eschwörung   Ich zog das scharfe Schwert von der Hüfte und grub eine Grube, eine Elle lang hierhin und dorthin, und um sie goß ich den Weihguß für alle Toten: zuerst von Honiggemisch, hernach von süßem Weine, zum dritten hinwieder von Wasser, und streute darüber weiße Gerste. Und gelobte, vielfach zu den kraftlosen Häuptern der Toten flehend, daß ich, nach Ithaka gekommen, ein unfruchtbares Rind, das nur immer das beste wäre, darbringen würde in den Hallen und einen Scheiterhaufen anfüllen mit edlen Dingen, und daß ich dem Teiresias gesondert einen Schafbock opfern würde, ihm allein, einen ganz schwarzen, der hervorsticht unter unseren Schafen. Doch als ich die Völker der Toten mit Gelübden und Gebeten angefleht, ergriff ich die Schafe und durchschnitt ihnen den Hals über der Grube, und es strömte das schwarzwolkige Blut.

Da versammelten sich von unten aus dem Erebos die Seelen der dahingestorbenen Toten: junge Frauen und junge Männer, Greise, die viel erduldet hatten, und noch kindliche Mädchen mit jungem Gram im Herzen, und viele, verwundet von erzbeschlagenen Lanzen: Männer, im Kriege gefallen, mit blutverkrusteten Rüstungen. Die kamen und gingen um die Grube, viele, der eine von hier-, der andere von dorther, mit unaussprechlichem Geschrei, und mich ergriff die blasse Furcht. Da trieb ich alsdann die Gefährten und hieß sie, daß sie die Schafe, die schon geschlachtet mit dem erbarmungslosen Erz am Boden lagen, abhäuten und verbrennen und dabei zu den Göttern beten sollten: dem starken Hades und der schrecklichen Persephoneia.

Doch selbst zog ich das scharfe Schwert von der Hüfte und saß hin und ließ die kraftlosen Häupter der Toten nicht dem Blute näher kommen. - (hom)

Beschwörung (2) Vathek (Harun Benalmotasim Vatiq Bilah, der neunte Abassiden-Kalif) errichtet einen babylonischen Turm, um die Planeten zu enträtseln. Diese prophezeien ihm eine Reihe von Wundern, durch ein Überwesen ohnegleichen bewirkt, das aus einem unbekannten Lande kommen wurde. Ein Händler erscheint in der Hauptstadt des Reiches: Sein Antlitz ist so gräßlich, daß die Wächter, die ihn vor den Kalifen geleiten, die Augen schließen mussen. Der Händler verkauft dem Kalifen einen Krummsäbel, dann verschwindet er. Die auf dem Schwert eingravierten geheimnisvollen Schriftzeichen spotten durch ihre dauernde Verwandlung der Neugierde Vatheks. Ein Mann (der dann ebenfalls verschwindet) enträtselt sie; an einem Tage besagen sie: « Wir sind gemacht, wo alles wohl gemacht ist, wir sind die kleinsten Wunder eines Reiches, in dem alles wunderbar ist, und des Anblicks des größten Herrschers dieser Welt wohl wert»; ein andermal: «Weh dem Sterblichen, der zu wissen trachtet, was ihm die Vorsehung verschweigt, weh dem, der wagt, was seine Macht übersteigt».

Der Kalif läßt sich auf die Magie ein; die Stimme des Händlers erteilt ihm aus der Finsternis den Rat, dem muselmanischen Glauben abzuschwören und die Mächte des Dunkels anzubeten. Wenn er das tut, wird sich ihm das Alcazár des Unterirdischen Feuers erschließen. Unter seinen Kuppeln wird er die Schätze schauen können, die ihm die Gestirne verheißen haben, die Talismane, welche die Welt unterwerfen, die Kronreife der präadamitischen Sultane und des Suleiman Bendaud. Der unersättliche Kalif läßt sich überreden, und der Händler verlangt von ihm vierzig Menschenopfer. Viele blutige Jahre vergehen; Vathek, die Seele schwarz von Greueltaten, gelangt zu einem kahlen Berg. Die Erde tut sich auf und voll Entsetzen und Erwartung steigt Vathek auf den Grund der Welt hinab. Eine schweigende, bleiche Menschenmenge irrt, ohne sich anzublicken, durch die prächtigen Zimmerfluchten des grenzenlosen Palastes. Der Händler hat nicht gelogen: Das Alcazár des Unterirdischen Feuers quillt über von Herrlichkeiten und Talismanen, aber es ist auch die Hölle. - Jorge Luis Borges, Vorwort zu: William Beckford, Vathek. Stuttgart 1983 (Bibliothek von Babel, Bd. 3)

Beschwörung (3)  Man findet in dem Brief von Magister Achatius Lampirius eine ziemlich derbe Verspottung der Beschwörungspraktik, die man anwandte, um sich ein Mädchen gefügig zu machen. Das Geheimnis bestand darin, ein Haar des Mädchens zu erhaschen; man tat es zunächst in seine Kniehose; man legte eine Generalbeichte ab, und man ließ drei Messen lesen, während deren man das Haar um seinen Hals legte; bei der letzten Evangelienlesung zündete man eine Kerze an und sprach dabei folgende Formel: »O Kerze, bei der Kraft des allmächtigen Gottes, bei den neun Chören der Engel, bei der schlündigen Kraft beschwöre ich dich: führe mir dieses Mädchen in Fleisch und Bein zu, auf daß ich es nach meiner Lust schnabuliere«   - (vol)

Beschwörung (4)  Denkt eines Verstorbenen nur recht, und nicht bloß der Gedanke an den Verstorbenen, der Verstorbene selbst ist im Momente da. Ihr könnt ihn innerlich beschwören, er muß kommen, ihn festhalten, er muß bleiben, haltet nur Sinn und Gedanken auf ihm fest. Denkt seiner mit Liebe oder Haß, er wird es spüren; - mit stärkerer Liebe, stärkerem Haß, er wird es stärker spüren. Sonst hattet ihr wohl Erinnerung an die Toten; nun wißt ihr sie zu brauchen; könnt einen Verstorbenen noch wissentlich mit eurem Andenken beglücken oder plagen; euch mit ihm versöhnen oder unversöhnlich streiten, nicht euch bloß wissentlich auch ihm. Tut's stets im besten Sinne; und sorgt nun aber auch, daß das Andenken, was ihr selber hinterlaßt, euch künftig selber fromme.

Wohl dem, der einen Schatz von Liebe, Achtung, Verehrung, Bewunderung im Andenken der Menschen hinter sich gelassen. Was er für's diesseitige Leben hinter sich gelassen, gewinnt er mit dem Tode, indem er das zusammenfassende Bewußtsein für alles gewinnt, was die Nachgelassenen von ihm denken; hebt damit den Scheffel, von dem er im Leben bloß einzelne Kömer zählte. Das gehört zu den Schätzen, die wir für den Himmel sammeln sollen.

Wehe dem, welchem Verwünschungen, Fluch, ein Andenken voll Schrecken folgen. Die ihm im Diesseits folgten, holen ihn im Tode ein; das gehört zu der Hölle, die seiner wartet. Jedes Wehe, das ihm nachgerufen wird, ist ein ihm nachgesandter Pfeil, der in sein Inneres eindringt.  - Gustav Theodor Fechner, Das Büchlein vom Leben nach dem Tode, in: G.T.F., Das unendliche Leben. München 1984 (Matthes & Seitz debatte 2, zuerst 1836)

Beschwörung (5)

1.

ALbanie / gebrauche deiner zeit /
Und laß den liebes=lüsten freyen zügel /
Wenn uns der schnee der jähre hat beschneyt /
So schmeckt kein kuß / der liebe wahres siege! /
Im grünen may grünt nur der bunte klee.
Albanie.

2.

Albanie / der schönen augen licht /
Der leib / und was auffden beliebten wangen /
Ist nicht vor dich / vor uns nur zugericht /
Die äpffel / so auff deinen brüsten prangen /
Sind unsre lust / und süsse anmuths=see.
Albanie.

3.

Albanie / was quälen wir uns viel /
Und züchtigen die nieren und die lenden ?
Nur frisch gewagt das angenehme spiel /
Jedwedes glied ist ja gemacht zum wenden /
Und wendet doch die sonn sich in die höh.
Albanie.

4.

Albanie / soll denn dein warmer schooß
So öd und wüst / und unbebauet liegen ?
Im paradicß da gieng man nackt und bloß /
Und durffte frey die liebes=äcker pflügen /
Welch menschcn=satz macht uns diß neue weh?
Albanie.

5.

Albanie / wer kan die Süßigkeit
Der zwey vermischten geister recht entdecken?
Wenn lieb und lust ein essen uns bereit /
Das wiederholt am besten pflegt zu schmecken /
Wünscht nicht ein hertz / daß es dabey vergeh?
Albanie.

6.

Albanie / weil noch der wollustthau
Die glieder netzt / und das geblüte springet /
So laß doch zu / daß auffder Venus=au
Ein brünstger geist dir kniend opffer bringet /
Daß er vor dir in voller Andacht steh.
Albanie.

- (hofm)

Beschwörung (6)  Er will die Toten um Hilfe bitten. Er reitet in den hohen Norden, auf der Suche nach einem Grab.

Dort liegt die klügste aller Wahrsagerinnen tief unter der Erde. Es ist die Volve, die einst so viele Geheimnisse kannte. Nun braucht Odin sie; denn sie ist die einzige, die ihm helfen kann. Auf einem Hügel läßt er sich nieder und singt. Es sind Zauberlieder, die so stark sind, daß sie die Toten zum Leben erwecken können. Leise und vorsichtig hebt sein Gesang an, dann wird er lauter und fordernder, so lange, bis der Torfboden sich öffnet und die kalte Erde Risse zeigt.

Ein Häufchen Lumpen steigt aus dem Grab. Es ist die Tote, die er aufgeweckt hat. »Wer ist es, der meine Ruhe stört?« fragt sie. »Wer zwingt mich, mein Grab zu verlassen?« - »Ich bin es, und Wegtam werde ich genannt«, antwortet Odin. Er lügt. Die Volve blickt auf ihre wurmzerfressenen Hände und sagt: »Siehst du nicht, wie kalt ich bin und bis aufs Mark vom Schnee durchnäßt? Ich bin schon lange tot. Laß mich in Ruhe!« - Tor Åge Bringsværd, Die wilden Götter. Dt. von Tanaquil u. Hans Magnus Enzensberger. Zeichnungen von Johannes Grützke. Frankfurt am Main 2001

 Beschwörung (7)  In den Archives de la Bastille ist uns die Formel erhalten geblieben, die die berüchtigte Frau von Brinvilliers zu ihren Liebes- und sonstigen magischen Operationen zu benutzen pflegte. Sie warf ein Reisbündel ins Feuer und sprach dabei: »Reisbündel, ich brenne dich, als das Herz, den Körper, das Blut, das Begriffsvermögen, die Bewegung, den Geist des X. Auf daß er nicht zur Ruhe komme bis in das Mark seiner Knochen hinein, weder an einer Stelle bleiben, sprechen, reiten, trinken noch essen könne, bis er getan, was ich von ihm begehre.« Es gibt moderne Zaubersprüche, die auffallend an diesen erinnern. Wie schon hier ersichtlich, läßt das Zartgefühl des Beschwörers oft viel zu wünschen übrig. - (erot)

 Beschwörung (8)  Erhebet euch, Kiefernwälder, erhebet euch im Wort. Unbekannt seid ihr. —. Rückt heraus eure Formel. - Nicht ohne Grund seid ihr doch auffällig geworden dem F. Ponge . . . - Francis Ponge, Das Notizbuch vom Kiefernwald und La Mounine. Frankfurt am Main  1982 (zuerst 1952)

 Beschwörung (9)

Beschwörung durch Lachen

O, brecht in Lachen aus, ihr Lacher!
O, fangt zu lachen an, ihr Lacher!
Was Lachen lacht, das lachet lachend,
O, fangt zu lachen an, verlachend!
Für auslachende Anlacher ist Lach verlachend ein Lachmacher!
O, zerlache lachausbrechend die Lache ausgelachter Lachender!
Lachig, lachig,
Lach weg, lach aus, Lacherige, Lacherige,
Lachendige, Lachendige.
O, brecht in Lachen aus, ihr Lacher!
O, fangt zu lachen an, ihr Lacher!

- Velimir Chlebnikov

Magie

 

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