Folterkammer   «Wenn ich nicht gerade rannte, war Ich meistens gefesselt oder irgendwo angekettet. Kommen Sie! Ich zeig's Ihnen.» Sie führt Slothrop hinüber zu einer Folterkammer oder dem, was davon übrig ist, ein Rad mit abgesprungenen Holzzähnen, Mauerwerk aus Gips, abblätternd und zerbröckelt, aufwallender Staub, tote Fackeln, kalt und schief in ihren Halterungen. Klappernd läßt sie hölzerne Ketten, die Silberfarbe fast schon abgeschabt, durch ihre Lederfinger gleiten. «Das war eine Kulisse für Alpdrücken. Gerhardt war damals noch Feuer und Flamme für übertriebene Lichteffekte.» Silbergrau sammelt sich in den feinen Falten ihrer Handschuhe, als sie den Staub vom Folterrad wischt und sich darauf ausstreckt. «So wie hier», während sie die Arme hebt, so daß er ihr gehorcht und die Blechfesseln an Hand- und Fußgelenken schließt, «wo das Licht gleichzeitig von oben und von unten kam und jeder Körper zwei Schatten warf: den Kains und den von Abel, wie Gerhardt uns erklärte. Es war auf dem Höhepunkt seiner symbolistischen Phase. Später ging er dazu über, mehr natürliches Licht zu verwenden und an den Originalschauplätzen zu drehen.» Sie gingen nach Paris und Wien. Nach Herrenchiemsee vor den bayerischen Alpen. Von Göll hatte davon geträumt, einen Film über Ludwig II. zu drehen. Es brachte ihn fast auf die schwarze Liste. Damals war Friedrich der Mann der Stunde. Man hielt es für unpatriotisch, zuzugeben, daß ein deutscher Herrscher den Verstand verlieren konnte. Aber das Gold, die Spiegel, die kilometerlangen Rokoko-Ornamente machten von Göll selbst ein wenig wirr. Vor allem diese langen Korridore ... «Korridor-Metaphysik» nennen die Franzosen diesen Zustand. Alte Korridor-Profis kichern wissend, wenn man ihnen erzählt wie von Göll, noch lange nachdem der letzte Meter Film verdreht war, mit einem abwesenden Grinsen im Gesicht auf seinem Kamerawagen durch die goldenen Gänge rollte. Noch in Schwarz/Weiß und auf orthochromatischen Emulsionen überlebte ihre Wärme, obwohl der Film natürlich niemals freigegeben wurde. Das wütende Reich - wie konnten sie bei so was stillsitzen? Endlose Verhandlungen, aalglatte kleine Männer mit Hakenkreuznadeln an den Aufschlägen, die überall herumschnüffelten, die Dreharbeiten störten und mit der Nase voraus in die Spiegelwände hineinliefen. Sie hätten jede andere Zusammensetzung mit «Reich» akzeptiert, selbst «Königreich», doch von Göll blieb standhaft. Es war ein Drahtseilakt. Um wieder Boden unter die Füße zu bekommen, begann er sofort mit der Arbeit an Gute Gesellschaft, einem Film, der Goebbels so gut gefallen haben soll, daß er ihn sich dreimal ansah, sich vor Vergnügen auf die Schenkel klatschte und den Burschen auf dem Nebensitz, der womöglich Adolf Hitler hieß, in den Arm boxte. Margherita spielte die Lesbierin in dem Café, «die mit dem Monokel, die am Schluß von dem Transvestiten zu Tode gepeitscht wird, erinnern Sie sich?» Schwere Beine in Seidenstrümpfen schimmern jetzt in einem harten, maschinellen Glanz, glatte Knie reiben aneinander, während die Erinnerung in sie eindringt, sie erregt. Slothrop genauso. Sie lächelt auf zu seinem Lederhosenlatz, der sich strafft. «Er war schön. Zweigleisig, aber das hat nichts ausgemacht.»   - Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbek bei Hamburg 1981
 
 

Folter Kammer

 

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Schreckenskammer
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