Krokodil. gähnendes

- Lewis Carroll, Sylvie & Bruno. München 1986 (Goldmann 8552, zuerst 1889)

Krokodil  (7)   Dieses Tier können gewisse Fische umbringen, die mit gezähntem Kamm die Weichteile des Bauches aufschlitzen. Allein von allen Tieren kann das Krokodil den oberen Teil der Kinnbacken bewegen, während es den unteren Teil unbewegt hält. Aus seinem Kot wird eine Salbe bereitet, womit alte Weiber und faltige Dirnen ihre Gesichter beschmieren, und sie werden dadurch schön, bis der herabfließende Schweiß wieder alles abwäscht. Der Figur des Krokodils entsprechen Heuchler oder Wollüstige und Geizige, die, obwohl aufgeblasen vom Geifer des Stolzes, von der Seuche der Wollust befleckt, besessen von krankhaftem Geiz, dennoch streng und untadelig in der Erfüllung der Gesetze einherschreitend sich vor den Menschen sehen lassen.   - Bestiarium, nach dem Ms. Ashmole 1511, Hg. Franz Unterkircher.  Graz 1986

Krokodil  (8)   Im trockenen Teil neben jedem Wasserbecken liegen die Krokodile, einzeln oder in Paaren, farblos, gedrungen, ungeschlacht, grauenerregend, schwer und platt ausgestreckt auf dem Boden über die ganze Länge der grausamen Kiefern, der kalten Bäuche und breiten Schwänze. Alle scheinen zu schlafen, auch die mit offenen Augen, oder vielleicht sind alle schlaflos in einer desolaten Starre, auch mit geschlossenen Augen. Ab und zu regt sich eins, hebt sich träge auf seine kurzen Beine, kriecht zum Beckenrand und läßt sich hineinfallen mit einem dumpfen Plumpsen; eine Welle schwappt hoch, dann treibt es im Wasser, reglos wie zuvor. Ist es eine grenzenlose Geduld, was sie damit bezeugen, oder eine unendliche Verzweiflung? Was erwarten sie, oder was haben sie aufgehört zu erwarten? In welche Zeit sind sie eingetaucht? In die der Gattung, jenseits des rasenden Ablaufs der Stunden von der Geburt bis zum Tod des Individuums? Oder in die der Erdzeitalter, die Kontinente verschiebt und die Krusten der aufgetauchten Landmassen hart werden läßt? Oder in die des langsamen, langen Erkaltens der Sonne? Der Gedanke einer Zeit außerhalb unserer Erfahrung ist unerträglich. Herr Palomar beeilt sich hinauszugelangen, die Reptilien kann man nur ab und zu und nur flüchtig besuchen.  - (calv)

Krokodil  (9)

Zerbrochene fächer

Die krokodile von heute sind keine krokodile mehr. Wo sind die guten alten abenteurer, die euch winzige fahrräder und hübsche eiszapfen in die nasenlöcher hängten. Je nach der fingerfertigkeit machen sich die läufer an den vier kardinalpunkten komplimente. Damals: welch vergnügen, sich in der haltung anmutiger zwanglosigkeit auf diese angenehmen flüsse zu stützen - sie waren mit pfeffer und tauben bestreut. Es gibt keine echten vögel mehr. Die auf den abendlichen heimwegen straff gespannten stricke bringen niemand zu fall, aber bei jedem falschen hindernis zeichnet ein lächeln mehr und mehr blaue ringe unter die äugen der seiltänzer. Der staub riecht nach blitz. Früher trugen die guten alten fische schöne rote schuhe an den flossen. Es gibt keine echten wasserfahrräder mehr, keine mikroskopie, keine bakteriologie, ehrenwort: die krokodile von heute sind keine krokodile mehr.  - Max Ernst, Paul Eluard: Die Unglücksfälle der Unsterblichen. Spiegelschrift 7. Köln 1971 (zuerst 1922)

Eidechse
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