assade
Es kommt vor, daß zunächst grundverschieden wirkende
Charakterzüge im Grunde Ausdruck der gleichen Persönlichkeitsanteile sind. Das
hat Reiß einmal in einer aufschlußreichen Studie über den Wanderprediger
Häußer gezeigt, der nach dem ersten Weltkrieg in härenem Gewand, mit struppigem
Vollbart, auf die Schultern wallendem Lockenhaar, mit Sandalen an den Füßen,
von Jüngerinnen gefolgt, durch die deutschen Lande predigte. Er wetterte insbesondere
gegen Nikotin, Alkohol und "giftiges" Fleisch und sah das Heil des Leibes und
der Seele in vegetarischer Abstinenz. Ich habe ihn in meiner Gymnasiastenzeit
selbst gehört, wie er so lange unflätige Reden hielt, bis die Polizei ihn einsperrte.
Gelegentlich einer psychatrischen Begutachtung kam dann seine Vorgeschichte
ans Licht, und die war allerdings zunächst verblüffend. Dieser lausige Kuttenträger,
in zotteligem Haupt- und Barthaar, in Sack und Asche gehüllt, war nämlich vor
dem Krieg in Paris ein bekannter Sektfabrikant und Lebemann gewesen, der, angegossen
geschneiderten Fracks in dekorativer Begleitung durch die teuersten Vertreterinnen
der Halbwelt weder sein eigenes moussierendes Fabrikat noch das seiner berühmten
Kollegen wie Moet und Chandon, der Witwe Clicquot, der Herren (deutscher Abkunft)
Heidsieck, Schneider, Röderer, Mumm und anderer Champagner-Fabrikanten verachtete,
noch die schweren Importen von Henry Clay (dessen Nachfahr, der amerikanische
General Clay in Deutschland zu meinem historischen Bedauern Zigaretten rauchte),
noch die Erzeugnisse der französischen Grill-Küche verschmähte. Reiß zeigt
nun überzeugend, daß nur die Fassade, nicht der Charakter dieses geltungssüchtigen
Psychopathen sich geändert hatte. Aufsehen erregen kann man sowohl im outrierten
Frack mit weißer Binde wie im härenen Kuttensack, das Gefolge von Demimondänen
oder "Jüngerinnen" dient im Grunde der gleichen überaus durchsichtigen Triebbefriedigung
— und ebenso wie mit Champagner und Henry Clay kann man dummen Mitmenschen durch
Abstinenz und Rohkost imponieren zur Selbstwerterhöhung der eigenen Person.
- Horst Geyer,
Prof. Dr. med. habil., Über die Dummheit (zitiert nach der 11. unveränderten Auflage
Wiesbaden 1984, zuerst 1954)
Fassade (2)
Gründlichkeit und Tiefe: nur so weit man diese hat, kann man mit
Ehren eine Rolle spielen. Stets muß das Innere noch einmal soviel seyn, als
das Aeußere. Dagegen giebt es Leute von bloßer Fassade, wie Häuser, die, weil
die Mittel fehlten, nicht ausgebaut sind und den Eingang eines Pallasts, den
Wohnraum einer Hütte haben. An solchen ist gar nichts, wobei man lange weilen
könnte, obwohl sie langweilig genug sind; denn, sind die ersten Begrüßungen
zu Ende, so ist es auch die Unterhaltung. Mit den vorläufigen Höflichkeitsbezeugungen
treten sie wohlgemuth auf, wie Sicilianische Pferde, aber gleich darauf versinken
sie in Stillschweigen: denn die Worte versiegen bald, wo keine Quelle von Gedanken
fließt. Andre, die selbst einen oberflächlichen Blick haben, werden leicht von
diesen getäuscht; aber nicht so die Schlauen: diese gehn aufs Innere und finden
es leer, bloß zum Spotte gescheuter Leute tauglich.
- (ora)
Fassade (3)
Humes Erscheinung, die in so krassem Gegensatz zu seiner geistigen
Beweglichkeit stand, steigerte nur die Faszination. »Sein Gesicht«, notierte
ein Freund, »war rund und flach, der Mund breit, und es hatte keinen anderen
Ausdruck als den von Schwachsinnigkeit. Seine
Augen wirkten leer und geistlos, und die Korpulenz seiner gesamten Erscheinung
war viel eher geeignet, den Eindruck eines schildkrötenverzehrenden Ratsherrn
zu vermitteln als den eines feinsinnigen Philosophen.« Die Franzosen liebten
all dies. Sie liebten die unbeholfene Leutseligkeit dieser ungeschlachten Gestalt,
lauschten inbrünstig ihrem außergewöhnlichen franzosischen Akzent, und als eines
Abends der Angebetete als Sultan verkleidet in Begleitung zweier hübscher Damen
auf einem Kostümball erschien, wo er sich vor die Brust schlug und lediglich
ein immergleiches »Eh bien, mesdemoiselles, eh bien, vous voilà donc!« von sich
gab, erreichte die Ekstase ihren Höhepunkt. Die Verbindung,
die Inneres und Äußeres in diesem einen Mann eingegangen waren, schien schlechterdings
unglaublich. Selbst seine eigene Mutter ist offenbar nie hinter die Fassade
gedrungen. »Unser Davie«, soll sie Berichten zufolge gesagt haben, »ist ein
gutmütiger Kerl, aber ungewöhnlich stumpfsinnig.« - Lytton Strachey: Das Leben,
ein Irrtum. Acht Exzentriker. Berlin 1999
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