Duft   An der äußersten östlichen Grenze von Indien, um die Quelle des Ganges, wohnen die Astomer, welche keinen Mund haben, am ganzen Körper rauh sind, sich in Seide kleiden und nur vom Atmen und dem Dufte, welchen sie mit der Nase einziehen, leben.

Sie genießen weder Speise noch Trank, sondern nähren sich bloß von den verschiedenen Gerüchen der Wurzeln, Blumen und wilden Früchte, die sie auf größern Reisen bei sich führen, damit sie immer etwas zu riechen haben; ein etwas starker Geruch soll sie aber leicht töten. - (pli)

Duft (2) Düfte, sexuelle. Neben dem durch Nahrung, Unreinlichkeit und Kosmetika bedingten Geruch und neben dem Rassengeruch besitzt jeder Mensch noch einen eigenen persönlichen Geruch, der nach Schiefferdecker (Biolog. Zentralblatt, Bd. 37) von den verschiedenen Hautdrüsen bedingt ist. Da diese in den verschiedenen Lebensaltern eine andere Vitalität aufweisen, sind auch die Körperdüfte für jedes Alter von anderer Art. So strömen vom Kinde andere Duftwellen aus als vom Erwachsenen, und dieser hat wieder einen anderen Geruch als der Greis. Doch auch der Duft des weiblichen Geschlechtes ist ein anderer als der des männlichen, eine Tatsache, die bedingt, daß der Geruch bei allen Menschen - nicht nur bei den Tieren - eines der stärksten, wenn nicht gar, wie Jäger in seiner »Entdeckung der Seele« behauptet hat, das allerwichtigste sexuelle Reizmittel ist, und daher die natürlichen Körperdüfte (»odor di femina«, »odeur humaine«, »odeur de femme«, »odeur d'amour«), eine so große Rolle im menschlichen Liebesleben spielen. Darum wird der duftende Hauch, der dem jugendfrischen Körper der Geliebten entströmt, von vielen Dichtern besungen: »Wenn nichts als einzig der Geruch mir bliebe, - Die Liebe zu dir würde doch nicht kleiner; - Denn von den Dünsten deines Angesichts - Steigt Atemdunst, der Lieb' erzeugt durch Riechen« (Shakespeare, Romeo und Julia).

Besonders dem Haarduft wurde seit jeher eine besondere sexuell-erregende Wirkung zugeschrieben (Jäger bezeichnet die Haare geradezu als »Duftorgane«), und das Wühlen im Haar der geliebten Person erlaubt es, auch nach der Trennung noch den Duft mit sich zu nehmen. »Sobald sie von ihm schied,« heißt es in dem Roman »Renée Mauperin« der Gebrüder Goncourt, »fuhr sie (es ist von einer verheirateten Frau und ihrem Liebhaber die Rede) mehrmals mit ihren Händen durch seine Haare und zog dann schnell ihre Handschuhe an. Und diesen ganzen und den folgenden Tag atmete sie ... in ihrem Innern, indem sie an ihrer flachen Hand, die sie nicht gewaschen hatte, roch, ihren Geliebten ein, da sie den Duft seiner Haare einsog.«

Beispiele solcher sexueller Wirkung durch den Geruch kennt auch die Geschichte. Bekannt ist ja, welch traurige Folgen dies für Marie von Cleve, die Braut des Prinzen von Condé, hatte, als Heinrich III. nach einem Tanze auf der Hochzeit des Königs von Navarra mit Margarete von Valois in einem Nebenzimmer sich den Schweiß abtrocknete und dazu zufällig das Hemd der Marie von Cleve in die Hand bekam, die ebenfalls dort ihr schweißdurchtränktes Hemd gewechselt hatte. Heinrich konnte seiner Leidenschaft nicht widerstehen und verlangte Marie zum Weibe, die dadurch recht unglücklich wurde.

Ebenso bekannt ist, daß der König der Inkas bei der Brautschau die Mädchen schwitzen ließ und diejenige wählte, die nach seinem Geschmack am lieblichsten roch. Oder man erinnert sich an die Skandalaffäre der Prinzessin Chimay wegen ihrer durch den »Geruch« entfachten Liebe zu dem Zigeunerprimas Rigo. Diese Beispiele gehören in die Reihe der heute noch geltenden Tatsachen, daß die Sympathien und Antipathien der Menschen vom gegenseitigen Körpergeruch stark beeinflußt werden.

»Ich kann ihn nicht riechen«, sagt der Volksmund.

Daß der Kuß neben anderer Befriedigung auch den Duft aufnimmt, ist eine alte Erfahrung. Und die innigen Zusammenhänge zwischen Nase und Geschlechtsorgan, die sogenannten »Genitalstellen« der Nase, auf die Fließ aufmerksam gemacht hat und die O. Scheuer in seiner Arbeit über den Kuß (Sexualprobleme, VII, 1911) ausführlicher dargestellt hat, machen auch den sogenannten »Riechkuß« (»Nasengruß«) verständlich, der von der Mehrzahl der Menschen statt des Mundkusses als Liebesbezeigung gewählt wird.

Die Wissenschaft hat schon seit langem festgestellt, in welche chemische Gruppe die erotischen Gerüche gehören. Es sind die von Zwaardemaker als »Kaprylgerüche« bezeichneten Gerüche, zu denen manche Pflanzengerüche gehören und die bei den Tieren und auch beim Menschen an oder bei den Geschlechtsteilen lokalisiert sind (zum Beispiel die sogenannten Parfümdrüsen des Moschustieres und Bibers, der Geruch der männlichen Vorhaut, des männlichen Samens, des weiblichen Scheidensekretes [Vaginalgeruch]). Diese Zersetzungsgerüche (»Odores hircini«), auch »Bocksgerüche« genannt, sind nun auch im Schweiße wirksam, wodurch der Hautgeruch zu einem mächtigen sexuellen Lock- und Reizmittel werden kann. Da in der Achselhöhle des Menschen die stärkste Schweißproduktion stattfindet, wobei noch die Haare die Rolle von Duftzerstreuern nach Art der »Duftpinsel« der Schmetterlinge bilden, können vom Achselhöhlengeruch mitunter besondere sexuelle Reize ausgehen.

Auch darüber finden wir in der Literatur interessante Fälle. So zum Beispiel den jenes Bauernburschen, der herausfand, daß er sich Mädchen dadurch leichter gefügig machen könne, wenn er ihnen beim Tanze mit seinem Taschentuch, das er in der Achselhöhle trug, das Gesicht abwische.

Was die spezifischen Sexualgerüche anlangt, die von den männlichen und weiblichen Genitalien ausgehen, so werden sie normalerweise alle als unangenehm empfunden, doch können gerade sie bei manchen Menschen das erotische Verlangen des Partners aufstacheln. Die Sexualpathologie kennt sogar Menschen, die durch den Geruch von Urin oder Kot der geliebten Person sexuell erregt werden oder überhaupt durch den Geruch dieser Ausscheidungsprodukte, gleichviel von welcher Person sie stammen. Es sind dies die sogenannten »Renifleurs« und  »Epongeurs«, die sich in öffentlichen Bedürfnisanstalten aufhalten, um hier durch den Geruch von Harn oder der Fäces des anderen Geschlechtes sich sexuell zu erregen. Es handelt sich hier um Fälle von ausgesprochenem Geruchsfetischismus, wie wir auch bei Hagen in seinem Buche »Die sexuelle Osphresiologie« lesen, daß Zola, in dessen Werken der Geruch und sein Einfluß auf den Geschlechtstrieb eine große Rolle spielt, für Geruchseindrücke ganz besonders empfindlich gewesen sein soll. Ein Zustand, auf den auch Henning in seinem Werke »Der Geruch« hinweist, in welchem er eine Reihe anderer europäischer Dichter anführt, die sich durch besonders häufige Verwendung von Geruchsprädikaten auszeichnen. So verwendete Schiller zehnmal mehr geruchliche Attribute als seine Zeitgenossen. Charles Baudelaire ist nicht nur Geruchstypus, sondern Geruchsfanatiker und Geruchsmonomane, was aus zahlreichen Stellen aus »Les fleurs du mal« hervorgeht. Zu den Geruchsdichtern gehören auch Huysmans, Altenberg, d'Annunzio, Lilienkron u. a. Auch Grillparzer gehörte zu den durch den Geruchssinn sexuell erregbaren Menschen, und auch Heine läßt die menschlichen Ausdünstungen oft in der zynischesten Weise zu ihrem Rechte kommen.

Die morgenländische Poesie ist als ausgesprochene Geruchslyrik anzusprechen, sowohl die türkische wie die persische, die indische, die chinesische und die japanische. Tagore symbolisiert die Sehnsucht nach dem unerreichbaren Ideal in dem Verse: »Laß deine Liebe der Weihrauch sein in der Flamme meiner Wünsche.«

Diese besondere Einschätzung des Geruches von seiten so vieler Dichter beruht auf den innigen Beziehungen zwischen Geruch und Gefühlsleben. Denn der Geruch ist nicht allein einer unserer lebenswichtigsten Sinne, sondern er ist der Sinn, mit dem das menschliche Bewußtsein sich entwickelt hat; denn das Neuhirn (Neencephalon), das allein beim Menschen das Bewußtsein vermittelt, ist aus dem Riechhirn entstanden. - (erot)

Duft (3)  Nicht alle können ihn riechen, man braucht dazu einen besonders feinen Geruchssinn. Ein Kaufmann von Beirut beteuert in ein paar Linien, die er hastig in sein Notizbuch eingetragen hat, er habe ihn am Nachmittag in die Nase bekommen, als er auf einer Terrasse am Meer in Ostende saß. Am selben Abend wurde der Kaufmann (ein gewisser F. H. Poulsen, Verkäufer von Palmenseife) unter verdächtigen Umständen in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden. Ein Polizeimann fand beim Durchblättern seines Notizbuchs die überraschende Notiz, die er sogleich seinen Vorgesetzten meldete. F. H. Poulsen hatte nicht einmal versucht, ihn zu. beschreiben, er behauptete nur, er habe ihn gleich erkannt und fügte eine Serie von ziemlich banalen Adjektiven und viele Ausrufezeichen bei. All das half der Polizei in ihren Ermittlungen über seinen Tod keinen Schritt weiter. Und leider sind die Notizen des Kaufmanns nicht einmal den Wissenschaftlern, die sich für die Sache interessierten, sehr nützlich gewesen. Daß es sich um einen Duft handelt, scheint immerhin gesichert, und es gibt welche, die behaupten, es handle sich um den Duft des Paradieses. Aber auf was für Grundlagen beruht diese Behauptung? Eine Gruppe von Forschern begab sich an Ort und Stelle, um jedes Indiz sorgfältig zu prüfen. Was werden sie uns von diesem Duft zu sagen wissen? Wird es ihnen gelingen, den Ort seiner Herkunft festzustellen? Die Resultate der Arbeiten sind von undurchdringlichem Geheimnis umgeben, kein Kommuniqué wurde herausgegeben, aber eines schönen Tages könnte die Nachricht wie eine Bombe platzen.   - Luigi Malerba, Die Schlange. München 1992 (zuerst 1966)

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