esitz
Es war ein Trost für das Landvolk, daß Martin
Luther, der de Sohn eines Grubenbesitzers,
zur geistigen Führungs- und politischen Identifikationsfigur aufstieg.
Die Ritter hofften ebenso, daß der ehemalige Mönch auf ihrer Seite stehe, hatte
er doch in seiner Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation so
zahlreiche Ursachen ihrer Unzufriedenheit mit bewundernswertem Verständnis aufgeführt.
Doch Luther heiratete 1525 und sehnte sich danach, in einem geordneten
Land ruhig und in Frieden zu leben. In gewisser Weise war er selbst zu Grundbesitz
gekommen, nämlich durch die bedeutenden unternehmerischen Talente seiner Frau,
der ehemaligen Nonne Katharina von Bora. Sie kümmerte sich als tüchtige Wirtschafterin
darum, daß der Familie das Geld nicht ausging; mit viel Geschick versorgte sie
Hausgäste, die sie ausgezeichnet bewirtete, unterhielt einen Fischteich, einen
großen Schweinestall, einen üppigen Geflügelhof und bestimmt auch ein paar Bienenstöcke.
Das Letzte, was Luther sich daher wünschte, war ein Krieg unter seinen Landsleuten.
Entsetzt darüber, daß die Bauernführung die bewaffneten Bauern dazu drängte,
im Kampf um ihre Rechte das Blut am Schwert nicht trocknen zu lassen, konterte
er mit dem Pamphlet Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern,
in dem er die rechtschaffenen Deutschen aufstachelte:
»Drum soll hier zuschlagen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer nur
kann und daran denken, daß es nichts giftigeres, schädlicheres und teuflischeres
geben kann, als einen aufrührerischen Menschen.«
- Colin Eisler, Dürers Arche Noah. Tiere und Fabelwesen im Werk
von Albrecht Dürer. München 1996 (zuerst 1991)
Besitz (2) Ich wählte, um sie
anzuschauen, den Aspekt ihres Gesichts, den man sonst nie hatte, der aber besonders
schön war. Das stärker werdende Geräusch ihres Atems
konnte die Illusion erzeugen, sie keuche vor Lust,
doch als die meine auf dem Höhepunkt war, konnte ich sie umarmen, ohne ihren
Schlaf unterbrochen zu haben. Mir schien in diesem Augenblick, so - als ein
unbewußtes und widerstandsloses Element der stummen Natur - hätte ich sie vollkommener
besessen. - Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen
Zeit. Nach: Ulrike
Sprenger, Proust-ABC. Leipzig 1997
Besitz (3) Wir können nicht lieben, mein Sohn. Die Liebe ist die fleischlichste aller Illusionen. Darum höre: Lieben heißt besitzen. Und was besitzt der Liebende? Einen Körper? Um ihn zu besitzen, müßten wir uns seine Substanz aneignen, ihn verschlingen, ihn uns einverleiben... Und wäre diese Unmöglichkeit möglich, wäre sie nicht von Dauer, denn unser Körper verändert sich und vergeht; ja, wir besitzen nicht einmal unseren eigenen Körper, einzig die Wahrnehmung, die wir von ihm haben, und besäßen wir den geliebten Körper, würde er unser, hörte auf, ein anderer zu sein, und daher verginge mit dem Vergehen des anderen auch die Liebe...
Besitzen wir die Seele? Höre und schweige: Nein, wir besitzen sie nicht. Nicht einmal unsere eigene Seele ist unser. Wie könnte man eine Seele auch besitzen? Zwischen zwei Seelen besteht eine tiefe Kluft: beide sind sie Seelen.
Was aber besitzen wir? Was? Was läßt uns lieben? Die Schönheit?
Und besitzen wir sie, wenn wir lieben? Wenn wir einen Körper ganz und gar und
besessen besitzen, was besitzen wir dann? Nicht den Körper, nicht seine Seele,
ja, nicht einmal seine Schönheit. Wenn wir einen schönen Körper in Besitz nehmen,
umfangen wir nicht seine Schönheit, wohl aber sein Fleisch, Zellgewebe und Fett;
der Kuß berührt nicht die Schönheit des Mundes, wohl aber das feuchte Fleisch
der Lippen, Schleim und Vergänglichkeit; der Koitus
selbst ist ein schlichter Kontakt, ein Reiben, dicht
an dicht, aber kein wirkliches Durchdringen, nicht einmal das eines Körpers
durch einen anderen. - Fernando Pessoa, Das Buch
der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Zürich 2003 (22. 8. 1931)
Besitz (4) Mein Name war Scott.
Das war eigentlich alles. Etwas zum Anziehen hatte ich auch, denn sonst wurde
man verhaftet. Ich hatte von jedem wichtigen Kleidungsstück ein Exemplar- und
das trug ich auf dem Leib. Sonst nichts. Ich hatte sonnengebräunte Haut und
eine Parkbank. Das war alles, was ich mein eigen nennen konnte. Man konnte sagen,
daß mir die Bank gehörte. Eigentlich war sie ja städtischer Besitz, aber nachdem
ich sie jede Nacht benutzte, stand sie mir irgendwie zu. Einmal jagte ich sogar
einen anderen davon runter. - Cornell Woolrich, Der schwarze Pfad.
Zürich 1988 (zuerst 1944)
![]() |
||
![]() |
||
|
|
|
![]() |
||
|
||
![]() ![]() |
![]()
|
|