
- Meister E.S. (ca. 1466), aus: Phantastische Alphabete. Wiesbaden 1997
I (2) I (Ein Manifest) Was Merz ist, weiß heute jedes Kind. Was aber ist i? i ist der mittlere Vokal des Alphabets und die Bezeichnung für die Konsequenz von Merz in bezug auf intensives Erfassen der Kunstform. Merz bedient sich zum Formen des Kunstwerks großer fertiger Komplexe, die als Material gelten, um den Weg von der Intuition bis zur Sichtbarmachung der künstlerischen Idee möglichst abzukürzen, damit nicht viele Wärmeverluste durch Reibung entstehen, i setzt diesen Weg = null. Idee, Material und Kunstwerk sind dasselbe, i erfaßt das Kunstwerk in der Natur. Die künstlerische Gestaltung ist hier das Erkennen von Rhythmus und Ausdruck im Teil der Natur. Daher ist hier kein Reibungsverlust, d.h. keine störende Ablenkung während des Schaffens möglich.
Ich fordere i, aber nicht als einzige Kunstform, sondern als Spezialform.
In meiner Ausstellung im Mai 22 im Sturm sind die ersten i-Zeichnungen öffentlich
ausgestellt. Für die Herren Kunstkritiker füge ich hinzu, daß es selbstverständlich
ein weit größeres Können erfordert, aus der künstlerisch nicht geformten Natur
ein Kunstwerk auszuschneiden, als aus seinem eigenen künstlerischen Gesetz ein
Kunstwerk mit beliebigem Material zusammenzubauen. Das Material für die Kunst
ist beliebig, es muß nur geformt werden, damit ein Kunstwerk daraus entsteht.
Das Material für i ist aber sehr wenig beliebig, da sich nicht jede Natur im
Ausschnitt zum Kunstwerk gestaltet, daher ist i Spezialform. Aber es ist einmal
notwendig, konsequent zu sein. - Kurt Schwitters, nach:
Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938). Hg. Wolfgang
Asholt, Walter Fähnders. Stuttgart Weimar 1995
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