eist
Monestier vertritt die Ansicht, die Verknüpfung der Hörner mit Ehebruch
und betrogenen Ehemännern stamme aus römischer Zeit, aber jedenfalls wurzelt
ein Gefühl für den Zusammenhang zwischen Hörnern und Sexualität — gewissermaßen
ein Sinn für das Horn, das Hörner aufsetzt — tief im linguistischen Erbe
unserer Kultur. Der überragende Text in dieser Hinsicht ist das bahnbrechende
und geradezu umwerfende Buch von R. B. Onians, The
Origins of European Thought about the Body, the Mind, the Soul, the World,
Time und Fate (Cambridge 1951).
Norman 0. Brown stützt sich weidlich auf Onians Arbeit, wie
etwa in der folgenden Passage aus Love‘s Body (New
York 1966; dt. München 1977):
Im Unbewußten ist zerebral gleich genital. Das Wort zerebral entstammt der gleichen Sprachwurzel wie Ceres, die Göttin des Getreides, des Wachstums und der Fruchtbarkeit, der gleichen Wurzel wie crescere, wachsen, und creare, erschaffen. Onians, der Spracharchäologe, der die untergegangenen Welten der Bedeutung ans Licht hebt, verschütteten Sinn aufdeckt, hat ein prahistorisches Bild vom Körper ausgegraben, dem zufolge Kopf und Genital über das Rückgrat miteinander in Verbindung stehen: die grauen Zellen des Hirns, das Rückenmark und die Samenflüssigkeit sind alles die gleiche Substanz, im Genital abzapfbar und im Hirn gespeichert. Der Seelenstoff ist der Samenstoff: Geist ist das Genital im Kopf (S. 136 f.).
Dieser Lesart zufolge ist Freuds ganze Sublimierungstheorie einfach nur eine Offenlegung des Potentials, das bereits in der Sprache selbst verborgen liegt. Aber die Sache geht noch weiter, wie Brown in seinem jüngsten Buch, Apocalypse and/or Metamorphosis (Los Angeles 1991), herausgearbeitet hat; denn
Unser horn heißt auf lateinisch cornu, dem entspricht unser corn. Das griechische keras (»Horn«) ist unser kern und kernel; dazu gehört ... Cornu copiae, Füllhorn.
Aber cornu (»Horn«) ist auch gleich corona (»Krone«) ... Und das griechische keras ist das griechische kras, unser cranium, Schädel, Haupt. Griechisch kratos, Oberhaupt, Machthaber (Aristokratie, Demokratie); krainein, »bevollmächtigen«.
Herne, the horny hunter, auf deutsch »der geile
Jäger« [Falstaffs Name in Die lustigen Weiber von Windsor, wenn
er mit einem Hirschgeweih auf der Stirn im Park herumspringt]; dem
horny entspricht das deutsche Wort Hirn.
Herne war hirnig; wie der gehörnte Moses sprossend, gekrönt ... ein
geschwollenes oder zum geilen Bock gewordenes
Haupt; kopfkrank. Cerebrosus (cerritus) müßte »hirnig« bedeuten, bedeutet
aber »verrückt«. Griechisch keras
und keraunos, »Horn« und »Donner«, hörnerverrückt
und vom Donner gerührt. - (wesch)
Geist (2)
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Welcherlei Körper der Geist nun
besitzt und aus welchen Atomen |
- (luk)
Geist (3) Von Brankovic denkt man im
Volk, daß er ›nicht allein‹ war, daß er sich als junger Mensch 40 Tage
lang nicht wusch, daß er in die Abendmahlzeit des Teufels hineinplatzte
und zum Geist wurde. Auf jeder Schulter wuchs ihm ein Haarbüschel, er war
hellsichtig, verschlafen im März, von glücklicher Hand, vermochte weit
mit dem Körper zu springen, noch weiter aber mit dem Geist, der, während
sein Körper schlief, aufflog wie eine Täubchenschar, er führte Wind und
Wolken an, brachte und vertrieb den Hagel und schlug sich um der Ernte
und des Viehs, der Milch und des Korns willen mit den Geistern von jenseits
des Meeres und ließ nicht zu, daß sie ihm die Ernte seiner Gegend abjagten.
Daher glaubt das Volk, daß sich Brankovic mit den Engeln trifft, und sagt
von ihm: ›Wo kein guter Geist, gar wenig man speist.‹ Wie man erzählt,
gehörte er den Geistern des zweiten Lagers an, zusammen mit den Wesiren
von Skadar und den Begs von Plav-Gusinje, und in einem Scharmützel mit
den Geistern aus Trebinje wehrte er Mustaj-Beg Sabljak, den Pascha aus
Trebinje, ab, der einem dritten Lager angehörte. Bei diesem Zusammenstoß,
bei dem er Sand, Federn und Eimerchen als Waffen bei sich trug, verletzte
sich Brankovic am Fuß, und seither nahm er sich ein schwarzes Pferd, den
Sultan aller Pferde, das im Schlaf wieherte und selbst auch ein Geist war,
so daß Brankovic, während er seinen himmlischen Zahlen nachging, auf solche
Weise erlahmt, die in einen Strohhalm verwandelte Seele seines Pferdes
ritt. Man sagt auch, daß er in Konstantinopel gebeichtet und preisgegeben
habe, ein Geist gewesen zu sein, und daß er danach nicht mehr zum Geist
getaugt und auch das Vieh in Transsilvanien sich nicht länger rücklings
bewegt habe, wenn er an den Hürden vorübergegangen sei... -
(pav)
Geist (4) Einige moderne Philosophen
vermuten, daß Anaxagoras, da er bei der Entstehung des Weltalls
einen Geist wirken sah, die Spiritualität gekannt und keinen körperlichen
Gott angenommen habe, wie fast alle anderen Philosophen.
Aber sie unterliegen dabei einer seltsamen Täuschung; denn unter dem Wort
»Geist« verstanden die Griechen wie die Römer eine sehr feine, überaus
dünnflüssige glühende Materie, die zwar fähig war, die Wahrheit
zu erkennen, aber eine reale Ausdehnung und verschiedene Teile hatte. Wie
soll man denn glauben, daß die griechischen Philosophen eine Idee von einer
rein spirituellen Substanz hatten, da es doch klar ist, daß die ersten
Kirchenväter alle Gott zu etwas Körperlichem gemacht hatten, daß ihre Lehre
in der griechisch-katholischen Kirche bis zu den letzten Jahrhunderten
fortlebte und daß sie von den Römern erst im Zeitalter des heiligen Augustin
aufgegeben wurde? - (enz)
Geist (5) Es ist aber der Geist
des Menschen nicht allein aus den Sternen und Elementen herkommen, sondern
es ist auch ein Funke aus dem Licht und der Kraft
Gottes darinnen verborgen. Es ist nicht ein leer Wort, das in Genesis (Kap.
1, 21) stehet, Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde,
ja zum Bilde Gottes schuf er ihn; denn es hat eben den Verstand, daß er
aus dem ganzen Wesen der Gottheit ist gemacht worden. - (boe)
Geist (6) FAUST beiseite: Er ist entschieden verrückt ... Im Grunde noch schlimmer als der Teufel. Dieser Verrückte hat es sehr viel weiter gebracht.
DER EINSAME : Wozu auch Geist? Zu was dient dir denn dein Geist? Zum
Dummsein. Wer keinen Geist hat, ist nicht dumm. Das Vollkommene ist geistlos.
Wenn das Herz Geist hätte, wären wir tot. Kaum daß es so etwas wie Geist
spürt, leidet das Herz; es schmerzt, es krampft sich zusammen oder beschleunigt
sein Pochen; es muß sich wehren. Gegen wen? Gegen den Geist. Wenn die Natur,
diese Närrin, genötigt war, uns etwas Geist zu erfinden, so nur darum,
weil sie nicht imstande war, den Körper derart auszurüsten, daß er sich
in jeder Lage ganz allein aus der Klemme ziehen konnte, ohne inneres Geschwätz
und Nachsinnen. - Paul Valéry, Mein Faust. München 1963 (dtv
sr 16, zuerst ca. 1940)
Geist (7) Die in den Menschen
eingewachsenen fremden Geister sind eben sowohl, obschon in anderer Weise,
dem Einfluß des menschlichen Willens unterworfen, als der Mensch von fremden
Geistern abhängig ist; er kann ebensowohl aus der Mitte seines geistigen
Seins neues in die in ihm verknüpften Geister hineingebären, als diese
auf sein Innerstes bestimmend einwirken können; aber in dem harmonisch
entwickelten Geistesleben hat kein Wille die Obermacht über den andern.
Da jeder fremde Geist nur einen Teil seines Selbst mit dem einzelnen Menschen
in Gemeinschaft hat, so kann der Wille des einzelnen Menschen nur einen
anregenden Einfluß auf ihn haben, der mit seinem ganzen übrigen Teil außer
dem Menschen liegt; und da jeder menschliche Geist eine Gemeinschaft sehr
verschiedener fremder Geister in sich schließt, so kann der Wille eines
einzelnen darunter auch nur einen anregenden Einfluß auf den ganzen Menschen
haben, und nur, wenn der Mensch mit freier Willkür sich ganz seines Selbst
an einzelne Geister entäußert, wird er der Fähigkeit verlustig, sie zu
bemeistern. - Gustav Theodor Fechner, Das Büchlein vom Leben
nach dem Tode, in: G.T.F., Das unendliche Leben. München 1984 (Matthes
& Seitz debatte 2, zuerst 1836)
Geist (8) Der höchste Charakter orientalischer
Dichtkunst ist, was wir Deutsche Geist
nennen, das Vorwaltende des oberen Leitenden; hier sind alle übrigen Eigenschaften
vereinigt, ohne daß irgendeine, das eigentümliche Recht behauptend, hervorträte.
Der Geist gehört vorzüglich dem Alter oder einer alternden Weltepoche.
Übersicht des Weltwesens, Ironie, freien Gebrauch der Talente finden wir
in allen Dichtern des Orients.
Resultat und Prämisse wird uns zugleich geboten, deshalb sehen wir auch,
wie großer Wert auf ein Wort aus dem Stegreife gelegt wird. Jene Dichter
haben alle Gegenstände gegenwärtig und beziehen die entferntesten Dinge
leicht aufeinander, daher nähern sie sich auch dem, was wir Witz
nennen; doch steht der Witz nicht so hoch, denn dieser ist selbstsüchtig,
selbstgefällig, wovon der Geist ganz frei bleibt, deshalb er auch überall
genialisch genannt werden kann und muß. - Goethe, Noten und Abhandlungen
zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans (zuerst 1819)
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