euer
Überwältigt blieb der Kleine stehen. Es war das erste Mal, daß er
Flammen sah. Er kannte bislang nur das langsam den Himmel durchwandernde
Feuer der Sonne, dessen Wärme ihn während seines Fluges dreimal goldrot
und tröstlich umflutet hatte. Doch diese Glut war blendend und ferne gewesen,
unerträglich dem Auge und darum eigentlich gestaltlos, hier aber hüpfte
in nächster Nähe ein lustiges Wesen und züngelte mit Dutzenden Zungen und
stimmte mit Dutzenden Stimmen prasselnd und knisternd und sprühend ein
Liedchen an...
Hephaistos stand wie gebannt. In den Götterwohnungen gab es kein Feuer, wiewohl der Herbst schon zur Neige ging. Nicht, daß die Götter die Wärme nicht brauchten, sie waren nicht so gänzlich empfindungslos gegen Kälte wie einst die Titanen, doch es genügte ihnen zur Not noch im härtesten Winter, sich so tief ins Mooslager zu verkriechen, daß nur die Nasenspitzen heraussahen. Da lagen sie dann, Zeus, Hera, Ares, Apollon und all die andern, und bibberten und sehnten sich nach dem Frühling, Daß man das Feuer zähmen und in der Wohnung halten konnte, wußte außer der Alten noch keiner, auch nicht Prometheus.
So war denn Haephaistos des Staunens übervoll; mit offenem Mund und leuchtenden Augen stand er vor den tanzenden Flammen und wagte sein Glück zu begreifen, sich in Gesellschaft dieses fröhlichen Burschen zur nicht mehr erhofften Ruhe zu strecken. Nun, so dicht vor dem Ziel, schien ihm alle Mühsal ein böser Traum; vor Erschöpfung zwar zitternd und dennoch selig, hüpfte er einen Schritt, den letzten Schritt dieses Qualenwegs, näher und brüllte zugleich schon weh und ach.
«Au», brüllte er, «das Ungeheuer hat mich
gebissen! Rrraahh, es beißt!» - Franz Fühmann, Marsyas. Mythos und
Traum. Leipzig 1993 (Reclam 1449, zuerst 1974 ff.)
Feuer (2) Er sah in das spärliche Feuer, in dem
sich ein längliches Brikett aus einen stumpfschwarzen bedruckten Ziegel
still in ein Anderes verwandelte. Feine rote
Risse drangen von allen Seiten in ihn hinein, und darüber am Außenrand
lag schön eine blättrige weiße Aschenschicht, aus der sich zuweilen noch
lautlos winzige bläuliche Flämmchen mit hellgelber Spitze blähten, wenn
aus dem dunklen unbekannten Berginnern des Steines die feinen Gasfäden
strömten. Für einen Augenblick konnte man am Fuße der felshohen Wand stehen
und tief in die wilden stumm glühenden Klüfte hineinschauen; (auch in roten
felsigen Hochländern und funkelnden Sandwüsten wandern; oder behutsam Papierschiffchen
auf ein noch schwarzes Stück Kohle setzten und mit vergehendem Herzen warten,
bis das rote Meer lautlos an die verkohlenden Planken schlug, wehe der
Zaubermannschaft) - Arno Schmidt: Der Rebell (1941, und: Schwarze
Spiegel 1951)
Feuer (3) Da nun dieses Element allein die Eigenschaft hat, sich von selbst zu erzeugen und zu vermehren, indem es aus dem kleinsten Funken erwächst, was wird am Ende bei so vielen Scheiterhaufen auf der Erde zu erwarten sein? Was ist die Natur, welche in der ganzen Welt die habgierigste Gefräßigkeit nährt, ohne selbst Schaden zu leiden? Hierzu denke man sich noch die unzähligen Sterne und die große Sonne; ferner das Feuer, dessen sich die Menschen bedienen, das in den Steinen ruht, das durch aneinandergeriebenes Holz erzeugt wird, das aus den Wolken als Blitze hervorbricht! Es übersteigt wahrlich alle Wunder, daß nur ein Tag vergehen kann, an dem nicht alles verbrennt, da noch überdies Hohlspiegel, welche man den Strahlen der Sonne entgegenhält, leichter zünden als jedes andere Feuer. Und welche unzähligen kleinen, aber natürlichen Arten von Feuer sind nicht überall? In Nymphäum bricht aus dem Felsen eine Flamme hervor, die sich durch Regen entzündet. Dieses geschieht auch bei den scomtischen Gewässern; allein letztere Flamme verliert ihre Kraft, wenn sie auf andere Gegenstände übergeht, und hält in einem anderen Stoffe nicht lange an. Seit undenklichen Zeiten beschattet eine lebende Esche diese feurige Quelle. Im mutinenischen Gebiete bricht an bestimmten, dem Vulkan geheiligten Tagen Feuer hervor. Man findet bei den Schriftstellern angeführt, daß auf den aricischen Feldern die Erde in Brand gerate, wenn eine Kohle darauffällt. Im Lande der Sabiner und Sicidiner gibt es einen Stein, der, mit Fett bestrichen, zu brennen beginnt. In der salentinischen Stadt Egnatia entsteht, wenn man Holz auf einen daselbst für heilig gehaltenen Felsen legt, sogleich eine Flamme. Auf einem unter freiem Himmel befindlichen Altare der Juno Lacinia soll die Asche selbst durch die heftigsten Stürme nicht weggeführt werden.
Sogar im Wasser und am menschlichen Körper
entstehen plötzlich Flammen. So soll einmal der ganze trasimenische See
in Feuer gestanden haben. Dem Servius Tullius brach in seiner Kindheit
während des Schlafes eine Flamme aus dem Kopfe
hervor. Valerius Antias erzählt dasselbe von L. Marcius, als dieser nach
dem Tode der Scipionen eine Rede hielt und die Soldaten zur Rache aufforderte. - (pli)
Feuer (4) Bei einem Antiquar fand ich die tschechische
Übersetzung des Buches Das Blut der Armen von Léon Bloy.
Franz Kafka interessierte sich sehr für
meinen Fund. Er sagte: »Ich kenne von Léon Bloy ein Buch gegen den
Antisemitismus Le salut par les Juifs. Die Juden werden hier von
einem Christen - wie ärmere Verwandte - in Schutz genommen. Es ist sehr
interessant. Und dann - Bloy kann schimpfen.
Das ist etwas ganz Außergewöhnliches. Bloy besitzt ein Feuer, das
an die Glut der Propheten erinnert. Was sage
ich: Bloy schimpft viel besser. Das ist leicht erklärlich, da sein Feuer
von allem Mist der modernen Zeit genährt wird.«
- Gustav Janouch, Gespräche
mit Kafka. Aufzeichnungen
und Erinnerungen. Frankfurt am Main 1981 (Fischer Tb. 5093, zuerst 1954)
Feuer (5)
| Aetna, der feurige Berg mit der schwefeldampfenden
Esse, wird nicht immer glühn und hat nicht immer geglüht: Denn – sei es: die Erde ist ein Wesen und lebt und hat Atem- röhren vielerorts und haucht daraus ihre Flammen, kann ihres Atems Wege verändern, sooft sie erbebt, hier schließen die eine und dort eine andere Höhlung sich öffnen – sei es: Die flüchtigen Winde sind drunten in Grotten gesperrt und schleudern Stein gegen Stein und Stoff, der im Innern des Feuers Keime enthält, und der sich unter den Schlägen entzündet, (kalt jedoch bleiben die Grotten zurück, wenn die Winde gestillt sind) sei es auch, daß des Erdpechs Gewalt den Brand zu sich herzieht, oder der gelbe Schwefel verbrennt mit spärlichem Rauche. Wenn dann die Erde den Flammen, nachdem ihre Kraft in der langen Zeit sich verbraucht, die Nahrung, die fettige Speise, versagt und so dem gefräßigen Wesen des Berges der Unterhalt ausgeht, trägt es den Hunger nicht und verläßt, verlassen, das Feuer. |
- (ov)
Feuer (6) Einige Philosophen lehrten, die
Seele sei Feuer. Denn dies sei das feinteiligste
und am wenigsten körperhafte unter den Elementen,
dazu dasjenige, das sich primär bewege und anderes in Bewegung versetzt.
Demokrit aber hat auch genauer gezeigt, wieso er diese beiden Funktionen
ausübt. Seele und Geist seien nämlich dasselbe. Dieser Stoff gehöre zu
den unteilbaren Primärkörpern, beweglich sei er infolge der Kleinheit seiner
Teile und seiner Gestalt. Von den Gestalten aber sei am leichtesten beweglich
die Kugelform, und kugelförmig seien der Geist
und das Feuer. - Aristoteles,
De anima
Feuer (7) Ein Gesicht erschien mir also: Siehe! in diesem Gesicht luden Wolken und ein Nebel mich ein, sich bewegende Sterne und Strahlen von Licht trieben und schoben mich fort, während Winde in dem Gesicht meinen Flug begünstigten und mein Weitergehen beschleunigten. Sie hoben mich zum Himmel in die Höhe. Ich schritt vorwärts, bis ich an eine Mauer kam, gebaut aus Steinen von Kristall. Eine zitternde Flamme umgab sie, welche mich in Schrecken zu setzen begann. In diese zitternde Flamme trat ich ein. Und ich näherte mich einer geräumigen Wohnung, welche auch gebaut war mit Steinen von Kristall. Sowohl ihre Wände, als ihr Fußboden waren mit Steinen von Kristall, und von Kristall war auch der Grund. Ihr Dach hatte das Ansehen von Sternen, die sich heftig bewegen, und von leuchtenden Blitzen, und unter ihnen waren Cherubs von Feuer und ihr Himmel war Wasser. Eine Flamme brannte rings um ihre Mauern, und ihr Portal loderte von Feuer. Als ich in diese Wohnung trat, war sie heiß wie Feuer und kalt wie Eis. Keine Luft oder Leben war dort. Schrecken überwältigte mich und ein furchtbares Zittern ergriff mich. Heftig bewegt und zitternd fiel ich auf mein Antlitz. In dem Gesicht sah ich, und siehe! da war eine andere geräumigere Wohnung, zu welcher jeder Eingang vor mir offen war, errichtet in einer zitternden Flamme. So sehr zeichnete sie sich in aller Hinsicht aus, an Glanz, an Pracht und an Größe, daß es unmöglich ist, euch ihre Pracht oder ihre Ausdehnung zu beschreiben. Ihr Fußboden war aus Feuer, oben waren Blitze und sich bewegende Sterne, während ihr Dach ein loderndes Feuer zeigte. Aufmerksam betrachtete ich sie und sah, daß sie einen erhabenen Thron enthielt, der von Ansehen dem Reife ähnlich war, während sein Umfang dem Kreise der glänzenden Sonne glich; und da war die Stimme der Cherubs. Unten von diesem mächtigen Throne her strömten Bäche lodernden Feuers. Auf ihn zu sehen war unmöglich. Ein Großer in Herrlichkeit saß darauf, dessen Kleid glänzender als die Sonne, und weißer als Schnee. Kein Engel vermochte hindurchzudringen, zu schauen das Antlitz desselben, des Herrlichen und Strahlenden; auch konnte kein Sterblicher ihn ansehen. Ein Feuer loderte rings um ihn. - Buch Henoch
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