emiurg
Ich mußte immer wieder dem Zauber der gewaltigen Schauspiele, die
ich erlebte, nachsinnen. Mein Traumvermögen war augenscheinlich erkrankt,
die Träume wollten meinen Geist überwuchern.
Ich verlor in ihnen meine Identität, sie griffen oft in historische Perioden zurück. Fast jede Nacht brachte mir entlegene Begebenheiten, und ich bin der Meinung, daß diese Traumbilder aufs engste verkettet waren mit Erlebnissen meiner Ahnen, deren seelische Erschütterungen sich vielleicht organisch geprägt und vererbt haben. Noch tiefere Traumschichten öffneten sich mir im Aufgehen in Tierexistenzen, ja im bloßen bewußten Hindämmern in Urelementen. Diese Träume waren Abgründe, denen ich mich willenlos preisgegeben sah. Sie hörten auf, als wir besseres Wetter bekamen und klare, schöne Nächte.
Die Tage verliefen nun eintönig. Jetzt plagten mich Untätigkeit und Langeweile. Langsam hatte ich mich kräftigen und wieder arbeiten wollen. Ich sah aber, daß ich zu gar nichts mehr tauglich war. Die Wirklichkeit schien mir eine widerwärtige Karikatur auf den Traumstaat. Mich erquickte nur noch der Gedanke an das Hinschwinden, an den Tod. Mit aller Inbrunst, deren ich noch fähig war, umfing ich ihn.
Ich liebte ihn ekstatisch, wie wenn ich ein Weib gewesen wäre, ich war verzückt. In den nun folgenden, vom Lichte des Mondes erfüllten Nächten gab ich mich ihm völlig hin, schaute ihn an, fühlte ihn und genoß überirdische Wonnen. Ich war der Vertraute dieses ungeheuersten Herrn, dieses glorreichen Weltfürsten, dessen Schönheit unschilderbar ist für alle, die ihn fühlen. Er war mein letztes, mein größtes Glück. In jedem abgefallenen Blatt, im nassen Rasen, in der Erdkrume selbst erkannte ich ihn. Seinem katzenhaften Werben nachzugeben, seine Zerstörungen als Liebesumarmungen zu fühlen, machte mich glücklich! Bezeichnend für diese Zeit ist eine Vorliebe für halbwelke Blumen.
An mein eigenes Sterben dachte ich wie an die größten, himmlischen Freuden, die ewige Hochzeitsnacht wäre dann angebrochen.
Wie sträubt sich doch alles gegen ihn, und wie gut meint er es! In jedem Gesicht forschte ich neugierig nach seinen Zeichen, in den Runzeln und Falten des Alters entdeckte ich seine Küsse. Immer wieder neu erschien er mir; wie köstlich waren seine Farben! Seine Blicke gleißten so verführerisch, daß sich der Stärkste ihm ergeben mußte, dann warf er seine Vermummung ab, und mantellos schaute ihn der Sterbende, uniglänzt von Diamanten, in tausend spiegelnden Facetten.
Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, daß mein Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Größten und im Geringsten teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstoßenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiß - das sind Kämpfe.
Die wirkliche Hölle liegt darin, daß sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt »zwischen Kloaken und Latrinen«. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.
Der Demiurg ist ein Zwitter.
- Alfred Kubin, Die Andere Seite. München 1975 (zuerst 1909)
»Wie?« entfuhr es Maurice.
»Es ist Yaldaboath«, erklärte Fat. »Manchmal wird er auch Samael genannt, der blinde Gott. Er ist verwirrt.«
»Wovon, zum Teufel, reden Sie überhaupt?« fragte Maurice.
»Yaldaboath ist ein Ungeheuer, Brut von Sophia, die aus dem Pleroma stürzte«, sagte Fat. »Er glaubt, der einzige Gott zu sein, aber er irrt sich. Das ist das Problem - er kann nicht sehen. Er erschuf unsere Welt, aber weil er blind ist, verpfuschte er alles. Der wahre Gott sieht aus weiter Ferne auf uns herunter und in seiner Gnade bemüht er sich, uns zu retten. Lichtteilchen aus dem Pleroma sind ...«
Maurice starrte ihn an. »Wer hat sich dieses Zeug ausgedacht? Sie?« - Philip K. Dick, Die VALIS-Trilogie. München 2002
(zuerst 1981 f.)
Er träumte es aktiv, heiß, geheim; es hatte die Größe einer geballten Faust und hing granatfarben im Dämmer eines menschlichen Leibes, der noch kein Gesicht, kein Geschlecht hatte; mit eindringlicher Liebe träumte er es vierzehn helle Nächte lang. Jede Nacht nahm er es deutlicher wahr. Er rührte es nicht an: Er begnügte sich damit, es zu schauen, zu beobachten, manchmal auch mit dem Blick zu berichtigen. Er nahm es wahr, erlebte es aus vielen Entfernungen und Blickwinkeln. In der vierzehnten Nacht streifte er mit dem Zeigefinger die Hauptschlagader und dann das ganze Herz, von außen und von innen. Die Untersuchung stellte ihn zufrieden. Absichtlich träumte er eine ganze Nacht nicht; dann nahm er das Herz wieder auf, rief den Namen eines Planeten an und begab sich an die Schau eines anderen der Hauptorgane. Vor Ablauf eines Jahres hatte er es bis zum Skelett, bis zu den Augenlidern gebracht. Das unzählbare Haupthaar war wohl die schwierigste Aufgabe. Er träumte einen vollausgebildeten Menschen, einen Jüngling; doch richtete dieser sich weder auf, noch sprach er, noch konnte er die Augen öffnen. Nacht für Nacht träumte ihn der Mann schlafend.
In den gnostischen Kosmogonien kneten die Demiurgen einen roten Adam, der
nicht aufzustehen vermag; so ungeschickt und roh und elementar wie dieser Adam
aus Staub war der Adam aus Traum, den die Nächte des Magiers zustande gebracht
hatten. -
J. L. Borges, Die kreisförmigen Ruinen, nach (bo3)

Bei den Tlingit in Nordwestamerika ist der Rabe
der Demiurg oder der Vertreter von Chaos und Schöpfung.
Wenn er auf dem
Bug eines Kriegskahns reitet, ist er dem Mysterium tremendum nahe,
vor dem
auch Feinden der Mut schwindet.
(Aus: P. L. Wilson, Engel. Stuttgart u.a.
1981)
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Nach: Hans-Jürg Braun, Das Jenseits. Die Vorstellungen der Menschheit über
das Leben nach dem Tod. Frankfurt am Main 2000 (it 2516, zuerst 1996)
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