laschenteufel    Auf einmal hörte er in seiner Nähe einen langen, tief heraufgeholten Seufzer. Er hielt das anfangs für ein Trugbild seiner erhitzten Phantasie, für eine Täuschung der Nacht, weswegen er nicht weiter darauf achtgab und seine Betrachtungen fortsetzte.

Nun ertönte aber ein zweiter Seufzer, der ihn auf den Gedanken brachte, es müsse doch etwas Wirkliches sein, und obschon er niemand im Stübchen sah, rief er dennoch: »Wer zum Teufel seufzt denn hier?« - »Ich bin's, Señor Studioso«, antwortete alsbald eine Stimme, die etwas Außerordentliches an sich hatte; »schon sechs Monate stecke ich in einer dieser gepfropften Phiolen. Hier im Hause wohnt ein gelehrter Astrolog und Zauberer: er ist es, der mich durch seine gewaltige Kunst in diesem engen Kerker verschlossen hält.« - »Ihr seid also ein Geist?« sagte Don Cleophas etwas verblüfft über die Neuheit solcher Begegnung. »Ja, ich bin ein Dämon«, erwiderte die Stimme; »Ihr kommt sehr zur gelegenen Stunde, um mich aus der Sklaverei zu befreien. Ich verschmachte hier in dieser Untätigkeit, denn ich bin der lebhafteste und fleißigste Teufel von der Welt.«

Senor Zambullo konnte sich eines kleinen Schreckens nicht erwehren; aber von Natur beherzt, faßte er sich bald wieder und sagte in festem Tone zu dem Geist: »Señor Diablo, sagt mir doch gefälligst, welchen Rang Ihr unter Euren Brüdern einnehmt, und ob Ihr ein Teufel von Stand oder aus dem Pöbel seid.« - »Ich bin«, antwortete die Stimme, »ein hochangesehener Teufel und habe sowohl in dieser als in der andern Welt von allen den größten Ruf.« - »Wäret Ihr vielleicht«, fragte Don Cleophas, »der Dämon, den man Luzifer nennt?« - »Nein, das ist der Teufel Marktschreier.« -. »Oder Uriel?« - »Pfui doch«, unterbrach ihn die Stimme mit Heftigkeit, »das ist der Patron der Krämer, Schneider, Metzger, Bäcker und andern Spitzbuben aus dem Volke.« - »Dann seid Ihr wohl gar Beelzebub?« fragte Leandro. - »Ihr scheint zu spotten«, antwortete der Geist, »das ist der Dämon der Dueñen und der Escuderos.« - »Sonderbar«, sagte Zambullo, »ich glaubte, Beelzebub wäre einer der Ersten in Eurem Reiche.« - »Im Gegenteil«, erwiderte der Dämon, »ist er einer seiner geringsten Apostel: Ihr habt ganz verkehrte Begriffe von unserer Welt.«

»So müßt Ihr also«, fuhr Don Cleophas fort, »Leviathan oder Belphegor oder Astarot sein?« - »Diese drei«, antwortete der Geist, »sind allerdings Teufel vom ersten Range, sie sind Hofgeister. Sie sitzen im Rate der Fürsten, sie leiten die Minister, schließen Bündnisse, erregen Unruhen in den Staaten und zünden die Fackeln des Krieges an. Das sind keine solche armen Lumpen wie die ersten, die Ihr genannt habt.« - »Ei, so sagt mir doch, wenn ich bitten darf«, fragte der Student weiter, »was für ein Amt hat denn Flagel?« - »Er ist«, erwiderte die Stimme, »die Seele der Schikane und der Geist der Gerichtshöfe. Von ihm schreiben sich die Protokolle, die Häscher und die Notare her. Er inspiriert die Prozessierenden, hat sein Wesen in den Advokaten und treibt sein Spiel mit den Richtern. Ich dagegen habe andere Beschäftigungen: ich stifte lächerliche Heiraten, kupple Graubärte mit minderjährigen Töchtern, Herren mit ihren Mägden und arme Mädchen mit schmachtenden Liebhabern zusammen, die keinen Heller im Vermögen haben. Ich habe den Luxus, die Ausschweifungen, die Hazardspiele und die Chemie in die Welt eingeführt. Ich bin der Erfinder der Karusselle, des Tanzes, der Musik, der Komödie und aller neuen Moden in Frankreich, mit einem Wort, ich heiße Asmodeus, sonst auch der Hinkende Teufel genannt.« - Alain René Lesage, Der Hinkende Teufel. Nördlingen 1987 (Greno 10/20, zuerst 1707)

 

Teufel Flasche

 

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