eist  Monestier vertritt die Ansicht, die Verknüpfung der Hörner mit Ehebruch und betrogenen Ehemännern stamme aus römischer Zeit, aber jedenfalls wurzelt ein Gefühl für den Zusammenhang zwischen Hörnern und Sexualität — gewissermaßen ein Sinn für das Horn, das Hörner aufsetzt — tief im linguistischen Erbe unserer Kultur. Der überragende Text in dieser Hinsicht ist das bahnbrechende und geradezu umwerfende Buch von R. B. Onians, The Origins of European Thought about the Body, the Mind, the Soul, the World, Time und Fate (Cambridge 1951). Norman 0. Brown stützt sich weidlich auf Onians Arbeit, wie etwa in der folgenden Passage aus Love‘s Body (New York 1966; dt. München 1977):

Dieser Lesart zufolge ist Freuds ganze Sublimierungstheorie einfach nur eine Offenlegung des Potentials, das bereits in der Sprache selbst verborgen liegt. Aber die Sache geht noch weiter, wie Brown in seinem jüngsten Buch, Apocalypse and/or Metamorphosis (Los Angeles 1991), herausgearbeitet hat; denn

Geist (2)

Welcherlei Körper der Geist nun besitzt und aus welchen Atomen
Dieser besteht, soll weiter mein Vers dir näher erläutern.
Erstlich behaupt' ich, er sei aus den allerfeinsten und kleinsten
Urelementen gebildet. Daß dieses sich also verhalte,
Magst du aus folgendem lernen; so daß es dir völlig gewiß wird.
Nichts in der Welt scheint wohl an Geschwindigkeit irgend zu gleichen
Unserem Geist, der im selben Moment, was er denkt, auch schon anfängt.
Also bewegt sich der Geist viel schneller als irgendwas andres
Aus dem Bereiche der Dinge, die unserem Auge sind sichtbar.
Aber nun kann doch ein Ding, das so leicht sich bewegt, nur bestehen
Aus ganz kugelig runden und allerkleinsten Atomen,
Die beim leichtesten Stoß sofort in Bewegung sich setzen.
Denn auch das Wasser bewegt sich und wogt beim leisesten Anstoß,
Da es sein Dasein dankt leicht rollenden kleinen Figuren.
Andererseits hat der Honig die ungleich festere Fügung:
Zäher fließen die Tropfen und zögernder ist die Bewegung.
Denn das Gefüge des Stoffs hängt hier viel fester zusammen
Untereinander. Natürlich; es hat ja weniger glatte,
Weniger feine und auch viel weniger runde Atome.
Nimm nun die Körner des Mohns: das leiseste, schwebende Lüftchen
Läßt auch den stattlichsten Haufen von oben herunter zerrinnen;
Aber bei einem Gehäufe von Steinen oder von Ähren
Ist das unmöglich. Mithin je kleiner und glatter die Körper
Sind von Natur, um so mehr wird ihre Beweglichkeit wirksam.
Alle jedoch, die im Gegenteil recht wuchtig erscheinen,
Und nicht minder die rauhen, sind um so besser gefestigt.
Nunmehr, wo wir erkannt die Beweglichkeit äußersten Grades
Als das Wesen des Geistes, ergibt sich unweigerlich, daß er
Aus ganz winzigen, glatten und runden Atomen bestehe.

- (luk)

Geist (3) Von Brankovic denkt man im Volk, daß er ›nicht allein‹ war, daß er sich als junger Mensch 40 Tage lang nicht wusch, daß er in die Abendmahlzeit des Teufels hineinplatzte und zum Geist wurde. Auf jeder Schulter wuchs ihm ein Haarbüschel, er war hellsichtig, verschlafen im März, von glücklicher Hand, vermochte weit mit dem Körper zu springen, noch weiter aber mit dem Geist, der, während sein Körper schlief, aufflog wie eine Täubchenschar, er führte Wind und Wolken an, brachte und vertrieb den Hagel und schlug sich um der Ernte und des Viehs, der Milch und des Korns willen mit den Geistern von jenseits des Meeres und ließ nicht zu, daß sie ihm die Ernte seiner Gegend abjagten. Daher glaubt das Volk, daß sich Brankovic mit den Engeln trifft, und sagt von ihm: ›Wo kein guter Geist, gar wenig man speist.‹ Wie man erzählt, gehörte er den Geistern des zweiten Lagers an, zusammen mit den Wesiren von Skadar und den Begs von Plav-Gusinje, und in einem Scharmützel mit den Geistern aus Trebinje wehrte er Mustaj-Beg Sabljak, den Pascha aus Trebinje, ab, der einem dritten Lager angehörte. Bei diesem Zusammenstoß, bei dem er Sand, Federn und Eimerchen als Waffen bei sich trug, verletzte sich Brankovic am Fuß, und seither nahm er sich ein schwarzes Pferd, den Sultan aller Pferde, das im Schlaf wieherte und selbst auch ein Geist war, so daß Brankovic, während er seinen himmlischen Zahlen nachging, auf solche Weise erlahmt, die in einen Strohhalm verwandelte Seele seines Pferdes ritt. Man sagt auch, daß er in Konstantinopel gebeichtet und preisgegeben habe, ein Geist gewesen zu sein, und daß er danach nicht mehr zum Geist getaugt und auch das Vieh in Transsilvanien sich nicht länger rücklings bewegt habe, wenn er an den Hürden vorübergegangen sei...   - (pav)

Geist (4) Einige moderne Philosophen vermuten, daß Anaxagoras, da er bei der Entstehung des Weltalls einen Geist wirken sah, die Spiritualität gekannt und keinen körperlichen Gott angenommen habe, wie fast alle anderen Philosophen. Aber sie unterliegen dabei einer seltsamen Täuschung; denn unter dem Wort »Geist« verstanden die Griechen wie die Römer eine sehr feine, überaus dünnflüssige glühende Materie, die zwar fähig war, die Wahrheit zu erkennen, aber eine reale Ausdehnung und verschiedene Teile hatte. Wie soll man denn glauben, daß die griechischen Philosophen eine Idee von einer rein spirituellen Substanz hatten, da es doch klar ist, daß die ersten Kirchenväter alle Gott zu etwas Körperlichem gemacht hatten, daß ihre Lehre in der griechisch-katholischen Kirche bis zu den letzten Jahrhunderten fortlebte und daß sie von den Römern erst im Zeitalter des heiligen Augustin aufgegeben wurde? - (enz)

Geist (5)  Es ist aber der Geist des Menschen nicht allein aus den Sternen und Elementen herkommen, sondern es ist auch ein Funke aus dem Licht und der Kraft Gottes darinnen verborgen. Es ist nicht ein leer Wort, das in Genesis (Kap. 1, 21) stehet, Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, ja zum Bilde Gottes schuf er ihn; denn es hat eben den Verstand, daß er aus dem ganzen Wesen der Gottheit ist gemacht worden. - (boe)

Geist (6)  FAUST beiseite: Er ist entschieden verrückt ... Im Grunde noch schlimmer als der Teufel. Dieser Verrückte hat es sehr viel weiter gebracht.

DER EINSAME : Wozu auch Geist? Zu was dient dir denn dein Geist? Zum Dummsein. Wer keinen Geist hat, ist nicht dumm. Das Vollkommene ist geistlos. Wenn das Herz Geist hätte, wären wir tot. Kaum daß es so etwas wie Geist spürt, leidet das Herz; es schmerzt, es krampft sich zusammen oder beschleunigt sein Pochen; es muß sich wehren. Gegen wen? Gegen den Geist. Wenn die Natur, diese Närrin, genötigt war, uns etwas Geist zu erfinden, so nur darum, weil sie nicht imstande war, den Körper derart auszurüsten, daß er sich in jeder Lage ganz allein aus der Klemme ziehen konnte, ohne inneres Geschwätz und Nachsinnen.  - Paul Valéry, Mein Faust. München 1963 (dtv sr 16, zuerst ca. 1940)

Geist (7)  Die in den Menschen eingewachsenen fremden Geister sind eben sowohl, obschon in anderer Weise, dem Einfluß des menschlichen Willens unterworfen, als der Mensch von fremden Geistern abhängig ist; er kann ebensowohl aus der Mitte seines geistigen Seins neues in die in ihm verknüpften Geister hineingebären, als diese auf sein Innerstes bestimmend einwirken können; aber in dem harmonisch entwickelten Geistesleben hat kein Wille die Obermacht über den andern. Da jeder fremde Geist nur einen Teil seines Selbst mit dem einzelnen Menschen in Gemeinschaft hat, so kann der Wille des einzelnen Menschen nur einen anregenden Einfluß auf ihn haben, der mit seinem ganzen übrigen Teil außer dem Menschen liegt; und da jeder menschliche Geist eine Gemeinschaft sehr verschiedener fremder Geister in sich schließt, so kann der Wille eines einzelnen darunter auch nur einen anregenden Einfluß auf den ganzen Menschen haben, und nur, wenn der Mensch mit freier Willkür sich ganz seines Selbst an einzelne Geister entäußert, wird er der Fähigkeit verlustig, sie zu bemeistern.  - Gustav Theodor Fechner, Das Büchlein vom Leben nach dem Tode, in: G.T.F., Das unendliche Leben. München 1984 (Matthes & Seitz debatte 2, zuerst 1836)

Geist (8)  Der höchste Charakter orientalischer Dichtkunst ist, was wir Deutsche Geist nennen, das Vorwaltende des oberen Leitenden; hier sind alle übrigen Eigenschaften vereinigt, ohne daß irgendeine, das eigentümliche Recht behauptend, hervorträte. Der Geist gehört vorzüglich dem Alter oder einer alternden Weltepoche. Übersicht des Weltwesens, Ironie, freien Gebrauch der Talente finden wir in allen Dichtern des Orients. Resultat und Prämisse wird uns zugleich geboten, deshalb sehen wir auch, wie großer Wert auf ein Wort aus dem Stegreife gelegt wird. Jene Dichter haben alle Gegenstände gegenwärtig und beziehen die entferntesten Dinge leicht aufeinander, daher nähern sie sich auch dem, was wir Witz nennen; doch steht der Witz nicht so hoch, denn dieser ist selbstsüchtig, selbstgefällig, wovon der Geist ganz frei bleibt, deshalb er auch überall genialisch genannt werden kann und muß. - Goethe, Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans (zuerst 1819)
 
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