rzähler In seinem wunderbaren Essay Maupassant und der andere, der beinahe eine Erzählung im Stil von Nabokov ist, urteilt der italienische Schriftsteller Alberto Savinio: »Maupassant war ein erfolgreicher conteur (Erzähler), doch ein in der offiziellen literarischen Welt nicht sehr angesehener und von der Jugend ein bißchen verachteter Schriftsteller.« Und warum? »Weil Maupassant sehr effektvoll schreibt, aber kein Schriftsteller ist. Schriftsteller ist derjenige, der jedem Satz, jedem Wort Gewicht und Ewigkeitsdauer verleiht. Der Satz, das Wort Maupassants dienen nur dem Augenblick, und gleich darauf sterben sie.« - Manfred Flügge, Nachwort zu (nov)

Erzähler (2) Als wir näher miteinander bekannt wurden, erzählte mir Gobind bisweilen Geschichten mit einer Stimme, dumpfrollend wie eine Holzbrücke, über die schwere Kanonen fahren. Es waren wirklich wahre Geschichten, aber unter zwanzig könnte man auch nicht eine in einem europäischen Buche drucken; die Europäer denken in anderer Weise als die Eingeborenen. Sie brüten über Dinge, die zu überdenken der Eingeborene sich Zeit läßt, bis der geeignete Moment eingetreten ist, und worauf sie nicht zwei Gedanken verwenden würden, darüber grübelt der Eingeborene stundenlang nach. - Wenn sie dann zu einer gemeinsamen Unterhaltung zusammentreffen - Eingeborene und Europäer - so starren sie einander verglast an, durch breite Klüfte des Mißverstehens getrennt.

»Und was ist dein ehrenwertes Gewerbe«, fragte mich eines Sonntagabends Gobind, »und womit erwirbst du dir dein tägliches Brot?«

»Ich bin«, sagte ich, »ein Kerani - einer, der mit der Feder auf Papier schreibt -, obgleich ich nicht im Dienste der Regierung stehe.«

»Was schreibst du also?« fragte Gobind. »Komm näher, denn ich kann dein Gesicht nicht sehen und das Tageslicht schwindet.«

»Ich schreibe von allen Dingen, die ich verstehe, aber auch von vielen Dingen, die ich nicht verstehe. Hauptsächlich schreibe ich über das Leben und über den Tod, von Männern und von Weibern und über Liebe und Schicksal, je nach dem Maß meiner Kraft, indem ich die Geschichten einer, zwei oder mehreren Personen in den Mund lege. - Dann werden die Geschichten verkauft, wenn Gott es zuläßt, und das Geld fließt mir zu, damit ich davon leben kann.«

»Ich verstehe«, sagte Gobind. »Dasselbe tut auch der Geschichtenerzähler in den Bazars, nur spricht er unmittelbar zu den Männern und Frauen und schreibt nichts auf. Wenn jedoch seine Geschichte die allgemeine Erwartung erregt hat und auf dem Punkte angelangt ist, wo dem Tugendhaften in der Schilderung Gefahr droht, dann unterbricht er sie plötzlich und verlangt Bezahlung, bevor er fortfährt. - Machst du es bei deinem Berufe ebenso, mein Sohn?«

»Ich habe gehört, daß es auch bei meinesgleichen so etwas Ähnliches gibt. Wenn eine Geschichte sehr lang ist, dann verkauft man sie in Abschnitten wie eine Melone.«

»Oh, ich war auch einmal ein berühmter Geschichtenerzähler«, sagte Gobind. »Damals, als ich auf der Landstraße zwischen Koshin und Etra bettelte, vor meiner letzten Pilgerfahrt nach Orissa. Oh, ich habe sehr viele Geschichten erzählt und noch viel mehr gehört, wenn wir des Abends nach langer Wanderung froh beisammen saßen. Ich trage die Gewißheit im Herzen, daß erwachsene Menschen so sind wie die Kinder, wenn es sich um Geschichten handelt; die ältesten Geschichten sind ihnen die liebsten.«

»Bei deinen Leuten ist das so«, sagte ich, »aber die Menschen meines Volkes wollen immer neue Geschichten und, wenn sie sie gelesen haben, dann stehen sie auf und sagen, so oder so geschrieben hätten sie ihnen besser gefallen; sie bezweifeln, ob sie auch wahr seien, oder sprechen geringschätzig von ihrer Erfindung.«

»O wie töricht!« rief Gobind und erhob seine runzlige Hand. »Eine Geschichte ist wahr, solange die Erzählung dauert. Und was das Schwätzen darüber betrifft - nun, du weißt ja, was Bilas Khan, der doch der König aller Geschichtenerzähler war, zu einem gesagt hat, der ihn in einem großen Unterkunftshause an der Straße nach Jhelum unterbrach und verspottete: - ›Fahr du jetzt fort, mein Bruder‹, sagte er,  ›und vollende, was ich begonnen habe!‹ — Der Spötter nahm zwar den Faden der Erzählung auf, aber da er weder die Stimme noch die nötige Gabe besaß, blieb er stecken und mußte es sich gefallen lassen, daß ihn die Pilger die halbe Nacht hindurch verhöhnten und knufften.«  - Rudyard Kipling, Vorwort zu 'Dunkles Indien', nach (ki)

Erzähler (3) »In welcher Weise gehe ich wohl am besten bei meinem Berufe vor«, fragte ich, »o du Fürst aller derer, die Perlen mit der Zunge aufreihen?«

»Wie kann ich das wissen?« Gobind dachte eine kleine Weile nach. »Doch warum sollte ich es auch nicht wissen! - Gott hat viele Köpfe gemacht, aber es gibt nur ein Herz in der ganzen Welt, bei deinen Leuten und bei meinen Leuten. Alle sind sie Kinder, wenn es sich um Geschichten handelt!«

»Ja, aber gerade Kinder können fürchterlich werden, wenn man ein Wort an die falsche Stelle setzt oder beim zweitenmal Erzählen auch nur um einen Deut abweicht.«

»Freilich! Das weiß ich! Habe ich doch auch einst solchen Kindern Geschichten erzählt; mach es so: -« Seine alten Augen ruhten versonnen auf den bunten Wandmalereien, der blauen und roten Kuppel und den flammenden Poinsettien im Hintergrund. »Erzähl ihnen zuerst von den Dingen, die du mit ihnen zusammen gesehen hast. Dann wird ihr eigenes Wissen das ergänzen, was du unvollständig läßt. Sodann erzähle ihnen, was du allein gesehen hast, dann, was du selber gehört hast, und dann - da sie ja alle Kinder sind - erzähl ihnen von Schlachten, von Königen, Pferden, Teufeln, Elefanten und Engeln; aber vergiß auch nicht, ihnen von Liebe und dergleichen zu erzählen. Die Erde ist voll von Geschichten für jemand, der hören kann und die Armen nicht von seiner Türe weist; die Armen sind die besten Geschichtenerzähler, denn sie müssen jede Nacht ihr Ohr an die Erde legen.« - Rudyard Kipling, Vorwort zu 'Dunkles Indien', nach (ki)

Erzähler (4) Gerade die Mängel oder, wenn man so will, Enthaltsamkeiten von Gibbon kommen dem Werk zugute. Wenn es im Hinblick auf diese oder jene Theorie geschrieben wäre, hinge Billigung oder Mißbilligung des Lesers ab von dessen Urteil über das Verdienst der These. Das ist bei Gibbon gewiß nicht der Fall. Abgesehen von jener Abneigung gegen das religiöse Empfinden im allgemeinen und das Christentum im besonderen, die er in einigen berühmten Kapiteln bekundet, scheint Gibbon sich den Dingen zu überlassen, die er erzählt, und reflektiert sie mit einer göttlichen Leichtfertigkeit, die ihn dem blinden Schicksal ähnlich macht oder dem Lauf der Geschichte selbst. Wie einer, der träumt und weiß, daß er träumt, wie einer, der sich zu den Zufällen und Trivialitäten eines Traums hinabläßt, träumte Gibbon in seinem 18. Jahrhundert abermals das, was die Menschen früherer Zyklen lebten oder träumten, auf den Mauern von Byzanz oder in den Wüsten Arabiens. - (bo2)

Erzähler (5) »Hören Sie!« sagte Babel ärgerlich. »Die Literatur ist kein Firlefanz! Jawohl! Zweiundzwanzig Varianten ein und derselben Erzählung! Entsetzlich, nicht wahr ? Sie meinen vielleicht, das ist Luxus ? Ich für mein Teil bin noch nicht sicher, ob die zweiundzwanzigste Variante druckreif ist. Ich glaube, sie läßt sich noch knapper fassen. Eben dieses Eliminieren, mein Bester, führt zu der selbständigen Kraft der Sprache und des Stils. Der Sprache und des Stils!« wiederholte er. »Ich nehme eine Bagatelle — eine Anekdote, irgendein Marktgeschwätz — und mache eine Sache daraus, von der ich mich selber nicht losreißen kann. Sie funkelt. Sie ist rund wie ein Kieselstein aus dem Meer. Sie besteht durch den Zusammenhalt der einzelnen Teilchen. Und die Kraft dieses Zusammenhalts ist so groß, daß nicht einmal der Blitz sie vernichten kann. Man wird sie lesen, diese Erzählung. Und man wird sie im Gedächtnis behalten. Man wird über sie lachen, aber keineswegs darum, weil sie lustig ist, sondern darum, weil man jedesmal lachen möchte, wenn einem Menschen etwas gelingt. Ich wage von Gelingen zu sprechen, weil außer uns beiden niemand anwesend ist. Solange ich lebe, dürfen Sie niemandem dieses Gespräch mitteilen. Geben Sie mir Ihr Wort darauf! Es ist natürlich nicht mein Verdienst, wenn von mir, dem Sohn eines kleinen Maklers, unerfindlich auf welche Weise, der Dämon oder der Engel der Kunst Besitz ergriffen hat, nennen Sie es, wie Sie wollen! Und ich unterwerfe mich ihm — wie ein Knecht, wie ein lastentragendes Maultier. Ich habe ihm meine Seele verkauft und muß auf die bestmögliche Weise schreiben. Das ist mein Glück oder mein Kreuz. Ich glaube — doch wohl mein Kreuz. Aber nehmen Sie es mir ab — und im gleichen Augenblick wird alles Blut aus meinen Adern und aus meinem Herzen weichen; ich werde wertlos sein wie ein zerkauter Zigarettenstummel. Diese Arbeit macht mich zum Menschen.« - Konstantin Paustowskij, nach (babel)

Erzähler (6) Der Eisenbahner redete. Unter dem verschossenen Licht der im Rütteln des Wagens zitternden Lampe bewegte sich sein großer, ungestalter Kopf mit dem Wirrwarr des grauen Haars in seltsamem Takt. Sein breites, in der Nasenlinie unregelmäßig gebrochenes Gesicht wechselte im Rhythmus des stürmischen Blutes zwischen Blässe und purpurner Röte: das besessene, typische, verbissene Gesicht eines Fanatikers. Die Augen, die zerstreut über die Anwesenden hinwegglitten, brannten in der Glut eines eigensinnigen, seit Jahren gemästeten Gedankens. Und dennoch gab es Augenblicke, da dieser Mensch schön aussah. Manchmal schienen der Buckel und die häßlichen Züge zu verschwinden, die Augen erglänzten blau in trunkener Begeisterung, und die Gestalt des Zwerges atmete edles, mitreißendes Feuer aus. Gleich darauf erlosch, verfloß die Verwandlung, und im Kreis der Zuhörer saß nur noch der interessante, aber entsetzlich häßliche Erzähler mit der Eisenbahnerjacke.  - Stefan Grabinski, Das Abstellgleis. Frankfurt am Main 1971 (Insel, Bibliothek des Hauses Usher, zuerst 1953)

Erzähler (7)   Der  Großvater, ein Holzschuhmacher, verschwand manchmal die halbe Nacht, weil er von Freunden und Bekannten angehalten worden war, die seine Geschichten hören wollten. Beim Arbeiten meditierte er, und niemand durfte ihn stören. Er erzahlte auch Anekdoten, die er frei erfunden hatte, und das sogar in Gegenwart des Helden selbst. Er beschrieb den Ort, die Zeit, die Ereignisse so genau, daß der Betreffende schließlich selber daran glaubte und die Geschichte weitererzählte, als wäre sie ihm wirklich passiert. - Ré Soupault, Nachwort zu (bret)

Erzähler (8)  Wir wollen uns diese kurze Atempause zunutze machen, um Eusèbes Porträt zu zeichnen (mit wir meine ich den oder besser die Erzähler dieser Geschichte, da jede Geschichte bekanntlich nicht nur einen, sondern eine Menge von impliziten oder expliziten Erzählern voraussetzt, so zahlreich sind die Orte und die Köpfe, an und in denen sich in jeder normal beschaffenen Erzählung etwas Wichtiges abspielt; nur ein idiotischer Schriftsteller verweilt immer an derselben Stelle, das heißt, in sich selber, hinter seinem Kinn. Ich, Jacques Roubaud, bin hier lediglich derjenige, der die Feder hält, im vorliegenden Fall einen schwarzen Filzstift »Pilot Razor Point« mit dünner Spitze - worauf ein wenig Gelb auf der Kappe hinweist, im Gegensatz zum weißen Kreis, der eine dickere Spitze anzeigt; die dünne Spitze ist teurer, aber was soll's - und deshalb sage ich wir, was hier ein Pluralis der Bescheidenheit ist. Ansonsten kommt in diesem Roman, ich will Ihnen das lieber gleich verraten, ein Erzähler vor, der eine der Personen der Geschichte ist. Er wird ab dem zweiten Kapitel in Erscheinung treten, und er sagt ich, wie es die Erzähler in den Romanen gemeinhin zu tun pflegen. Aber ich möchte Sie ersuchen, ihn ja nicht mit mir zu verwechseln, ich bin nämlich der Autor). - Jacques Roubaud, Die schöne Hortense. München 1992 (dtv 11602, zuerst 1985)

Erzähler (9)   Der Erzähler sagt nichts mehr: Er dreht sich auf dem Stuhl zur Seite, stützt den rechten Arm auf die Lehne und streckt sich plötzlich über den Nachbarn hinweg lang aus, und während er den Rücken der einen Hand schützend vor den Mund legt, streichelt er mit der anderen die unsichtbare Form eines Kinns oder vielleicht einer Nase. Alle in der Runde, auch wenn sie nur einen Steinwurf entfernt sitzen, bemerken, daß der Erzähler eine liegende Frau verkörpert. Da gibt es keinerlei Zweifel: wenn das keine liegende Frau ist! Die alleinsitzenden Männer fragen sich: »Wer wird sie wohl sein?« Und mancher fühlt beim Gedanken an so eine Frau sein Herz klopfen. Diejenigen aber, die mit Frauen aus der eigenen Familie zusammensitzen, senken den Blick und knurren leise vor sich hin: »Zu solch rüpelhaftem Pack kannst du deine Frau einfach nicht mitbringen!«

Zu allem Überfluß kommen diese angedeuteten Liebesszenen nicht nur von einem Punkt des Cafés her: da rechts etwa sitzt ein kleiner, untersetzter Herr mittleren Alters, der mit gespreizten Fingern einen großen Kreis in die Luft malt und, während er diesen vor den schwärmerischen Augen seiner Freunde schweben läßt, in den Korbsessel zurücksinkt, die Lippen vorstülpt und mehrmals mit der Rechten herumrührt, als wolle er sagen: nicht zu fassen, ein Wunder, so was hat die Welt noch nicht gesehen, zum Verrücktwerden. Und dort, weiter vorn, ein schmaler Junge, der sich die offenen Hände eine Handbreit vor die Brust hält, ebenfalls die verschlossenen Lippen spitzt, die Augen verdreht und den Kopf schüttelt, wie in einer herrlichen und schmerzlichen Erinnerung befangen. Und gleich links ein Hauptmann der Kavallerie, der durch seine Handbewegungen den Umfang der Flanken und des eigenen Rückens so zu verbreitern versucht, bis alle an seiner Stelle eine breite und fette Odaliske erblicken ... Die Zuhörer, denen der Atem stockt, fassen sich an die Brust, blicken einander an und sagen ihm durch die Bewegung der Augenbrauen: »Glücklicher Hauptmann! Glücklicher Hauptmann! Was für eine wunderbare Nacht! ... Eine solche Nacht, und dann Sterben! Jawohl, Sterben! Was willst du denn noch mehr im Leben?« Jemand steht auf, weil ihm, wie er sagt, nicht gut ist und er frische Luft schnappen muß, er will ein wenig den Schwänen am Wasser zuschauen und wiederkommen, sobald »es vorbei ist«. -   Leonardo Sciascia, Mein Sizilien. Berlin 1995 (Wagenbach, 53. Salto)

Erzähler (10) Als Petron, so wird berichtet, die sechzehn Bücher seiner Geschichte vollendet hatte, rief er den Syrus hinzu und las ihm das alles vor, und der Sklave schrie vor Lachen und klatschte in die Hände.

Da kam ihnen der Einfall, diesen Erdichtungen des Petron nun auch nachzuleben. Tacitus übermittelt fälschlicherweise, Petron sei am Hofe des Nero Schiedsrichter in Dingen des Geschmacks gewesen und der eifersüchtige Tigellinus habe ihm den Befehl zum Selbstmord übersandt. Doch Petron schied nicht hin wie ein Vornehmer in einer marmornen Badewanne, mit unzüchtigen Versen auf den Lippen. Er flüchtete mit Syrus, und er endete sein Leben auf der Landstraße.

Sein Äußeres erleichterte ihm die Verkleidung. Syrus und Petron trugen miteinander abwechselnd den kleinen Sack mit ihrer armseligen Habe und ihren paar Groschen. Sie nächtigten im Freien, nahe den Kreuzstätten. Sie sahen in der Nacht traurig die kleinen Lampen der Grabmäler brennen. Sie nährten sich mit sauerem Brot und angefaulten Oliven. Vermutlich stahlen sie auch. Sie lebten als fahrende Magier, als Kurpfuscher in den Dörfern und zogen auch mit den Räuberbanden einher. Petron verlernte völlig die Kunst des Geschichtenschreibens, seitdem er das Leben seiner Gestalten lebte. Sie hatten junge Taugenichtse zu Freunden, in die sie verliebt waren und die ihnen an den Toren der Landstädte davonliefen, nachdem sie ihnen ihr letztes Geld abgenommen hatten. Mit entsprungenen Schwertkämpfern wälzten sie sich in jeder Art Lust. Sie wurden Bader und Badeknechte. Monatelang lebten sie von den Opferbroten, die sie aus den Gräbernischen herausholten. Petron war der Schrecken aller Begegnenden, mit seinem düstern Äug und seiner heillosen Schwärze.

Eines Abends war er verschwunden. Syrus hoffte, ihn in einem bestimmten schmutzigen Loche wiederzufinden, wo sie zuvor eine zerraufte Dirne gemeinsam besesssen hatten. Indes aber war ihm von einem betrunkenen Salbenreiber eine breite Klinge ins Genick gestoßen worden, als sie zusammenlagen, im freien Feld, auf den Steinplatten einer verfallenen Gruft. - Marcel Schwob, Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe. Nördlingen 1986 (Krater Bibliothek, zuerst 1896)

Erzähler (11)

Erzähler (12)  Da war einmal ein Mapuche (Sohn der Erde), der ließ sich herbei, einem Huinka (Ausländer, Weißen) allerlei aus der alten Zeit zu erzählen, ja verbotene Worte zu sagen. In der folgenden Nacht träumte er. Er hörte wie sein Ahne sagte, der als Pillan, als Halbgott und Beschützer der Familie, im Vulkan lebte: ›Alles, was du gesagt hast, hat mir weh getan. Hat meinem Herzen, meinem Kopf, hat den Ohren und der Leber weh getan. Auch dir soll es weh tun; du bist mit deinem Ohr am Munde der heiligen Überlieferungen gelegen und hast sie preisgegeben. Nun soll der Tod dir fremd werden. Er soll dir niemals eine Türe sein, durch die du entschlüpfen kannst, um zu den Ahnen gelangen zu können. Dies ist der Wille der Geister deiner Ahnen !‹

Von diesem Augenblick an war er vollständig taub. Sein Kopf schien ihm groß wie eine riesige Penka (Kürbis) und in sein Herz schien der Gualichu eingezogen zu sein - andauernd hämmerte dieser böse Geist darin herum und schrie: ›Küpalchekelu! Kuitife!‹ (Verräter, Erzähler). Und schnitt alle Stränge durch, so daß der Körper lahm wurde. In der folgenden Nacht starb er den ersten Tod und da ein Zauberweib seine entfliehende Seele auffing, muß er ihr nun als Wichan-alwe dienen, als gedungener Geist, als ewig gekaperter, dem schauderhafte Dienste obliegen. Herzen muß er mit dem Korkor (doppelseitiges Schneid- und Stechinstrument) anbohren, Gifte sammeln und verwenden an der eigenen Familie, der er als gemeines Tier erscheinen muß. Tausend solcher Arbeiten muß er ausführen, denn: die Ahnen der Unterwelt haben es dem Fährmann verboten, ihn jemals über den Tränenfluß zu setzen, der zu ihnen führt, zum ersehnten zweiten Leben. — Auch die alten Mütter, die Weiber, die als Walfische verwandelt die Nichtmehrlebenden gegen Entgelt auf ihren Rücken an das andere Ufer tragen, dürfen ihn nicht übersetzen, auch wenn er als Führer den schwarzen Hund mit sich führte. Als niederes Tier ist er in der Gewalt der Machi, denn sie hält seine Seele gefangen, die Am, die sie nie mehr preisgibt. Als Ratte oder giftige Schlange, als Vogelspinne oder bissiger Siebenschläfer muß er in der Ruka seiner Familie sein, wenn er Dienste tun muß, um verjagt, geschlagen oder verbrüht zu werden von den Lieben, die ihn im garstigen Tier nicht erkennen, aber auch nie töten können: er ist dem Zauberweib verfallen, das ihn je nach der Notwendigkeit verwandelt, doch ihm die Seele nie ausliefert. - Vorwort zu (arauk)

Erzähler (13)  Der Schreiber dieser Zeilen ist selbst 1955 mit einem Uhrmacher durch eine Gebirgsgegend gewandert und hat viele Häuser mit abgeklappert. Fand der Uhrmacher Arbeit, so erzählte er nebenher, wobei er sich immer geschickt auf die Zuhörerschaft einstellte. Oft aber lud man ihn (und seinen Begleiter) auch zum Essen ein, ohne daß es Arbeit gab. Dann pflegte er sich durch eine Erzählung zu bedanken, und mit dieser »Münze« wurde manchmal auch das Nachtlager bezahlt. Es gibt Gründe, seinen Namen nicht zu nennen. (Er war mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten.) Aber überall, wo man ihn kannte, wurde er begeistert aufgenommen, denn er galt als hervorragender Erzähler.

Man muß selbst die Faszination erlebt haben, die von einem geschickten Erzähler ausgeht, um die Begeisterung der Zuhörerschaft einerseits zu verstehen und andererseits einzusehen, daß solches Erzählen nur im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum möglich ist. Solches Erzählen entzieht sich technischer Aufnahme und gedruckter Wiedergabe. Der Erzähler und seine Zuhörerschaft werden zu einer homogenen Einheit. Dabei gibt es aber keine Einheitlichkeit in bezug auf die Erzähltechnik. Man findet Männer und Frauen, die ihre Geschichten holprig und scheinbar trocken anbringen und die doch durch die inhaltliche Gestaltung ihres Stoffes Spannung erzeugen. Und es gibt Erzähler, die nicht ruhig sitzen bleiben können, sondern die im Kreise ihrer Zuhörer auf und ab wandeln müssen und bald an diesen, bald an jenen eine Zwischenfrage stellen. Es gibt Erzähler, die alles mit der Stimme oder der Sprechtechnik machen - besonders gezielt auch oft mit Kunstpausen -, und es gibt andere, bei denen Mimik und Gestik eine erhebliche Rolle spielen. Während ein Erzähler mehr eidetisch suggeriert, schafft ein anderer den umgebenden Raum zur Welt des Abenteuers um, Werkzeug kann zu einem Zauberrequisit werden, das einem Zuhörer gar - als passivem Mitspieler - anvertraut wird. Bei einem unserer Erzähler, einem jungen sardischen Matrosen wurde ein Weinglas bald zu einem Schiff, bald zu einem Tier, wobei der Tisch als Bühne diente, über die er seine Lebewesen und Gegenstände laufen oder fahren ließ.  - Nachwort zu: Italienische Volksmärchen. Hg. und Übs. Felix Karlinger. Düsseldorf u. Köln 1980  (Diederichs, Märchen der Weltliteratur)

Erzähler (14)  Der schielende Oberleutnant bat bei der Lagerleitung, man möchte ihn zum Einsatz gegen die Nazis nach Europa schicken. Sein Gesuch wurde abgelehnt und also lernte er mild, ruhig und ungesellig zu werden und sich stets als gefangenen Touristen zu betrachten. Er beendete seinen ersten Roman, dann schrieb er ein paar Theaterstücke, die auf der Lagerbühne aufgeführt wurden.

 Vierzig Jahre lang schrieb er jeden Tag und schreibt heute noch weiter. Jetzt schreibt er jeden Vormittag in einer Konditorei in Ravenna, wo er sich, wie ich glaube, vor allem deshalb wohlfühlt, weil er im Lauf von zehn Jahren nie mit jemandem ein Wort gewechselt hat. Seit vierzig Jahren werden alle seine Romane von allen Verlegern regelmäßig abgelehnt, ebenso von jedem Intellektuellen, an den er sich wendet; keine Zeile von dem, was er seit vierzig Jahren Tag für Tag schreibt, ist je veröffentlicht worden.

Die Geschichten, die er erzählt, sind gelassen, sentimental, wohlerzogen, in einer Sprache abgefaßt, die niemand mehr zu schreiben versteht, und in einem Ton, zu dem niemand mehr fähig ist (er liest jeden Tag Montaigne).

Jetzt ist er 73 Jahre alt, groß, sehr schön und schielt. Er hat sich das Sprechen so sehr abgewöhnt, daß aus seiner Kehle jedesmal, wenn er mich anruft und einen Satz auszusprechen beschließt, der Laut eines erwachenden Tieres hervorkommt. Seine Frau hingegen macht ständig ihre Spaße im Dialekt, und wenn sie ihre Spaße macht, dann lacht er geräuschlos in sich hinein. Kinder haben sie nie bekommen, sie leben in einer kleinen Eigentumswohnung im achten Stock.  - (gcel)

Erzähler (15)   Er nimmt nichts hin. Er sagt weder ja noch nein. Mit einem einzigen Schritt seiner großen Stiefel geht er über die kleinen Probleme hinweg.  Er wird schrecklich schweigsam. Und gerade darum ist er der wunderbarste Erzähler, den ich je hörte. Im Gegensatz zu den vielen Menschen, deren Gespräch nur Einsamkeit ist, entspringt das Cendrars' einem vollkommenen Augenblick, dem Nichts; es verflüchtigt, verwandelt und zerstört alles, was nicht der Augenblick selber ist; es ist eine Zauberspiegelung, die aus dem einzigartigen geistigen Klima quillt, das er um sich schafft und in dem er lebt. Er verfolgt seine Idee inbrünstig wie der Wanderer in der Wüste.  Aber er verirrt sich nie, täuscht sich nie.  - Henry Miller, Vorwort zu (cend)

Erzähler (16)    Im Vorwort einer modernen Ausgabe aus dem Jahre 1923 heißt es, man könne die Erzählungen Pu Sung-lings unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen und auffassen: als Vorbilder klassischen Stils, als gesammelte Novellen, als Lobpreisung guter Taten und als Sammlung dauistischer Legenden. Das Urteil wird in dem kurzen Satz zusammengefaßt: «Das Buch ist geeignet, die Welt aus dem Sumpfe zu retten l»   - Vorwort zu (pu-s)

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