älberfett
Drei junge Mädchen, drei Adoptionsaspirantinnen. Die erste, Milena,
ein sommersprossiges Ding, hatte, knapp, daß sie einen Monat lang das gute Essen
bei den Balduccis futterte, die Wollmatratze unter sich und die Steppdecke über
sich genoß, schon angefangen, Fett anzusetzen: zwei runde Melönchen unterm Hemdchen:
eine beachtliche Halbkugel hintenherum. Und wie ihr das Kälberfett wuchs, wuchs
ihr auch die Lust zum Klauen und, im gleichen Verhältnis, die Lust zum Lügen.
Sie blaute, klaute aus der Kredenz: und aus dem Geldbeutel auf der Kommode:
und mit der Zunge log sie. Die Zunge folgte automatisch den langen Fingern,
so wie der Schwanz dem Pferdehintern.
Eines Tages hatte dann, um ihr das Nest zu vermiesen, die Putzfrau eine Kerze
gefunden: eine von der Firma Mira-Lanza in Turin, eine von den harten Kerzen
von damals: die sie aus dem neuen Paket in der Küche genommen haben mußte, die
dort zur Reserve in der Kredenz lagen: falls einmal der Strom ausbleibt. Sie
hatte, geistesgegenwärtig, behauptet, sie wollte sie für die Madonna
aufstecken: weil sie's der Madonna gelobt hätte; aber sie hatte keine Zündhölzer
gehabt, und so war sie mitsamt der Kerze im Bett eingeschlafen. - Carlo Emilio Gadda, Die gräßliche Bescherung
in der Via Merulana. München 1988
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