etektiv  Aufdecker, Zauberentlarver, Aufspürer der unter dem Schwindel versteckten Wahrheit, Lebenserforscher, Menschheitspfadfinder, Entdecker der Menschheit (s. Forscher, Wahrheit, Ketzer, Neugier, Zweifel). Der tüchtigste D. ist der, der sich selbst als Menschheit entdeckt. Denn die Auffindung der ewigen Menschheit ist die allergrößte und allerwichtigste aller auf Erden denkbaren Entdeckungen. Detektivgeschichten sind bei allen Völkern der Erde gleichmäßig beliebt, weil diese Berichte dem ewigen Lebens-, Forschungs- und Wahrheitstrieb dienen. Der D. ist der freie Mensch, der sich nichts vorgaukeln läßt, der alle Geheimnisse entschleiert, dem nichts heilig ist, und der alles ins rechte Lot des richtigen Denkens bringt. - (se)

Detektiv (2)   Der Detektiv schweift in dem Leerraum zwischen den Figuren als entspannter Darsteller der ratio, die sich mit dem Illegalen auseinandersetzt, um es, gleich den Sachverhalten des legalen Betriebs, zu dem Nichts ihrer eigenen Indifferenz zu zerstäuben. - Siegfried Kracauer, Der Detektiv-Roman. Ein philosophischer Traktat. Frankfurt am Main 1979 (stw 297, zuerst 1925)

 Detektiv (3)

Karnevalslist

DETEKTIV GREIFF in violetter Seide
Verfolgt zwei Masken hinters Karussell;
DER FREUND als Doge, FRED als Wilhelm Tell
Bezeichnen einen Baum mit weißer Kreide.

Dann tönen Käuzchenschrei und Hundsgebell.
Zwei Männer nahn verkappt im Frauenkleide.
Vier gegen eins! Man schleppt Greiff in die Haide
Und näht ihn hurtig in ein Eisbärfell.

Der Ferndraht spielt bis zu den Balearen.
Der schweren Suche läßt sichs nicht verdrießen
Ein Aufgebot von fünfzehn Kommissaren.

Man findet einen Sack, der Sack muß nießen.
Greiff wird befreit, doch mit gebleichten Haaren:
Fred und der Freund sind gegen Blutvergießen.

 
- Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr, Livingstone Hahn: Kriminalsonette. München 1979 (zuerst 1913)

 Detektiv (4)  Männer mit grauen flanellhüten, karierten sportmützen, dunklen melonen, deer-stalkers, raffiniert geklebten falschbärten, künstlichen nasen, perücken, prima nachschlüsseln, revolverbelasteten hosenträgern, karbidlaternen, elektrischen stablampen, phantastisch vergrößernden lupen, stunden, ja tagelang lauernd, hinter schornsteinen, grabmälern, wartehäuschen, statuen, pissoirs, pfauengehegen, brückenpfeilern, sequoiabäumen, dachsbauten, laubenkolonien; als museumsbeamte verkleidet, als apachen, gaskassiere, großtanten, lebemänner, weinonkels, taxifahrer, als harmlose sonntagsjäger,

aber dennoch stets auf der jagd nach dem gefährlichsten wild der welt — dem menschen in seinem wahn, der perfekteste verbrecher zu sein und nie gefaßt zu werden. Ich rede von den detektiven, wie sie uns schwarz auf weißem papier vors geistige

auge treten... - H.C. Artmann, Vorwort zu Detective Magazine der 13, Hg. H.C. Artmann Esq. Residenz Verlag Salzburg 1971

Detektiv (5) Wer kennt ihn nicht, den leitstern aller detektive, den rettungsring hilfioser opfer und ratloser professionisten, das unerwartete riff für die kaperfahrten der listigsten bösewichte, den großmast des scharfsinns und anker gerechter gesetze? Hat er nicht wie ein zweiter Piccard den ozean menschlicher schlechtigkeit ausgelotet und in seinen lichtlosen tiefen den kampf mit den riesenkraken des organisierten verbrechens siegreich bestanden? Hat er nicht gleich einem Livingstone oder Scott die kontinente unseres erdballs und des verbrechens durchquert und dabei so manchen weißen fleck von der schulwandkarte der kriminalistik getilgt, so manche landmarke darauf zu bleibendem angedenken mit seinem namen verbunden? Im glutsand der Llanos und in den kühlhäusern Melbournes, auf den gipfeln der Alpen und in den grachten Antwerpens, auf den schneefeldern Labradors und im brodelnden Bombay, im kanalisationssystem von New York und in den dichten karpathischen wäldern hat er gefahren getrotzt, deren bloße erwähnung die maßhemden etlicher helden der night-clubs mit angstschweiß durchtränkt. - Hannes Schneider, DIE JAGD AUF DEN SCHLANGENMENSCHEN, aus: Detective Magazine der 13, Hg. H.C. Artmann Esq. Residenz Verlag Salzburg 1971

Detektiv (6)

Nick Knatterton

Nick Knatterton

Meisterdetektiv, Sports- und Gentleman, Beschützer der Verfolgten, Verfolger alles Bösen, Schrecken der Unterwelt und Freund alles Schönen, eines guten Tropfens und der Tierwelt. Er hat die Kombinationsgabe Einsteins, die stahlharten Muskeln Tarzans und ein weiches Herz, wenn es die Situation erlaubt. In Fachkreisen sagt man: Es ist unmöglich, von ihm nicht gefangen zu werden.

 

Evelyn Nylon

Bildschöne, aber infolge vornehmer Erziehung sehr naive Multimillionärstochter. Sie besitzt einen vorläufig noch völlig unverbrauchten weiblichen Charme. Ihr schönster Schmuck ist (neben ihrer Unschuld) ein Perlenkollier von unschätzbarem Wert, ein Geschenk ihres Vaters zum 17. Geburtstag. Schönheit und Reichtum sind schuld daran, daß sie in den Strudel der Unterwelt gerissen wird.

 

Lucius X. Nylon

Multimillionär, Selfmademan und Vater der nebenstehenden Evelyn N. Er ist der ungekrönte König der Kunstfaser und brachte es zweimal hintereinander vom Schuhputzer zum Generaldirektor. Das "X" in seinem Namen soll das Andenken seines Vaters wahren, eines gewissen Xaver Neiloser aus dem schönen Niederbayern. Lucius X. Nylon liebt seine Tochter fast noch mehr als sein Geld.

 

Virginia Peng

Eine sogenannte Blume der Gosse. In Verbrecherkreisen bis vor noch gar nicht langer Zeit unter dem Spitznamen "Die Jungfrau" bekannt, den sie dann aber aus hier nicht nachprüfbaren Gründen verlor. Die Rolle, die sie in der Unterwelt spielt, ist ziemlich undurchsichtig. Um so durchsichtiger sind dafür ihre mit prallem Sex bis zum Platzen gefüllten, scharf dekolletierten Kleider.

 

 Nackie Nutt

Chef der bestens eingeführten Mädchenhändlerbande mit dem Decknamen "Rotes Herz". Diese Bande schloß sich wegen der ständig steigenden Unkosten mit der Juwelendiebesbande "Schwarzer Fuß" zusammen. Die Fusion wurde damit besiegelt, daß alle Bandenmitglieder sich ein rotes Herz auf die oft schwarze Fußsohle tätowieren ließen, eine sehr kitzlige Operation.

 

-  Manfred Schmidt, Der Schuß in den künstlichen Hinterkopf. Nick Knatterton Gedenkausgabe, Oldenburg u. Hamburg 1971 (Stalling, zuerst 195*)

Detektiv (7)  Was ihm an diesen Büchern gefiel, war ihr Sinn für Perfektion und Sparsamkeit. Im guten Detektivroman wird nichts verschwendet, kein Satz, kein Wort ist ohne Bedeutung. Und selbst wenn es zunächst keine hat, steckt in ihm die Möglichkeit, eine zu haben — was auf dasselbe hinausläuft. Die Welt des Buches wird lebendig, brodelt vor Geheimnissen und Widersprüchen. Da alles, was gesehen und gesagt wird, selbst das Geringfügigste, Trivialste, etwas mit dem Ausgang der Geschichte zu tun haben kann, darf nichts übersehen werden. Alles wird wesentlich, der Mittelpunkt des Buches verlagert sich mit jedem Ereignis, das die Handlung vorwärtstreibt. Daher ist der Mittelpunkt überall, und kein Kreis kann gezogen werden, bevor das Buch endet.

Der Detektiv ist einer, der beobachtet, der horcht, der sich durch diesen Morast von Dingen und Ereignissen bewegt auf der Suche nach dem Gedanken, der Idee, die alles zusammenfaßt und allem einen Sinn gibt. Tatsächlich sind der Schriftsteller und der Detektiv austauschbar. Der Leser sieht die Welt mit dem Auge des Detektivs und erlebt das Wuchern ihrer Einzelheiten wie zum erstenmal. Er ist für die Dinge um ihn her wach geworden, so als könnten sie zu ihm sprechen, als könnten sie, wegen der Aufmerksamkeit, die er ihnen nun widmet, beginnen, eine andere Bedeutung zu haben als die bloße Tatsache ihrer Existenz. Der Privatdetektiv, «private eye», das «private Augen. Der Ausdruck hatte für Quinn eine dreifache Bedeutung. Da war nicht nur ein «i» wie in »ermitteln», da war das «I» als Großbuchstabe, der winzige Lebenskeim, im Leib des atmenden Ichs  verborgen. Zugleich war es auch das physische Auge des Schriftstellers, das Auge des Mannes, der aus sich selbst hinaussieht in die Welt und fordert, daß sich ihm die Welt enthüllt. - Paul Auster, Die New York-Trilogie (Stadt aus Glas), Reinbek bei Hamburg 1991 (zuerst 1985)

Detektiv (8) Poirot ist dumm, Maigret ein netter Spießer, Lemuel Caution hat einen uneingestandenen hodenbruch, The Saint ist ein kompletter trottel, Holmes ein elender geiger, sonst jedoch geistreich, Lord Peter Whimsey ist albern, Nat Pinkerton verstand sein metier, Cardby log bisweilen das blaue vom himmel herunter, The Phantom leidet an Furunkeln, Percy Stuart führte stehend aus, was er sich liegend vornahm [er gehört zu den wirklich großen], Eddie ist ein mann von talent, Frisco Kid ist schneidig, Rip Corby's brillen sind aus fensterglas [eine list!], Lord Lister wäre als detektiv ebenso gut gewesen, wie er als gentlemandieb war, Frank Allan war ein ausgezeichneter Spürhund, über James Bond möchte ich jedoch nur sagen, daß er falsche beweise liefert. Die besten abenteuer Tom Sharks, des königs der detektive, waren Die Opiumschmuggler von Montmartre und Me Wang der Chinese. Ab nummer 100 werden alle abenteuer schlecht.- (hca)

Detektiv (9)

"Der große Bursche, der vor einem Moment aus der Gasse da kam - wo is er hin?"
"Da lang!"
"Danke."

- Aus: Hans Hillmann. Fliegenpapier. Nach Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte Flypaper. Frankfurt am Main 1990.

 Detektiv (10) Ich habe eine beeindruckende psychoanalytische Darstellung der Detektivgeschichte in einem Aufsatz von Dr. Charles Rycroft gefunden, den er im Psychoanalytical Quarterly vor rund fünfzehn Jahren veröffentlicht hat. Rycroft unterwirft zunächst die Hypothese der Psychoanalytikerin Pederson-Krag einer genaueren Untersuchung. Geraldine Pederson-Krag behauptet nämlich, daß die Detektivgeschichte ihre Ursprünge aus der ›Primärszene‹ der Kindheit herleite. Die Mordtat entspreche dem elterlichen Geschlechtsverkehr, das Opfer seien die Eltern, und die Fingerzeige, die zur Lösung führen, werden repräsentiert durch geheimnisvolle »nächtliche Geräusche, seltsame Flecken und Scherze der Erwachsenen, die das Kind nicht begreift.« Der Leser befriedigt nach Pederson-Krag infantile Neugier, indem er sich in die Rolle des Detektivs versetzt und so »die hilflose Unzulänglichkeit und das Angst-Schuld-Gefühl seiner Kindheit, deren er sich im Unterbewußtsein erinnert, nahezu restlos abbauen kann«. - Julian Symons, Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans. München 1982 (Goldmann 5228, zuerst 1972)

Detektiv (11) FAULKNER WEISS GENAU, daß es Detektive eigentlich gar nicht gibt; er weiß, daß die Polizei nicht auf Psychologie und Scharfsinn angewiesen ist, sondern auf die Denunziation, und daß es durchaus nicht Moustachu und Tapinois sind, die bescheidenen Denker des Quai des Orfèvres, die den flüchtigen Mörder hinter Gitter bringen, sondern die Polizisten der Garnis; denn man braucht ja in der Tat nur die Memoiren der Polizeichefs zu lesen, um zu sehen, daß psychologische Inspiration nicht gerade zu den starken Seiten dieser Herrschaften gehört und daß eine Polizei gut‹ erst dann ist, wenn sie es wirklich verstanden hat, ihre Spitzel zu organisieren. Faulkner weiß auch, daß der Gangster in erster Linie Alkoholhändler ist. Atmosphärisch ist Die Freistatt also ein Kriminalroman ohne ›Kriminaler‹, ein Gangsterroman mit schmutzigen, manchmal feigen, ohnmächtigen Gangstern. Aber auf diese Weise gewinnt der Autor eine Wildheit, die vom Milieu gerechtfertigt ist, und die Möglichkeit, ohne auch nur im geringsten den Bereich des Wahrscheinlichen zu verlassen, Notzucht, Lynchjustiz, Mord und alle erdenkliche Brutalität akzeptabel zu machen, die die Handlungsverwicklung auf dem ganzen Buch lasten läßt.

Ohne Zweifel ist es ein Irrtum, in der technischen Verwicklung, der Suche nach dem Verbrecher, das Wesentliche des Kriminalromans zu sehen. Für sich genommen, käme dieser Verwicklung kein höherer Rang zu als dem Schachspiel - künstlerisch wäre er gleich Null. Ihre Bedeutung besteht vielmehr darin, daß sie das wirksamste Mittel ist, einen ethischen oder poetischen Sachverhalt in seiner ganzen Intensität zu übersetzen. Ihren Wert macht das aus, was sie multipliziert. - André Malraux, Vorwort  zu: William Faulkner, Die Freistatt. Zürich 1981 (detebe Klassiker 20 802, zuerst 1931)

Detektiv (12) Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Ein Riese von einem Mann stand auf der Schwelle, so groß, daß sein Kopf am oberen Türbalken anstieß. Sein grobflächiges Gesicht, über das sich tausend Fältchen zogen, war von der Sonne gelb ausgedörrt worden. Seine tiefliegenden Augen und die scharfgeschnittene Nase gaben ihm das Aussehen eines ungezähmten alten Raubvogels. »Wer von Ihnen ist Holmes?« fragte er scharf. »Das ist mein Name, Sir, aber ich wüßte nicht ...« »Ich bin Dr. Grimesby Roylott von Stoke Moran.« »Freut mich«, sagte Holmes kühl. »Nehmen Sie bitte Platz.« »Ich denke nicht daran. Meine Stieftochter war hier. Was hat sie Ihnen erzählt?«
»Etwas kalt für die Jahreszeit heute«, sagte Holmes, »finden Sie nicht?«
»Was hat sie Ihnen erzählt?« schrie der alte Mann unbeherrscht. »Aber wie ich hörte, sollen die Krokusse bald blühen«, fuhr Holmes unerschüttert fort.
Unser Besucher kam einen Schritt näher und hob seine Reitpeitsche.
»Ich weiß Bescheid. Sie sind Holmes, der seine Nase in jeden Dreck» steckt!«
Mein Freund lächelte.
»Holmes, der Gernegroß!«
Die Lachfältchen in Holmes' Gesicht vertieften sich.
»Holmes, der Scotland-Yard-Kasper!«
Holmes lachte laut heraus. »Sie sind ein amüsanter Unterhalter«, sagte er. »Wenn Sie gehen, machen Sie doch bitte die Tür zu; es zieht.«
»Ich gehe, wenn es mir paßt. Und unterstehen Sie sich, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Ich weiß, daß Miß Stoner hier war — ich bin ihr nachgegangen. Es ist gefährlich, mich hinters Licht führen zu wollen!«

Mit einem Schritt war er am Kamin. Er ergriff den Feuerhaken, und seine sehnigen braunen Hände bogen ihn krumm. »Hüten Sie sich. Wenn ich Sie in meine Finger bekommen sollte ...« Er warf den verbogenen Feuerhaken in den Kamin und schlug dann die Tür heftig hinter sich zu. »Ein liebenswerter Mensch«, sagte Holmes immer noch lächelnd. »Wenn er geblieben wäre, hätte ich ihm zeigen können, daß meine Hände nicht viel schwächer sind als die seinen.« Er hob den eisernen Feuerhaken auf, hielt ihn ein paar Sekunden in den Händen und bog ihn dann in einer plötzlichen Bewegung wieder gerade. »Eine Frechheit, mich mit der Polizei zu vergleichen!« - Das gefleckte Band. In: Sir Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes' Abenteuer. Berlin 1987 (Ullstein Buch 2630)

Detektiv (13)   O'Brien teilte Maigret mit, er habe seinen Mann gefunden, einen gewissen Ronald Dexter. Er empfehle ihm nur, ihn nicht zuviel trinken zu lassen.

»Weil er Whisky nicht vertragen kann?«

»Nein, weil er weint.«

Das war kein Witz. Dexter machte, selbst wenn er nicht getrunken hatte, den Eindruck eines Mannes, der schweren Kummer hat. Er kam abends ins Hotel. Maigret begegnete ihm in der Halle, als er gerade nach ihm fragte.

»Ronald Dexter?«

»Ja. das bin ich.« Er sagte es mit einer Miene, als wollte er hinzufügen: »Leider.«

»Mein Freund O'Brien hat Sie informiert?«

»Pst!«

»Verzeihung.«

»Keine Namen, wenn ich bitten darf. Ich stehe Ihnen zur Verfügung. Wohin wollen wir gehen?«

»Zunächst einmal hinaus. Sie kennen wohl den Herrn, der sich lebhaft für alle Vorübergehenden zu interessieren scheint und Gummi kaut? Bill ... Nachname unbekannt. Ich weiß nur, daß er ein Kollege von Ihnen ist, der den Auftrag hat, mir zu folgen. Ich erwähne es, damit sein etwas seltsames Verhalten Sie nicht beunruhigt. Es ist ohne jede Bedeutung. Er mag uns folgen, wohin er will ...«

Ob Dexter verstand oder nicht, war nicht zu erkennen. Er machte ein Gesicht, als wollte er sagen: »Was in diesem Leben ist nicht bedeutungslos?«

Er mochte etwa fünfzig Jahre alt sein. Sein zerknitterter Anzug und sein schäbiger Mantel verrieten nicht gerade Wohlstand.

Die beiden gingen auf den kaum hundert Meter entfernten Broadway zu, gefolgt von Bill, der sich an ihre Fersen heftete.

»Kennen Sie das Theatermilieu?«

»Ein wenig.«

»Oder, um es deutlicher zu sagen, das Milieu der Konzertcafés und der kleinen Varietés?«

Die Antwort war ein Beweis für O'Briens Humor wie für seinen praktischen Sinn. Denn der Privatdetektiv erwiderte seufzend:

»Ich meine, ja. Ich war Clown. Zwanzig Jahre lang.«

»Zweifellos waren Sie ein tragischer Clown. Wollen wir in eine Bar gehen? Was meinen Sie?«

Dexter mit entwaffnender Ehrlichkeit:

»Ich glaubte, Sie sind unterrichtet«

»Wovon?«

»Daß ich nicht viel vertrage. Also, nur ein Glas, nicht wahr?«  - Georges Simenon, Maigret in New York. München 1974 (Heyne Simenon-Kriminalromane 12, zuerst 1946)

Detektiv (14)  Sherlock Holmes untersucht mit der Lupe minutiös sämtliche Einzelheiten, vor allem die scheinbar nebensächlichsten: Schmutzspuren, Zigarettenstummel, Brotkrümel, nichts entgeht ihm, und aus allem zieht er nützliche Erkenntnisse. So stellt er zum Beispiel fest, dass eine bestimmte Zigarettenmarke geraucht wurde und dass Genevieve X. mit den Örtlichkeiten vertraut war, da einige Haare in einem der Kämme im Badezimmer ihr gehören und sich schon längere Zeit dort befanden. All diese wertvollen Indizien werden zusammengetragen, um über eine unbestreitbare Argumentationskette zur Lösung des Rätsels zu führen. Damit folgt Sherlock Holmes einem Vorgehen, das er selbst als analytisch bezeichnet. Heute würden wir sagen, er geht deduktiv vor, da seine Schlüsse sich logisch aus den gesammelten Indizien ableiten. Diese in der Theorie perfekte Methode erweist sich jedoch als fehlerhaft, wenn der Ermittelnde nicht einen ebenso scharfen Verstand hat wie Sherlock Holmes.

Das gilt zum Beispiel für seinen treuen Helfer, Dr. Watson, und die Beamten von Scotland Yard ebenso wie für Kommissar Maigret und trotz seiner hohen Intelligenz sogar für Rouletabille, da alle mit so genannten spekulativen Argumentationen arbeiten, um Hypothesen aufzustellen, die sie anschließend zu untermauern suchen.

Kommissar Maigret mit seinem melancholischen Elefantengesicht raucht nachdenklich bei einem Glas Bier seine Pfeife. Er denkt an seine Frau, an die Frau des Doktors, an Genevieve, an die Küche von Ginette Z. usw. Falls Genevieve tatsächlich die Geliebte des Doktors war, wie die Indizien vermuten lassen, warum ist sie dann gekommen, obwohl sie wusste, dass er nicht da war? Aus der Erinnerung des Kommissars tauchen Figuren und Archetypen auf; er nutzt seine früheren Erfahrungen, um sich etwas besser in die Lage anderer hineinversetzen zu können, bis er ihre Motive und Handlungsweisen versteht. Eine solche Beweisführung bezeichnet man als induktiv, da sie sich auf Lehren stützt, die aus einer Fülle von Einzelfällen gezogen werden.

Bei dem jungen Journalisten Rouletabille, der gerade erst 18 Jahre alt war, als er seinen eissten Fall Le Mystère de la chambre jaune (von Gaston Leroux) brillant löste, kann von Erfahrung ebenso wenig die Rede sein wie von einem deduktiven Vorgehen, das unmittelbar von Fakten ausginge, obwohl er an Klugheit und mathematischer Strenge nicht hinter Sherlock Holmes zurücksteht. Einem verblüfften Publikum erklärt er: »Ich verlange von äußeren Hinweisen nicht, dass sie mir den wahren Sachverhalt zeigen; ich erwarte lediglich, dass sie der Wahrheit nicht widersprechen, die mir mein Verstand aufzeigt.« Sein Vorgehen entspricht einer Methode, die Logiker, Philosophen und Semiotiker als abduktiv bezeichnen: Wie in der von Sherlock Holmes kritisierten synthetischen Methode entwickelt man a priori eine vernünftige Theorie, die man anschließend als Leitfaden nutzt, um Indizien zu finden und sie in ein zufriedenstellendes Erklärungsgeflecht einzubauen. Da das gelbe Zimmer in dem Augenblick, als man die Schreie hörte, von innen verschlossen war, konnte niemand es verlassen haben; Rouletabille entwickelt daraufhin eine elegante Theorie, nach der es tatsächlich niemand verlassen hat. Um greifbare Beweise zu beschaffen, die seine Theorie erhärten, fährt er nach Amerika und kehrt rechtzeitig zurück, um sie beim Gerichtsprozeß vorzulegen. - Michel Serres und Nayla Farouki (Hg.): Thesaurus der exakten Wissenschaften. Frankfurt am Main 2004 (zuerst 1997)

Detektiv (15)  Die meisten  Romane Latimers, insbesondere der jüngst erschienene Gardenia rouge von Red Label, haben den Privatdetektiv William Crane zum Helden, manchmal in Begleitung seiner Helfershelfer O'Malley und Doc Williams von derselben Agentur. Die meisten spielen bei den Reichen. Das Ziel Bill Cranes und seiner Gehilfen scheint jedes Mal darin zu liegen, so viel wie möglich von der Umgebung zu profitieren, unglaubliche Mengen zu trinken, gut und reichlich zu essen, ein bißchen zu vögeln und so wenig wie möglich zu arbeiten. Als Kehrseite der Krise und gewissermaßen Gegenteil von James Cain, wie gesagt, macht Latimer unendlich faule und genußorientierte Charaktere zu seinen Helden, die etwas durchmachen, das die Psychoanalyse wahrscheinlich als eine hauptsächlich orale Regression bezeichnen würde. Das Resultat für den Leser ist Heiterkeit vom Feinsten. Bei Latimer läuft alles nach dem Prinzip der infantilen Ungeheuerlichkeit ab. Während die normalen sexuellen Beziehungen nur angedeutet und bruchstückhaft dargestellt werden, und übrigens selbst regressiv sind (so das Sado-Maso-Delirium zwischen «der Prinzessin» und Detektiv Craven in La Corrida chez le prophète, so die kurzen, heftigen und tödlichen Beziehungen zwischen Bill Crane und der bisexuellen Imago Paraguay, die einen Dolch, Donnerwetter!, in ihrem Strumpfhalter trägt, in Les morts s'enfoutent, etc.), werden die Freuden in erster Linie des Trinkens und in zweiter des Essens ausführlich und etwas unnatürlich bis ins Detail geschildert. In Gardenia rouge wird von solch einem Abend berichtet: Bill Crane pendelt zwischen dem Saal und der Bar eines Nachtclubs hin und her, trinkt abwechselnd Champagner und doppelte Whiskys, anschließend, in Begleitung einer Tänzerin, eine Flasche Champagner (das heißt, er trinkt eine ganz für sich allein, während die Tänzerin eine andere trinkt); und schließlich, in der Garderobe der Tänzerin, ausgiebig Whisky, versetzt mit Laudanum. Als ihn ein wenig später kriminelle Handlanger in die Mangel nehmen, legt er das Ausmaß seines Schreckens in einen einzigen Satz: Ich hätte gern einen Schluck Wasser.

Auch Craven, in La Corrida chez le prophète, säuft wie ein Loch, frißt wie ein Vieh, verschlingt in einem Moment ein vierpfündiges Steak, ruft im nächsten die Hotelrezeption an, um sich zu beschweren, weil man ihm zum Frühstück versehentlich sechs Kalbskoteletts gebracht hat, und nicht sechs Paar Koteletts, wie er sie bestellt hatte. - Jean-Patrick Manchette, Chroniques. Essays zum Roman noir. Heilbronn 2005 (DistelLiteraturVerlag, zuerst 1996)

Detektiv (16)  

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