arten
 

Der alte Garten

Kaiserkron und Päonien rot,
Die müssen verzaubert sein,
Denn Vater und Mutter sind lange tot,
Was blühn sie hier so allein?

Der Springbrunn plaudert noch immerfort
Von der alten schönen Zeit,
Eine Frau sitzt eingeschlafen dort,
Ihre Locken bedecken ihr Kleid.

Sie hat eine Laute in der Hand,
Als ob sie im Schlafe spricht,
Mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt -
Still, geh vorbei und weck sie nicht!

Und wenn es dunkelt das Tal entlang,
Streift sie die Saiten sacht,
Da gibts einen wunderbaren Klang
Durch den Garten die ganze Nacht.

 

- Eichendorff

Garten (2)

mescalin und morphium
wächst in unserm garten.
draculinchen ist die braut,
mag nicht lang mehr warten.
ist sie doch schon jahre zehn
fledermäuseelfchen,
träumt von werwolf und von zwölf
neugeworfnen wölfchen.

- (artm)

 Garten (3)  Darin, daß dicke Männer in den besten Jahren, eben von der Arbeit gekommen, im sechsten Stocke eines Hinterhauses ein Fensterbrett mit blauen Petunien unter Wasser setzen, und dabei nachsehen, ob die Studentenblumen in dem alten Zigarrenkistchen noch nicht keimen — und darin, daß sie es ungeniert tun, während, im Gegenteile, unzählige ihresgleichen an unzählige ähnliche Fenster treten und ein bischen am Geranienstocke herumputzen, oder von Fenster zu Fenster mit ihren Ergebnissen rührend renommieren, — darin liegt mehr Wirklichkeit des Gartens der Menschheit, als in dem beim Gartenarchitekten gebrauchsfertig bestellten hochmodernen Staudengarten des Manns auf dem Grünen Zweig, oder im Teppichbeet des Provinzrentiers, oder der Werkstoff-Orgie des Einfarbenschwelgers, der laufende Meter, wie mit dem breiten Pinsel hingeschmiert, gelb oder lila sich in den Horizont verlieren sieht. Gewiß, da ist Luxus, da sind Steckenpferde, da ist bloßes Spiel und krasser Wahn — wie sollten sie nicht? Was beweist es als das Gegenteil dessen, was es beweisen soll? Wo entsteht so blühender Unsinn wie am Rande des tiefen Sinns und der Leidenschaften? - Rudolf Borchardt, Der leidenschaftliche Gärtner. Nördlingen 1987 (Die Andere Bibliothek 25, zuerst 1938)

 Garten (4)   Es waren im Schlosse des Königs Fenster, die auf den Garten führten. Schahzamin blickte hinaus, und siehe, da öffnete sich die Tür des Schlosses, und heraus kamen zwanzig Sklavinnen und zwanzig Sklaven, und die Gemahlin seines Bruders, herrlich an Schönheit und Anmut, schritt in ihrer Mitten, bis sie zu einem Springbrunnen kamen. Dort zogen sie ihre Kleider aus, und die Sklavinnen setzten sich zu den Sklaven. Die Königin aber rief: »Mas'ûd!« Da kam ein schwarzer Sklave und umarmte sie, und auch sie schloß ihn in ihre Arme, und er legte sich zu ihr. Ebenso taten die Sklaven mit den Sklavinnen; und es war kein Ende des Küssens und Kosens, des Buhlens und Liebelns, bis der Tag zur Neige ging.  - (1001)

 Garten (5)   In meinem Berggarten viele Vögel die mich aufsuchen Meisen Amseln Rotkehlchen, chrysanthemengelbe Fledermäuse, zwischen den Schwertlilien im Mondlicht wachsfarben leuchtende Königskerzen auch Kuckucksspeichel, ich erblickte etwas das wie ein Baumstumpf aussah und sich dann in ein Eichkätzchen verwandelte und davonsprang, oder, etwas das mir wie die abgesägten Äste eines Baumes vorkam, geriet plötzlich m Bewegung und verschwand, ohne daß ich seine wahre Gestalt erkennen konnte, in der wabernden Dunkelheit dahinter. In den Pinien zischt die Vergänglichkeit oder was wollen meine MATERIALNERVEN noch wahrgenommen haben um mir diesen Schock beizubringen, ich habe es selbst gesehen wie sich die beiden Birken am Waldrand mit einem zarten hellgrünen Lichtschleier umgaben, vor meinen Augen ich glaube eine Weissagung, nämlich wie wenn ein gewisses Licht der Weissagung aufgeht, unter dem Gemurmel gewisser Worte, schon springt der Geist oder das sogenannte Rehkitz umher und herbei und heran!  .- Friederike Mayröcker, Magische Blätter II. Frankfurt am Main 1987 (es 1421)

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