ängeleben Die
Mitglieder der letzten Familie der Xenarthra, die Faultiere (Bradypodidae),
machen als sehr stumpfe und träge Geschöpfe einen wahrhaft kläglichen Eindruck.
Damit dürfen wir sie aber nicht abtun, sondern müssen sie als weitgehende Anpassungen
an eine ganz bestimmte, einseitige und eintönige, aber sehr bequeme Lebensmöglichkeit
zu verstehen suchen: als hängende Kletterer, denen ihre Nahrung, Baumblätter,
sozusagen in den Mund wächst. Wie es für solche Lebensweise und Bewegung das
Richtige ist, sind bei ihnen die vorderen Gliedmaßen bedeutend länger als die
hinteren, die Füße mit gewaltigen Sichelkrallen bewehrt, die, wie der ganze
Fußbau, ebenfalls Beziehungen zu dem eigenartigen Hängeleben haben. Durch die
Stärke und Krümmung der Krallen und vollständige Verwachsung aller Zehen, die
unter gemeinsamer Haut liegen, hängen die Faultiere ohne jede Muskelanstrengung
im Baume, zumal auch noch die schmalen, mit lederiger Haut bedeckten, etwas
hohl und seitlich nach innen gestellten Sohlen dickeren Ästen sich innig anschmiegen.
Auch der Knochenbau zeigt sich zugunsten größerer Beweglichkeit von Hals und
Gliedmaßen beeinflußt. Die Zahl der Halswirbel sinkt zwar sonderbarerweise bei
einer Art der einen Gattung unter die gewöhnliche Zahl bis auf sechs steigt
aber bei der andern Gattung bis auf neun, und diese kann in der Tat den Kopf
fast ganz um seine Achse drehen, wie eine Eule, so daß das Gesicht beim hängenden
Klettern nach vorn schaut.
Unter den Wunderdingen der Neuen Welt war das Faultier natürlich eins der
wunderlichsten. Die erste, wenn auch fabelhafte, doch im ganzen ziemlich zutreffende
Beschreibung findet sich, nach Lichterfeld, in dem 24. Kapitel der »Historia
general y natural de las Indias« (1535, neu herausgegeben Madrid 1851) von
Gonzalo Fernandez de Oviedo y Valdes. Der Perico-ligero, d.h. das »behende
Peterchen«, wie die Spanier das Faultier spottweise nannten, ist hiernach eins
der seltsamsten Tiere wegen seines Mißverhältnisses mit allen anderen. Nach
der Erfahrung Ovideos, der es zu Hause gehabt hat, muß es »von der Luft
leben, und dieser Meinung sind noch viele andere auf diesem Festlande; denn
niemand hat es irgend etwas fressen sehen. Es wendet auch meistens den Kopf
und das Maul nach der Gegend, woher der Wind weht, woraus folgt, daß ihm die
Luft sehr angenehm sein muß«. Bis zur Stunde erklärt Oviedo, kein so
dummes und unnützes Tier gesehen zu haben wie das »behende Peterchen«. -
Aus Brehms Tierleben 1912, in (
str
)
Hängeleben (2)
Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum Sie boten mir nicht Brot noch Horn; Hauptsprüche neun lernt‘ ich von dem weisen Sohn Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,
Runen wirst du finden und ratbare Stäbe, Odin den Asen, den Alfen Dâin, Weißt du zu ritzen? weißt zu erraten? Besser nicht gebetet als zu viel geboten: |
- Edda
Hängeleben (3)
Bald lag die Erde wohl tausend Meter tief unter Percy Stuart,
und schon begann die Kraft in seinen Händen
zu schwinden.
- Die großen
Detektiv
e,
Das Geheimnis der Lüfte (Herbert Wulfner)
Bd. 2. Hg. Werner Berthel, Frankfurt am Main 1980,it 368)
Hängeleben (4) Nehmet ein etwas stumpfes und ziemlich
langes Eßmesser, fasset der Katzen die Haut
auf dem Rücken mit der einen Hand, wickelt solche fein gehebe ein paarmal um
die Schneide und Rücken des Messers herum, stecket
das Messer also in die Wand, so wird die Katze daran hängenbleiben und die Sache
ein wunderliches Aussehen bekommen. - (
zauber
)
Hängeleben (5)
VIERZEILER, DEN VILLON NACH DER VERKÜNDUNG SEINES TODESURTEILS SCHRIEB Ich bin Franzose, was mir gar nicht
paßt, |
- Aus:
Die lasterhaften Balladen des François Villon. Nachdichtung von Paul Zech. München 1962
(dtv 43, zuerst
ca. 1460)
Hängeleben (6) Zeus wandte sich mit seiner Rache gegen Prometheus. Er übergab den Verbrecher dem Hephaistos und seinen Dienern, dem Kratos und der Bia, dem Zwang und der Gewalt. Diese mußten ihn in die skythischen Einöden schleppen und hier, über einem schauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges Kaukasus mit unauflöslichen Ketten schmieden; ungerne vollzog Hephaistos den Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Titanensohn den verwandten Abkömmling seines Urgroßvaters Uranos, den ebenbürtigen Göttersprößling. Unter mitleidsvollen Worten und von den roheren Knechten gescholten, ließ er diese das grausame Werk vollbringen.
So mußte nun Prometheus an der freudlosen Klippe hängen, aufrecht, schlaflos,
niemals imstande, das müde Knie zu beugen. «Viele vergebliche Klagen und Seufzer
wirst du versenden», sagte Hephaistos zu ihm, « denn Zeus' Sinn ist unerbittlich,
und alle, die erst seit kurzem die Herrschergewalt an sich gerissen, sind hartherzig.»
- (
sage
)
Hängeleben (7)
Hängeleben (8)
- (
lor
)
Hängeleben (10)
- Alfred Hitchcock, North by Northwest. Nach: François Truffaut,
Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 1973
Hängeleben (11)
Hängeleben (12) Das Schiff unter mir konnte ich gerade noch wie eine lange schmale Planke im Wasser unterscheiden, und es war so, als gehöre es überhaupt nicht zu der Rahe, über der ich hing. Um den Flaggenknopf nur ein paar Ellen von meinem Gesicht entfernt kreiste eine Möwe oder sonst ein Seevogel, und ich fürchtete mich fast vor dem Geräusch. In einer solchen einsamen Höhe kam er mir vor wie ein Geist.
Obgleich die See ziemlich glatt war und nur eine leichte Brise ging, war in dieser außerordentlichen Höhe die Bewegung des Schiffes doch sehr stark, so daß ich, wenn es nach der einen Seite rollte, ein Gefühl hatte wie eine Fliege, die an der Stubendecke entlangspaziert, und wenn es sich zur anderen Seite neigte, glaubte ich an einer schwankenden Fichte zu hängen.
Aber dann hörte ich von unten eine ferne heisere Stimme, und obgleich ich
nichts genau verstand, wußte ich, es war der Maat, der mich zur Eile antrieb.
So begann ich in einer nervösen zitternden Verzweiflung, die Beschlagzeisinge,
das heißt die Taue, mit denen die Segel hochgebunden sind, loszumachen, und
als alles fertig war, sang ich aus, so wie mir aufgetragen war: „Klar zum Heißen!"
Und dann hißten sie, und zwar gleichzeitig mich samt Rahe und Segel, denn ich
hatte keine Zeit gehabt, davon runterzukommen, so unerwartet eilig hatten sie
es damit. Es schien wie ein Zauber: da hing ich und stieg immer höher. Die Rahe
hob sich unter mir, als ob sie lebte, und keine Menschenseele war zu sehen.
Ohne es im Augenblick zu wissen, war ich in ziemlicher Gefahr, aber es war so
dunkel, daß ich nicht genug sehen konnte, um mich zu fürchten. -
Herman Melville, Redburn. Seine erste Reise. München 1967 (zuerst 1849)
Hängeleben (13)
Hängeleben (14)
ich häng an einem ast vielleicht bin ich entzweit |
- Ernst Jandl, Idyllen. Darmstadt 1989
Hängeleben (15)
Hängeleben (16) Ein 17 jähriger Bäckerlehrling hatte sich eine höchst merkwürdige Hängevorrichtung konstruiert und wurde eines Tages in dem Vorratsraum seines Meisters an der Sprosse einer Leiter hängend aufgefunden.
Um den Leib trug er einen breiten Ledergurt. Von diesem Gurt
verlief nach den Oberschenkeln ein Strick, an dem etwa in der Mitte der Oberschenkel
ein Lederriemen befestigt war. Beide Oberschenkel waren getrennt umschnürt,
der linke durch den Lederriemen, der rechte durch eine Schlaufe des Strickes.
Dieser ging dann durch die Gesäßspalte nach rückwärts, wandte sich wieder nach
oben und verlief unter dem Leibgurt bis zur Halsgegend. Um den Hals war ein
sauber gefaltetes Taschentuch umgelegt und darüber ein zweiter Lederriemen fest
umgeschnürt. An ihm war der Fesselungsstrick befestigt, der dann die Leitersprosse
umgriff und mit einem Karabinerhaken in einer Oese am Halsriemen eingehakt war.
Der Halsriemen war straff gespannt und hatte die Strangulation bewirkt - (
erot
)
Hängeleben (17) Er sagt alles kann mit einem Schlag zusammenstürzen. Wir hängen nur an ein paar Fädchen, hundertmal geknotet.
Beschwört er den Tod? Nein. Er weiß nicht was. Er will es nicht wissen. Er
knotet seine jämmerlich abgenutzten Fädchen. - (
rp
)
Hängeleben (18) Bei Strafe,
in den Abgrund hinabstürzen, hinein in die Hölle der
heutigen Welt (Mord, Folter, Lüge, politische Verfolgung, Hunger), muß ich in
großer Höhe eine lange Linie, die aus den Buchstaben des Alphabets
besteht, von einem Ende zum anderen durchlaufen. Indem ich mich mit beiden Händen
anklammere und meine Beine ins Leere baumeln lasse, hangele ich mich von einem
Buchstaben zum andern und werde jedes Mal von einem Schwindelgefühl gepackt,
wenn ich, um mich weiterzuhangeln, mich nicht ohne Zögern dazu bestimmen lasse,
einen weiteren Griff nach vorwärts zu tun. Von A ausgegangen, frage ich mich,
ob ich die Kraft habe, bis Z zu gelangen, wo ich -wie ein Drahtseilkünstler,
der nach der schwierigen Überquerung auf seiner Plattform angelangt ist - in
Sicherheit sein werde. Ich habe große Lust aufzugeben, ebenso sehr wegen des
körperlichen Schwindelgefühls wie aufgrund desjenigen, das auf das Bewußtsein
von der Absurdität der Situation zurückgeht, aber wie soll ich es anfangen?
Wenn ich mich dazu entscheiden würde, dann müßte ich nämlich entweder zu meinem
Ausgangspunkt zurückkehren, ein Unterfangen, das genau so gefährlich ist wie
das erste, oder aber bis zur Erschöpfung an dem Konsonanten oder dem Vokal hängenbleiben,
über den ich auf meiner tastenden Bahn nicht hinausgelangt wäre. - (
leiris2
)
Hängeleben (19)
Am Hängetau Das Hängetau ist lang und steil. Marie, die unten nach dir blickt, Ich wette um ein Faß Gelee: Der Kletterschluß mißlingt dir
freilich. Und dann erreichst du ganz verzagt Die Dame frägt, ob schwindelfrei Du plumpst der Dame auf die Brust Kein Mädchen, nicht einmal die
Braut, |
-
Ringelnatz
,
Turngedichte
Hängeleben (20)
Hängeleben (21) Er wartete, bis die Lichter sowohl auf der Straße wie auch im Graben näher kamen, und dann klammerte er sich mit der linken Hand an die Kante, wo ein paar Steine ihm Halt boten, grub die Fußspitzen in den nassen Boden und klebte am Abhang, flach wie eine Schnecke. Sich dort lange zu halten, erforderte ziemliche Kraft, aber die Muskeln seiner Arme und Beine waren wie Peitschenschnüre.
Der Mann, der im Graben suchte, wurde es bald leid; denn es war dort ziemlich naß, und er stieg zu seinen Kameraden auf die Straße hinauf. Die kamen dahergerannt, versuchten, mit ihren Laternen den Graben abzuleuchten und das Gelände zu sondieren.
Dann hörte man Räderrollen und Pferdegetrappel aus der entgegengesetzten
Richtung. Michael und die verspätete Wagenkolonne kamen heran, überstürzt und
in größter Eile. Eine schreckliche Sekunde lang dachte Pieter, sie fielen in
den Graben herunter, wo er sich versteckt hatte. Die Räder kamen so nahe an
den Straßenrand heran, daß sie ihm fast die Finger zerquetschten. -
John Buchan, Grünmantel. Zeichnungen von Topor. Zürich 1980 (zuerst 1916)
Hängeleben (22)
- Jan Luyken, Folter des Geleijn Cornelus Breda 1572. Aus:
"
Märtyrerspiegel
"
Hängeleben (23)
Hängeleben (24)
Hängeleben (25)
Hängeleben (26)
Hängeleben (27)
Hängeleben (28)
-
Illustration zu de Sade: Juliette
oder Die Vorteile des Lasters
Hängeleben (29)
Die Kathedrale wurde repariert, und es waren viele Arbeiter da, die sich
überall zu schaffen machten, die Steinmetzen auf dem Platz und die Maurer,
die ganz winzig klein waren, weil sie so hoch oben an den Turmspitzen arbeiteten.
Eines Tages geschah ein Unglück. Ein Maurer stürzte ins Leere. Zum Glück
war unser kleiner Küster da und sah wie gewöhnlich zu. Er streckte die
Hand aus, und weil er alle kannte, rief er dem fallenden Mann zu: ›He,
Juan, warte einen Augenblick, ich bitte den Herrn Pfarrer um Erlaubnis,
ein Wunder tun zu dürfen!‹ Und er lief davon, um den Dekan zu suchen. Indessen
hing der Maurer zwischen Himmel und Erde. Schon sammelten sich die Passanten
an. Die anderen Arbeiter fluchten, denn sie fürchteten für das Leben ihres
Kameraden. Ich zitterte und schloß die Augen. Als ich sie wieder öffnete,
kam der Küster gerade zurück und schob und stieß den atemlosen alten Dekan
vor sich her, und der Maurer hing immer noch in der Luft, mit dem Kopf
nach unten, die Beine gespreizt und die Arme ausgestreckt, als wolle er
das Gleichgewicht halten. Da rief ihn der Küster an: ›Heda, Juan, du kannst
herunterkommen, der Herr Pfarrer ist einverstanden!‹ Und er hielt die
rechte Hand hoch und dirigierte den Fall des Mannes bis zum Boden, wobei
er ihm zurief: ›Hab keine Angst, Juan! Sachte, sachte, komm, mein Kleiner,
komm! Langsam, ganz langsam, nimm dir Zeit!‹ Und er fing den Maurer mit
der rechten Hand auf, denn die Linke taugte
zu nichts, und er hatte sie immer in der Tasche.« - Blaise Cendrars, Wahre Geschichten. Zürich 1979
Hängeleben (30)
Hängeleben (31)
Hängeleben (32) Sie hing mit den Händen am Fenstersims, aber ihre Gedanken waren ganz woanders; sie weilten bei der Begegnung in der Bar vor sechs Monaten. Ein kalter Wind strich über ihre Füße.
>Es tut mir nicht leid, daß ich mit ihm geschlafen habe<, dachte sie. Aus ihrem trüben Alltag, aus dieser Hölle ragte diese Begegnung einsam und vollkommen heraus.
Sie preßte sich an die rauhe Betonwand; der Stein drückte gegen ihre Nase,
ihre Wangen, ihre kleinen Brüste und den schwellenden Bauch bis hinunter zu
ihren Knien. Mit jedem Moment schien ihr Körper stärker an den dürren Armen
zu ziehen. Wenn ihre Arme das Gewicht nicht mehr halten konnten, ihre jetzt
schon tauben Finger unter der Belastung nachgaben, dann würde sie loslassen
und vom siebten Stock in die Tiefe stürzen. Nur noch ein wenig Geduld - zwei
Minuten, vielleicht drei. - Masako Togawa, Schwestern der Nacht. München
1990
Hängeleben (33) Der
Graf hat die Passion, drei Frauen über Öffnungen
aufzuhängen. Die eine wird an die Zunge gehängt und die Öffnung unter ihr ist
ein sehr tiefer Brunnen; die zweite wird an die Brüste gehängt und die Öffnung
unter ihr ist ein Recken mit glühenden Kohlen; die dritte bekommt einen Schnitt
rings um den Kopf, wird an den Haaren aufgehängt und die Öffnung unter ihr ist
mit Eisenspitzen besetzt. Wenn Zunge, Brüste und Haare nachgeben und sie stürzen,
entgehen sie der einen Qual nur, um in die andere zu
fallen. Wenn er kann, nimmt er drei schwangere Frauen,
sonst drei, die einer Familie angehören. - (
sad
)
Hängeleben (34)
Hängeleben (35)
Hängeleben (36)
Hängeleben (37)
Hängeleben (38)
Hängeleben (39)
Hängeleben (40)
Hängeleben (41)
Hängeleben (42)
- N. N.
Hängeleben (43)
Hängeleben (44) auch die die 400 meter über
dem boden mit den zähnen an das seil gehängt sind entgehen nicht den totstürzen.
nur batman macht so leicht keiner dumm, und
dabei müs sen sie noch gute miene zum bösen spiel machen um sich nicht auslachen
zu lassen, affen mensch und fleder mausmensch die beiden toppesgilt binden sich
gegen seitig ihre schlackwürste vor die augen bedecken die ohren mit dem eigenen
gerinnern kauern sich kriechen einer in den andren fast hinein umschliessen
einander fest oh so fest, so als wollten sie sich nicht mehr los lassen. - (loc)
Hängeleben (45)
Hängeleben (46)
- N. N.
Hängeleben (47) Als einziger Weg in die Grube erweist sich die Stahltrosse eines Flaschenzugs, der von einer Laufkatze an der Decke baumelt. Ein feister Gefreiter aus dem tiefen Süden lümmelt neben der Schalttafel und nuckelt an einer Flasche Wein. «Na, dann man los, Kamerad, kriegst 'ne Fahrt erster Klasse. Wie man die Dinger bedient, hab ich bei der WPA gelernt.» lan Scuffling zwirbelt seinen Schnurrer in etwas, das er für eine markige Note hält und hangt sich, einen Fuß in der Schlinge, den anderen frei schwingen lassend, ans Seil. Ein Elektromotor beginnt zu jaulen. Slo-throp läßt das Stahlgeländer los und klammert sich mit beiden Händen an das Kabel, während sich unter ihm fünfzehn Meter zwielichtiger Abgrund auftun. Hm ...
Wie er so hinausrollt über Stollen 41, tief unter sich taumelnde Köpfe und Bierschaumfetzen, die wie Fackeln durch die Schatten geistern, stoppt plötzlich der Motor, und er fällt wie ein Stein. O verdammt. «Zu jung!» kreischt er, seine Stimme überschlägt sich in schrillem Diskant, klingt wie ein Teenager im Radio, was ihm normalerweise peinlich wäre, aber da rast schon der Betonboden auf ihn zu, jede Verschalungsrille kann er sehen, jedes dunkle Kristall thüringischen Sandes, über den es ihn hinspritzen wird, und kein einziger Körper in der Nähe, der ihn mit glimpflichen Mehrfachbrüchen davonkommen ließe... Drei Meter vor Null steigt der Südstaatler in die Bremse. Irres Gelächter von oben und hinten. Das Kabel, straff gespannt, singt unter Slothrops Hand, bis er den Griff verliert, fällt und sanft schaukelnd, kopfunter am Fuß hängend, zwischen die um das Faß gescharte Festgemeinde transponiert wird, die sich, an diese Art der Ankunft längst gewöhnt, nicht vom Singen abhalten läßt:
'nen General gab es mal namens Pope,
Der liebte
ein Oszilloskop.
Es war die zwinkernde Röhre,
Die ihn derart betörte,
Daß
man ihn seiner Ämter enthob.
- Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbek bei
Hamburg 1981
Hängeleben (48)
VIERZEILER DEN VILLON MACHTE, ALS ER ZUM TOD VERURTEILT WURDE. Ich bin Franzose, was mich bitter kränkt,
|
- François Villon, nach: F. V., Lieder und Balladen. Zürich
1987 (Übs. K. L. Ammer, zuerst 1907)
Hängeleben (49)
- Georges Pichard
Hängeleben (50) Ein Galgen
erhob sich auf dem Erdboden; in einem Meter Abstand vom Boden baumelte ein Mensch,
der mit hinten gefesselten Armen an den Haaren aufgehängt war. Seine Beine hatte
man frei gelassen, um seine Qualen zu steigern und sein Verlangen, ganz gleich
wonach, zu vergrößern, wenn es nur das Gegenteil seiner gebundenen Arme wäre.
Die Haut der Stirn war duch das hängende Gewicht derart gespannt, daß sein Gesicht,
umständehalber zur Abwesenheit des natürlichen Ausdrucks verurteilt, an die
steinartige Verhärtung eines Stalaktits erinnerte. Seit drei Tagen ertrug er
diese Marter. Er schrie: «Wer löst mir die Arme? wer löst mir die Haare? Ich
mache Verrenkungen, welche die Haarwurzeln nur noch mehr von meinem Haupte trennen;
Durst und Hunger sind nicht die Hauptursachen meiner Schlaflosigkeit.
Es ist unmöglich, daß meine Existenz über die Schranken einer Stunde hinausreiche.
Herbei, um mir die Kehle mit einem spitzen Kiesel zu öffnen!» Jedes Wort wurde
von heftigem Brüllen eingeleitet und beendet. Ich stürzte aus dem Busch hervor,
hinter dem ich Schutz gesucht hatte und wandte mich dem Hampelmann oder dem
Fetzen Speck zu, der dort oben hing. Aber da näherten sich aus entgegengesetzter
Richtung tänzelnd zwei betrunkene Frauen. Die eine trug einen Sack und zwei
Peitschen mit Bleisträngen, die andere ein Fäßchen voll Teer und zwei Pinsel.
Die ergrauenden Haare der älteren wehten im Wind wie die Fetzen eines zerrissenen
Segels, und die Knöchel der ändern knallten gegeneinander wie die Schwanzschläge
eines Thunfisches auf das Deck eines Schiffes. Die Flamme, die ihre Augen erleuchtete,
war so schwarz und so gewaltig, daß ich zuerst glaubte, diese beiden Frauen
wären nicht von meiner Art. Sie lachten mit so egoistischer Sicherheit und ihre
Züge flößten einen solchen Ekel ein, daß ich keinen Augenblick daran zweifelte,
die beiden scheußlichsten Exemplare der menschlichen Rasse vor Augen zu haben.
Ich versteckte mich wieder hinter dem Busch und verhielt mich mäuschenstill
wie der Acantophorus serraticornis, der nur den Kopf aus seinem Nest hinausstreckt.
Sie näherten sich mit der Schnelligkeit der Flut; das Ohr auf den Erdboden pressend,
vernahm ich deutlich die lyrische Erschütterung ihrer Schritte. Als die beiden
Orang-Utan-Weibchen unter dem Galgen angelangt waren, durchschnüffelten sie
einige Sekunden lang die Luft; ihre extravaganten Gebärden drückten eine wirklich
bemerkenswerte Menge von Verblüffung aus, die von der Feststellung verursacht
wurde, daß sich an dieser Stätte nichts verändert hatte: der Tod, die ihren
Wünschen entsprechende Lösung, war nicht eingetreten. Sie hatten nicht geruht,
das Haupt zu heben, um festzustellen, ob die Mortadella sich noch auf demselben
Platz befand. Die eine sagte: «Ist es möglich, daß du noch atmend bist? Du hast
ein zähes Leben, mein heißgeliebter Gatte.» - (mal
Hängeleben (51)
- Namio Harukawa
Hängeleben (52)
Hängeleben (53) Ich zappelte, versuchte mit den nassen Fußsohlen Halt an der
herabhängenden Tür
zu finden, und selbst als mir die Kraft zum
Strampeln schwand, ließ ich nicht los, als könnten noch ungeahnte
Kräfte in meine lahm werdenden Arme schießen. Statt dessen wurde ich
von hinten angepackt. Während sich große, warme Hände um meine Waden
schlossen, vernahm ich jenes rasselnde Einverleiben, jenes puffartige
Ausstoßen der Luft, das mir an meinem fetten und, wie sich nun zeigen
sollte, auch starken Bademeister aufgefallen war. Er stemmte mich mit
einem Ruck empor, schon war ich mit dem Kopf im oberen Raum, dann aber
hielt er mit dem Heben inne. Sein muskulöser, spürbar behaarter Arm
drückte meine Unterschenkel gegen das grobe Netzhemd, sein Bauch
klopfte im Rhythmus rascher Atemstöße gegen meine Fersen - und
schließlich mußte ich fühlen, wie seine freigewordene andere Hand damit
begann, durch den zum Glück sehr dicht gewebten Hosenstoff, tastend,
drückend, reibend und kneifend, Kontakt mit meinem Geschlechtsteil
aufzunehmen. So hängend, so gehalten, wußte ich nicht, wie ich weiter
nach oben dringen sollte, zugleich war mir der Weg zurück verwehrt. Mit
meinen Ellenbogen, die schon auf dem Türstock lagen, schlug ich wie mit
gestutzten Flügeln, mit den Beinen, die der Griff des Bademeisters zu
einer Flosse aneinander-preßte, versuchte ich mich aufzubäumen, jedoch
das Zucken der Gesäß- und Schenkelmuskeln verlor schneller an Kraft als
das Zappeln eines an Land geworfenen Fisches. Zumindest wollte es den
wurstigen Fingern meines Peinigers nicht gelingen, einen der Knöpfe,
die meine Hose verschlossen, aus seinem Schlitz zu pulen.
Die Rettung griff, gerade als ich es wagen wollte, mich rücklings über
ihn hinabfallen zu lassen, von oben aus der Dunkelheit. Hände packten
mein Sakko, Hände fuhren mir unter die Achseln, und zwei sich
abwechselnde Männerstimmen schimpften in einer mir unbekannten Sprache
und in einem seltsam wehklagenden Ton, erreichten mit diesem
Jammerschmähen, daß mich der Bademeister losließ und sich murrend, mit
seinen Holzpantinen durch die Wasserlachen patschend, trollte. - Georg Klein,
Barbar Rosa. Berlin
2001
Hängeleben (54)
- Georges Pichard, Kamasutra-Illustrationen
Hängeleben (55)
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