nder  Die Inder, die nach Osten zu wohnen, sind Nomaden und essen rohes Fleisch und heißen Padaier. Von denen wird folgender Brauch berichtet: Wird einer ihrer Leute krank, sei‘s Weib, sei‘s Mann, so töten ihn, ist es ein Mann, die Männer, die seine nächsten Freunde sind, und sagen dazu, ihn zehre die Krankheit ab und das Fleisch verderbe ihnen; der streitet‘s ab, er sei nicht krank, die aber lassen das nicht gelten, bringen ihn um und verzehren ihn. Wird aber ein Weib krank, machen es die Weiber, die ihr am nächsten stehen, ebenso, ganz wie die Männer. Und kommt nun wirklich einer hoch zu Jahren, schlachten sie ihn feierlich und verspeisen ihn. Doch bringen es nicht viele von ihnen soweit; denn schon vorher töten sie jeden, den Krankheit befällt.

Andre Inder haben eine andre Art, nämlich die: Sie töten nichts Lebendiges, sie säen nicht, haben nicht den Brauch, Häuser zu bauen, sondern sie nähren sich von Grünzeug, und bei ihnen gibt‘s etwas so groß wie Hirse, in Schoten, das wächst von selber aus dem Boden; das sammeln sie und kochen es und essen es mit den Schoten. Wer bei ihnen erkrankt, zieht sich zurück in die Einsamkeit und legt sich dort hin, und keiner kümmert sich um ihn, weder wenn er gestorben ist, noch wenn er krank ist.

Alle diese Inder, die ich nannte, begatten sich öffentlich wie das Vieh, und haben alle die gleiche Farbe, dieselbe wie die Aithiopen. Und ihr Same, den sie von sich geben bei den Weibern, ist nicht hell wie bei andern Menschen, sondern dunkel wie ihre Haut; solchen Samen haben auch die Aithiopen. - (hero)

Inder (2) Vathek wandte sich plötzlich an den Inder und sprach: « Steh auf und erkläre vor dem versammelten Diwan, aus welchen Drogen die Arznei bestand, die du mich trinken hießest, denn man verdächtigt dich, daß es ein Gifttrank war. Gib auch endlich eine Erklärung betreffs der Säbel ab, die du mir verkauft hast. Ich verlange sie aufs dringendste. Kurz, zeige dich erkenntlich für die Gaben, mit denen ich dich überhäufte!»

Nach diesen Worten, die der Kalif so gemessen und wurdevoll ausgesprochen hatte, wie er nur konnte, blieb er schweigend in Erwartung irgendeiner Antwort. Aber der Inder, der ruhig auf seinem Platz sitzen blieb, erging sich nur von neuem in denselben schallenden Gelächtern und entsetzlichen Grimassen wie zuvor bei Tisch, ohne den Fürsten auch nur eines entgegnenden Blickes zu würdigen. Da konnte Vathek nicht mehr an sich halten. Er stieß das Ungeheuer die Stufen hinunter, sprang ihm nach, versetzte ihm Fußtritte, und sein Zorn war so heftig, daß er die ganze Versammlung mitriß und jedermann seinem Beispiel folgte. Alle Füße flogen in die Luft und trafen den Magier, und kaum hatte ihm einer einen Tritt beigebracht, da spürte der Betreffende auch schon wieder Lust und Kraft, das Ungeheuer noch besser zu treffen.

Dem Inder machte das alles wenig aus; da er kurz und dick, ballte er sich zu einer Kugel zusammen und rollte sich nach allen Richtungen unter den Tritten seiner Angreifer, die sich überallhin ihm nachdrängten, ganz außer sich, erpicht und entschlossen, während ihre Zahl von Minute zu Minute wuchs. Der Ball, der von einem Gemach ins andere rollte, zog in der Tat jede Person hinter sich her, die ihm in den Weg kam. Bald war der ganze Palast in Verwirrung und dröhnte vom Lärm und Getös. Die Haremsfrauen, die das Geschrei aufgeschreckt hatte, flehten ihre Wächter an, die Vorhänge ein wenig zu lüften, kaum aber wurden sie der Kugel ansichtig, da waren sie auch schon außerstande zu widerstehen und rissen sich aus den Armen ihrer Eunuchen los, die, um ihre Flucht zu verhindern, sie bis aufs Blut zwickten — umsonst, diese getreuen Hüter selbst, obwohl halbtot vor Schreck über das Entkommen ihrer Anvertrauten, mußten der furchtbaren Anziehungskraft nachgeben.

Nachdem der Inder so alle Säle, Gänge, Kammern, Küchen, Gärten und Ställe des Palastes durchrollt hatte, nahm er seinen Weg schließlich über die Höfe, während der Kalif am nächsten hinter ihm her war und ihm aufs eifrigste Fußtritte versetzte, so daß er sogar hier und da im Gedränge selbst einen Stoß abbekam, der der Kugel zugedacht war. Karathis, Morakanabad und zwei oder drei andere alte Wesire, die in weiser Einsicht der Anziehungskraft widerstanden hatten, wollten den Kalifen von seinem unpassenden Auftreten abhalten und warfen sich ihm zu Füßen; aber Vathek sprang über ihre Köpfe hinweg und setzte die Jagd fort. Da gaben sie den Muezzins Befehl, das Volk zum Gebet zu rufen, damit es, anstatt dem Ball in den Weg zu laufen, kraft seiner Gebete den unangenehmen Vorfall mit himmlicher Hilfe beenden möchte. Aber alles das blieb ohne Erfolg. Der Anblick der unglückseligen Kugel genügte vollkommen, um jedermann hinter ihr herzuziehen. Sogar die Muezzins, die Glöckner, die sie doch nur von oben sahen, liefen von den Minaretten herunter und mischten sich unter die Menge, die so überraschend anschwoll, daß kaum jemand in ganz Samarah in seinen vier Wänden blieb, ausgenommen Altersschwache, Gebrechliche, Krüppel, Sterbenskranke und Säuglinge, die ihre Mütter und Ammen weggelegt hatten, um schneller laufen zu können. Selbst Karathis, Morakanabad und die andern Wesire wurden mit in den Strudel gerissen. Das schrille Keifen der Frauen, die, aus ihren Behausungen entwischt, nun außerstande waren, sich dem Wirbel zu entziehen, das Schimpfen der Eunuchen, die sich umsonst bemühten, ihre Schützlinge nicht aus den Augen zu verlieren, das Fluchen der Männer, die sich vordrängten und sich im Laufen gegenseitig bedrohten, Fußtritte, die man austeilte und bekam, Fallen, Stolpern, Stürzen — kurz, Samarah sah aus wie eine erstürmte Stadt, die der Plünderung wehrlos preisgegeben ist. Nachdem der verfluchte Inder, immer zur Kugel geballt, die Straßen und Plätze durchlaufen hatte, verließ er die menschenleere Stadt und nahm den Weg in die Ebene von Katul, kollerte immer schneller und rollte sich schließlich in ein Tal hinein, das am Fuß des Berges mit den vier Quellen liegt.

Ein Wasserfall hatte ein schluchttiefes Bett in das Tal gegraben, und das andere Ufer ging im Steilhang hinauf. Der Kalif und seine Begleiter fürchteten, der Inder würde sich in den Abgrund stürzen und auf diese Weise entkommen, sie verdoppelten ihre Anstrengungen, aber umsonst, die Kugel sauste talab, verhielt eine Sekunde, ein Blitz grellte über dem Abgrund, und der Inder war im Strudel verschwunden. Vathek wäre dem listigen Giaur nachgesprungen, hätte ihn nicht plötzlich eine unsichtbare Macht zurückgehalten. Auch die Menge, die hinter ihm drängte, blieb gleichfalls mit einem Ruck stehen. Ein Augenblick tiefster Stille folgte. - William Beckford, Vathek

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