edicht  das gedicht besteht aus fünf strofen jede strofe besteht aus einem wort dieses wort heißt WAGGON das gedicht besteht also aus fünf wortern WAGGON WAGGON WAGGON WAGGON WAGGON weil aberjedes dieser fünf wörter eine strofe darstellt gibt es zwischen dem ersten und dem zweiten dem zweiten und dem dritten dem dritten und dem vierten und dem vierten und dem fünften wort je einen strofenzwischenraum weil aber die fünf strofen ein gedicht sind gibt es nicht nur eine erste und eine letzte und dazwischen eine nächste bzw vor-vorvorletzte und eine übernächste bzw mittlere bzw vorvorletzte und eine überübernächste bzw vorletzte strofe sondern auch die erste die zweite die dritte die vierte die fünfte strofe das jedoch heißt daß die die fünf strofen bildenden wörter nicht nur zwar die gleichen aber nicht dieselben sind sondern auch daß sie zwar durch zwischenräume getrennt sind aber doch auch aneinanderhängen und zwar so daß es unmöglich wäre beispielsweise vom nächsten WAGGON direkt zum überübernächsten oder vom fünften direkt zum zweiten oder vom mittleren direkt zum ersten oder direkt zum letzten WAGGON zu gelangen ohne daß man vorher ein paar strofen vertauscht hätte was hieße daß man sich in einem zwar gleichen aber nicht mehr demselben gedicht bewegen würde und von einem solchen gedicht ist ja hier nicht die rede überhaupt die fortbewegungsfrage denn gesetzt den fall ich bewege mich vom ersten WAGGON durch den zweiten WAGGON in den dritten WAGGON so bewege ich mich gleichzeitig vom vorvormittleren durch den vor-mittleren in den vorvorletzten WAGGON um diesen aber als vorvorletzten zu identifizieren muß ich während ich mich vom vormittleren in den vorvorletzten begebe mich gleichzeitig vom letzten durch den übermittleren in den nächsten also den mittleren oder dritten oder vorvorletzten WAGGON begeben schön und gut aber wie kann das geschehen das kann wohl geschehen weil der erste der zweite der dritte der vierte und der fünfte WAGGON mit unwahrscheinlicher geschwindigkeit ständig ihre plätze tauschen hin und her und durcheinander das sieht ihnen natürlich keiner an weil jeder glaubt er sei im selben und gleichzeitig im gleichen WAGGON was ja auch stimmt nur daß es unmöglich wird die fünf strofen des gedichtes in einem atem zu nennen indem man etwa sagte man fahre in fünf WAGGONS das stimmt nämlich nicht ganz abgesehen davon wer da eigentlich fährt das gedicht im leser oder der leser im gedicht oder irgendwie anders im zusammenhang mit papieruhren oder überhaupt nicht weil WAGGON egal welcher nur ein zum fahren gedachtes wort ist aber es kommt noch schlimmer man stelle sich vor wenn ich zum beispiel nicht nur ein leser sondern gleichzeitig auch ein raucher wäre und ein WAGGON mir zwar als leser als ein gleicher als raucher jedoch keineswegs als derselbe nämlich der mit raucherabteil erschiene oder wenn ich nicht nur ein leser und raucher sondern auch gleichzeitig ein zugschaffner oder ein heilwasservertreter oder ein abgeordneter oder eine romangestalt ein botanist ein grenzübertreter ein orgelpfeifenrestauratör oder gar ein nie eisenbahn fahrender oder ein nie in der eisenbahn ein gedicht lesender oder ein nur im schlafwagenabteil sich an andere gedichte erinnernder wäre oder mein gott mehrere von diesen oder hilfe alle zusammen und gewiß noch einiges hinzu nein nicht auszudenken darum schlage ich vor a) womöglich nie einen zug zu benützen der aus fünf strofen besteht b) wenn es schon sein muß die strofen im kreis anzuordnen damit das problem des zählens theoretisch zumindest vereinfacht wird und auch von rechts nach links lesende leser im gleichen zug gleichzeitig die rückreise machen können c) weil der vorige und der vorvorige vorschlag doch recht unzufriedenstellend sind vielleicht vorher einmal überhaupt versuchen fünfmal hintereinander das gleiche zu tun - (pas)

Gedicht (2) Gedichte? Nein, man erhält nicht zuerst einen Gegenstand, einen Stil, eine eigene Bildwelt, man wird, wenn die Stimme sich ihren Weg bahnt, zuerst mit einer Gehirnhelligkeit konfrontiert, mit der strahlenden Idiosynkrasie eines Menschen, der die Dinge nicht anders sehen kann, als er sie sieht, den die Dinge nicht anders ansehn als in dieser besonderen Anordnung. Man begegnet der Willkür und dem Diktat eines persönlichen Dämons vom Typ des Sokratischen, der immer warnt, niemals tröstet und von dessen Einfluß nichts zeugt als die Fassung, nach der eine Stimme rang wie nach Atem. Nicht zu begründen ins Letzte, läßt jeder Schreibakt sich nur auf die Reizbarkeit eines einzelnen Irrläufers zurückführen, auf seine Symptome, die immer zum Vorschein drängen, sosehr sie auch Anschluß suchen an Philosopheme, politische Ansichten, technische Standards. Selten so deutlich wie im Gedicht steht der Leser unverhofft dem Idiotischen gegenüber, dem einsamen Vorurteil, einer Folge zumeist wenig angenehmer Reflexe, mit denen ein Autor hineinpeilt in eine imaginäre Welt, die dem Außenraum standhalten soll. Irreduzibel, ist es zuletzt ein Vexierbild physiologischen Ursprungs, ähnlich dem Nervensystem, der Anatomie und dem Knochenbau. In ihm wird das Sprechen zurückgeführt an seine Grenzen, werden die anekdotischen Momente von Gattungsleben und Icherleben in Anschauung verwandelt. Denn das Wort ist physischen Ursprungs. - (gr)

Gedicht (3) Was speziell die Gedichte angeht, so verdiente ich 1913 für ein lyrisches Flugblatt bei meinem Freund Alfred Richard Meyer vierzig Mark, während des Krieges für Gedichte in den Weißen Blättern von Schickele zwanzig Mark, nach dem Krieg im Querschnitt für zwei Gedichte dreißig Mark, das macht zusammen für Lyrik neunzig Mark. - Gottfried Benn, Summa Summarum. Wiesbaden 1966 (Werke Band 4, zuerst 1926)

Gedicht (4) Wie sie einst im "Grenier" miteinander diskutierten, meinte Zola zu Mallarmé, daß in seinen Augen ein Dreck und ein Diamant gleichviel wert seien. — "Kann sein", antwortete Mallarmé, "aber der Diamant ist — seltener." Degas ließ es sich nicht nehmen, Mallarmés Poesie zur Zielscheibe verschiedener boshafter Witze zu machen.

"Opfer, beklagenswertes, seinem Los geweiht..."

So erzählte er zum Beispiel, wie Mallarmé seinen Jüngern einst ein Sonett vorgelesen habe, worauf diese in ihrer Bewunderung das Gehörte in Worte zu fassen versucht und es, jeder auf seine Weise, interpretiert hätten: die einen sahen darin einen Sonnenuntergang, die andern den Triumph der Morgenröte; Mallarmé erklärte ihnen: "Aber ganz und gar nicht... es ist meine Kommode."   - (deg)

Gedicht (5) Verse sind entschieden etwas Kindisches. Die Leute, die da Sachen nach vorgegebenen Maßen und Takten schreiben, die Zeilen, die alle gleich ausklingen, das Geleier (wie das eines Kindes, das etwas aufsagt) - im Grunde ist das alles lächerlich. Wenn ich einen Sohn hätte, der literarische oder auch nur allgemein geistige Interessen hätte, ich würde ihm, so ungern ich auf diesem Gebiet lenkend eingreife, alle Lyriker wegnehmen. Diese Leute hemmen die geistige Entwicklung erheblich. Ich selber habe fünfzehn Jahre damit verloren, mich von ihren Mätzchen einlullen zu lassen. Und der Roman? Wie kann ein Mann mit fünfzig Jahren noch Romane schreiben? Wie kann man in dem Alter noch welche lesen? Lyrik und Roman, das ist mit Sicherheit der niederste Bereich der Literatur. - (leau)

Gedicht (6)  Gedichte muß man so schreiben, daß sie, wenn man sie durchs Fenster wirft, die Fensterscheibe zerschlagen. - (charms)

Gedicht (7) Das Gedicht macht sich nicht im Munde allein, es macht sich mit dem Auge, dem Ohr, dem allgemeinen Unbewußten, mit den Bewegungen des Pulsschlags und der Peristaltik - das Gedicht macht sich selbst mit der Hand, die es aufzeichnet und überdem mit einem Erdämmern neuen Vernehmens, das nirgends ein Vorbild haben kann oder will.
Nennen und Darstellen ist nicht Dichtung.

Doch erfährt sich die Erfindung in solch verschütteten und vergessenen Zonen des intimsten  Gelebtwerdens, daß keine Bedingungen dafür gestellt werden können.
Die langsam zögernd in Erscheinung tretende Formulierung ergibt sich dem erhörenden Auge des Aufzeichnenden unfreiwillig und freigebend zugleich.  - Raoul Hausmann, nach: Adelheid Koch, Ich bin immerhin der größte Experimentator Österreichs: Raoul Hausmann. DADA und Neodada. Innsbruck 1994
 

Poesie
Oberbegriffe
zurück 

.. in der Systematik ...

weiter im Text 
Unterbegriffe
Verwandte Begriffe
Synonyme