elehrter   Marcus Zuerius Boxhorn, der berühmte Professor zu Leyden in Holland, sagte gewissermaßen mit mehr Überzeugung: quantum est, quod nescitur! (Wie vieles giebt es doch, das wir nicht wissen) als es andere würden gesagt haben.

Man zählte ihn unter die frühzeitigen Gelehrten, indem er schon in seinem sechszehnten Jahre Bücher schrieb.

Allein es wäre gut gewesen, wenn er bei seinem vielen Wissen, auch das gewußt hätte, daß das ausschweifende Tabakrauchen schädlich ist; denn er starb an dem übermäßigen Gebrauch dieser Pflanze.

Die Liebe zu dieser Delicatesse machte ihn so sinnreich, daß er sich einen Huth vorne mit einem Loche anschaffte, darein er die Pfeife steckte, damit der Rauch oben heraus gehen könnte. In dieser sonderbaren Positur saß er Tag und Nacht über den Büchern und dampfte. - Friedrich Sternberg: Knasterkopfs Annehmlichkeiten und Freuden. Ein nothwendiges und höchst nützliches Taschenbuch für jeden Tabaksraucher, dem seine Gesundheit lieb ist und der eine angenehme Unterhaltung wünscht. Ronneburg 1834. (Neu: Harenberg 1978)

Gelehrter (2)

- grand

Gelehrter (3) All diese Lagen und Stellungen sind bei Gott verhaßt, so daß der heilige Hieronymus sagte: »Wer sich bei seiner Frau mehr als geiler Liebhaber denn als Gatte beträgt, ist ein Ehebrecher und ein Sünder.« Und weil ein paar gelehrte Kirchenväter davon redeten, will ich das Wort kurz lateinisch hersetzen, da sie selber es nicht auf französisch sagen wollten: ›Exassus‹, sagen sie, ›conjugum fit, quando uxor cognoscitur ante retro stando, sedendo in latere, et mulier super virum‹; wie ein kleines Quodlibet, das ich früher gelesen hatte, sagte:

›In prato viridi monialem ludere vidi
Cum monacho leviter, ille sub, illa super.‹

›Auf einer grünen Wiese sah ich eine Nonne leichtfertig
mit einem Mönch ihr Spiel treiben, er lag unten, sie auf ihm.‹  

- (brant)

Gelehrte (4) Der 1954 erschienene Gelehrtenkalender von Kürschner zählt unter allen Deutschsprachigen der Welt ganze 14 000 lebende akademisch qualifizierte Dozenten auf — notabene aller Fachgebiete, außer den vier klassischen Fakultäten auch noch die Angehörigen der technischen und tierärztlichen Hochschulen, pädagogischen, Forst- und sonstigen Akademien und Institute.

Wer gut rechnen kann, beziehe diese verschwindend geringe Zahl auf die Abermillionen deutschsprechender Menschen und errechne den winzigen pro-Mille-Satz der Universitätslehrer — und vergleiche ihn mit den 10 Prozent ausgesprochen törichter Menschen innerhalb derselben Bezugspopulation. Das soll natürlich nicht heißen, daß Intelligenz akademisch qualifiziert sein müsse, oder daß nur unter Hochschullehrern höhere Gescheitheit zu finden sei. Wieviel kluge Männer in der Wirtschaft, in der Beamten- und Angestelltenschaft, in den Gewerkschaften und unter den Politikern sich finden, weiß ich wohl. Daß aber die akademischen Forscher- und Lehrstühle nicht nur abstrakte Denker brauchen, zeigt ja gerade die moderne wissenschaftliche Entwicklung, die zugleich automatisch Anregerin der Praxis, der Wirtschaft und der Kriegstechnik und damit der entscheidenden Grundlagen für die Existenz gerade auch der törichten Menschenmengen geworden ist. - Horst Geyer, Prof. Dr. med. habil., Über die Dummheit (zitiert nach der 11. unveränderten Auflage Wiesbaden 1984, zuerst 1954)

Gelehrte (5) Ständig hängen sie ihren Gedanken nach, sitzen geistesabwesend herum und handeln und benehmen sich auch so. Fulgosus erwähnt, daß Thomas von Aquin, als er an der Tafel Ludwigs von Frankreich speiste, plötzlich mit der Faust auf den Tisch schlug und ausrief: Damit sind die Manichäer widerlegt. So zerstreut war er und in seinem Kopf mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Als er seinen Fehler bemerkte, wurde er sehr verlegen. - (bur)

Gelehrte (6)  Ein Gelehrter hat eine Frau, auf deren wissenschaftliche und künstliche Bildung er sich viel zu gute thut, und sie für sehr treu aus poetischen Enthusiasmus für treue Liebe hält; über deren nachherige Untreue er in große Betrübniß verfällt; worauf er um sich wieder zu erholen seine Zuflucht zu einem Dienstmädchen nimmt, die er durch die Kraft seiner Bildung leicht zu überreden hofft, aber von ihrem Bräutigam, der sich statt ihrer ins Bette liegt, übel empfangen und mit Schlägen wohl zugerichtet wird, also daß er zu seinem Schüler mit vieler Traurigkeit sagt: Wollte Gott, daß es umgekehrt gewesen wäre, und meine Frau die Bildung der Magd, die Magd aber die Bildung der Frau gehabt hätte, so würde ich kein Hahnrey seyn und mir den Buckel schmieren lassen müssen, denn ich sehe wohl, daß bey einem Frauenzimmer je ordentlicher und behender die Gedanken werden, desto unordentlicher und unbiegsamer werden die Begierden, und könnt ihr, werthester Freund euch meines Exempels zur heilsamen Lehre bedienen. - Novalis

Gelehrter (7)

- N.N.

Gelehrter (8)


 
 
 
 
 

 -  Betrugs=Lexikon, worinnen die meisten Betrügereyen in allen Ständen, nebst denen darwider guthen Theils dienenden Mitteln entdecket von Georg Paul Hönn. München 1977 (zuerst 1721)

Gelehrter (9) Eine der meistgeehrten Persönlichkeiten im jüdischen Leben war der talmed-chochem. Er war der Gebildetste der Gebildeten, ein Weiser und ein Gelehrter, einer der seltenen, gänzlich durchgeistigten Menschen, die »Schüler der Weisen« genannt wurden. Er war einer von denen, die vielleicht zum großen »Meer des Talmud« beitragen würden.

Der Talmudgelehrte war nicht nur gebildet, sondern auch in seiner Kleidung und seiner Persönlichkeit makellos. Persönliche Bequemlichkeit und materielle Belohnungen waren ihm gleichgültig. Seinem Wesen nach war er freundlich; gegenüber anderen war er sensibel; er war still und demütig; seine Augen waren stets niedergeschlagen und sein Verhalten war untadelig. Seine Gelehrsamkeit war stets mit Redlichkeit und Mitleid verbunden.

Dabei setzte man voraus, dass diese Tugenden ohnehin Hand in Hand gehen. Wer die Tora studiert, muss unweigerlich tugendhaft sein, und wer genug weiß, kann nichts Böses tun. Ein bestechlicher, eitler oder wollüstiger talmed-chochem war undenkbar - eine contradictio in adiecto.

Es gab keine bestimmte Instanz, die einen Mann zum talmed-chochem machen konnte. Der Ehrentitel wurde vielmehr durch die allmählich wachsende Anerkennung durch andere erworben.

Wenn ein junger Mann sich in seinen Diskussionen als klüger, einsichtsvoller, edler und weiser als seine Altersgenossen erwies, wurde er allmählich zum chochem (allerdings war er dann meist nicht mehr jung).

Wohlgemerkt: Der talmed-chochem bleibt zeitlebens ein Schüler; das heißt die »endgültige Wahrheit« kann er niemals erfahren. Der chochem bleibt immer ein Fragender und Suchender. Sein Ziel erreicht er nie: Das Lernen ist endlos.

Den chachomim wurde von den Juden oft die jüdische Gemeindesteuer erlassen, nicht nur weil sie notorisch arm waren, sondern weil ihre Mitmenschen wünschten, dass sie jede Minute mit Talmudstudien verbrachten. Wer konnte schließlich wissen, was für Vorteile ihre Gelehrsamkeit den anderen bringen mochte? »Chachomim stärken den Frieden der Welt«, heißt es im Talmud.

Die chachomim lernten für die Gemeinschaft und deren Wohlergehen. Im Gegenzug wurde der Talmudschüler von der Gemeinde unterstützt. Die Hauptlast trugen aber meistens die Frauen der chachomim, die von der Gemeinschaft geschätzt wurden, weil sie unendliche Mühen auf sich nahmen, um ihrem Ehemann ein möglichst ununterbrochenes Studium der Heiligen Schrift zu erlauben.  - (ji)

Gelehrter (10)  Eine kleine Nähterin wird verführt und unglücklich gemacht; ein großer Gelehrter aller vier Fakultäten ist der Übeltäter. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein? Nein, gewiß nicht! Ohne die Beihilfe des leibhaftigen Teufels hätte es der große Gelehrte nicht zustande gebracht. — Sollte dies wirklich der größte deutsche "tragische Gedanke" sein, wie man unter Deutschen sagen hört? -  Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Stuttgart 1964 (zuerst 1878)

Gelehrter (11)  Zwei nach ihren Gründern Schamai und Hillel benannte Gelehrtenschulen, die im 1. Jhdt. n. Z. in Jerusalem blühten und den Grundstein zur Entwicklung des Halacha- (Rechts-) Studiums gelegt haben. Die Meinungsverschiedenheiten vermehrten sich schließlich dermaßen, dass es hieß: "Aus der einen Lehre sind zwei entstanden". Während die Hilleliten das Leben mit der Lehre lockern wollten, übertrieben die Schamaiten die Strenge der Gesetzesauffassung. Im Laufe der Zeit setzte sich die Schule Hillel wegen ihrer milden und menschenfreundlichen Einstellung gegenüber der Schule Schamais durch.

Zu den Unterschieden zwischen den beiden Schulen einige Beispiele:

Wer die Absicht hat, sich an einen Depositum zu vergreifen (eine Unterschlagung zu begehen), ist, wie die Schule Schamai (B-S) sagt, haftbar; die Schule Hillel (B-H) sagt, er sei erst dann haftbar, wenn er sich daran vergriffen hat. B-S sagt, dass er wegen der Absicht wie wegen der Tat schuldig sei; B-H sagt, er sei nur schuldig, wenn er sich vergriffen hat.

Wenn jemand einen Balken geraubt und ihn in ein Gebäude eingebaut hat, so muss er, wie B-S sagt, das ganze Gebäude niederreißen und den Balken seinem Eigentümer zurückgeben; B-H sagt, der Beraubte kann nur den Wert des Balkens beanspruchen.

Wie erfolgt der Tanz vor der Braut? B-S sagt, je nach der Beschaffenheit der Braut. B-H sagt, man spreche "schöne Braut und liebreiche". B-S sprach zu B-H: Wie sollte man, wenn sie lahm oder blind ist, über sie sagen: schöne Braut und liebreiche? Die Tora sagt ja, von einer Lüge halte dich fern. B-H erwiderte: Hat man, nach eurer Ansicht, wenn jemand einen schlechten Kauf auf dem Markte gemacht hat, die Ware in seinen Augen zu loben oder herabzusetzen? Doch wohl zu loben! Hierauf bezugnehmend sagten die Weisen: Stets passe man seine Sinnesart der seiner Mitmenschen an. Als R. Dimi nach Babylonien kam, sagte er: Im Westen (Judäa) singen sie vor der Braut: "Keine blauuntermalten Augen, keine Schminke und keine Frisur, und doch eine anmutige Gazelle."   - Forschungsstelle für jüdisches Recht

Gelehrter (12)  "WEh euch Schrifftgelerten vnd Phariseer / jr  Heuchler / Die jr verzehendet die Mintz / Till / vnd Kümel / vnd lasset dahinden das schwerest im Gesetz / nemlich / Das Gerichte / die Barmhertzigkeit vnd den Glauben / Dis solt man thun / vnd jenes nicht lassen. Ihr verblente Leiter / Die jr Mucken seiget / vnd Kamel verschluckt. - (lut)

Gelehrter (13)  Sie bestellen sich große Hüte, größere als die von gewöhnlichen Menschen, damit es sofort zu sehen ist, daß sie Schriftgelehrte sind. Sie tragen gern seidene Kleider, zeigen sich aber ungern an öffentlichen Orten, damit der Respekt nicht abnehme.

Sie hacken einander nicht gern die Augen aus, obgleich sie alle heimliche Feinde sind.

Wenn sie ihren Mund aufmachen und sprechen, dann verstummt jede Kritik, dann gibt es nichts mehr zu zweifeln; magister dixit.

Die Unfehlbarkeit des Papstes bedeutet nur, daß er vergleichbar dem uneingeschränkten Monarchen das Veto dem Konzil gegenüber besitzt, aber die Unfehlbarheit der Schriftgelehrten, das ist die absolute Autorität, der blinde Buchstabenglaube, credo quia absurdum, non possumus. Wenn du nicht an ihre Vermutungen, Hypothesen, Dummheiten glaubst, so wirst du allerdings nicht verbrannt, aber du wirst gehängt.  - (blau)

Gelehrter (14)


IVAN TURGENEV: Alter Gelehrter, traurig, Junggeselle, schwerfällig, doch scharfsinnig, vielleicht Erfinder, die Stimme tief und sandig, die Zähne lang und lückenhaft, die Mundhöhle schwarz. Tropfen an der Nase — riecht sauer und fettig, ist sehr schmutzig.

PAULINE VIARDOT: Buchhändler, guter Großvater, anständig, schwach, Mann der Illusionen, hat Anfälle von Melancholie, ist langweilig, verblödet mit zunehmendem Alter; Lektüre ist seine Beschäftigung. Seine Enkel spielen Bockspringen über seinen Rücken. Ist ein Halbgelehrter.

 - (turg)

Gelehrter (15)  Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein stumpfer oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts als an gehörigem Grade des Verstandes und eignen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl, sogar bis zur Gelehrsamkeit, auszurüsten. Da es aber gemeiniglich alsdenn auch an jenem  zu fehlen pflegt, so ist es nichts Ungewöhnliches, sehr gelehrte Männer anzutreffen, die, im Gebrauche ihrer Wissenschaft, jenen nie zu bessernden Mangel häufig blicken lassen. - Immanuel Kant, nach (bes)

Gelehrter (16)  Die Gabe, sich widersprechen zu lassen, ist wohl überhaupt eine Gabe, die unter den Gelehrten nur die Toten haben. Nun will ich sie eben nicht für so wichtig ausgeben, daß man, um sie zu besitzen, gestorben zu sein wünschen sollte: denn um diesen Preis sind vielleicht auch größre Vollkommenheiten zu teuer. Ich will nur sagen, daß es sehr gut sein würde, wenn auch noch lebende Gelehrte, immer im voraus, ein wenig tot zu sein lernen wollten. Endlich müssen sie doch eine Nachwelt zurücklassen, die alles Zufällige von ihrem Ruhme absondert und die keine Ehrerbietigkeit zurückhalten wird, über ihre Fehler zu lachen. Warum wollen sie also nicht schon itzt diese Nachwelt ertragen lernen, die sich hier und da in einem ankündiget, dem es gleichviel ist, ob sie ihn für neidisch oder für ungesittet halten? - Lessing, Rettungen des Horaz

Gelehrter (17)  Die Gelehrten haben meistens die abgeschliffenste Gleichgiltigkeit gegen Recht und Unrecht und vermiethen ihr Bißchen erbärmliche Dialektik für den schmutzigsten Gewinn an den Meistbietenden; aber die Staatsverweser und Religionsvorsteher thun auch alles Mögliche, um aus rechtlichen, vernünftigen Leuten Indifferentisten zu machen. - (seume)

Gelehrter (18)   Kleine Knaben müßten in einer bedeutenden Privatbibliothek aufwachsen. Der tägliche Umgang mit nur ernsten Geistern, die kluge, dunkle, gedämpfte Atmosphäre, eine hartnäckige Gewöhnung an peinlichste Ordnung, im Raum wie in der Zeit — welche Umgebung eignete sich besser, um so zarten Geschöpfen über ihre Jugend hinwegzuhelfen? Der einzige Mensch in dieser Stadt, der eine ernstzunehmende Privatbibliothek besaß, war eben Kien selbst. Er konnte keine Kinder zu sich nehmen. Seine Arbeit erlaubte ihm keine Abschweifungen. Kinder machen Lärm. Man muß sich mit ihnen beschäftigen. Ihre Pflege erfordert eine Frau. Fürs Kochen genügt eine gewöhnliche Wirtschafterin. Für Kinder muß man sich eine Mutter halten. Wenn eine Mutter nur Mutter wäre; welche begnügt sich aber mit ihrer eigentlichen Rolle? Im Hauptfach ist eine jede Frau und stellt Ansprüche, die ein ehrlicher Gelehrter nicht im Traum zu erfüllen gedenkt. - Elias Canetti, Die Blendung. Frankfurt am Main 200 (zuerst 1935)

Gelehrter (19)  Es ist amüsant, daß diese gemeinen Naturen ausschließlich auf die Wissenschaft angewiesen sind - der Rest, alles außerhalb von diesem, ist für sie Schwindel, und darum sind sie unaufhörlich daran, vor Angst zu sterben, daß man sie anschwindeln könnte. - Witold Gombrowicz

Gelehrter (frommer)  Reb Naphtali  ging in eine Jeschiwa und brachte von dort einen jungen Mann namens Zemach mit, eine Waise und ein frommer Gelehrter. Er war dunkel wie ein Zigeuner, klein und breitschultrig. Seine Schläfenlocken waren dicht. Er war kurzsichtig und verbrachte achtzehn Stunden am Tag im Studium, er ›lernte‹. Kaum in Krasnobrod angekommen, ging er schon ins Lehrhaus und begann, sich vor dem aufgeschlagenen Band des Talmud im Rhythmus zu wiegen. Auch seine Schläfenlocken wiegten sich. Talmudschüler kamen, um mit ihm zu sprechen, und er antwortete, ohne den Blick vom Buch zu erheben. Er schien den Talmud auswendig zu können, denn er ertappte jeden bei falschen Zitaten. - Isaac Bashevis Singer, Eine Krone aus Federn. In: I.B.S., Der Kabbalist vom East Broadway. München 1978 (zuerst 1972)

Gelehrter (20)  Nun war einmal ein Gelehrter, der hatte einen Fuchs zum Freund. Der Fuchs nahm ihn bei Nacht mit sich und ging mit ihm in den Dörfern spazieren. Sie konnten in die Häuser gehen und alles sehen, was dort geschah, ohne daß die Leute sie bemerkten. Wenn er aber von fern auf einem Hause einen roten Schein leuchten sah, so ging der Fuchs nicht hinein. Der Gelehrte fragte ihn nach dem Grunde.

„Das sind alles berühmte Gelehrte", antwortete der Fuchs. „Je größer der Glanz, desto umfassender ist ihre Bildung. Ich scheue mich vor ihnen und wage nicht, bei ihnen einzutreten."

Da sprach der Mann: „Ich bin doch auch ein Gelehrter. Hab ich denn keinen Schein, daß du dich nicht vor mir scheust, sondern mit mir spazieren gehst?"

„Auf deinem Kopf ist nur ein schwarzer Dunst", erwiderte der Fuchs. „Ich hab noch nie einen Schein bei dir entdeckt."

Der Gelehrte schämte sich und fuhr ihn an; der Fuchs aber verschwand unter wieherndem Gelächter. - (chm)

Gelehrter (21)   

Gelehrter (22)

Gelehrter (23)  Einmal war ein Gelehrter zu Gast, der von der Schönheit und Grazie des Mädchens so freudig erregt war, daß unzüchtige Gedanken in ihm erwachten. Da sagte das Mädchen voller Zorn: «Wie kommt dieser Wilde dazu, derart sittenlos zu sein!» und gab ihren Geistern Befehl, ihm eine Tracht Prügel verabreichen zu lassen. Im Nu wälzte sich der Gast am Boden, schrie laut vor Schmerzen und bat um Mitleid, während sich seine Schultern mit Spuren von Prügeln bedeckten. Als die übrigen Gäste für ihn baten, rief Fräulein Lin ihre Dienerin, die dem Gestraften eine Medizin einflößte, welche ihn sofort gänzlich von seinen Schmerzen befreite, so daß er mit den andern wie zuvor vergnügt weiter zechen konnte. - Aus: Die Goldene Truhe. Chinesische Novellen aus zwei Jahrtausenden. München 1961

Gelehrter (24) Geben sie sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und Wahrheiten: ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem Sumpfe stamme: und wahrlich, ich hörte auch schon den Frosch aus ihr quaken!

Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will meine Einfalt bei ihrer Vielfalt! Alles Fädeln und Knüpfen und Weben verstehn ihre Finger: also wirken sie die Strümpfe des Geistes!

Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann zeigen sie ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen Lärm dabei.

Gleich Mühlwerken arbeiten sie und stampfen: man werfe ihnen nur seine Fruchtkörner zu! - sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weißen Staub daraus zu machen.

Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum Besten. Erfinderisch in kleinen Schlauheiten, warten sie auf solche, deren Wissen auf lahmen Füßen geht, — gleich Spinnen warten sie.

Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie gläserne Handschuhe dabei an ihre Finger.

Auch mit falschen Würfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand ich sie spielen, daß sie dabei schwitzten.

Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider den Geschmack, als ihre Falschheiten und falschen Würfel.  - Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (zuerst 1885)

Gelehrter (25) Der hervorragende wissenschaftler besass eine schöne glatze, die koketter funkelte als der blaue diamant des Roten Sultan. Wie wunderbar war der kopf dieses glänzenden gelehrten! Ohne ein einziges haar und voller puderzucker wie die drahtlose telegrafie, die uns an den herbstabenden bezaubert. Keinem ging ein wort von seinen korallenlippen verloren, nicht eine fliege flog herum, oder wenn sie doch flog, so hörte niemand das trostlose getucker ihres schlecht geölten motors. Die wissenschaftler aller 14 kontinente hatten sich ein stelldichein auf diesem kongress der kapazitäten gegeben! Der glänzende gelehrte erläuterte unermüdlich vor verblüfften augen und gierigen ohren die lange liste seiner entdeckungen: — Ferner, meine Herren, erforschte und klassifizierte ich zahllose insektenfresser und kleinsttiere, unter denen die aus der familie der hutbeisser, der eiderdaunigen und der perlfüssler die bemerkenswertesten sind. Dann erfand ich den spirunga phallis, den ich, wie es sein name gebietet, allerdings nur in herrengesellschaften beschreibe. -  Vicente Huidobro, Die Mission des Gangsters oder Die Wunderlampe. Orientalische Novelle. Nach (huarp)

Gelehrter (26)  Hauptmann Penderton war auch so etwas wie ein Gelehrter. Als Leutnant und Junggeselle hatte er jahrelang reichlich Gelegenheit zum Lesen gehabt, da die Kameraden sein Zimmer im Junggesellenquartier eher mieden oder ihn nur zu zweien oder in Gruppen besuchten. Sein Kopf war vollgestopft mit statistischem Wissen von gründlichster Genauigkeit. So konnte er beispielsweise den sonderbaren Verdauungsapparat eines Hummers oder die Lebensgeschichte eines Trilobiten genau bis ins einzelne erklären. Er schrieb und sprach drei Sprachen mit Eleganz. Er kannte sich leidlich aus in der Sternkunde und hatte eine Menge Gedichte gelesen. Aber trotz dieses vielen Wissens von Einzelheiten hatte der Hauptmann sein Leben lang nie einen eigenen Gedanken gehabt; denn ein Gedanke setzt die Verschmelzung zweier oder mehrerer bekannter Tatsachen voraus, und dazu fehlte es dem Hauptmann an Mut. - Carson McCullers, Spiegelbild im goldenen Auge. Zürich 1974 (zuerst 1941)

Gelehrter (27)

Gelehrter (28)  Auch Bertolt Brecht hat darauf hingewiesen, daß Faust einen Teufel benötigte, um ein deutsches Mädchen verführen zu können. - (cel)

Gelehrter (29)  Der deutsche Gelehrte Ist aber auch zu arm, um redlich und ehrenhaft seyn zu können. Daher ist drehn, winden, sich ackommodiren und seine Ueberzeugung verleugnen, lehren und schreiben was er nicht glaubt, kriechen, schmeicheln, Partei machen und Kamaradschaft schließen, Minister, Große, Kollegen, Studenten, Buchhändler, Recensenten, kurz, Alles eher, als die Wahrheit und fremdes Verdienst, berücksichtigen, - sein Gang und seine Methode. Er wird dadurch meistens ein rücksichtsvoller Lump. In Folge davon hat denn auch, in der deutschen Litteratur überhaupt und der Philosophie insbesondere, die Unredlichkeit so sehr die Oberhand gewonnen, daß zu hoffen steht, es werde damit den Punkt erreichen, wo sie, als unfähig, noch irgend Jemanden zu täuschen, unwirksam wird.  - (schop)

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Synonyme
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