insamkeit
Man machte Herrn *** Vorwürfe wegen seines Hangs zur Einsamkeit.
Er erwiderte: Ich bin an meine Fehler mehr gewöhnt als an die der anderen.
- (Chamfort)
Einsamkeit (2) Reis ist ein sehr empfindliches Geschöpf. Scheinbar kann man mit ihm machen, was man will, aber er besitzt einen sehr sensiblen seelischen Kern. Kein Vergleich mit Kartoffeln oder italienischer Pasta, die auch einfache Geschmacksträger mit etwas Volumen und Struktur sind.
Der Reis verlangt einen einzigen Grundgeschmack, oder er muß allein bleiben, wenn er den Geschmack verschiedener Dinge aufnehmen soll. Deshalb darf man ihn nur mit solchen Dingen zusammen kochen, die von demselben Vater und derselben Mutter abstammen, und wenn man ihn mit Fleisch und Fisch kombiniert, muß man weißen Reis nehmen, ihn in Einsamkeit kochen, abtropfen lassen und dann mit anderen Einsamkeiten zusammenbringen. Die echten Valencianer sind die Erfinder des Reises, der nicht allein gekocht wird, aber sie sind nicht die Erfinder dieser Horrorgeschichte, die in vielen Restaurants als <Paella mit Huhn und Meeresfrüchten> serviert wird. Die Chinesen und Asiaten sind Meister der Kombination von gesondert zubereitetem Reis mit allem, was das Herz begehrt, und seien es drei-, vier— oder fünftausend Köstlichkeiten.
Aber das allerschlimmste ist, wenn man eine Paella wie diese hier vorgesetzt
bekommt! Der Reis wurde in einem halben Liter Öl gegart, in dem man vorher
alle möglichen Fische gebraten hat. Das war keine Paella, das war ein Abfallprodukt
aus einer Klinik für Brandopfer. - Pepe Carvalho, nach: Manuel Vásquez
Montalbán, Schuß aus dem Hinterhalt
Einsamkeit (3)

-
N.N
Einsamkeit (4) Ich genoß es, mich auf der einen
Seite dieses kleinen Satelliten unseres Planeten zu befinden, während Neil
und Buzz irgendwo auf der anderen Seite waren und es in einer Entfernung
von vierhunderttausend Kilometern drei Milliarden Menschen gab. Und das
war alles dort drüben. Und wenn ich in die andere Richtung blickte, gab
es wahrhaftig nur mich und den Rest des Universums. Es gefiel mir, ein
Teil vom Rest des Universums zu sein und nicht nur ein Teil des Sonnensystems.
Es machte mir nichts aus, in diesem Winkel des Universums ganz für mich
allein zu sein. Ich genoß es geradezu. Es wäre schön gewesen, wenn jemand
mit mir in Verbindung getreten wäre, aber es gab keinen. - Michael
Collins, nach: Der Heimatplanet, ed. Kevin W. Kelley, Frankfurt am
Main 1989 (zuerst 1988)
Einsamkeit (5) Ich wußte, daß ich nun endgültig Ruhe hatte. Keiner würde mir mehr nachstellen. Ich holte meine Siebensachen aus dem Boot und schlug in den dichten Wäldern ein hübsches Lager auf. Aus meinen Decken machte ich eine Art Zelt, um meine Sachen darin unterzubringen, so daß der Regen ihnen nichts anhaben konnte. Ich fing einen Katzenwels und zerfleischte ihn mit meiner Säge, und gegen Sonnenuntergang zündete ich ein Lagerfeuer an und machte mir Abendbrot. Dann legte ich eine Leine aus, um ein paar Fische zum Frühstück zu fangen. Als es dunkel war, setzte ich mich ans Feuer und rauchte und fühlte mich sehr behaglich; aber allmählich wurde es ein bißchen einsam, und so ging ich zum Fluß und setzte mich ans Ufer, horchte auf das vorbeiflutende Wasser und zählte die Sterne und Treibhölzer und Flöße, die den Strom herabkamen, und ging dann schlafen; es gibt kein besseres Mittel, sich die Zeit zu vertreiben, wenn man einsam ist; auf diese Weise kommt man am schnellsten drüber weg.
So ging es drei Tage und drei Nächte. Ohne Unterschied, immer dasselbe. Doch am nächsten Tag durchforschte ich ein bißchen die Insel. Ich war Alleinherrscher hier; alles gehörte mir, sozusagen, und ich wollte sie genau kennenlernen; vor allem aber brauchte ich einen Zeitvertreib. Ich fand eine Menge Erdbeeren, reif und köstlich, und grüne Sommertrauben und grüne Himbeeren, und die ersten grünen Brombeeren kamen grade zum Vorschein.
Das alles würde mir eines Tages in den Mund wachsen, dachte ich.
So stromerte ich in den tiefen Wäldern herum, bis ich dachte, es könnte
nicht mehr weit sein bis zum Ende der Insel. Meine Flinte hatte ich bei
mir, hatte aber noch nichts geschossen; ich trug sie mehr zum Schutz, doch
wollte ich auf dem Heimweg noch irgendein Wildbret erlegen. Mit einem Mal
wär‘ ich beinah auf eine große Schlange getreten,
sie schlüpfte fort durch Gras und Blumen, und ich hinterher, um ihr eins
aufzubrennen. Wie ich so rannte, stieß ich plötzlich geradewegs auf die
Asche eines Lagerfeuers, die noch rauchte. - Mark Twain, Huckleberry
Finn
Einsamkeit (6) Schopenhauer bietet in drei
Zeilen eine Geschichte an, die die Einsamkeit
des Menschen von Einsicht unter lauter Betörten drastisch illustrieren
soll: Dieser eine hat eine Uhr, die richtig geht,
in einer Stadt, deren Turmuhren alle falsch gestellt sind; er allein wisse
die wahre Zeit. Die Geschichte hat ihre Pointe
in der knappen Frage: aber was hilft es ihm? - (blum)
Einsamkeit (7) Das Buch ließ ich mir absonderlich
zum Leitstern dienen, weil es handelt von der wahren Einsamkeit, und daß
es dem Menschen sehr nötig sei, sich zuweilen selbst zu prüfen, wie und
wo er lebe, daß es nicht genug sei, den Händeln der Welt und seinen äußerlichen
Geschäften obliegen, sondern daß man vor allen Dingen das Herz wohl reinige
und sein Gewissen zufriedenstelle. Denn es ist sehr nützlich, daß der Mensch,
er sei, wer er wolle, zuweilen eine gelegene Stunde suche, allein zu sein
und von allen diesen Guttaten mit sich selbsten zu discurrieren anfange,
welche er die Zeit seines Lebens von Gott und guten Freunden genossen habe.
Man soll billig in der Einsamkeit solche Materien und Schriften durchlesen,
die vielmehr in dem Menschen eine Andacht als Verwunderung auswirken können.
Wenn man nur will, so hat man Zeit genug, von den zeitlichen Eitelkeiten
entäußert, solchen Gedanken vollkommen nachzugehen. Die Heiligen selbsten
haben alle Gesellschaft der Menschen, wo sie gekonnt und vermocht, geflohen
und haben ihre Lust alleine gesucht, GOTT den Allmächtigen im Verborgnen
anzurufen. Dahero sprach jener: Sooft ich unter den Menschen gewesen, bin
ich allzeit ein wenigerer Mensch zurückgegangen. Dieses erfahren wir gar
oft, wenn wir nämlich unter- und miteinander bald von diesem, bald von
jenem Märlein schwätzen. Denn es ist viel leichter, ganz und gar schweigen,
als sich in Solchen Unterredungen alles Fehlers enthalten können, und es
ist weit sicherer, zu Hause verborgen zu sein, als sich unter dem Volk
vor Unglück wohl zu beschirmen. Wer dannenhero geistlichen Sachen obliegen
will, dem ist nötig, daß er sich, so viel er kann, von allen solchen Gelegenheiten
entziehe und enthalte, die ihm können an der Seelen schädlich sein. Niemand
kann in dieser Welt sicherer erscheinen, als welcher gern verborgen lieget.
Niemand redet sicherer als derjenige, so gerne schweiget. Und niemand führt
eine bessere Zucht, als der sich der Zucht selbsten unterwürfig machet.
- Johann Beer, Die teutschen Winter-Nächte & kurzweiligen
Sommer-Täge. Frankfurt am Main 1985 (it 872, zuerst 1682, Hg. Richard
Alewyn
Einsamkeit (8)
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Nur ein paar Birken, Einsamkeit und Leere, |
- Detlev von Liliencron
Einsamkeit (9) Es wird immer Einsamkeit
geben für die, die ihrer würdig sind. - Villiers de L'Isle-Adam
Einsamkeit (10) Morris,
den ich an der Place d'Anvers kennenlernte, jetzt siebenundsechzigjährig, ist
geistig noch rege und aktiv. Er verbrachte sein Leben damit, reiche Engländer,
Amerikaner und Skandinavier durch die Stadt zu führen, von der er nach allen
Ausdehnungen hin profunde Kenntnisse besitzt. Groß ist auch seine Erfahrung
in unterirdischen Dingen, in den Lastern der Reichen und Mächtigen. Wie allen,
die solche Zonen durchschritten, haben sich seinem Gesicht dämonische Marken
aufgeprägt. Während wir am Boulevard Rochechouart zusammen aßen, hielt er mir
einen Vortrag über die Technik der erotischen Annäherung.
Sein Blick, die Frauen, die sich bezahlen lassen, von
den anderen zu unterscheiden, ist fast unfehlbar - auch das ist ein niederer
Zug. Trotz aller Verwüstung fand ich etwas Angenehmes, Liebenswertes auf seinem
Grund. Dabei hätte ich ein Gefühl des Frostes angesichts der Einsamkeit einer
nach so verbrachten Jahren in diesem Großstadtviertel auf sich gestellten Existenz.
- Ernst Jünger, Strahlungen. 5. Juli 1941
Einsamkeit (11) Ich
bin grenzenlos einsam d. h. bin allein mit meinen Doppelgängern,
fantomatische Figuren, in denen ich ganz bestimmte Träume, Ideen, Neigungen
usw. real werden lasse. Ich fetze gleichsam 3 andere Personen aus meinem inneren
Vorstellungenleben heraus, ich glaube selbst an diese vorstellenden Pseudonyme.
Allmählich sind drei fest umrissene Typen entstanden. 1. Grosz. 2. Graf Ehrenfried,
der nonchalante Aristokrat mit gepflegten Fingernägeln, darauf bedacht, nur
sich zu kultivieren. ... 3. Der Arzt Dr. William King Thomas, der mehr amerikanisch-praktisch
materialistische Ausgleich in der Mutterfigur des Grosz.
- George Grosz, Brief an Ronbert Bell September 1915, nach: Peter-Klaus
Schuster u.a., George Grosz Berlin New York. Ausstellungskatalog Berlin 1994
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