runnen In
der letzten Nacht träumte mir, ich stände in einem uralten Brunnen von
unabsehlicher Tiefe, d. h. oben innerhalb des Geländers, auf einem Balken;
dieser Brunnen war aber eigentlich eine Uhr, Räder
gingen, wie die grünlichen Wasser flössen, Gewichte stiegen auf und nieder,
ich mußte alle Augenblick meinen Platz verändern, wenn ich nicht erquetscht
oder in die Tiefe hinabgestoßen werden wollte. Meine Angst
stieg von Minute zu Minute, endlich wurde sie so groß, daß ich mich auf
die Gefahr des Untergangs hin aus meiner Lage zu befreien suchte, ich wagte
einen Sprung und entkam. Nun traf ich Tine, die
mir sagte, in dem Brunnen seien fünf alte Kaiser
begraben. - Friedrich Hebbel, nach (je)
Brunnen (2) Der Brunnen war nicht tief, aber breit. Es war kein Wasser darin. Die beiden rangen. Soweit man es sehen konnte, hatte der Versicherungsagent Else an der Kehle gepackt, als ob er sie erdrosseln wolle. Sie hielt einen Revolver in der Hand. Aber diese Hand umklammerte er auch, so daß sie nicht schießen konnte. »Was sollen wir tun?« fragte der Inspektor. Man hörte ein Keuchen und Stöhnen. Es war Else, die sich verzweifelt wehrte.
»Ergeben Sie sich, Michonnet«, sagte Maigret. Aber Michonnet antwortete gar nicht, sondern schoß in die Luft. Da zögerte der Kommissar nicht länger. Der Brunnen war drei Meter tief. Plötzlich sprang Maigret hinein und fiel buchstäblich auf den Rücken des Versicherungsagenten und auf das eine von Elses Beinen.
Es war zugleich tragisch und närrisch, dieser Kampf in dem Brunnen,
in einem Geruch von Salpeter und Schlamm. Und noch närrischer der Epilog:
Michonnet, den man mit der Winde heraufzog, Else, die Maigret mit den Armen
herauszog. Ihr schwarzes Samtkleid war ganz mit grünlichem Moos bedeckt. - Georges Simenon, Maigret und der Mann
von Welt. München 1977 (Heyne, Simenon-Kriminalromane 89, zuerst 1931)
Brunnen (3) Die Tote mußte geborgen werden. Ich verseilte den Knecht gründlich um die Leibesmitte, ließ ihn dann mittels der Winde ganz langsam hinunter, sah, wie er im Dunkel versank. Er hielt die Laterne und ein weiteres Seil in den Händen. Bald rief seine Stimme wie aus dem Erdinnern: »Halt!«; und ich sah ihn etwas aus dem Wasser hochziehen, das andere Bein, dann schnürte er beide Füße zusammen und schrie: »Einholen.«
Ich drehte ihn herauf; aber meine Arme fühlten sich an wie zerbrochen, die Muskeln waren kraftlos, ich hatte Angst, die Kurbel könnte meinem Griff entgleiten und der Mann abstürzen. Als sein Kopf am Brunnenrand auftauchte, fragte ich: »Nun?«, so als erwartete ich, daß er mir von der m der Tiefe Nachricht brächte.
Wir stiegen auf die Steinbrüstung, und von beiden Seiten über die Öffnung gebeugt, begannen wir den Körper heraufzuhieven.
Von weitem, hinter der Hauswand hervor, schauten Mutter Lecacheur und Celeste nach uns. Als aus dem Schacht die schwarzen Schuhe und die weißen Strümpfe der Ertrunkenen sichtbar wurden, verschwanden sie.
Sappeur packte die Knöchel, und so wurde die arme keusche Jungfer in der unziemlichsten Haltung aufs Trockene gezogen. Der Kopf sah grausig aus, schwarz und zerschmettert; und ihre langen grauen Haare hingen völlig gelöst, auf ewig entkräuselt, triefend von Morast. Sappeur äußerte in geringschätzigem Ton:
»Junge, Junge, ist die dürre!«
Wir trugen sie in ihre Kammer, und da die beiden Frauen gar nicht erschienen, machte ich mich mit dem Stallknecht an die Leichenwäsche.
Ich wusch ihr trauriges entstelltes Gesicht. Unter meinen Fingern öffnete
sich ein Auge halb, das mich mit jenem fahlen, kalten, schaurigen Blick
der Toten ansah, der von jenseits des Lebens zu kommen scheint. - (nov)
Brunnen (4) Als wir uns angekleidet
und wie die Schneider mit untergeschlagenen Beinen hingehockt hatten, um in
zwei großen fußlosen Gläsern die abgekühlte Limonade unter uns zu verteilen,
da reichte es für jeden von uns - nachdem auch Monsieur Seurel zum Mithalten
eingeladen worden war - gerade noch zu einem Schlückchen Schaum, der bloß den
Gaumen kitzelte und uns erst recht Durst machte. Da gingen wir einer nach dem
andern zum Brunnen, den wir vorher verschmäht hatten, und näherten langsam das
Gesicht der Oberfläche des klaren Wassers. Aber nicht alle waren an solche bäurischen
Gepflogenheiten gewöhnt. Manche, darunter auch ich, brachten es nicht fertig,
auf diese Weise ihren Durst zu löschen. Die einen tranken überhaupt nicht gern
Wasser. Andern schnürte die Angst, sie könnten am Ende gar eine Assel verschlucken,
die Kehle zu. Wieder andere ließen sich von der durchsichtigen Klarheit des
stillen Wassers täuschen und verstanden es nicht genau zu berechnen, wo die
Oberfläche anfing, und so tauchten sie, gleichzeitig mit dem Mund, auch noch
das halbe Gesicht ins Wasser, so daß ihnen unter prickelndem Jucken beim Atmen
das Wasser in die Nase drang und ihnen glühendheiß schien... Noch andere brachten
es aus allen diesen Gründen aufs Mal nicht zustande... Was tat's? Uns wollte
es an den dürren, kahlen Ufern des Cher scheinen, als sei sämtliche irdische
Kühle an diesem Orte eingeschlossen. - Henri Alain-Fournier, Der
große Meaulnes. Zürich 2003 (zuerst 1913)
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