narren Der
Türgriff knarrt. Butron springt aus dem Sessel. Der Schweiß
rinnt von seiner Stirn wie das Öl aus einer gepreßten
Olive. Die Tür öffnet sich nicht sofort, weil das Schloß
verriegelt ist. Butron schluckt hörbar. Es gibt
sonst keinen Ausgang aus dem Büro als diese Tür. Er hätte sich einen anderen
Raum aussuchen sollen. Jetzt kommt der Gedanke zu spät. Jemand tritt
mit dem Absatz gegen die Tür, in Höhe des Schlosses. Es bricht, es ist offen.
Butron versucht dummerweise, sich in der gegenüberliegenden Wand zu verkriechen.
Mit dem Rücken will er sich hineindrücken. Seine Hände verkrallen sich in die
Blümchentapete, die Fingernägel kratzen den Gips auf, sie brechen.
Zwei Männer betreten ohne Hast das Büro. Der Weiße im Ledermantel wirft einen
Blick auf Butron, beurteilt ihn als harmlos und geht auf das Tonbandgerät zu.
Das Band ist ganz zurückgespult, dreht sich leer, das Ende schlägt wild in der
Luft herum. Der Weiße stoppt das Gerät. Der andere Typ, ein Neger mit einer
kleinen Mütze aus marineblauem Leinen und einem Regenmantel im Royal-Navy-Stil,
stellt sich vor Butron und zieht eine spanische Astra Automatik mit einem Schalldämpfer
Marke Eigenbau aus der Tasche. Butron hat keine Kontrolle mehr über seinen Körper.
Er macht seine Hose naß. Der Neger feuert eine Kugel auf ihn ab, die sein Herz
durchschlägt und am Rücken unter der linken Schulter durch ein Loch von der
Größe einer Tomate wieder austritt; Blut spritzt an die zerkratzte Wand; Butrons
Herz ist zerplatzt. Sein Kopf knallt gegen die Wand, und Butron sackt vornüber
und schlägt mit dem Gesicht mitten auf den Teppich. Obwohl er schon tot ist,
sickern noch drei oder vier Sekunden lang Exkremente hervor. - Jean-Patrick
Manchette, Rette deine Haut, Killer. Bergisch Gladbach 1990 (zuerst 1971)
-
Günter Grass, Hundejahre. Reinbek bei Hamburg 1968 (zuerst 1963)
Knarren (3) Dr. Maggiani, ein Apotheker, war der Großneffe des Phrenologen Maggiani, der um 1890 die Wirkung des Magneten auf das Nervensystem bei Mensch und Tier studiert hatte und seinen Einsatz bei der Bekämpfung krankhafter fixer Ideen in einer wissenschaftlichen Schrift empfahl. Diese seine Studie ist handschriftlich erhalten und wird in diesem Zustand noch heute von der Familie aufbewahrt.
Sein Neffe, der Apotheker, hatte eine Frau, die nach der ersten Entbindung
alles, was sie um sich hatte, ständig knarren hörte und daraus den Schluß zog,
das Ende der Welt sei in sehr naher Nähe. Dies war
eine krankhafte fixe Idee, welche die Frau in einen angstvollen Zustand der
Erwartung versetzte. Die Hausarbeit begann sie immer
mit einer großen Eile und sagte, es sei nur mehr sehr wenig Zeit, weil die Wände
und die Stühle schon beängstigend knarrten und zwischen den Fliesen am Boden
schon Risse klafften. Dann stürzte sie in die Küche,
und wenn es zum Beispiel um die Mittagszeit war, panierte und briet sie die
Schnitzel in solcher Eile, als würde es die Küche nur mehr ganz kurze Zeit geben,
und damit es schneller ging, erhitzte sie das Öl in der Pfanne so stark, daß
es ringsum alles vollspritzte und ihr die Hände verbrannte. Aber die krankhafte
fixe Idee mußte ihren Kreislauf vollenden, und mit einem Male erschien ihr alles
nutzlos und vergeblich, da das Ende der Welt vor der Tür stand. Auch die Schnitzel
erschienen ihr nutzlos; also setzte sie sich hin und
ließ sie anbrennen. - (cav)
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