ienen  »Sie schlafen«, erwiderte Kaa. »Hathi weicht vor dem Gestreiften nicht aus. Doch Hathi und der Gestreifte weichen den Dholen. Die Dholen sagen, sie weichen vor nichts. Aber das kleine Volk der Felsen, vor wem weicht das zurück? Künde mir, Meister der Dschungel, wer ist der Meister der Dschungel?«

»Diese hier sind es«, flüsterte Mowgli. »Der Ort des Todes ist es. Komm fort.«

»Nein, schau wohl hin, denn jetzt schlafen sie. Es ist heute, wie es war, als ich noch nicht so lang war wie dein Arm.«

Die bröckelnden, verwitterten Wände der Waingunga-Schlucht sind seit Beginn der Dschungel Wohnort des kleinen Volkes der Felsen - der geschäftigen, wilden, schwarzen Bienen Indiens -, und Mowgli wußte wohl, daß alle Fährten sich eine halbe Meile vor der Schlucht zur Seite wandten.

Jahrhundertelang hatte das kleine Volk hier gehaust, hatte gebaut und von Spalte zu Spalte geschwärmt und wieder geschwärmt. Der weiße Marmor war fleckig von vertrocknetem Honig, und die Waben saßen überall tief in den dunklen Höhlungen. Weder Mensch noch Tier, weder Feuer noch Wasser hatte sie je gestört. Die Wände der Schlucht waren der ganzen Länge nach wie mit schimmernden schwarzen Samtgardinen behangen; und Mowglis Herz sank, als er hinsah, denn es waren die geklumpten Millionen schlafender Bienen. Das Antlitz der Felsen war wie gefleckt mit Klumpen, Girlanden und Auswüchsen, die verrotteten Baumstämmen glichen. Verlassene Waben vergangener Jahre waren es oder neue Siedlungen, die im Schatten der windstillen Schlucht erstanden. Mowgli hörte mehrmals das Rauschen und Gleiten honigschwerer Stöcke, die irgendwo umstürzten und in die dunklen Galerien fielen, dann ein dumpfes Dröhnen zahlloser Flügelschläge und träges Tropfen - trip, trip, trip - des verschütteten Honigs, der weiterrann, bis er über irgendeine Felskante ins Freie floß und klebrig auf das Gestrüpp niedertropfte. An der einen Seite des Stroms lag ein kleiner, kaum fünf Fuß breiter Ufersaum, auf dem sich der Abfall ungezählter Jahre turmhoch häufte. Da lagen tote Bienen, Drohnen, vertrocknete Waben, Flügel von schmarotzenden Motten und Käfern, die dem Honig nachgegangen waren -alles moderte da in weichen Lagern von feinstem, schwarzem Staub. Der scharfe Gestank, der davon hochstieg, genügte schon, um alles abzuschrecken, was keine Flügel hatte oder die Bedeutung des kleinen Volkes kannte.

Kaa setzte sich wieder stromaufwärts in Bewegung, bis zu einer Sandbank am Ausgang der Schlucht.

»Hier liegt die Beute dieses Jahres«, sagte er. »Sieh!«

Auf der Bank am Ufer bleichten die Gerippe jungen Rotwilds und Knochen eines Büffels. Mowgli konnte erkennen, daß weder Wolf noch Schakal die Knochen des Wilds berührt hatten, die in ihrer natürlichen Lage rein abgeschält waren. - Rudyard Kipling, Das neue Dschungelbuch, nach (ki)

Bienen (2)  Wie eine gute Hausfrau aus der Wolle etlicher Schafe ein einziges Stück Stoff webt, eine Biene ihren Honig vielen Blüten verdankt, so habe ich für diese Kompilation zahlreiche fremde Autoren benutzt. Dabei habe ich niemandem Unrecht getan, sondern jedem das Seine gelassen, und zwar nach dem Vorbild des von Hieronymus gerühmten Nepotian, der nicht, wie es heute üblich ist, ganze Verse, Seiten, Traktate stahl, ohne die Namen ihrer Urheber zu nennen, sondern jeweils auf das geistige Eigentum des Cyprian, Lactantius, Hilarius, Minucius Felix, Victorinus oder Arnobius verwies. Und ebenso zitiere ich meine Gewährsleute, selbst wenn das einige ungebildete Tintenkleckser für pedantisch halten, weil es ihren aufgeblasenen Stilvorstellungen nicht entspricht. Ich habe geborgt, aber nicht gestohlen, und wenn Varro von den Bienen sagt, sie richteten keinen Schaden an, wenn sie Honig saugen, so frage ich für meinen Teil: Wem habe ich ein Leid zugefügt? Die Materie ist größtenteils die ihre und doch auch von mir angeeignet nach der Art, in der die Natur mit den Nahrungsmitteln verfährt, die sich unser Körper einverleibt, die er verdaut und assimiliert. Ganz ähnlich halte ich es mit der geistigen Nahrung. Ich fordere meinen Nahrungsquellen gleichsam einen Tribut ab, um dieses Potpourri zu Papier zu bringen, wobei nur die Methode der Verknüpfung meine eigene ist, ich mich aber im übrigen Wecker anschließe, der meinte, wir könnten nichts sagen, was nicht schon gesagt worden sei, deshalb beweise sich der Gelehrte allein in der methodischen Anordnung.  - (bur)

Bienen (3)   Gegen das Ende des Jahres 1000 erschien in Gallien, in einem Dorf namens Vertus im Distrikt Chalons ein Bauer namens Leutard. Wie die Ergebnisse der ganzen Angelegenheit zeigten, konnte er sehr wohl als ein Satansbote angesehen werden. Seine sture Verrücktheit begann folgendermaßen: Er arbeitete einmal auf seinem Feld und hatte gerade ein Stück Arbeit vollendet, als er, von seinen Anstrengungen erschöpft, einschlief und es ihm schien, als ob ein großer Schwärm Bienen über den Weg der Geschlechtsorgane in seinen Körper eindrangen. Eben diese Bienen nahmen wieder ihren Weg aus seinem Körper durch seinen Mund, folterten ihn mit ihren Stichen und nachdem sie ihn in dieser Weise eine Zeit lang gequält hatten, schienen sie zu ihm zu sprechen und ihn zu bitten, Menschenunmögliches zu tun. Nach einer Weile erhob er sich erschöpft und ging nach Hause. Er schickte seine Frau weg, als ob diese Trennung vom Evangelium gefordert sei; dann fuhr er fort, betrat die Kirche, als ob er in ihr beten wolle, packte das Kreuz und schlug es und das Bild des Erlösers in Stücke. Jene, die das sahen, zitterten vor Angst, dachten, er sei verrückt, was er war, und da die Landbewohner leicht dazu neigen, in Irrtümer zu verfallen, überzeugte er sie davon, daß diese Dinge aufgrund einer wundersamen Offenbarung Gottes geschehen seien. Aber er gestattete zu viel in leeren Worten, bar allen Nutzens und aller Wahrheit und in seiner Begier, gelehrt zu erscheinen, lehrte er sie das Gegenteil von dem, was ein wirklicher Lehrer lehren würde, indem er behauptete, daß es nutzlos und närrisch sei, den Zehnten zu entrichten. Und gerade wie die anderen Häresien sich hinter den Heiligen Schriften verbergen, denen sie widersprechen, so daß sie noch mehr verschlagene Täuschung betreiben können, erklärte er ebenfalls, daß die Propheten einige nützliche Dinge behauptet hätten und einige, die nicht geglaubt werden müßten. In kurzer Zeit erreichte sein Ruhm eine nicht geringe Anzahl der einfachen Leute, gerade so, als ob er ein normaler und religiöser Mensch sei. -  Raul Glaber, nach: Micha Brumlik, Die Gnostiker. Frankfurt am Main 1995 (zuerst 1992)

Bienen (4) (apes) werden sie genannt, weil sie sich mit den Füßen gegenseitig festhalten oder deshalb, weil sie ohne Füße (pes = Fuß - a pes = ohne Fuß) zur Welt kommen. Denn später bekommen sie sowohl Füße als auch Flügel. Eifrig bei ihrer Aufgabe, Honig zu bereiten, hausen sie in dem ihnen zugewiesenen Wohnsitz und errichten sich ihr Heim mit unbeschreiblicher Kunstfertigkeit, verwenden dazu verschiedene Blüten und füllen das mit Wachs verkleidete Lager mit zahlloser Nachkommenschaft. Sie haben ein Heer und einen König, führen Schlachten durch, flüchten vor Rauch und werden durch Lärm zum Zorn gereizt. Vielfache Erfahrung lehrt, daß sie aus den Leichen von Rindern entstehen. Denn um sie hervorzubringen, wird das Fleisch getöteter Kälber gepeitscht, damit dann aus dem faulenden Blut Würmer hervorkriechen, aus denen später Bienen werden. So nennt man das, was aus den Rindern entsteht, Bienen, wie man Hornissen nennt, was aus den Pferden, Drohnen, was aus den Maultieren, Wespen, was aus den Eseln entsteht.  - Bestiarium Ms. Ashmole 1511, Hg. Franz Unterkircher.  Graz 1986

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