alluzination
So weit ich auch (mit Interesse, mit Erheiterung, selten mit Bewunderung
oder Widerwillen) zurückdenke, bin ich milden Halluzinationen ausgesetzt gewesen.
Einige sind akustischer Art, andere optischer, und keine hat mir viel genützt.
Die prophetischen Stimmen, die Sokrates zurückhielten
oder Joaneta Darc anspornten, sind bei mir auf das Niveau von Gesprächen
abgesunken, deren zufälliger Zeuge man wird, wenn man den Telephonhörer abhebt
und an einen besetzten Sammelanschluß gerät. Kurz vor dem Einschlafen bemerke
ich des öfteren eine Art einseitiger Konversation im Nachbarbezirk meines Gehirns,
ganz unabhängig von dem eigentlichen Gang meiner Gedanken. Es ist eine neutrale,
teilnahmslose, anonyme Stimme, die völlig belanglose Worte zu mir sagt - einen
englischen oder russischen Satz, der noch nicht einmal an mich gerichtet und
so trivial ist, daß ich kaum Beispiele zu geben wage, da sie in der Plattheit,
die ich zum Ausdruck bringen möchte, einen störenden Maulwurfshügel von Sinn
aufwerfen könnten. Diese alberne Erscheinung scheint mir das akustische Gegenstück
zu gewissen Visionen vor dem Einschlafen, die mir
ebenfalls wohlbekannt sind. Ich meine nicht das helle geistige Bild (etwa das
Gesicht eines schon lange toten, geliebten Angehörigen), das ein Flügelschlag
des Willens heraufbeschwört; das ist eine der tapfersten Regungen, deren der
menschliche Geist fähig ist. Noch spreche ich von den sogenannten muscae
volitantes — Schatten, von kleinen Trübungen
im Glaskörper des Auges auf die Stäbchen der Netzhaut geworfen, die als durchsichtige,
quer über das Gesichtsfeld treibende Fäden wahrgenommen werden. Den hypnagogen
Phantomen, die ich im Sinne habe, ist vielleicht der farbige Fleck näher, jener
Stich eines Nachbildes, mit dem die gerade abgeschaltete Lampe die Nacht hinter
den Lidern versehrt. Ein Schock dieser Art allerdings ist nicht unbedingt nötig,
um die Bilder in Bewegung zu setzen, die vor meinen geschlossenen
Augen langsam und stet vorüberziehen. Sie kommen und gehen ohne die Beteiligung
des schläfrigen Betrachters und sind doch grundsätzlich verschieden von Traumbildern,
denn noch ist er Herr seiner Sinne. Oft sind sie grotesk. Schurkenprofile belästigen
mich, irgendein grobgesichtiger und rotbäckiger Zwerg
mit einem geschwollenen Nasenloch oder Ohr.
Zeitweise dann zeigen sich meine Photismen wieder von einer beruhigend milden
Seite, und dann sehe ich - wie auf die Innenseite des Lides projiziert - graue
Gestalten, die zwischen Bienenstöcken auf und ab gehen, kleine schwarze Papageien,
die langsam im Gebirgsschnee verschwinden, oder eine blaue Ferne, die zwischen
schwankenden Masten zerfließt. - (nab)
Halluzination (2) Welch ein Anblick! Da saß sie, reglos und schön wie eine perfekte Marmorstatue; nur das Heben und Senken ihrer Brust unter der weißen Robe verriet, daß sie lebte und atmete, so wie andere. Und das war noch an etwas anderem zu erkennen: an ihren Augen! Zunächst konnte ich sie durch den Schleier nicht sehen, doch dann, entweder weil ich mich an das Licht gewöhnt hatte, oder weil sie heller wurden, wie es bei einigen Tieren der Fall ist, wenn sie angestrengt etwas anstarren, war er keine Verhüllung dieser Augen mehr. Deutlich konnte ich sie erkennen: groß und dunkel und herrlich, mit einer leicht bläulichen Färbung in der Iris, verführerisch und doch schrecklich in ihrer majestätischen Hoheit, die durch alles hindurchzublicken schienen, alles wahrnahmen, ohne es bewußt zu sehen. Diese Augen waren wie Fenster, durch die ein Licht herausschien, ein Licht, das von innen kam, das Licht ihres Geistes.
Ich blickte umher, um zu sehen, welche Wirkung dieser Anblick auf meine Begleiter hatte. Sie war höchst seltsam. Hans war auf die Knie gesunken, hatte seine Hände wie im Gebet vor der Brust gefaltet, und sein häßliches Gesicht erinnerte mich an das eines großen Fisches, der an Land geworfen wurde und nach Luft schnappend stirbt. Robertson, aus seinem Brüten gerissen, starrte die königliche Frau auf der Couch mit offenem Mund an.
»Mann«, flüsterte er. »Ich bin wieder im Delirium, obwohl ich seit Wochen keinen Tropfen angerührt habe, denn das dort ist kein menschliches Wesen, das kann ich in meinen Knochen fühlen.«
Umslopogaas stand aufgerichtet und finster, die Hände auf dem Stiel seiner großen Axt verschränkt, und starrte sie ebenfalls an; man sah das Blut unter der Haut pulsieren, die das Loch in seinem Schädel überzog.
»Wächter der Nacht«, sagte er mit seiner tiefen Stimme leise zu mir, »diese Herrscherin ist nicht ejne Frau, sondern alle Frauen. Unter ihrer Robe glaube ich die Schönheit einer zu erkennen, die ins Jenseits gegangen ist, der Lilie, die ich verloren habe. Fühlst du auch so, Macumazahn?«
Jetzt, da er es erwähnte, wurde es mir bewußt: ich hatte es zwar schon die
ganze Zeit gespürt, doch bei der plötzlichen Überflutung mit Gefühlen hatte
sich dieses in meinem Bewußtsein nicht herausschälen können. Ich starrte auf
die verhüllte Gestalt und sah - nun, es ist gleich, wen ich sah; es war nicht
eine, sondern es waren mehrere in rascher Folge, darunter auch eine, die ich
noch nicht einmal kannte, jedoch später kennenlernen sollte, zu gut vielleicht,
oder zumindest gut genug, um mich in Verwirrung zu stürzen. Das Eigenartige
war, daß bei dieser Halluzination die Persönlichkeiten dieser Frauen einander
zu überlagern und miteinander zu verschmelzen schienen, bis ich mich schließlich
fragte, ob sie nicht alle Teile derselben Entität, desselben Wesens wären, das
sich in verschiedenartiger Form manifestierte, jedoch einem Mittelpunkt entsprang,
so wie verschiedenfarbige Strahlen aus demselben Kristall kommen, wenn die Strahlen
der Lichtquelle wechseln und sich verändern-Doch diese Vorstellung ist zu metaphysisch,
als daß mein geringer Verstand sie so zu schildern vermag, wie ich es möchte.
Außerdem war sie lediglich eine Halluzination, die ihren Ursprung vielleicht
in dem übermütigen Gehirn derer hatte, die dort vor uns saß. - Henry
Rider Haggard, Sie und Allan. München 1985 (zuerst 1921)
Halluzination
(3) Ich verspürte ein starkes Bedürfnis, eine Wildbretpastete
zu essen und Weißwein zu trinken, meine Lippen zitterten, und meine Kehle war
ganz trocken. Ich war ganz krank danach. Es ist etwas Seltsames, wie das Schauspiel
der Natur, weit davon entfernt, meine Seele zum Schöpfer zu erheben, meinen
Magen anregt. Der Ozean läßt mich von Austern träumen, und als ich das letztemal
die Alpen überquerte, verursachte mir eine Gemsenkeule, die ich vier Jahre vorher
am Simplon gegessen hatte, Halluzinationen. Das ist gemein, aber es ist so.
Was für Lüste ich gehabt habe! und zwar höchst schäbige!! -
Flaubert an Louis Bouilhet, nach (flb)
Halluzination (4) Mein lieber Freund,
hier also, was ich empfunden habe, wenn ich Halluzinationen hatte::
1. Zunächst eine unbestimmte Angst, ein unklares Mißbehagen, ein Gefühl des schmerzlichen Wartens, wie es vor der dichterischen Inspiration auftritt, wo man spürt, »daß etwas kommen will« (ein Zustand, der nur verglichen werden kann mit dem eines Beischläfers, der spürt, wie der Samen aufsteigt und die Entladung sich vorbereitet. Mache ich mich verständlich?).
2. Dann plötzlich wie ein Blitz Überflutung oder vielmehr augenblicklicher
Einbruch des Gedächtnisses, denn die eigentliche Halluzination ist nichts
anderes - wenigstens für mich. Sie ist eine Krankheit des Gedächtnisses, eine
Erschlaffung dessen, was es in sich birgt. Man fühlt, wie Bilder aus einem entweichen
gleich Strömen von Blut. Man hat den Eindruck, daß alles, was man im Kopf hat,
gleichzeitig zerbirst wie tausend Feuerwerkskörper, und man hat nicht die Zeit,
diese inneren Bilder zu betrachten, die mit rasender Geschwindigkeit vorbeiziehen.
- Unter anderen Umständen beginnt es mit einem einzigen Bild,
das größer wird, sich entwickelt und schließlich
die objektive Wirklichkeit einhüllt, wie zum Beispiel ein Funke, der aufzuckt
und zu einem großen lodernden Brand wird. In diesem letzteren Fall kann man
sehr wohl gleichzeitig an etwas anderes denken; und das kommt fast dem gleich,
was man die »schwarzen Schmetterlinge« nennt, das heißt den seidigen Kreisen,
die manche Leute in der Luft schweben sehen, wenn der Himmel grau ist und ihre
Sehkraft geschwächt ist. - Flaubert an Hippolyte Taine, nach (flb)
Halluzination
(5) Da die menschliche Existenz eine Halluzination ist, welche
die sekundären Halluzinationen von Tag und Nacht einschließt (bei letzterer
handelt es sich um eine unhygienische Veränderung der Atmosphäre, die auf der
Verdichtung schwarzer Luft beruht), steht es einem jeden, der seine Sinne beisammen
hat, übel an, mit dem illusorischen Unterfangen, die erhabenste Halluzination,
die wir kennen, den Tod, zu begreifen, befaßt zu sein. - de Selby, nach:
Flann O'Brien, Der dritte Polizist. Frankfurt am Main 1986 (BS 446, zuerst
1967)
Halluzination (6)
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