reiheit  Frei lebt, wer sterben kann. - (blix, nach Seneca u.v.a.)

Freiheit (2) Wir können  nur die Tiere frei nennen, die die Gefangenschaft nicht ertragen, bei denen gefangen werden und durch den Tod entschlüpfen eins sind. So sagt auch Diogenes einmal, daß es einen Weg zur Freiheit gibt: »gelassen zu sterben«, und dem Perserkönig schreibt er: »Die Stadt der Athener kannst du nicht knechten, sowenig wie die Fische.« — »Wieso? Kann ich sie nicht in meine Gewalt bringen?« — »Wenn du das tust, werden sie dir alsbald entwischen wie die Fische. Stirbt doch auch jeder Fisch, den du fängst. Und wenn nun die Athener, von dir gefangen, ebenfalls sterben, was nützt dir dann dein ganzes Unternehmen?« — Das ist das Wort eines freien Mannes, der der Sache auf den Grund gegangen ist. - Epiktet

Freiheit (3)  Heiraten ist in Paris keine leichte Angelegenheit, vor allem nicht für einen Mann mittleren Alters und mittlerer Verhaltnisse. Ganz abgesehen von der Unabhängigkeit, auf die alle Frauen Anspruch erheben, kostet es eine Unmenge, eine Frau zu unterhalten und für alle Bedürf nisse und Einfälle, die die Mode täglich liefert, aufzukommen. Diejenigen; die nicht reich genug oder zu sparsam sind oder sich ihre Freiheit bewahren wollen, nehmen eine Haushälterin, das heißt eine Konkubine, die nicht oder nur selten in Erscheinung tritt und, da sie auf die Hausarbeit beschränkt ist, Sorge trägt für die Mahlzeiten und den Haushalt und mit dem Herrn ißt, wenn er allein ist. - (merc)

Freiheit (4)  Welche Transformierbarkeit besitzt das Unsere, das Angerichtete noch? Allem Anschein nach keine mehr. Wir sind in die Beständigkeit des sich selbst korrigierenden System eingelaufen. Ob das noch Demokratie ist oder schon Demokratismus: ein kybernetisches Modell, ein wissenschaftlicher Diskurs, ein politisch-technischer Seibstüberwachungsverein, bleibe dahin gestellt. Sicher ist, dieses Gebilde braucht immer wieder, wie ein physischer Organismus, den inneren und äußeren Druck von Gefahren, Risiken, sogar eine Periode von ernsthafter Schwächung, um seine Kräfte neu zu sammeln, die dazu tendieren, sich an tausenderlei Sekundäres zu verlieren. Es ist bislang konkurrenzlos, weder Totalitarismus noch Theokratie brächten etwas Besseres zum Wohl der größtmöglichen Zahl zustande als dieses System der abgezweckten Freiheiten.

Natürlich gilt das nur solange, als wir davon überzeugt sind, daß allein der ökonomische Erfolg die Massen formt, bindet und erhellt. Nach Lage der Dinge dämmert es manchem inzwischen, daß Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder gar Überlegenheit zeigen werden. Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren, so zeitigt das in unserem reizbaren, nervösen System nicht nur innenpolitische Folgen, sondern vor allem abrupte Folgen der politischen Innerlichkeit, den impulsiven Ausbruch von Unduldsamkeit und Aggression. - Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang, in: Der Pfahl VII, 1993

Freiheit (5) Einzig das Wort Freiheit vermag mich noch zu begeistern. Ich halte es für geeignet, die alte Flamme, den Fanatismus des Menschen für alle Zeiten zu erhalten. Ohne Zweifel entspricht es meinem einzigen legitimen Wunsch. Unter so viel ererbter Ungnade bleibt uns, wie man zugeben muß, die größte Freiheit, die des Geistes, doch gewährt. Es liegt an uns, sie nicht leichtfertig zu vertun. Zuzulassen, daß die Imagination versklavt wird auch wenn es um das ginge, was man so leichthin das Glück nennt — das hieße, sich allem entziehen, was man in der Tiefe seiner selbst an höchster Gerechtigkeit findet.

Einzig die Imagination zeigt mir, was sein kann und das genügt, den furchtbaren Bann ein wenig zu lösen; genügt auch, mich ihr ohne Furcht, mich zu täuschen, zu ergeben (als wenn man sich noch mehr täuschen könnte). Wo beginnt sie, Trug zu werden, und wo ist der Geist nicht mehr zuverlässig? Ist für den Geist die Möglichkeit, sich zu irren, nicht vielmehr die Zufälligkeit, richtig zu denken? - André Breton, Erstes Manifest des Surrealismus (1924)

Freiheit (6) Das diskrete atomare Phänomen des Elektronenaustauschs zwischen den Neuronen und den Synapsen im Inneren des Gehirns ist im Prinzip der Quantenunschärfe unterworfen; die große Anzahl der Neuronen bewirkt jedoch durch die statistisch bedingte Aufhebung der elementaren Unterschiede, daß das menschliche Verhalten — sowohl in seinen groben Zügen wie auch in den Einzelheiten — ebenso streng determiniert ist wie das jedes anderen natürlichen Systems. Doch unter manchen, äußerst seltenen Umständen — die Christen nannten es das Wirken der Gnade — entsteht eine neue Kohärenzwelle und breitet sich im Inneren des Gehirns aus; dadurch läßt sich — vorübergehend oder endgültig — ein neues Verhalten beobachten, das durch ein völlig anderes System harmonischer Oszillatoren bestimmt wird; es handelt sich um etwas, das man gemeinhin eine freie Handlung nennt. - N.N.

 Freiheit (7)  Er wußte nicht, wohin er fuhr, noch was er tun würde. Er hatte sich auf den Weg gemacht. Er hatte nichts hinter sich gelassen und hatte auch noch nichts vor sich. Er war frei.
Er hatte Hunger. Alle aßen. Auf einem Bahnhof kaufte er sich belegte Brötchen und eine Flasche Bier.

In Lyon war es schon dunkel. Er wäre fast ausgestiegen, ohne zu wissen warum, versucht, sich schon in das von Lichtern gesprenkelte Dunkel zu stürzen, aber der Zug fuhr weiter, ehe er noch die Zeit gehabt hatte, sich zu entscheiden. Es gab vieles in ihm, das er später ins reine bringen mußte, später, wenn er sich eingewöhnt hatte, wenn der Zug am Ziel sein, wenn er endlich irgendwo ankommen würde. - Georges Simenon, Die Flucht des Herrn Monde. Köln 1970 (zuerst 1952)

 Freiheit (8)  Frei sein und durch sich selbst bestimmt sein, von innen heraus bestimmt sein, ist eins. - Friedrich Schiller, Kallias-Briefe

 Freiheit (9)  Eines Abends kam ich in die Stube und Ruth war nackt. Sie wusch sich. Da erlebte ich in meinem Körper zum erstenmal Freiheit, denn ich bekam einen Steifen. Heftig liebte ich Ruth in diesem Augenblick, heftig begehrte ich sie. Autonom. Ihr von Wilm genossenes Liebesfleisch erregte mich, Ruths Schönheit bewegte mich und ihre erotische Reinheit überzeugte mich von der Weisheit meiner Wahl. Das alles geschah gleichzeitig und das war nun auch Wirklichkeit, ich fühlte Zuversicht, als ich den Steifen hatte, denn in meiner Geilheit wurde ich bewußter.  - (kap)

 Freiheit (10)   Dasjenige wird frei zu nennen sein, das aus der bloßen Notwendigkeit seiner Natur existiert und nur durch sich selbst zum Handeln bestimmt wird. - Spinoza, nach: Schopenhauer, Über den Willen in der Natur. Zürich 1977
 

Bedürfnisse Anarchie
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