eier  Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde. »Ich bin ja wehrlos«, sagte ich, »er kam und fing zu hacken an, da wollte ich ihn natürlich wegtreiben, versuchte ihn sogar zu würgen, aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füße. Nun sind sie schon fast zerrissen.« »Daß Sie sich so quälen lassen«, sagte der Herr, »ein Schuß und der Geier ist erledigt.« »Ist das so?« fragte ich, »und wollen Sie das besorgen?« »Gern«, sagte der Herr, »ich muß nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?« »Daß weiß ich nicht«, sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: »Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.« »Gut«, sagte der Herr, »ich werde mich beeilen.« Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, daß er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank. - (kaf)

Geier (2)

- Charles M. Schulz, We're on your side, Charlie Brown. London 1969 (Hodder Fawcett Coronet Books, zuerst ca. 1957)

Geier (3) In Mexico gibt es, besonders in der Gegend von Veracruz, eine Geierart, deren Name mir entfallen ist und deren Funktion darin besteht, die Stadt zu säubern, indem sie alles Aas verschlingt. Sie sitzen zu Tausenden auf den höchsten Dächern und Mauern, mit unfehlbarem Blick alles beäugend, was erliegt und zu Fall kommt. Ein Unrat hat kaum die Zeit, den Boden zu berühren. Dieser Vogel ist Gegenstand respektvoller Hochachtung. Ohne ihn wird sozusagen kein Fest gegeben, und es ist bei Androhung strenger Strafen verboten, ihn zu töten. Ebendas ist das Vorrecht der Kranken, die in den Hospitälern und Asylen von Paris versorgt werden. Man zählt auf sie bei der Beseitigung alten Fleisches und anderen halbverwesten Unrats, den die Schweine nicht mehr wollen und den ehrlichen Hunden anzubieten rücksichtslos wäre.

Dieses Hilfsmittel bietet den doppelten Vorteil, die bedrohlichen Aussichten auf die Beulenpest in den verschiedenen Vierteln von Paris zu mildern, der Verschwendung von Lebensmitteln Einhalt zu gebieten, die Todesangst bei den Moribunden abzuschwächen und zu guter Letzt und vor allem die gute, geruchlose Pinke in die weltlichen und philanthropischen Taschen der Gewinnbeteiligten zu schaufeln. Mit dem einzigen Unterschied zu besagten Raubvögeln, daß die Kranken eine sehr viel geringere Hochachtung genießen und es statthaft ist, sie in aller Raschheit krepieren zu lassen. - (bloy)

Geier (4)  Man liest in Plutarchs Leben des Romulus ein Lob des Geiers, der nichts beschädigt, was die Menschen säen, pflanzen oder ernähren, der sich nur von Leichenfleisch sättigt, kein lebendes Wesen tötet oder verwundet, selbst wenn der Hunger ihn treibt, und der,  gewiß weil er seinesgleichen in ihnen respektiert, von allem Toten nur des Fleisches der Vögel sich enthält. - Marcel Jouhandeau, Das Leben und Sterben eines Hahns. Tiergeschichten. Stuttgart 1984 (zuerst 1947)

Geier (5)   Da sie sehr hoch fliegen, können sie vieles von oben her sehen, was sonst die Berge in ihrem Dunkel verbergen. Es heißt, daß die Geier Geschlechtsverkehr nicht kennen und daß sie sich nicht in ehelicher Weise hochzeitlich verbinden, daß sie daher ganz ohne männlichen Samen empfangen und ohne Paarung zeugen, und daß die von ihnen Geborenen ein hohes Alter erreichen, so daß die Reihe ihrer Jahre bis zu hundert Jahren fortdauert und sie nicht so leicht ein frühes Ende erreicht.

Was sagen dazu, die über unsere Glaubensgeheimnisse zu lachen pflegen, wenn sie hören, daß eine Jungfrau geboren hat, und es als unmöglich erachten, daß eine solche Geburt möglich ist, ohne daß ein Mann die Keuschheit einer Unverheirateten verletzt hat? Für unmöglich erachten sie an der Gottesmutter, was man bei den Geiern als möglich nicht leugnen kann. Ein Vogel gebiert ohne Mann und niemand kann das in Abrede stellen; wenn aber die verlobte Jungfrau Maria geboren hat, ziehen sie ihre Unberührtheit in Zweifel. - Bestiarium, nach dem Ms. Ashmole 1511, Hg. Franz Unterkircher.  Graz 1986

Geier (6)   Sie sind ein Geier«, sagte ich zu dem Individuum im Namen aller Dorfbewohner, »und jetzt sollen Sie endlich fliegen. Lassen Sie uns nicht länger -warten.« »Sie sind wohl verrückt geworden«, schrie der Fremde von der Höhe der Klippe herab, »wenn ich hier herunterspringe, schlage ich mir den Schädel ein.«

»Los, los, springen Sie endlich. Wir warten sowieso schon viel zu lange«, insistierte ich.

Der Fremde vergrub seinen Kopf zwischen den Händen. Trotz der Entfernung — er befand sich ungefähr fünfzig Meter über uns — schien er mir resigniert zu lächeln, mit der Miene dessen, der sich endlich entscheidet ein seit Jahren gehütetes Geheimnis preiszugeben.

»Ich versichere Ihnen, daß ich kein Geier bin«, rief er, »ganz und gar nicht. Sie haben sich da ein Tier ausgesucht, das mir eine Gänsehaut verursacht.«

»Hören Sie auf mit Ihren Ausreden«, schrie eine alte Frau in Trauerkleidern, die neben mir stand, »ich habe Sie immer wieder gesehen, wie Sie ihre großen Kreise hoch über unserem Dorf gezogen haben. Ich weiß genau, daß Sie wie alle Geier Wohlgerüche meiden. Wenn wir eine von Ihren Schwanzfedern versengten, würden sämtliche Schlangen der Umgebung das Weite suchen.«

»Ich glaube auch, daß Sie ein Geier sind«, bemerkte ich, »ein als Mensch verkleideter Mönchsgeier. Leider kann Ihre Verkleidung Ihren Hals nicht verbergen.«

»Was ist mit meinem Hals?«, fragte der Fremdling und zog seinen Kopf zwischen die Schultern.

»Ein typischer Geierhals. Lang und ohne Federn. Ich habe noch nie einen Menschen mit so einem Hals gesehen.« Dem Mann dämmerte langsam, daß wir keine Witze machten und daß wir ihn nicht auf den Berg hinaufgejagt hatten, nur um ihm einen Schreck einzujagen und danach bei ein paar Flaschen Wein über unseren Scherz zu lachen. Wir alle aus dem Dorf - wo es kaum Abwechslung und Zerstreuung gab - warteten darauf, daß er sich in den Abgrund stürzte. Was danach geschah, ging uns nichts an. Wäre er tatsächlich ein Geier, so würde er die Flügel ausbreiten und majestätisch in den thermischen Aufwinden segeln. Wäre er kein Geier, so würden wir hinterher unten in der Schlucht nach ihm suchen. - Javier Tomeo, Zoopathologie. Berlin 1994 (zuerst 1992)

Vogel
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