eller
In dem neuen altbekannten Gang, der sich vor mir eröffnete,
sah ich große Flächen von Brackwasser am Boden stehen, das in der schwächer
werdenden Beleuchtung trübe und farbig schillerte wie Benzin oder Öl. Manchmal
war es, als ob durch die tiefen Lachen Schlangenlinien huschten, auf mich zu,
wie die unheimlichen Spuren von Getier, das vor dem Licht floh, das ich angezündet
hatte. Und der Dunst, der von den nassen Böden aufstieg, verwob sich düster
mit meinen Sinnen und verschleierte mir den Ausblick nach vorn. Ich erkannte,
daß eine Reihe von Ziegelsteinen im Schrittabstand durch die Pfützen gelegt
war... ich hatte es selbst getan, um über das Wasser hinwegzukommen; die Steine
hatten sich fast widerstandslos dem Gemäuer entnehmen lassen, die Wände waren
zermürbt, und nur das Eigengewicht schien sie noch aufrecht zu halten. Ab und
zu war Schutt in den Gang gerutscht, als ob hier, vor nicht allzu langer Zeit,
Erschütterungen stattgefunden hätten, Erdumwälzungen, Aufbrüche wie von größeren
Baumaßnahmen ... und hinter den zerbrochenen Wänden sickerte es hervor wie Urin,
mit faden Gerüchen, milchig und quecksilbern aus dem fetten Hintergrund der
Gewölbewand, und immer mehr Steine lockerten sich in der durchdringenden Jauche:
es konnte nicht mehr lange dauern, bis mir dieser Weg versperrt war. - Wolfgang Hilbig, »Ich«. Frankfurt
am Main 1995 (Fischer Tb. 12669, zuerst 1993)
Keller (2) Einer kam zu uns in den Keller
und sprach: Ihr müßt jetzt herauskommen, das ganze Haus brennt und wird gleich
einstürzen. Die meisten wollten nicht, sie meinten, sie wären dort sicher. Aber
sie sind alle umgekommen. Einige von uns hörten auf ihn. Doch es gehörte viel
dazu. Wir mußten durch ein Loch hinaus, und vor dem Loch
schlugen immer die Flammen hin und her. Es ist gar nicht so schlimm, sagte er,
ich bin doch auch zu euch hereingekommen. Da wickelte ich mir eine nasse Decke
um den Kopf und kroch hinaus. Dann waren wir hindurch. Einige sind dann auf
der Straße noch umgefallen. Wir konnten uns nicht um sie kümmern. - Hans
Erich Nossack, Der Untergang. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1948)
Keller (3) Der kleine Garten,
einst versteckt und vergessen mitten im Stadtzentrum und zwischen hohen Häusern,
war grau bereift von Staub. Wir gingen nach hinten durch. Mein Freund redete
ohne Unterbrechung. Hier lagen siebenunddreißig Leichen, die dort im Keller
verbrannt sind. »Und sehen Sie, da liegt noch ein blutiger Stiefel.« Es war
ein bombensicherer Keller, aber die Türen hatten sich
verklemmt. Und weil der Kohlenvorrat daneben lag und
brannte, sind sie alle verschmort. Sie waren alle von den heißen Wänden in die
Mitte des Kellers geflohen. Da fand man sie zusammengedrängt. Sie waren aufgequollen
vor Hitze. - Hans Erich Nossack, Der Untergang.
Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1948)
Keller (4) Der alte Mann rieb seine Finger. »Ich bezahl'! Ich bezahl', ich bezahl'! Sie weggeh'!«
»Spade Cooley, Papa. Sie gehen jetzt nach unten und sagen ihm, Natsky hat die Wasche gebracht. Chop-chop!«
»Spade bezahl'! Sie lass' in Ruhe! Ich bezahl'! Ich bezahl'!«
Die Gören umkreisten ihn. Pap-san fuchtelte mit einem Hackmesser.
»Sie jetzt geh'! Geh' sofor'! Ich bezahl'!«
Bud zog mit dem Fuß eine Linie auf dem Fußboden. Papa überschritt sie.
Bud holte mit seinem Prügel aus und erwischte Papa an der Hüfte. Er krachte in den Herd, sein Gesicht landete in der Gasflamme, seine Haare fingen Feuer. Die Kids gingen auf ihn los. Bud erwischte ihre Beine mit einem einzigen Hieb. Die beiden landeten in einem Knäuel auf dem Boden - Bud schlug zu. Der Alte hatte den Kopf ins Spulbecken getaucht, kam jetzt auf ihn losgestürzt, das Gesicht angekokelt.
Ein Rundschlag auf die Knie - Papa ging zu Boden, die Hand fest um das Hackmesser gekrallt. Bud setzte seinen Fuß auf die Hand, hörte Finger brechen - Papa schrie auf und ließ los. Bud schleppte ihn zum Herd, riß die Falltür auf und zog den alten Mann mit nach unten.
Dunst, Opium, Wasser. Bud brachte Papa-san mit einem Fußtritt zur Ruhe. Durch den Qualm sah er Opiumraucher auf Matratzen liegen.
Bud versetzte ihnen der Reihe nach Fußtritte. Lauter Schlitzaugen - sie murrten, sogen an ihren Pfeifen, versanken wieder in ihrem Traumland. Rauch: in seinem Gesicht, in der Nase; er atmete schwer und hatte ihn bald auch in der Lunge. Wasserdampf schlug ihm entgegen, zog ihn an wie ein Leuchtfeuer:
Weiter hinten eine Dampfsauna.
Er bahnte sich einen Weg zur Tür. Durch den Nebel sah er Spade Cooley - nackt, drei nackte Mädchen. Kichern, Arme und Beine ineinander verschlungen - eine Orgie auf einer rutschigen Kachelbank. Spade war so verknault in die Frauen, daß es unmöglich war, einen sicheren Schuß anzubringen.
Bud druckte auf einen Schalter an der Wand. Der Dampfstrahl hörte auf, der Nebel lichtete sich, Spade hob den Kopf und warf einen Blick herüber. Bud zog seine Waffe.
TÖTE IHN.
Cooley war schneller, zog zwei Madchen als Schutzschild an sich. Bud sprang hin, riß an Armen und Beinen. Fingernägel zerkratzten ihm das Gesicht. Die Mädchen rutschten aus, stolperten, rannten zur Tür. Spade sagte nur: »Jesus, Maria und Joseph.«
Der Rauch in seiner Lunge braute ihm bereits ein eigenes Traumland. -
James Ellroy, L.A. Confidential. Berlin 2006 (zuerst 2000)
Keller (5) Wenn man nicht wußte wohin, blieben
immer noch die Keller im Wolffe-Block. Kilometerlange Keller. Einer vögelte
und die anderen würfelten. Manchmal viele Stunden lang. Aber sie machte ihren
Schnitt dabei. Sie brauchte bloß die Beine breit zu machen. Außerdem machte
es Spaß. Manchmal. Und wenn nicht... na und? Das war nicht so wichtig. Man legt
sich auf den Rücken. Oder beugt sich über eine Mülltonne. Immer noch besser
als arbeiten. Und es macht Spaß. Eine Zeitlang jedenfalls. - Hubert Selby, Letzte Ausfahrt
Brooklyn. Reinbek bei Hamburg. 1989 (zuerst 1957
Keller (6) Der Keller, in den ich geriet, erhielt
von nirgendwoher Licht, hatte nur das überaus spärliche aus dem Treppenhaus.
Bei dieser ungewissen Beleuchtung erkannte ich so etwas wie eine Gruft:
an den tropfenden Wänden fahles Moos und vereinzelt hier und dort ein Büschel
fast weißes Venushaar; also schon eher eine Höhle. Zwei Öffnungen, eine rechts
und eine links, führten in ebensolche Dunkelheit; ich brauchte nur zu wählen,
doch Erfreuliches würde mich weder auf der einen noch auf der anderen Seite
erwarten. In diesem Augenblick ließ mich ein Geräusch
von oben aus dem Vorratskeller annehmen, daß der Alte gegangen sei; vorsichtig
stieg ich wieder hinauf und konnte in der Tat feststellen, daß sich niemand
mehr in dem Keller befand. War es eine Verfolgung
gewesen, so hatte er sie jetzt aufgegeben. - Tommaso Landolfi, Herbsterzählung.
Reinbek bei Hamburg 1990 (zuerst 1975)
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