reif

- (mer)

Greif (2) Die Skythen fürchteten die Wüste Gobi: Salzpfannen ausgetrockneter Seen, karge Gebirgszüge und ein Meer aus Sand breiteten sich vor den Nomaden aus. Mehr als die abweisende Natur aber ängstigte sie ein Bewohner der unwirtlichen Landschaft. Dort nämlich hauste ein Ungetüm mit Adlerkopf, messerscharfen Krallen, Schwingen und dem Hinterleib eines Löwen: der Vogel Greif.



Greif, wirklicher

Für die Altertumswissenschaftler blieb er bis heute ein Fabelwesen. Mayor dagegen suchte das Körnchen Wahrheit in der Legende. Von Paläontologen erfuhr sie, wie reich die Wüste Gobi an Fossilien sei: Dort gleiche manch baumloser Berghang einem Schlachtfeld, auf dem Knochen von Dinosauriem in der Wüstensonne bleichen. Muss das, fragt Mayor, auf die umherziehenden Nomaden nicht tiefen Eindruck gemacht haben?



Protoceratops-Skelett

Eines der Skelette, so hat die Wissenschaftlerin festgestellt, gleicht dem Greif besonders: der Protoceratops, ein häufig gefundener Saurier in der asiatischen Wüste. Seine Schnauze mutet an wie ein Papageienschnabel, der große Nackenschild lässt sich mit Flügelansätzen verwechseln. In seinen offen liegenden Nestern lassen sich noch heute steinerne Eier erkennen. Bisweilen erodiert aus dem Felsgestein gar ein stehend im Sandsturm zu Grunde gegangenes Tier - so, als bewache es noch heute das Berggold.



Protoceratops-Rekonstruktion - SPIEGEL 37 / 2000

Greif  (3) Der Greif ist sehr warm und hat etwas von den Naturen der Vögel und der (Säuge-)Tiere an sich. Die Vogelnatur macht ihn so hurtig, daß ihn eine Last aus seinem Körper nicht beschwert; infolge seiner Bestiennatur verzehrt er Menschen. Wenn er in der Luft fliegt, dann steigt er nicht zu ganz glühender Hitze empor, sondern nähert sich ihr nur etwas. Sein Fleisch ist dem Menschen nicht zuträglich; äße er davon, so würde er sich sehr schaden, weil der Greif in dieser Beziehung ganz die Raubtiernatur hat; freilich fehlt ihm sonst etwas an beiden Naturen.

Naht die Zeit, zu der er seine Eier legt, dann sucht er eine geräumige Höhle mit einem so engen Zugange, daß er kaum hineinschlüpfen kann. Hier bewacht er sorgfältig seine Eier. Dabei hat er vor dem Löwen Furcht, der diese Eier von weitem riecht. Kann er dazukommen, so zertritt und zerbricht er sie, weil ihm der Greif stets nachstellt, und deshalb leidet er ihn auch nicht in seiner Nähe. Der Löwe verachtet die Stärke des Greifes. Der Greif legt seine Eier so, daß weder das Sonnenlicht noch das Windeswehen sie berühren kann. Aber weder sein Fleisch, noch seine Eier und was sonst in ihm ist, hat Wert für Heilzwecke, weil er mehr die Mängel als die Vorzüge seiner beiden Naturen besitzt. - (bin)

Greif  (4) DER GREIF ein Löwe mit einem Geierschnabel, weißen Flügeln, roten Klauen und blauem Hals.

Ich bin der Herr der verborgenen Schätze. Ich kenne das Geheimnis der Gräber, in denen die alten Könige schlafen.

Eine Kette an der Mauer hält ihnen den Kopf. In ihrer Nähe schwimmen in Porphyrbecken die Frauen, die sie geliebt haben, auf einer schwarzen Flüssigkeit. Ihre Schätze häufen sich rauten-, türm- und pyramidenförmig in den Sälen; und tief unter den Gräbern, nach langen Reisen durch erstickende Finsternis, sind Goldflüsse, Diamantenwälder, Karfunkelwiesen, Quecksilberseen.

An das unterirdische Tor gelehnt, spähe ich mit erhobener Klaue nach Ankömmlingen. Die ungeheure Ebene liegt nackt da, weiß von den Gebeinen der Wanderer bis zum Horizont. Dir werden sich die Bronzeflügel auftun, du wirst den Dunst in den Minen atmen und in die Höhlen hinabsteigen ... Schnell! Schnell! - (vers)

Greif  (5)   Nun müßt ihr aber wissen, daß es dort im Süden, wo die Schiffe der Drift wegen so ungern hinfahren, sehr viele Inseln gibt. Die Leute erzählen, es brüten dort Greife, und zu gewissen Zeiten im Jahr könne man sie beobachten. Denkt nun nicht, sie sähen so aus, wie man bei uns fabuliert und wie wir sie darstellen, nämlich halb Vogel und halb Löwe. Diejenigen, die die Greife wirklich gesehen haben, versichern, es entspreche keineswegs der Wahrheit, daß die Greife halb Vogel, halb Löwe seien, sondern sie glichen genau den Adlern und seien über alle Maßen groß. Ich wiederhole jetzt die Schilderungen der Augenzeugen, danach erzähle ich meine Erlebnisse. Sie berichten, der Vogel Greif sei riesig und stark, er vermöge einen Elefanten zu packen und hoch in die Luft zu tragen. Er lasse ihn dann irgendwo fallen; der Elefant bleibe auf dem Boden zerschmettert liegen; der Greif stürze sich darauf, reiße das Fleisch von den Knochen und verzehre die Beute ganz. Die Augenzeugen behaupten, die Flügelspannweite betrage dreißig Schritt, und die Federn seien zwölf Schritt lang. Die Greife sind ihrer Größe entsprechend dick und schwer. Das, was ich selbst erlebt habe, wird in einem andern Zusammenhang zur Sprache kommen, wo es besser hinpaßt.

Nun habe ich euch wissen lassen, was die Augenzeugen mitgeteilt haben. Bekanntlich hat der Großkhan Kundschafter auf die Südinseln geschickt, um einerseits zu erfahren, wie es dort aussieht, und andererseits, um einen früheren Kundschafter, der dort gefangengehalten wurde, wieder freizubekommen. Nach ihrer Rückkehr meldeten die Kundschafter und der Befreite dem Großkhan viel Sonderbares von den Inseln. Sie brachten dem Kaiser einen mächtigen Wildeberzahn. Der Kaiser ließ ihn wiegen; er hatte ein Gewicht von vierzehn Pfund. Ihr mögt euch vorstellen, wie riesig der Eber gewesen sein muß, der einen solchen Hauer hatte! Die Kundschafter berichteten, die Wildschweine seien dort so groß wie Büffel, und es gebe auch Giraffen dort und Wildesel, und die Tiere und Vögel seien allesamt verschieden von den unsrigen. Sie meinten, was man in Wirklichkeit dort sehe, sei ein noch größeres Wunder, als was man davon erzählen höre.

Wir wenden uns noch einmal unserm Vogel Greif zu. Die Insulaner heißen ihn Rock, sie kennen keinen andern Namen und wissen nicht, daß er ein Greif ist. Aber wir sind sicher, es kann, aufgrund der geschilderten Größe, nichts anderes als ein Greif sein.  - (polo)

Greif  (6)  Der Greif muß oft mit Menschen zusammengekommen sein, denn sein Aussehen ist genau bekannt: Das Tier ist - wie Aelianus aufzählt - vierfüßig wie die Löwen und hat gewaltig starke Klauen. Auf dem Rücken trägt es Flügel wie ein Adler, sein Leib ist mit schwarzen Federn bedeckt, am vorderen Teil auch mit roten Federn; die Flügel sind weiß. Kopf und Hals gleichen dem Adler, der Hals ist mit dunkelblauen Federn geblümt, die Augen flammen: ein eindrucksvolles Wappentier. Seine Stärke kommt der des Vogels Rock gleich: Sein Leib ist wie der von acht Löwen und seine Kraft größer als die von hundert Adlern. Menschen vermag er fortzuschleppen, auch einen Ochsen mitsamt dem Pflug und dem pflügenden Bauern dazu. Seine Zehe ist länger als eines Ochsen Horn, und von seinen Federn macht man die besten Bogen zum Schießen.

Zu dieser Kraft kommt seine Weisheit. „Er frißt Menschen und weiß alles". - (buch)

Greif  (7)  

Sie stießen  auf einen Greif, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn ihr nicht wißt, was ein Greif ist, könnt ihr euch ja das Bild ansehen.) »Auf, Faulpelz!« sagte die Königin, »und bringe dieses Fräulein zu der Falschen Suppenschildkröte, daß sie ihre Lebensgeschichte erfährt. Ich muß fort, um einige Hinrichtungen zu beaufsichtigen«, und damit ging sie davon und ließ Alice mit dem Greif allein.   - Lewis Carroll, Alice im Wunderland (Insel-Bücherei 896, zuerst 1865)

Greif  (8)  « Jo. de Montevilla spricht/ der cörper eines grossen Greyffen/ ist grösser dann acht Löewen in diesen landen/ dann er so ein Rind/ Ochsen/ Pferd oder Menschen auch gewapnet ertödtet/ heb er in auff und trägt jn hinweg mit vollem und gantzem flug. Dessen klawn sind gleich den Ochsenhörnern/ auß denen man köstliche trinckgeschirr machet/ von den federn aber seiner flügeln macht man starcke bogen/ pfeil und glänen.» Der im allgemeinen kritische Gessner kann das allerdings nicht glauben. «Ich C. Gessner bin eingedenck daß ich etwan in unserer statt bey einem gold-schmid ein schwarte glatt hörn gesehen/ das oben krumb/ gar nahe als gembsen/ villeicht dreymal dicker/ umb welches der goldschmid ein silbern mundstück machen wolt/ damit man es für ein trinckgeschirr darstellte/ das war vielleicht etwan eines frembden oder Indianischen Ochsen horn/ oder eines Püffels/ wiewohl er das für eine Greyffenklawn empfangen hatte. - John Mandeville nach Konrad Gessner nach Colin Clair, Unnatürliche Geschichten. Ein Bestiarium, Zürich 1969 (zuerst 1967)

Fabeltiere Ähnlichkeit Forschung Skelett
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