undeberlin  "Berlin wird Weltstadt: Maulkorb für alle Hunde" Schon vor 200 Jahren zog die Obrigkeit mit Schindern und allen Mitteln gegen den Hund zu Felde, doch es war meistens für die Katz'

Leinenpflicht, Maulkorbzwang, Gezänk um den Hund - alles schon mal dagewesen. Jetzt wollen CDU und SPD jeden Hund in Berlin an die Leine nehmen - und schon schlagen die Wogen der Erregung wieder hoch. Der Hund ist eben ein heftig umstrittenes Wesen - und das war schon früher so. Zeitweise wurden freilaufende Hunde sogar erschlagen. Wie die Berliner wegen ihrer "Tölen" aneinandergerieten. wie Hundefreunde gegen vieles autbegehrten, was ihre Lieblinge disziplinieren sollte und die Obrigkeit den kürzeren zog, schildert der nachfolgende Beitrag, Er ist einem Buch des Argon-Verlages entnommen: "Hundeleben in Berlin - ein unterhaltsames Lese- und Servicebuch."

Schon der Berliner Buchhändler und Schriftsteller Friedrich Nicolai klagte 1781 über die "alberne und schädliche Gewohnheit vornehmer Leute mit großen Kötern aus purer Nachahmungssucht spazieren zu gehen." In London habe das noch Sinn wegen der vielen Straßenräubereien. Doch warum in Berlin? Auch die Obrigkeit wurde nervös. Aber die Stadtväter fühlten sich weniger von kläffenden Vagabunden gestört, über die man an jeder Ecke stolperte. Aus ihrer Sicht verschärfte die Hundeplage die Gefahr der "Hundswuth". Deshalb erließen sie bereits am 12. Juni 1727 eine Hunde-Bekanntmachung, nach der "kein Hund auf der Straße frei laufen darf." Wenn sie nachts losgebunden wurden, sollten sich die Tiere nur in geschlossenen Höfen aufhalten. Ruhestörendes Bellen wollte man auf diese Weise vermeiden und ihre Vermehrungslust behindern.

Solche Bekanntmachungen wurden in den folgenden Jahren in Berlin ständig wiederholt. Sie erinnern an den heutigen Leinenzwang in Parks — und blieben ähnlich wirkungslos. Drastische Maßnahmen wurden erwogen. Sollte man die überflüssigen Hunde totschießen lassen? Das erschien den Ratsherren zu gefährlich angesichts enger Gassen und zweifelhafter Treffsicherheit. So einigten sie sich aufs Totschlagen. "Mit barbarischer Grausamkeit" walteten die Schergen des Scharfrichters seither ihres Amtes, empörte sich noch zu Anfang des 19.Jahrhunderts eine wohlhabende Hundebesitzerin. Offenbar drohte auch den Hunden der besseren Gesellschaft der Knüppel, falls sie ohne Blechmarke am Hals auf Trebe gingen.

Das entsprach der seit mehr als einem Jahrhundert gültigen Hundeordnung. Sie sollte "das Publikum vor etwaigem Schaden durch bissige, herrenlose Hunde schützen". Die Gehilfen des Scharfrichtereibesitzers, Schinder genannt, gingen von Zeit zu Zeit durch die Straßen und riefen den Verkauf von Blechmarken aus. Jeder Hundebesitzer mußte sie am Halsband seines Lieblings befestigen, wollte er nicht Gefahr laufen, daß sein Tier gefangen wurde. Am sichersten sei es wohl, den Hund ständig an der Leine zu führen, machte sich der Maler Daniel Chodowiecki (1726-1801) über die Polizeiverordnung lustig und karikierte elegante Leute mit ihren angebundenen Vierbeinern.

Doch auch die Schinder konnten die Hundebegeisterung im biedermeierlichen Berlin kaum bremsen. So gerieten Hundefreunde und -gegner heftig aneinander. Bissige Kriegserklärungen standen in den Zeitungen, beispielsweise am 11 .Juli 1828 im "Berliner Courier": "Es grenzt ans unglaubliche, welche Masse Hunde in Zimmern und Straßen herumlaufen und die Leute anfallen. Wenn in jedem Jahr nur ein Mensch unglücklich wird durch den Biß eines tollen Hundes, so ist das hinreichendes Motiv, alle Hunde der Welt todt zu schlagen. Hat aber jemand eine Liebhaberei, so sollte ein jeder Taxe bezahlen, dafür, daß er auf die Gefahr seiner Mitmenschen Hunde hält."

Knapp zwei Jahre später, am 20. April 1830, wurde in Berlin die Hundesteuer eingeführt. Dabei spielten auch Überlegungen eine Rolle, den Armen das Halten von Hunden generell zu verbieten. Sie hätten ja ohnehin keinen Besitz, den Hunde schützen müßten. Doch soweit kam es nie. Statt dessen sollte die Steuer die unteren Volksklassen finanziell unter Druck setzen und zum Verzicht auf ihre Tiere bewegen.

Etwa 6000 Hunde waren damals in Berlin registriert. Diese Statistik mußten die Hauswirte halbjährlich aktualisieren, indem sie die Hunde ihrer Mieter in Listen eintrugen. Jedes Tier bekam eine Blechmarke mit Jahreszahl und Steuernummer. Hunde ohne Marke wurden aufgegriffen und getötet. Tatsächlich verringerte sich die Zahl der Hunde in den folgenden fünf Jahren auf 3300, doch bald ging es wieder bergauf: 1850 wurden knapp 10 000 Tiere gezählt.

Die Liebhaberei hatte den Sieg davongetragen, und den Hausbesitzern kam das zugute, denn seit 1834 wurden die Einnahmen der Hundesteuer zur Befestigung der Bürgersteige verwendet. Anderen entlockte die Steuer manchen Seufzer" wie das "Morgenblatt für gebildete Stände" berichtete. Die Ärmsten der Armen sähen keine andere Wahl, als ihre Lieblinge zu ersäufen.

Doch tatsächlich behielten die meisten ihre Hunde. Anfang der 60er Jahre schritten die Behörden deshalb erneut ein. Es erging eine Polizeiverordnung, nach der jeder Hund, "welcher auf öffentlicher Straße oder an Orten, wo das Publikum sich aufhält, verkehrt, mit einem Maulkorb versehen sein muß". Wird er ohne diesen angetroffen, fangen ihn die Scharfrichterei-Gehilfen "im Interesse der allgemeinen Sicherheit" sofort ein. Dabei haben sie allerdings ähnliche Probleme wie unsere heutigen Amtspersonen. Wie sie die Anordnung durchsetzen sollen, bleibt ungeklärt.

"Die Beschäftigung dieser Knechte ist bei der bekannten Rohheit des Berliner Publikums nicht die angenehmste, sie ist mit wörtlichen und selbst thätlichen Angriffen verbunden", berichten Zeitgenossen. Jeder Hundehalter könne den Fängern sein Tier ungestraft wegnehmen, und er werde die auch tun, da "er in dem Publikum einen stets bereiten Beistand findet". Und selbst hohe Gerichte hätten Hundeeigentümer schon ungestraft ausgehen lassen.

Den Hundefreunden erschien der zwangsverordnete Maulkorb entbehrlich. Man lieferte sich Spiegelgefechte, ob die armen Tiere nun zu bedauern seien oder nicht. In eine humoristischen Schriftensammlung au dem Jahre 1871 ist gar vom "Allgemeinen Hundejammer" die Rede. Andere sprachen vom "genialen Berliner Maulkorb" und priesen dessen Vorzüge, wie Robert Springer in seinem 1868 erschienenen Buch "Berlin wird Weltstadt". ,Alle Hunde in Berlin müssen zwar einen Maulkorb tragen, aber dieser bewahrt uns Menschen weniger vor den Bissen, als er die Hunde selber, wenn sie angreifen, wie eine Fechtkappe vor Schlägen auf die Nase schützt." -  Christoph Stollowski, Tagesspiegel vom 14. März 1999

Hundeberlin (2)   Bissige Pitbulls, die niemand stoppt  In Wedding verbreiten zwei Hunde Angst und Schrecken

BERLIN (wik). Wie lange die Beißattacke gedauert hat, weiß Bettina Grote nicht mehr. Ein, zwei Minuten vielleicht? Jedenfall hat der Vorfall ihr Leben verändert. Bei jedem Spaziergang spürt sie Panik, sagt die Frau, die eigentlich keinen ängstlichen Eindruck macht. Gemeinsam mit einer Freundin führte Frau Grote letzten Oktober am Nordufer nahe dem Rudolf-Virchow-Krankenhaus ihren Hund aus, einen Mischling. Ihre Freundin wurde von einem weißen Westhighland-Terrier begleitet.

Gegen 15 Uhr wird das Quartett von einer Radfahrerin überholt, die zwei beige Pitbulls unangeleint neben sich herlaufen läßt. Sowohl Bettina Grote als auch ihre Begleiterin kennen die Frau, die fast täglich mit ihren Kampfhunden im Kiez um die Weddinger Torfstraße ihre Runden dreht. Kaum hat die Radfahrerin die beiden Frauen mit einem "Meine tun nichts" beruhigt, stürzen sich ihre Hundschnauze vierbeinigen Begleiter auf die anderen Hunde: Der Terrier wird vom Arm seines Frauchens gezerrt, der Mischling in Nacken und Rücken gebissen. "Wir haben herumgeschrien wie die Irren", erinnert sich Grotes Begleiterin. Sie wird bei der Attacke in die Hand gebissen, ist anschließend zwei Wochen arbeitsunfähig. Am schlimmsten erwischt es Mischlingshund Rubie; das Tier muß unter Narkose genäht werden. Auch der Terrier wird genäht und geklammert.

Die Kampfhundbesitzerin hat aus dem Ereignis offensichtlich keine Konsequenzen gezogen. So kommt es Ende Januar — wieder am Nordufer — zu einem weiteren Beißüberfall. Ohne Vorwarnung. so Hundebesitzerin Susanne Mader, hätten sich die Pitbulls auf ihren acht Monate alten Hund gestürzt und sich in ihn verbissen. Er trägt so schwere Verletzungen davon, daß er eingeschläfert werden muß. Susanne Mader erstattet Anzeige bei der Polizei.

"Grundsätzlich", so Polizeisprecher Michael Kohert, sei der Kontaktbereichsbeamte über die Dame und ihre Hunde informiert. Eine Überwachung sei jedoch nicht möglich: "Das können wir nur stichprobenartig machen."

Auch im Weddinger Veterinäramt sind die Vorfälle bekannt. Vom ersten Vorfall gebe es gegensätzliche Darstellungen, so der Veterinärmediziner Ulrich Lindemann. Es sei auch ungeklärt, welcher Hund die Handverletzung verursacht habe. Der zweite Vorfall wird von der Beschuldigten abgestritten.



"DER TUT NICHTS"

Das Veterinär-Foto könnte die Pitbulls zu Leine und Maulkorb verdonnern, sogar einziehen und töten lassen. Einer Vorladung ins Veterinäramt ist die Hundehalterin nicht gefolgt.

So radelt die Frau mit ihren bissigen Begleitern weiter durch den Weddinger Kiez und versetzt andere Leute in Angst und Schrecken. "Jeder Hundebesitzer hier kennt die", sagt Frau Grote. Viele wechselten sofort die Straßenseite, sobald sie das Trio sähen. Immerhin hat die Kampfhundbesitzerin die Hälfte der Tierarztrechnung von Bettina Grote bezahlt — allerdings erst nach der vierten Mahnung. - Tagesspiegel, 14. März 1999

Hundeberlin (3)   97 Hunde starben durch Polizeikugeln   Seit 1990 sind 97 Hunde durch Polizeikugeln getötet worden. Dabei handelt es sich sowohl um sogenannte Kampfhunde als auch um "normale" Hunde wie Dackel, Spitz oder Riesenschnauzer. Aber nicht alle Tiere wurden getötet, weil sie über Menschen hergefallen waren. Viele erhielten auch den Gnadenschuß, nachdem sie bei einem Unfall verletzt worden waren. Die Innenverwaltung hat jetzt auf Anfrage der PDS-Abgeordneten Marion Seelig eine Liste mit den Zahlen der in den vergangenen neun Jahren getöteten Hunde veröffentlicht.

Der Einsatz der Schußwaffe sei allerdings immer das "letzte Mittel" und erfolge nur dann, wenn "andere Maßnahmen keinen Erfolg versprechen und sofortiges Handeln zwingend geboten ist", heißt es in der Antwort des lnnensenators auf die Kleine Anfrage. 1997 und 1998 wurden mit jeweils acht Hunden deutlich mehr Tiere getötet, die zuvor einen Menschen angegriffen hatten, als solche, die nach einem Unfall verletzt wurden (je 5). Mit 22 getöteten Vierbeinern (jeweils elf nach Unfällen und Angriffen auf Menschen) verzeichnet die Statistik für 1996 die höchste Zahl an erschossenen Hunden. Die betroffenen Rassen werden nicht immer deutlich. In vielen Fällen wird einfach von "Kampthund" gesprochen. Dies sei so den Berichten der Polizei entnommen worden. Nachträglich lasse sich die Rasse nicht mehr feststellen.

Mit nur zwei getöteten Hunden — je einer nach Unfall und Angriff auf einen Menschen rangiert das Jahr 1990 am Ende der Liste. Aber schon im Folgejahr.weist die Liste insgesamt 15 erschossene Hunde aus, von denen allerdings nur vier nach Angriffen erlegt wurden.

Im Jahr 1992 galt der Gnadenschuß sieben Hunden, zwei wurden von der Polizei getötet, weil auch sie Menschen angegriffen hatten. 1993 dreht sich das Verhältnis allerdings um: Vier verletzte und sechs angreifende Tiere müssen sterben. Dies setzte sich im folgenden Jahr fort. Sechs Hunde griffen an und wurden getötet, drei waren so schwer verletzt, daß sie von ihren leiden erlöst werden mußten. 1995 sank die Zahl der getöteten Vierbeiner mit vier Tieren (drei verletzte Tiere und eins, das angegriffen hatte) auf einen seither nicht wieder erreichten Tiefwert.

Unter den Tieren, die nach Angriffen getötet wurden, befinden sich vermutlich auch viele "Kampfhunde", die von Kriminellen auf Polizeibeamte gehetzt wurden. Das Sondereinsatzkommando, das speziell zur Festnahme gefährlicher und bewaffneter Täter eingesetzt wird, hat sich bereits vor mehreren Jahren Schrotflinten angeschafft, mit denen auf Kampf abgerichtete Hunde gestoppt werden können. Kugeln aus normalen Polizeidienstwaffen zeigten oftmals bei den Muskelpaketen keine Wirkung. Aber immer häufiger hetzten unter anderem Drogendealer ihre abgerichteten Pitbulls oder American Staffordshire auf die Beamten. - Werner Schmidt, Tagesspiegel vom 23. April 1999
 
Berlin Hund
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