osmogonie  Die Geschichte der Banden von New York (ans Licht gebracht von Herbert Asbury im Jahre 1928 in einem prächtig ausgestatteten Band von 400 Seiten Oktav) ist verworren und grausam wie barbarische Kosmogonien und hat viel von deren gigantischer Geistlosigkeit: unterirdische Gewölbe ehemaliger Bierbrauereien, geeignet als Mietskasernen für Neger, ein rachitisches New York von drei Stockwerken Höhe, Räuberbanden wie die Swamp Angels (Sumpfengel), die zwischen Kloakenlabyrinthen marodierten; Räuberbanden wie die Daybreak Boys (Tagesanbruch-Jungs), die frühreife Mörder von zehn und elf Jahren aufnahmen; einzelgängerische und tolldreiste Riesenkerle wie die Plug Uglies (Fiese Rowdies), die das unwahrscheinliche Gelächter des Nächsten mit der steifen, mit Wolle ausgestopften Melone und dem vom Wind der Vorstadt geblähten, weitfaltigen Hemd hervorriefen, aber in der rechten Hand einen Knüppel und die gründliche Pistole hatten; Räuberbanden wie die Dead Rabbits (Tote Kaninchen), die unter einem gepfählten Kaninchen als Feldzeichen die Schlacht aufnahmen; Männer wie Johnny Dolan, der Dandy, der berühmt war durch die eingeölte Tolle auf seiner Stirn, durch die Spazierstöcke mit Affenkopf und die sinnreiche Vorrichtung aus Kupfer, die er über den Daumen zu ziehen pflegte, um die Augen des Gegners auszuquetschen; Männer wie Kit Burns, der imstande war, mit einem einzigen Biß eine lebende Ratte zu köpfen; Männer wie Blind Danny Lyons, ein blonder Junge mit riesigen toten Augen, Zuhälter dreier Huren, die stolz für ihn auf den Strich gingen; Reihen von Häusern mit roter Laterne, so das Haus jener sieben Schwestern aus New England, die, was am Weihnachtsabend einkam, für mildtätige Zwecke spendeten; Kampfplätze für ausgehungerte Ratten und Hunde; chinesische Spielhöllen; Frauen wie die mehrfache Witwe Red Norah, Geliebte und Trophäe aller Männer, die der Bande der Gophers vorstand; Frauen wie Lizzie the Dove, die Trauerkleider anzog, als Danny Lyons hingerichtet wurde, und der Gentle Maggie, die ihr die alte Leidenschaft für den toten Blinden streitig machte, die Gurgel durchschnitt; Aufstände, wie der einer wildbewegten Woche des Jahres 1863, wobei sie hundert Gebäude in Brand steckten und sich um ein Haar der Stadt bemächtigt hätten; Straßenkämpfe, bei denen der einzelne wie in einem Meer unterging, weil sie ihn zu Tode trampelten; Diebe und Pferdevergifter wie Yoske Nigger - aus alldem webt sich diese chaotische Geschichte zusammen. - (bo3)

Kosmogonie (2) Die Chasaren glauben, daß in der tiefsten Finsternis des Kaspischen Meeres ein augenloser Fisch gleich einer Uhr die einzig genaue Zeit des Alls anschlägt. Im Anfang schwamm nach chasarischer Überlieferung alles Erschaffene, Vergangenheit und Zukunft, jedwedes Ereignis und Ding, aufgelöst im Flammenfluß der Zeit; die Geschöpfe des Gewesenen und des Künftigen vermischt wie Seife mit Wasser. Zu jener Zeit vermochte jedes lebendige Geschöpf zum Schrecken der übrigen jedes andere zu zeugen, und erst der chasarische Gott des Salzes begrenzte die Willkür und gebot den Geschöpfen, nur sich selbst ähnliche zu gebären. Er schied die Vergangenheit von der Zukunft, stellte seinen Thron in die Gegenwart, wandert durch die Zukunft und überfliegt, sie überschauend, die Vergangenheit. Er schafft aus sich selbst heraus die vielfältige Welt, aber er verschlingt sie auch und überlebt alles, was alt ist, um die Welt, verjüngt, wieder auszuspeien. Die Schicksale aller menschlichen Geschlechter, das Buch der Völker, ist im All eingeschrieben, wo jeder Stern eine Quelle darstellt und das bereits geformte Leben einer Sprache oder eines Volkes. So ist das Universum die sichtbare und zusammengefaßte Ewigkeit, in der die Schicksale der menschlichen Art wie Sterne flimmern.  - (pav)

Kosmogonie (3) In der Kosmogonie der Stoiker »ernährt sich Zeus von der Welt«; die Welt wird in zyklischen Abständen vom Feuer verzehrt, das sie erzeugte, und sie ersteht wieder aus der Vernichtung, um eine identische Geschichte zu wiederholen. Von neuem schließen sich die samentragenden Teilchen zusammen, von neuem geben sie Steinen, Menschen, Bäumen Gestalt — aber auch Tugenden und Tagen, insofern ein substantivischer Name ohne entsprechende Verleiblichung für den Griechen undenkbar war. Von neuem jedes einzelne Schwert und jeder einzelne Held, von neuem jede minutiöse schlaflose Nacht. - (bo2)

Kosmogonie (4)  Physis (das ist Natur) gebar in ihrem ersten Kindbett Schönheit und Harmonie, ohn fleischliche Beiwohnung; wie sie von selbst gar fruchtbar und ergiebig ist. Antiphysis, von ewigen Zeiten die Widersacherin der Natur, ward auf so schöne, würdige Kinder flugs neidisch und gebar dagegen den Amoduns und die Verkehrtheit durch Beiwohnung des Tellumon. Ihre Köpf waren kugelförmig und ganz rund wie ein Ball, nicht sanft zu beiden Seiten eingedruckt, wie bei den Menschen: die Ohren lang und hochgereckt wie Eselsohren. Die Augen stunden ihnen weit vorm Kopf, auf Knochen gleich Fersenbeinen; ohn Augenbrauen, und so hart wie bei den Krebsen. Die Füß knäulrund; die Arm und Hand zurückgebogen nach den Schultern. Und gingen alles auf den Köpfen, schlugen Räder in einem fort, Steiß über Kopf, die Bein zu Berg.

Und, wie ihr wißt, daß den Äffinnen ihre Äfflein schöner dünken denn alles auf der ganzen Welt, also lobt' auch Antiphysis ihrer Kinder Wohlgestalt und bestrebt' sich darzutun, daß sie weit schöner und reizender wären als der Physis Kinder: denn so runde Köpf und Fuß, meint' sie, und ein so zirkelförmiger Rad-Gang war eben die allerschicklichste Form und die vollkommenste Bewegung, worin ein Teil der Gottheit selbst sich widerspiegelt', die die Himmel und alle unerschaffne Ding also im Kreis umdreht'. Die Füß in Lüften, den Kopf zuunterst haben, hieß nach des Schöpfers Gleichnis tun, hinsichts die Haar am Menschen gleichsam wie Wurzeln wären, die Bein wie Äst. Denn füglicher steckt' man die Bäum mit ihren Wurzeln in die Erd, als mit den Ästen. Hieraus folgernd, daß ihre Kinder weit richtiger und besser als gerade Bäum, denn die der Physis erwachsen wären, die umgekehrten Bäumen glichen. Auch was die Arm und Hand betraf, bewies sie, daß sie weit ziemlicher nach den Schultern gebogen wären, weil dieser Teil des Leibes nicht ohn Schutz dürft bleiben, in Betracht die vordre Hälft schon durch die Zahn sattsam verwahrt war, die der Mensch nicht nur, ohn Hülf der Hand, zum Käuen, sondern auch zur Verteidigung vor schädlichen Dingen gebrauchen möchte. Also brachte sie, unter Beifall und Zustimmung der blöden Tier', bald alle Narren und Verrückten auf ihre Seit und ward bewundert von allen hirnverbrannten, tollen, gesunden Urteils und Menschenverstandes ermangelnden Leuten. Nachmals heckt' sie die Meerkatz-Mucker, Schleicher, Päpler, die hirnschelligen Pistolenzer, die Teufelsbesessenen Johann Calvins voll Genferischen Leutbetrugs, die tobenden Putherbei, die Kuttner, Nollenbrüder, Esaustätzer, Kannibalen und mehr andre mißgeschaffne Ungeheuer und Fratzen, der Natur zum Trutz.  - (rab)

Kosmogonie (5)  Laut Hieronymos und Hellanikos (wenn die beiden nicht ein und derselbe sind) lehrt die orphische Doktrin, daß es am Anfang Wasser und Schlamm gegeben habe, aus denen die Erde geformt wurde. Dieses waren für ihn die ersten Uranfänge: Wasser und Erde. Aus ihnen entsprang ein dritter, ein geflügelter Drache, der vorn den Kopf eines Stieres trug, hinten den eines Löwen und in der Mitte das Gesicht eines Gottes; man nannte ihn ›Kronos, der nicht Alternde‹ und auch ›Herakles‹. Mit ihm wurde Die Notwendigkeit geboren, die auch Das Unvermeidliche heißt, und die sich über das Universum ausdehnte und seine Grenzen berührte... Kronos, der Drache, brachte einen dreifachen Samen hervor: den feuchten Äther, das unbegrenzte Chaos und den nebligen Erebos. Unter diese legte er ein Ei, aus dem die Welt hervorkommen sollte. Der letzte Uranfang war ein Gott, welcher Mann und Frau war, mit goldenen Flügeln auf dem Rücken, Stierköpfen an den Flanken und einem riesenhaften Drachen, der allen möglichen Bestien glich, auf dem Kopf. - Damaskios, nach (bo)

Kosmogonie (6)
 

Doch nun will ich erklären der Reihe nach, wie die Materie
Durch ihr Zusammengeraten den Himmel, die Erde begründet,
Weiter die Tiefen des Meers und die Bahnen des Monds und der Sonne.
Denn ganz sicherlich haben nicht alle die Urelemente
Planvoll spürsamen Sinns an den passenden Ort sich begeben
Oder sich untereinander vereinbart ihre Bewegung.
Nein, seit undenklicher Zeit schon haben die vielen Atome
Auf gar mancherlei Weise, getrieben durch äußere Stöße
Und durch ihr eigen Gewicht, durcheinander zu schwirren begonnen,
Um sich auf allerlei Art zu vereinigen, alles versuchend,
Was sie nur immer vermöchten, durch ihre Verbindung zu schaffen.

So kommt's, daß sie sich weit in den langen Äonen verbreitend
Jede nur mögliche Art der Bewegung und Bindung versuchen
Und so endlich die plötzlich geeinigten Teilchen verschmelzen,
Was dann oftmals wurde zum Anfang großer Gebilde,
Wie von der Erde, dem Meere, dem Himmel, den lebenden Wesen.

Damals sah man noch nicht der Sonne leuchtenden Radkranz
Hoch in den Lüften sich drehn noch die Sterne im weiteren Weltraum,
Weder das Meer noch der Himmel noch Erde und Luft war zu schauen
Noch was irgend entfernt nur unsern Erscheinungen gleiche,
Sondern es hob sich empor ein neuer und massiger Ansturm
Jeglicher Art aus der Welt der Atome. Ihr haderndes Streiten,
Das aus der bunten Gestalt und der Formverschiedenheit folgte,
Wirrte in ständigem Kampf durcheinander der Stoffe Verflechtung,
Ihre Bewegung und Stoß, ihr Gewicht und Prall und die Lücken,
Weil nicht alles vermochte in seiner Verbindung zu bleiben
Noch auch sich untereinander in passender Art zu bewegen.
Drauf nun begann die Zerstreuung der einzelnen Teile. Es schloß sich
Gleiches an Gleiches jetzt an und es schied sich die Welt voneinander.

Glieder sondern sich ab und es bilden sich Hauptelemente;
Nämlich es trennt in der Höhe der Himmel sich ab von der Erde,
Hiervon trennt sich das Meer und breitet gesondert sein Naß aus,
Ebenso leuchten gesondert die lauteren Feuer des Äthers.

Klärlich verbanden zuerst sich die erdigen Einzelatome,
Weil sie verflechtbar waren und schwer. Sie strebten zur Mitte
Und so nahmen sie sämtlich die unterste Stelle der Welt ein.
Aber je fester verfilzt sie sich einigten, desto entschiedner
Preßten die Stoffe sie aus, die Meer, Mond, Sonne und Sterne
Bildeten und an dem Rande die Mauern des mächtigen Weltalls.
Denn dies alles bilden Atome, die glätter und runder
Sind und an Größe beträchtlich geringer als Erdelemente.
Deshalb hob auch zuerst aus vereinzelten Löchern der Erde
Hier und da sich der Äther empor als der Bringer des Feuers,
Der, weil er leicht ist, zugleich viel feurigen Stoff mit hinaufriß.

Dies vollzog sich nicht anders als wir es noch öfter erleben,
Wenn sich im Frührot golden im perlenbetaueten Grase
Widerspiegelt der Strahl der rötlich erglommenen Sonne,
Nebel den Seen entsteigt und den ständig strömenden Flüssen
Und wie die Erde sogar uns manchmal scheinet zu rauchen.
Wenn sich nun alle die Dünste zur Höhe gewandt und gesammelt,
Ballen sie dicht sich zusammen und säumen als Wolken den Himmel.
So hat sich einst umgeben der leichte, zerfließende Äther
Mit der von überallher zusammengeballten Materie
Und dann überallhin von da sich ins Weite ergießend
Alles übrige brünstig in seine Arme geschlossen. 

- (luk)

Kosmogonie (6)  Im anbeginn war die weit mit kalter milch bedeckt, auf ihr schwamm ein kanu aus rindenbrot, das heißt: brot, das zur hälfte aus mehl, zur hälfte aus gemahlener baumrinde gemacht wird. Nun waren um diese zeit wind und windstille schwanger, das kanu trieb auf der oberfläche der milch, es gab niemanden, der es gesteuert hätte. Bald darauf gebaren wind und windstille kinder. Der wind warf sieben söhne, die windstille unzählige töchter und ein männliches Zwillingspaar, das man später frühstück und abendessen nannte. - (ei)

Kosmogonie (7)  Am Anfang der Kosmogonie des Hakim steht ein geisterhafter Gott. Diese Gottheit ist auf majestätische Art ursprungslos und gleicherweise ohne Namen noch Antlitz. Es ist ein unwandelbarer Gott, dessen Bild jedoch neun Schatten warf, die, indem sie sich zum Handeln hinabließen, einen ersten Himmel ausstatteten und verwalteten. Aus dieser ersten demiurgischen Corona ging eine zweite hervor, auch sie mit Kugeln, Mächten und Thronen ausgestattet, und diese gründeten einen anderen, tieferstehenden Himmel, der das symmetrische Doppel des ursprünglichen war. Dieses zweite Konklave sah sich reproduziert in einem dritten und dieses wieder in einem noch tieferstehenden, und so fort bis 999. Der Herr des untersten Himmels ist der, welcher uns regiert - als Schatten eines Schattens anderer Schatten -, und der Bruchteil seiner Göttlichkeit grenzt an Null.   - Jorge Luis Borges, Universalgeschichte der Niedertracht, nach (bo3)

Kosmogonie (8)  

Kosmogonie (9)  

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