esessenheit
»Wieviel verlangst du denn noch?« schrie Terrier sie
an. »Fünf Franc sind ein Haufen Geld für die untergeordnete Aufgabe,
ein kleines Kind zu ernähren!«
»Ich will überhaupt kein Geld«, sagte die Amme. »Ich will den Bastard aus dem Haus haben.«
»Aber warum denn, liebe Frau?« sagte Terrier und fingerte wieder in dem Henkelkorb herum. »Er ist doch ein allerliebstes Kind. Er sieht rosa aus, er schreit nicht, er schläft gut, und er ist getauft.«
»Er ist vom Teufel besessen.«
Rasch zog Terrier seine Finger aus dem Korb.
»Unmöglich! Es ist absolut unmöglich, daß ein Säugling vom Teufel besessen ist. Ein Säugling ist kein Mensch, sondern ein Vormensch und besitzt noch keine voll ausgebildete Seele. Infolgedessen ist er für den Teufel uninteressant. Spricht er vielleicht schon? Zuckt es in ihm? Bewegt er Dinge im Zimmer? Geht ein übler Gestank von ihm aus?«
»Er riecht überhaupt nicht«, sagte die Amme.
»Da hast du es! Das ist ein eindeutiges Zeichen.
Wenn er vom Teufel besessen wäre, müßte er stinken.«
- Patrick Süskind, Das Parfüm. Die Geschichte eines
Mörders. Zürich 1985
- Helen Fisher, Anthropologin, Berliner Zeitung vom 18./19. Februar 2006
Besessenheit (3) Die Erfindung des Teufels.
Wenn wir vom Teufel besessen sind, dann kann es nicht einer sein, denn sonst
lebten wir, wenigstens auf der Erde, ruhig, wie mit Gott, einheitlich, ohne
Widerspruch, ohne Überlegung, unseres Hintermannes immer gewiß. Sein Gesicht
würde uns nicht erschrecken, denn als Teuflische wären wir bei einiger Empfindlichkeit
für diesen Anblick klug genug, lieber eine Hand zu opfern, mit der wir sein
Gesicht bedeckt hielten. Wenn uns nur ein einziger Teufel hätte, mit ruhigem
ungestörtem Überblick über unser ganzes Wesen und mit augenblicklicher Verfügungsfreiheit,
dann hätte er auch genügende Kraft, uns ein menschliches Leben lang so hoch
über dem Geist Gottes in uns zu halten und noch zu schwingen, daß wir auch keinen
Schimmer von ihm zu sehen bekämen, also auch von dort nicht beunruhigt würden.
Nur die Menge der Teufel kann unser irdisches Unglück ausmachen. Warum rotten
sie einander nicht aus bis auf einen oder warum unterordnen sie sich nicht einem
großen Teufel? Beides wäre im Sinne des teuflischen Prinzips, uns möglichst
vollkommen zu betrügen. Was nützt denn, solange die Einheitlichkeit fehlt, die
peinliche Sorgfalt, die sämtliche Teufel für uns haben? Es ist nur selbstverständlich,
daß den Teufeln an dem Ausfallen eines Menschenhaares mehr gelegen sein muß
als Gott, denn dem Teufel geht das Haar wirklich verloren, Gott nicht. Nur kommen
wir dadurch, solange die vielen Teufel in uns sind, noch immer zu keinem Wohlbefinden.
- Franz Kafka, Tagebücher (9. Juli 1912) Frankfurt am Main
1967
Besessenheit (4) Der Teufel und George Sand. — Man darf nicht glauben, der Teufel versuche nur die genialen Menschen. Sicherlich verachtet er die Dummköpfe, doch verschmäht er nicht ihre Mithilfe. Ganz im Gegenteil, er setzt große Hoffnungen in sie.
Man nehme George Sand. Sie ist vor allem und mehr als alles andere ein dummes Ding; aber sie ist besessen. Der Teufel ist es, der sie überredet hat, sich auf ihr gutes Herz und auf ihren gesunden Verstand zu verlassen, damit sie alle übrigen Dummköpfe überredete, sich auf ihr eigenes gutes Herz und ihren eigenen guten Verstand zu verlassen.
Ich kann an dieses dumme Geschöpf nicht ohne einen gewissen Schauder des
Abscheus denken. Wenn ich ihr begegnete, könnte ich
mich nicht zurückhalten, ihr einen Weihkessel an den Kopf zu werfen. - (cb)
Besessenheit (5) Ich habe oft das Gefühl,
Kreiters Seele habe von mir Besitz ergriffen. Sie kennen meine Bilder aus New
York. Als ich sie malte, war ich noch ich selbst - Welten entfernt von Zorach
Kreiter. Hier bin ich Kreiter geworden. Was ich jetzt male, ist nicht eine Nachahmung,
es ist mir völlig natürlich. Es bedarf keiner Kunstgriffe. Wenn ich versuche,
wieder so zu malen wie früher, so ist mir das unmöglich. Ich spielte mit der
Idee, in zwei verschiedenen Stilen zu malen, und die Bilder auszustellen, die
mir entsprachen - es ging nicht. Tobias Anfang ist nicht mehr - das klingt wie
aus den okkulten Büchern oder wie ein Fall von Persönlichkeitsspaltung. Es war
sehr schwierig für mich, diese Verwandlung durchzumachen.
Es ist wahr, ich bewunderte ihn, aber wir waren doch ganz entgegengesetzter
Art. Er war von Natur aus extravertiert, während ich introvertiert bin. Er war
in jeder Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch. Ich lebe mit seiner Witwe und
höre Dinge über ihn, die mich verblüffen, so grotesk sind sie. Manchmal bin
ich nicht ganz sicher, mit wem ich die Nacht verbringe - mit ihr oder mit ihm.
- Isaac Bashevis Singer, Gefangene. In: I.B.S., Der Kabbalist vom East Broadway. München 1978 (zuerst 1972)
Besessenheit (6) Elisabeth Bastard war von fünf Dämonen besessen, deren einer „Schwefelholz der Unreinheit" hieß.
Die fünf Dämonen, die von Denyse Lacaille Besitz ergriffen hatten, waren Lissi, Beelzebub, Satan, Motelu und Briffaut.
- Figuier, Geschichte des Wunderbaren (1860), nach
(sot)
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