volution
Die Menschen sind in 5 Millionen Jahren schon wieder ausgestorben.
Seltsame Tiere wie der "Rasselrücken", das "Purpurgesicht"
und der "Salzdrachen" bevölkern
die Kontinente. In 200 Millionen Jahren haben die Fische Flügel
bekommen und hat als neue Tierart der "Flisch" die
Vögel ersetzt; aus den Tintenfischen
sind riesige Waldbewohner geworden. Sich vorzustellen, wohin
die Evolution geht, macht irre Spaß, ist aber keine bloße Phantasterei.
Es gibt viele Regeln zu beachten: Das
Knochengerüst muss stark genug sein, um das Gewicht zu tragen;
in kalten Klimazonen überleben nur Tiere mit einem kompakten
Körperbau und einem dicken Fell. Und warum hat die Evolution
eigentlich noch keine Tiere mit Rädern hervorgebracht? -
Ulrich Kühne, SZ (Literaturbeilage) 17. März 2003
Evolution (2) Ihr seid entstanden, weil die Evolution ein Spieler ist, der es mit der Ordnung nicht so genau nimmt, denn nicht genug damit, daß sie durch Fehler Fehler macht, beschränkt sie sich außerdem im Wettstreit mit der Natur nicht auf irgendeine besondere Taktik, sondern setzt in jeder nur erdenklichen Weise auf alle freien Spielfelder. Aber darüber, ich sage es noch einmal, seid ihr mehr oder weniger im Bilde. Das ist jedoch nur ein Teil - und zwar der einleitende Teil -dessen, worin ich euch einweihen werde. Seinen ganzen Inhalt, soweit er bislang enthüllt ist, kann man lapidar folgendermaßen fassen: DER SINN DES BOTEN IST DIE BOTSCHAFT. Denn die Organismen dienen der Übermittlung - und nicht umgekehrt; wenn man von der Übermittlungsprozedur der Evolution absieht, bedeuten die Organismen nichts, sind sie sinnlos wie ein Buch ohne Leser. Freilich kommt auch das Gegenteil vor:
DER SINN DER BOTSCHAFT IST DER BOTE. Diese beiden Glieder sind jedoch nicht symmetrisch, denn NICHT JEDER Bote ist der EIGENTLICHE Sinn der Botschaft, sondern nur derjenige, der der WEITEREN Übermittlung der Botschaft treu dienen wird.
Ich weiß nicht, ob das - bitte verzeiht mir - nicht zu schwierig für euch ist. Nun also: DIE BOTSCHAFT darf in der Evolution Fehler machen, soviel sie will, aber wehe den BOTEN! Die BOTSCHAFT kann einen Wal bedeuten, eine Kiefer, einen Wasserfloh, eine Hydra, einen Nachtfalter oder einen Pavian - ihr ist alles erlaubt, denn ihr partikularer, das heißt gattungsmäßig konkreter Sinn ist völlig unerheblich: Hier ist jeder ein Bote für weitere Botengänge und folglich jeder gut. Er ist eine zeitweilige Stütze, und es kommt nicht darauf an, wie er beschaffen ist - Hauptsache, er gibt den Code weiter. Solche Freiheit ist den BOTEN nicht gegeben: sie dürfen KEINE FEHLER mehr machen! Der Inhalt der Boten, die auf das bloße Funktionieren, auf diese Briefträgerdienste reduziert sind, kann also nicht beliebig sein; im wesentlichen deutet er stets auf die auferlegte Pflicht hin, dem Code zu dienen. Soll der Bote nur versuchen, sich aufzulehnen, seine Dienstpflichten zu überschreiten - auf der Stelle wird er ohne Nachkommenschaft zugrunde gehen. Eben deshalb kann die Botschaft sich der Boten bedienen, aber nicht umgekehrt. Sie ist der Spieler, jene aber sind nur die Karten im Spiel mit der Natur, sie ist der Autor der Briefe, die den Adressaten zwingen, den Inhalt weiterzugeben. Er darf ihn entstellen - wenn er ihn nur weitergibt! Und das heißt eben, daß der ganze SINN im Weitergeben besteht; WER das tut, ist unerheblich.
Auf diese recht sonderbare Weise seid ihr also entstanden
- als eine bestimmte Unterart von Boten, von denen der Prozeß
schon Millionen ausprobiert hatte. - Stanislaw Lem, Also
sprach GOLEM. Frankfurt am Main 1986 (st 1266, zuerst 1973, 1981)
Evolution (3)
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Neue Bildungen, Der Ochsenspatz |
- Christian Morgenstern, nach: Das ABC
der Tiere. Gedichte. Hg. Evelyne Polt-Heinz und Christine Schmidjell.
Stuttgart 2003 (Reclam 18275)
Evolution (4) Das von der Weltessenz
durchdrungene Leben muß den Kosmos wiederspiegeln. Wir sehen
die Evolution in gerader Linie sich fortbewegen nach einem verhüllten
Ziel. Für den Ausgleich dagegen erachte ich die Rotation, die
Kreisbewegung als typisch. Im Zentrum des alten Lebens steht
als Symbol das Swastika, das sich drehende Rad. Die Ringtänze
der Jünglinge aller Urvölker stellen nichts andres dar als dieses.
Von dorther führt bis in unsre Tage herauf der Ring- und Rosentanz,
den unsre Kinder schließen. Ich habe deshalb in meinen Reden
dem Bilde Ausdruck verliehen, welches das geöffnete Leben als
ein harmonisches Ganze darstellt, in dem die einzelnen Glieder
wie ungeheure Ketten von Sternen sich im rhythmischen Reigen
um die Lichtzentrale schlingen. - Alfred Schuler,
Vom offenen und geschlossenen Leben. In: Gustav Theodor Fechner,
Das unendliche Leben. München 1984 (Matthes & Seitz debatte
2, zuerst ca. 1940 )
Evolution (5)

- Daniel Chodowiecki, ca. 1760
Evolution (6) Bei den meisten Vögeln besteht der Geschlechtsakt lediglich aus einem simplen "Kloakenkuss". Eine Kloake ist ein gemeinsame Körperausgang für Harn, Darm und Reproduktion. Die Evolution hin zu Kloake wird damit erklärt, dass so die Anzahl der Körperöffnungen und damit auch der Infektionsherde minimiert wurde. Die Vorfahren der Vögel, die Saurier, hatten einen Penis. Den Wegfall des Organs bei den meisten Vogelarten erklären Evolutionsbiologen mit Gewichtseinsparung und eine Anpassung der Körper an das Fliegen. Manche Wasservögel verfügen jedoch noch über einen Penis. Solch ein membrum virile findet sich unter anderem bei Enten - und es scheint sich dort nicht zurückentwickelt zu haben, sondern - im Gegenteil - teilweise geradezu ausgeprägt zu haben. Bekannt ist das Beispiel der Argentinischen Ruderente mit 42,5 Zentimetern Penislänge.

Argentinische Ruderente mit ausgefahrenem Penis.
Bild: Nature
Bisher wurden die teilweise außergewöhnlichen Penislängen von
Wasservögeln mit dem Modell der "Spermakonkurrenz" erklärt. Dabei wurde
spekuliert, dass Männchen mit einem längeren Penis einen
Wettbewerbsvorteil gegenüber solchen mit einem kürzeren hätten, weil
ihr Sperma sicherer zur Befruchtung käme. Eine Studie, die jetzt in der
Zeitschrift PlOS ONE erschien, zeigt, dass Evolution nicht so einfach und linear funktioniert.
- Peter Mühlbauer, telepolis
vom 2.Mai.2007
Evolution (7)
L. Simonneau der Jüngere, Physiognomie des Ziegenbocks
nach LeBrun, vor 1727
- Nach: Hugo Loetscher, Der predigende Hahn. Das literarisch-moralische
Nutztier. Zürich 1992
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