Ich  Jeder einzelne Zweihänder. Das grundrichtigdenkende Ich spricht zu sich selbst: "Wenn alle anderen Ichs plötzlich von dieser Erde verschwänden und ich allein übrigbliebe, würde ich die ganze Menschheit bilden. Da aber das Vorhandensein vieler Menschen neben mir keinerlei Veränderung in und an mir hervorrufen kann, kann ich auch ohne das plötzliche Verschwinden aller Menschen nichts anderes sein als die Menschheit. Ich bin es aber nur, wenn ich auch als Menschheit denke. Dann aber ist mein Denken das Denken der ganzen Menschheit. Da die Menschheit richtig denkt, andernfalls lebte sie längst nicht mehr (s. Donnerechse), so ist mein Denken als Menschheit das allein richtige Lehen. Also bin ich auch imstande, das Schicksal der ganzen Menschheit zu bestimmen. Und diesen Spaß habe ich mir hiermit gemacht, womit die ganze Welt von Ewigkeit zu Ewigkeit mein Wille und meine Vorstellung geworden ist. Wenn alle Zweihänder so richtig denken wie ich, ist die Erde das Himmelreich.

Je mehr Unmenschen durch mein Denken zu Menschheit gemacht werden, um so näher rückt das Paradies. Wer über mich lacht, also sich über mich oder sich mit mir freut, denkt richtig. Wer es aber unternimmt, mich zu widerlegen, der entlarvt sich dadurch nur selbst als falschdenkerischen Dummkopf und blöden Schwindler (s. Schwindel). - (se)

Ich (2) Meine heimat ist österreich, mein vaterland Europa, mein wohnort Malmö, meine hautfarbe weiß, meine augen blau, mein mut verschieden, meine laune launisch, meine räusche richtig, meine ausdauer stark, meine anliegen sprunghaft, meine sehnsüchte wie die windrose, im handumdrehen zufrieden, im handumdrehen verdrossen, ein freund der fröhlichkeit, im grunde traurig, den mädchen gewogen, ein großer kinogeher, ein liebhaber des twist, ein übler schwimmer, an schießständen marksman, beim kartenspiel unachtsam, im schach eine null, kein schlechter kegler, ein meister im seeschlachtspiel, im kriege zerschossen, im frieden zerhaut, ein hasser der polizei, ein verächter der obrigkeit, ein brechmittel der linken, ein juckpulver der rechten, unbehaglich schwiegereltern, ein vater von kindern, ein Judas der mütter, treu wie Pilatus, sanft wie Puccini, locker wie Doctor Ward, schüchtern am anfang, schneidig gen morgen, abends stets durstig, in konzerten gelangweilt, glücklich beim schneider, getauft zu St. Lorenz, geschieden in Klagenfurt, in Polen poetisch, in Paris ein atmer, in Berlin schwebend, in Rom eher scheu, in London ein vogel, in Bremen ein regentropfen, in Venedig ein ankommender brief, in Zaragoza eine wartende zündschnur, in Wien ein teller mit sprüngen, geboren in der luft, die zähne durch warten erlernt, das haar nach vorne gekämmt, die bärte wie schlipse probiert, mit frauen im stehen gelebt, aus bäumen alphabete gepreßt, karussells in wäldern beobachtet, mit lissabonerinnen über stiegen gekrochen, auf tourainerinnen den morgen erwartet, mit glasgowerinnen explodiert und durchs dach geflogen, catanesinnen verraten, kairenserinnen bestürzt, bernerinnen vergöttert, an pragerinnen herangeraten, grüßgott gesagt, feigen gestohlen, revolver entdeckt, aus booten gestiegen, papierdrachen verwünscht, masken verfertigt, katakomben gemietet, feste erfunden, wohnungen verloren, blumen geliebt, schallplatten verwüstet, 150 gefahren, unrat gewittert, lampione bewundert, monde verglichen, nasen gebrochen, parapluies stehengelassen, malaiisch betrieben, positionen ersonnen, bonbons zertreten, musikautomaten gerüttelt, dankbar gewesen, heidenangst verspürt, wie der hirsch gelaufen, die lunge im maul gehabt, unter rosen geweilt, spielzeug gebastelt, rockärmel verpfuscht, Mickey Spillane gelesen, Goethe verworfen, gedichte geschrieben, scheiße gesagt, theater gespielt, nach kotze gerochen, eine flasche Grappa zerbrochen, mi vida geflüstert, grimassen geschnitten, ciao gestammelt, fortgegangen, a gesagt, b gemacht, c gedacht, d geworden.

Alles was man sich vornimmt, wird anders als man sichs erhofft... - (hca)

Ich (3) Mein  Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört; »Herr Landrat« sagt;  that‘s me!) : ein Tablett voll glitzernder snapshots.

Kein Kontinuum, kein Kontinuum! : so rennt mein Leben, so die Erinnerungen (wie ein Zuckender ein Nachtgewitter sieht)
Flamme: da fletscht ein nacktes Siedlungshaus in giftgrünem Gesträuch: Nacht.
Flamme: gaffen weiße Sichter, Zungen klöppeln, Finger zahnen : Nacht.
Flamme : stehen Baumglieder; treiben Knabenreifen; Frauen kocken; Mädchen schelmen blusenauf: Nacht! ...  -  Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns. 1953

Ich (4) bin ein Verehrer der Sonne in Gartenwirtschaften, ein Trinker des sich auf dem nassen Pflaster spiegelnden Mondes, aufrecht und gerade schreite ich einher, wogegen meine Frau, zwar nüchtern, zu Hause torkelnd Fehlleistungen vollbringt, die humoristische Deutung von Heraklits Panta rhei rinnt durch meine Kehle, und jede gastliche Runde auf der Welt ist ein Rudel Hirsche, deren Geweihe sich durch ihre Gespräche ineinander verhakt haben, die große, aus Dingen und menschlichen Schicksalen wehende Inschrift Memento mori ist der Grund zum Trinken sub specie aeternitatis, die Wolschaner Friedhöfe, das Pankrác-Gefängnis und der Polizeiposten in der Bartholomäusgasse ebenso, darum bin ich ein Dogmatiker der Allergie in fluidem Zustand, die Theorie der Eiche und des Schilfrohrs ist meine treibende Kraft, ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt, ständig bin ich in Eile, um zwei, drei Stunden täglich tatenlos tätig zu träumen, weil ich sehr wohl weiß, daß das menschliche Leben kurz ist und vergeht, wie man Karten mischt, und daß es vielleicht besser wäre, man würde mich in ein Taschentuch werfen und auswaschen, ich gebärde mich manchmal, als schnupperte ich hoffnungsvoll an einer Million, obwohl ich natürlich weiß, daß ich zuletzt einen lachenden Scheißdreck gewinne, daß die ganze Herrlichkeit mit einem Samentropfen begonnen hat und in Feuerprasseln enden wird, von so schönen Anfängen zu einem so schönen Ende, hinter einem hübschen Gesichtchen darf man den lustigen Gevatter Tod lieben, ich gieße Blumen, wenn‘s regnet, im schwülen Juli ziehe ich den Dezemberschlitten hinter mir her, und um mich abzukühlen, vertrinke ich an heißen Sommertagen das Geld für die Kohle, die mich im Winter wärmen sollte, ich zittere vor Angst, weil die Menschen nicht zittern, wie kurz das Leben doch ist, so wenig Zeit für Torheit und Trunkenheit, solange man die Zeit noch hätte, den vormittäglichen Kater erlebe ich keineswegs als Muster ohne Wert, sondern als das Absolute des poetischen Traumas mit einem Hauch von Unstimmigkeit, die es zu genießen gilt wie eine heilige Gallenkolik, ich bin ein dichtbelaubter Baum voll aufmerksamer, lächelnder Augen, die stets im Zustand der Gnade und der gekoppelten Achsen von Zufall und Unfall verharren, welche Freude, junge Zweige am alten Stamm, welche Wonne, auf jungen Zweigen das Lachen kaum geborener Blätter, mein Klima ist das wechselhafte Aprilwetter, ein bekleckertes Tischtuch ist mein Banner, in dessen gewelltem Schatten ich nicht nur diese fröhliche Euphorie durchlebe, sondern auch den Absturz und die Auferstehung von den Toten, diesen dumpfen Schmerz im Nacken, das gräßliche Zittern der Hände, mit den eigenen Zähnen ziehe ich mir die Glassplitter und die Reste der gestrigen wilden Nacht aus den Pratzen, jeden Morgen wundere ich mich, daß ich noch nicht gestorben bin, dauernd bin ich im Verzug und befürchte, ich könnte abkratzen, bevor ich nach Belieben meinen Spleen ausgelebt habe, ich sehe mich nicht als Rosenkranz, sondern als Glied der zerrissenen Kette des Lachens, die zarteste Pimpernuß bestimmt die Stärke meiner üppigen Phantasie, in mir ist etwas Kastriertes, etwas, das da ist und zugleich in die Vergangenheit zurückweicht, um in großem Bogen in die Zukunft katapultiert zu werden, die dann immerfort vor meinen gierigen Lippen und Augen zurückzuckt, bis ich schiele und isländischen Kalkstein doppelt sehe, heute ist gestern und vorgestern übermorgen, deshalb bin ich Erzeuger überstürzter synthetischer Urteile, Koster und Erprober gepanschten Raums, Sklerose, Demenz und Kindergeplapper betrachte ich als Anfang möglicher Entdeckungen, und durch Verspieltheit und Spiel verwandle ich ein Tränental in Lachen, ich beschwöre die Wirklichkeit, doch sie gibt mir nicht immer ein Zeichen, ich bin ein scheuer Rehbock auf der Rodung dreister Erwartung, bin die feste, durch den Blitz der Erkenntnis gesprungene Glocke der Imbezillität, die Objektivität erlangt bei mir äußerste Subjektivität, die ich als Zuwachs an Natur- und Gesellschaftswissenschaften betrachte, ich bin ein negatives Genie, ein Wilddieb in den Jagdgründen der Sprache, ich bin Förster humorvoller Inspirationen, vereidigter Wächter auf den Feldern anonymer Anekdoten, Mörder guter Einfälle, Teichmeister fragwürdiger Fischbehälter der Spontaneität, ewiger Amateur und Dilettant der Debilität und der Pornographie, Heroe des denkenden Unverstands, voreiliger Kreuzherr verfrühter Parallelen, der eine mit der Butter der Unendlichkeit bestrichene Schnitte essen und aus dem Bierkrug die Sahne der Ewigkeit trinken will, jetzt gleich, jetzt und niemals sonst und folglich niemals, die fehlerhafte Auslegung der Worte Christi macht für mich den Reiz der apostolischen Texte aus, in epileptischen Speichel getauchte Brüsseler Spitzen, Eisschollen an den Ufern eines winterlichen Bachs sind meine Zierde, an der man sich verletzen kann, ich bin Depression und Durchhänger und Down, die Vorbereitung auf den Sprung mit dem Kopf gegen die Wand ist der ständig verschobene Versuch, zu sehen, ob ich auch anders leben könnte, als ich bislang gelebt habe, ich bin ein Neurastheniker, der sich prächtiger Gesundheit erfreut, ein Schlafloser, der nur in der Straßenbahn einnickt und sich so bis zur Endstation fahren läßt, ich bin die große Gegenwart kleiner Erwartungen und erwarteter großer Krackser und Kiekser, in der grotesken Ferne flackern vor mir weitere Horizonte winziger Provokationen und Miniaturskandale auf, deshalb bin ich Clown, Animateur, Erzähler und auch Hauslehrer, genauso wie ich ein großer Miesmacher meiner selbst, ein Denunziant und Verfasser anonymer Drohbriefe bin, wertlose Nachrichten betrachte ich als mögliche Präambel zu meiner Verfassung, die ich unablässig ändere, mit der ich niemals fertig werden kann, im Plan eines rasch skizzierten Schattens erblicke ich ein gigantisches Bauwerk, obwohl dieses ein längst zerfallenes Kindergrab ist, ich bin ein jugendträchtiger alternder Herr, Mimik und Sprache sind die bewegliche Grammatik des inneren Jargons, warmer Hackbraten und ein Glas kühles Lagerbier beweisen mir in einer halben Stunde die Transsubstantiation von Materie in gute Laune, welch billige Metamorphose, und das erste Wunder ist auf der Welt, eine auf Freundesschulter gelegte Hand ist für mich die Klinke, mit der man das Tor zur Glückseligkeit öffnet, wo jeder geliebte Gegenstand der Mittelpunkt des Paradiesgartens ist, das Herz der Natur ist der erreichbare Zustand Buddhas, in dem man im Geiste die aufrührerische und störrische Vagina lieben kann, die außerdem in schönste Fleischesfalten gewickelt ist, verbum caro factum est, Kannibalismus auf trockenem Weg ohne Priester und Abitur, die traurigen Kuhaugen, die sich neugierig über den Bordwänden von Lastwagen weiten, sie sind meine Augen, die unmündige Färse, die von Fleischern mit blitzenden Messern erwartet wird, das bin ich, die Meise, die früh an einem frostigen Abend mit ausgerenkten Flügeln in einen Kübel kalten Wassers gepumpt wird, das bin ich, die Flamme, in die die treuen Wespen zurückfliegen, um zusammen mit den anderen im brennenden Nest zu versengen, das vermittelt mir eine ziemlich genaue Idee von der brennenden Honigwabe, die einzig und allein für mich vorbereitet ist, ich bin also korrespondierendes Mitglied der Akademie des Bafelns, Hörer am Lehrstuhl der Euphorie, mein Gott ist Dionysos, der holde trunkene Jüngling, die menschgewordene Fröhlichkeit, mein Kirchenvater ist der ironische Sokrates, der jeden geduldig in ein Gespräch verwickelt, um ihn mit der Sprache und durch die Sprache bis an die Schwelle des Nichtwissens zu führen, mein erstgeborener Sohn ist Jaroslav Hašek, Erfinder der Kneipengeschichte und genialer Lebenskünstler und Schreiber, der die prosaischen Himmel durch Menschengeruch humanisierte und das Schreiben anderen überließ, ohne mit der Wimper zu zucken, starre ich in die himmelblauen Pupillen dieser heiligen Dreifaltigkeit, ohne den Gipfel der Leere zu erlangen, Rausch ohne Alkohol, Wissen ohne Bildung, inter urinas et faeces nascimur, und unsere Mütter scheinen uns mit gespreizten Beinen in Kremationsöfen oder grasbewachsene Gräber hineingeboren zu haben, ich bin ein duch Lachen ausgebluteter Stier, dem jemand das Gehirn wie Speiseeis auslöffelt.

Herr Ober, hätten Sie vielleicht noch ein kleines Gulasch? - Aus: Bohumil Hrabal, Ein Heft ungeteilter Aufmerksamkeit. Frankfurt am Main 1997 ("Leitfaden eines Baflerlehrlings", BS 1241, zuerst 1984)

Ich (5) 

 

 
Auch mein Bild kam aus schwarzem Dintenfaß.
Als ich es sah, da wurd ich leichenblaß.
Aus dem Kopfe kommen schwarze Dünste,
Der Arznei- und Dichtkunst schlechte Künste,
Meines ganzen eitlen Lebens Dunst,
Scham, daß ich unwert war so vieler Gunst.
Schaut den alten Leib, der ein Gerippe,
Während ich am Lebensbaum noch nippe,
An den Füßen schaut die Erdenschwere,
Oh! wenn die noch abzustreifen wäre!
Ich vermag es nicht, und ihre Macht
Zieht mich nieder in des Hades Nacht.

- (ker)

Ich (6)... wurde am 15. März 1889 in Karlsbad geboren. In dieser Stadt besuchte ich das Gymnasium, wo ich in dem römischen Schriftsteller P. Ovidius Naso die erste Bekanntschaft mit einem subtilen Geist machte und in Gestalt des Lehrkörpers mit der menschlichen Niedertracht. Ich galt als subversives Element, obwohl ich mich damals nur für Stubenmädchen interessierte und auch sonst bemühte, dem genannten Schriftsteller Ehre zu machen. Das Jus-Studium, das ich mit achtzehn Jahren begann, kam nicht zur Ausführung, sondern Wien, das zu jener Zeit eine sehr beherzigens-werte Stadt war. Mir ist es noch heute rätselhaft, wie es möglich war, daß ich die rechtshistorische Staatsprüfung bestand. Kurz darauf brachte ich einen Spielgewinn an der Hand eines Münchner Faschings durch und fuhr mit dem letzten Goldstück nach Berlin, wo ich mich vierzehn Tage hindurch langweilte, weil ich nachts schlief. Als ich anfing, es umgekehrt zu halten, amüsierte ich mich drei Jahre dermaßen, daß meine Liebe für diese Stadt ebenso unausrottbar bleibt wie die für ihren Argot. Da eine hinter meinem Rücken für mich ordnende Hand mich in Wien weiter inskribiert hatte, konnte ich der Lockung, meine Schulden bezahlt zu sehen, insofern nicht widerstehen, als ich beabsichtigte, vier Monate in Greifswald zu schlafen. Das Resultat war trotzdem positiv, wofür ich mich bei Ovid zu bedanken habe. Ich brachte nämlich das Gespräch auf ihn, und da meine Examinatoren Menschenkenner waren und echte Humanisten, wurde ich doctor utriusque juris. Es hat mir lange Zeit hindurch sehr genützt. Denn ich entschloß mich bald darauf, keine vorgeschriebene Laufbahn zu ergreifen (gibt es eine schönere Phrase?), sondern in Europa spazieren zu fahren. Der Familienvater, der merkt, daß einer keinen bürgerlichen Lebenswandel führt, ist im allgemeinen sofort davon überzeugt, daß ein ungesetzlicher geführt wird. Das weite Feld der Möglichkeiten, das zwischen diesen beiden Polen liegt, vermöchte ihm nur eine hemmungslose Phantasie zu zeigen. Der Doktortitel nun verzögert jene Überzeugung, indem er die Phantasie zivil anregt. Als der Weltkrieg ausbrach, war ich aber immerhin schon so übel beleumundet, daß mein vierjähriger Zwangsaufenthalt in der Schweiz mir mancherlei Distraktion verschaffte und im übrigen die Muße zur Niederschrift eines für jedermann lehrreichen Handbreviers, »Letzte Lockerung« betitelt, das letzthin Entschlossenheit als wertvoller erklärt als Erfahrung. In den Alpen, für die ich nicht das geringste übrig habe, schrieb ich auch die 33 hanebüchenen Geschichten »Zum blauen Affen«, die zwar einige Kenner sehr priesen, aber meinen schlechten Ruf endgültig befestigten. Als der Weltkrieg zu Ende war, stieg ich wieder in die Eisenbahn. Ich muß gestehen, daß es mich schon langweilt. Aber es ist doch von allem Angenehmen, woran der Globus nicht allzu reich ist, das am wenigsten Ermüdende. Störend empfinde ich nur, daß man mir kontinuierlich die geschmacklosesten Motive unterschiebt. Ich er-kläre deshalb feierlich, daß ich weder Bordellbesitzer bin noch die rechte Hand von Boris Ssawinkow, den ich leider nicht persönlich gekannt habe; daß ich den Berlin-N-Jungen liebe, den deutschen Double-Mokka aber als scheußliche Tunke bezeichne; daß ich den Umgang mit Menschen für ein Psycho-Dancing halte und Lichtenbergs Aphorismen sowie Flauberts »November« für eine gute Vorschule; daß ich der österreichischen Memphis-Zigarette nachtrauere, nicht aber den sie einst in Massen konsumierenden Leutnants; daß ich das von mir sehr geliebte Jicky-Parfüm vermittelst eines Vaporisateurs verwende und jene nicht begreife, die mir deshalb jede Intelligenz absprechen; daß mir Politik zum Kotzen ist, der italienische Lazzo aber sympathisch; daß ich zartfühlend bin, faul, neugierig und roh; daß ich viele Französinnen für exquisite Geschöpfe halte, die meisten Russen aber für Hysteriker; daß ich weder für Skoda reise noch für den Kaiser der Sahara, sondern zu meinem Vergnügen; und daß ich einen tschechoslowakischen Paß besitze und glücklicherweise eine harte Haut. - Walter Serner

Ich (7)
Suleika
Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn, zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit

Jedes Leben sei zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermißt;
Alles könne man verlieren,
Wenn man bliebe, was man ist.

Hatem
Kann wohl sein! so wird gemeinet;
Doch ich bin auf andrer Spur:
Alles Erdenglück vereinet
Find ich in Suleika nur.

Wie sie sich an mich verschwendet,
Bin ich mir ein wertes Ich;
Hätte sie sich weggewendet,
Augenblicks verlör ich mich.

Nun mit Hatem wär‘s zu Ende;
Doch schon hab ich umgelost:
Ich verkörpre mich behende
In den Holden, den sie kost.

Wollte, wo nicht gar ein Rabbi,
Das will mir so recht nicht ein,
Doch Ferdusi, Motanabbi,
Allenfalls der Kaiser sein.

- Goethe, West-östlicher Divan

Ich (8) Man muß blind oder von albernem Hochmut besoffen sein, um sich für etwas anderes zu halten als für ein Tier, das den anderen kaum überlegen ist... Sieht man denn nicht, daß wir stets in uns selbst eingesperrt sind, ohne aus uns heraus zu können, stets dazu verurteilt, die Kette unseres Traumes ohne Aufschwung mitzuschleppen... - Guy de Maupassant

Ich (9) Eines, wenn bitten darf, ist strikte zu beachten: außer dem Park, den ich nun habe, verlange noch eine Leistung, von der gesamten Bevölkerung geleistet. Die ist: Ruhe, Abgeschiedenheit. Bin für die Stadt nicht vorhanden, für niemanden, und niemand ist für mich vorhanden. Will mit einhundertfünfzig Millionen nicht nur Bäume und Wasser bezahlt haben, sondern vorzüglich das Recht, ich selbst und allein und ungestört und einsam zu sein. Niemandes Bruder bin ich, bin niemandes Neugier, niemandes Fürsorge, niemandes Betulichkeit. Dies vor allem. - Hciebel Solneman, nach Alexander Moritz Frey, Solneman der Unsichtbare. Frankfurt am Main 1984 (BS 855, zuerst 1914)

Ich (10) Ich bin schon oft daran gegangen vor dem Spiegel meiner Einbildungskraft sizend, mich selbst leidlich zu portraitiren, habe aber immer in das verdammte Antliz hineingeschlagen, wenn ich zulezt fand, daß es einem Vexirgemälde glich, das von drei verschiedenen Standpunkten betrachtet, eine Grazie, eine Meerkaze und en face den Teufel dazu darstellt. Da bin ich denn über mich verwirrt geworden, und habe als den lezten Grund meines Daseins hypothetisch angenommen, daß eben der Teufel selbst, um dem Himmel einen Possen zu spielen, sich während einer dunkeln Nacht in das Bette einer eben kanonisirten Heiligen geschlichen, und da mich gleichsam als eine lex cruciata für unsern Herrgott niedergeschrieben habe, bei der er sich am Weltgerichtstage den Kopf zerbrechen solle.   -  [August Klingemann,]  Nachtwachen von Bonaventura. Frankfurt am Main 1974 (it 89, zuerst 1804)

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