ahrrad
»Sind Sie sicher, was das Menschsein von Fahrrädern betrifft?«
wollte Mick von ihm wissen. »Widerspricht das nicht der Doktrin von der
Erbsünde? Oder ist die Mollykül-Theorie
wirklich so gefährlich, wie Sie sagen?« Der Sergeant zog wild entschlossen
an seiner Pfeife, während sein Streichholz sprühte.
»Sie ist drei- bis viermal so gefährlich, wie sie sein könnte«, erwiderte er düster. »Frühmorgens denke ich oft, daß sie viermal so gefährlich ist, und, beim barmherzigen Gotte, wenn Sie hier ein paar Tage lang lebten und Ihrer Beobachtungs- und Betrachtungsgabe uneingeschränkt die Zügel schießen ließen, wüßten Sie, wie sicher die Gewißheit der Bestimmtheit ist.«
»Wachtmeister Pluck sah aber nicht wie ein Fahrrad aus«, sagte Mick.
»Er hatte kein Hinterrad und nicht einmal eine Klingel am rechten Daumen.«
Der Sergeant betrachtete ihn mit einigem Mitleid. »Sie können nicht erwarten,
daß ihm eine Lenkstange aus dem Nacken wächst, aber ich habe gesehen, wie
er versucht hat, Dinge zu tun, die noch genauer unbeschreiblich waren als
das. Ist Ihnen je das merkwürdige Benehmen von Fahrrädern auf dem Lande
aufgefallen, beziehungsweise das der Mehr-Mensch-als-Fahrräder?«
»Nein.«
»Es ist eine einheimische Katastrophe. Wenn ein Mann es erst mal soweit
kommen läßt, werden Sie nicht viel sehen, denn er wird sich mit einem Ellenbogen
gegen Wände lehnen oder sich beim Stehen mit einem Fuß auf dem Kantstein
abstützen. So ein Mann ist ein unnützes Phänomen von großem Charme und
großer Intensität und ein sehr gefährlicher Artikel.«
»Gefährlich für andere Menschen, meinen Sie?«
»Für sich und alle
gefährlich. Ich kannte mal einen Mann namens Doyle. Er war einunddreißig
Prozent.«
»Nun, das ist doch noch nichts Ernstes.« Der Sergeant paffte
fleißig, denn seine Pfeife war nun voll betriebsbereit.
»Vielleicht. Dafür können Sie sich bei mir bedanken. Es waren drei Brüder Doyle im Haus, und sie waren so verachtungswürdig arm, daß sie sich nicht jeder pro Stück ein Fahrrad leisten konnten. Manche Menschen werden nie erfahren, welches Glück sie damit haben, daß sie ärmer sind als jeder von ihnen gegenseitig. Aber es gewann, verdammich, einer der Brüder bei einem Preisausschreiben der Zeitschrift John Bull zehn Pfund. Als ich präzisen Wind von dieser Botschaft bekam, wußte ich, daß ich schnelle Schritte einleiten mußte, damit es nicht zwei Fahrräder in der Familie gab, denn Sie werden verstehen, daß ich jeden Monat nur eine begrenzte Anzahl von Fahrrädern stehlen kann. Glücklicherweise kannte ich den Briefträger gut und nahm ihn ins Gebet, um den Scheck in meine Richtung abzulenken. Der Briefträger! Wie Hafergrütze: ständig in Bewegung!«
Die Erinnerung an diesen Mann des Öffentlichen Dienstes schien beim
Sergeant ein wehmütiges, sardonisches Kichern
hervorzurufen, das von verworrenen Gestikulationen seiner roten Hände begleitet
wurde.
»Der Briefträger?« fragte Mick. »Zweiundsiebzig Prozent«, sagte
er leise.
»Großer Gott!«
»Eine Runde von neunundzwanzig Meilen jeden einzelnen Tag, und das vierzig Jahre lang, bei Hagel, Regen oder Schneebällen. Es bestand nur sehr wenig Hoffnung, seine Werte wieder unter fünfzig Prozent zu kriegen. Ich habe ihn dazu gebracht, den Scheck in einem privaten Nebenbüro einzulösen, und wir haben uns das Geld zum Wohl der Allgemeinheit väterlich geteilt.«
Seltsam: Mick hatte nicht das Gefühl, der Sergeant sei unehrlich gewesen;
er war eher sentimental gewesen, und der Zustand des Briefträgers bedeutete,
daß es sich gar nicht um eine moralische Problemstellung handelte. Er fragte
den Sergeant, wie sich das Fahrrad seinerseits von Tag zu Tag in einer
Situation wie dieser verhalte. »Das Verhalten eines Fahrrads mit einem
sehr hohen Anteil homo sapiens«, erläuterte er, »ist sehr schlau und rundherum
bemerkenswert. Man sieht nie, wie sie sich aus eigener Kraft bewegen, aber
man trifft sie unerwartet an den unwahrscheinlichsten Orten an. Haben Sie
je ein Fahrrad gesehen, in einer warmen Küche ans Büffet gelehnt, wenn
es draußen gießt?«
»Ja.«
»Nicht übermäßig weit vom Herd entfernt?«
»Genau.«
»In Hörweite, nah genug, um die Gespräche der Familie zu verfolgen?«
»Vermutlich.«
»Nicht gerade tausend Meilen von den Essensvorräten entfernt?«
»Das
ist mir nicht aufgefallen. Grundgütiger, Sie wollen damit doch nicht andeuten,
daß diese Fahrräder essen?«
»Sie wurden nie dabei beobachtet; niemand hat sie je mit einem Mundvoll
Kümmelkuchen ertappt. Ich weiß nur, daß Nahrung verschwindet.«
»Was!«
»Ich habe mehr als einmal Krümel an den Vorderrädern dieser Herren bemerkt.«
- Flann O'Brien, Aus Dalkeys Archiven. Frankfurt am Main 1982 (BS
623, zuerst 1964)
Fahrrad (2)

- Jean Cocteau 1925, nach: Cyberspace. Ausflüge in
virtuelle Wirklichkeiten. Hg. Manfred Waffender. Reinbek bei Hamburg 1991
Fahrrad (3)

- Gustav Mesmer
Fahrrad (4)
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