rschrecken Der
Augenblick, in dem Leben und Tod die Plätze wechseln, besitzt etwas sehr Erschreckendes,
und der Mensch schlägt, wenn er seinen Bann überwunden hat, nicht ohne Grund
oft ein Gelächter an. Ich erinnere mich hier eines Verkäufers in einem Warenhause,
der plötzlich inmitten einer Gruppe von Modepuppen
Leben zu gewinnen schien, ich erinnere mich der ersten Toten im Kriege, die
ich für schlafende Soldaten hielt. Das Leben ist reich an solchen Andeutungen;
die Erscheinungen der Mimikry, jene Schmetterlinge, die welken Blättern gleichen
und plötzlich zwei bunte Augen aufklappen, die Heuschrecken,
die sich als dürre Zweige maskieren, während ihre gefährlichen Fangarme weit
ausgebreitet sind, geben Zeugnis davon. Selbst Steine, von deren magischen Eigenschaften
Albertus Magnus in seinem Buche über die Geheimnisse der Steine spricht,
können erschrecken; und die weitverbreitete Auffassung des Opals als eines Trägers
besonders bösartiger Kräfte erscheint recht einleuchtend, denn kein anderer
Stein wacht unter dem Spiele des Lichtes zu einem so katzenhaft
beweglichen Leben auf wie er.
Als solchen Augenblick einer stärksten Verwandlung habe ich es auch empfunden,
wenn man im Kriege, vielleicht aus einer Rauchwolke heraustretend, in einer
scheinbar toten Landschaft den Gegner zum Leben erwachen sah. Und ich hatte
das Gefühl, daß eigentlich weniger der Mensch mit seinen feindlichen Absichten
das Schreckliche war als die Überraschung, ihn so plötzlich leibhaftig zu sehen.
Nichts war so geeignet, die mechanisch taktische Welt des Soldaten mit einem
Schlage in die dämonische des Kriegers zu verwandeln wie dies. Nur so, nur durch
einen plötzlichen Einsturz des Bewußtseins, kann ich mir auch die furchtbare
Angriffslust erklären, die sich selbst von Grund auf vorsichtiger Naturen bemächtigte.
- (ej)
Studer kannte viele Arten des Erschreckens:
Da gab es das Erschrecken der Ladendiebin, wenn man sie sanft am Arme packt: »Bitte mitkommen, Fräulein . ..« Die Tränen, die aus den Augenwinkeln rollen und Streifen durch den Puder der Wangen ziehen ... Da gab es das Erschrecken des Mannes, dem man auf offener Straße die Hand auf die Schulter legt: »Mitkommen! Kein Krach!« Die Augen sind weit aufgerissen und die Lippen bleich und schmal. Man spürt es, der Mund ist trocken und die Kehle auch, der Mann versucht zu schreien und kann nicht... Es gab das Erschrecken des Betrügers, den man am Morgen aus einem schweren Schlaf weckt und dessen Hände so arg zittern, daß sie fünf Minuten brauchen, um die Krawatte schief zu binden . . . Aber des Nachtwärters Bohnenblust Erschrecken über das plötzliche Auftauchen des Wachtmeisters war vollkommen anders. Einen Augenblick hatte Studer Angst, den Mann könne der Schlag treffen. Ganz violett lief das Gesicht an, Blut trat in die Augen, und die Lungen rasselten, Bohnenblust versuchte aufzustehen, sank zurück. Dann lehnte er wieder den Kopf an die Wand, dort, wo ein großer Fettfleck sich abhob . .. Wie viele Stunden hatte des Nachtwärters Kopf an dieser Stelle gelehnt? . .. »Aber Mann!« sagte Studer freundlich. Dann konnte er gerade noch rechtzeitig Bohnenblusts Hand abfangen, die sich schon in bedenklicher Nähe einer Reihe Klingelknöpfe befand. Der Mann wollte wohl Alarm läuten! .. .
»Ich bin's doch, der Wachtmeister Studer!«
»Ja ... Ja ... Herr . .. Doktor . . . Herr . . . Wachtmeister ... Herr. . .«
»Sagt doch ruhig Studer!« - Friedrich
Glauser, Matto regiert. In: F. G.: Kriminalromane. Berlin 1990 (zuerst
ca. 1936)
Und jetzt wieder:Gab es nichts, was ich mochte? Doch, ja, alles, jede Einzelheit,
aber so? - (rom)
- (faust)
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