ugenblick  Epiphanie, Erscheinung ... bezieht sich zunächst auf ein äußeres Erscheinungsbild, auf die Registrierung der Oberfläche. Was durch die Sinne in einem bestimmten, konzentrierten Moment wahrgenommen wird, nimmt als Erscheinung Umrisse an. Im gleichen Vorgang aber wird Epiphanie als wahrgenommener Moment auch schon Erscheinung = Vision, vorgestellter Moment, der die einzelne Wahrnehmung von einem anvisierten Ganzen her aufleuchten, 'strahlen' läßt. Erinnerung und Erwartung verknüpfen die äußere Erscheinung mit den ältesten Menschheitserfahrungen und -träumen und den jüngsten vortastenden Entdeckungsversuchen. Augenblick und Einzelding werden so, wie bisher kaum je, betont." - Walter Höllerer , Die Epiphanie als Held des Romans. Akzente H. 2/3 1961

Augenblick (2) Stephan zeigte auf einen Korb, den sich ein Metzgerjunge über den Kopf gestülpt hatte.

»Besieh dir den Korb«, sagte er. »Ich sehe ihn«, sagte Lynch.

»Um diesen Korb zu sehen«, sagte Stephan, »trennt dein Geist zuerst den Korb von allem anderen des sichtbaren Universums, welches der Korb nicht ist. Die erste Phase der Apprehension besteht darin, daß eine Grenzlinie um den Gegenstand gezogen wird, der betrachtet werden soll. Ein ästhetisches Bild zeigt sich uns entweder im Raum oder in der Zeit. Das Hörbare erscheint in der Zeit, das Sichtbare im Raum. Das ästhetische Bild sei es nun zeitlich oder räumlich, wird zuerst als ein durchaus begrenztes Ganzes auf dem unermeßlichen Hintergrund von Zeit und Raum geschaut, der dieses Bild nicht ist. Du schaust es als eins. Du siehst es als ein Ganzes. Du schaust seine Vollständigkeit. Das ist die integritas

»Ins Zentrum getroffen!« sagte Lynch lachend. »Fahre fort.«

»Dann«, sagte Stephan, »gehst du von Punkt zu Punkt weiter, seine Linien führen dich; du schaust es als durchaus im Gleichgewicht innerhalb seiner Grenzen; du fühlst den Rhythmus seiner Struktur. In anderen Worten: auf die Synthese der unmittelbaren Perzeption folgt die Analyse der Apprehension. Hast du es aber als ein Ding empfunden, empfindest du es jetzt als ein Ding. Du schaust es als Komplex, als vielfach, teilbar, trennbar, als aus seinen Teilen bestehend, als das Resultat seiner Teile und deren Summe, als harmonisch. Das ist die consonantia

»Wieder ins Schwarze getroffen«, sagte Lynch witzig. »Sage mir jetzt noch, was die claritas ist, und du kriegst eine Zigarre.«

»Der Inhalt des Wortes«, sagte Stephan, »ist ziemlich vage. Aquino gebraucht einen Ausdruck, der ungenau zu sein scheint. Ich habe mich lange damit herumgeschlagen. Man könnte wohl glauben, er hätte damit Symbolismus oder Idealismus gemeint, da ja die höchste Eigenschaft des Schönen ein Licht aus irgendeiner anderen Welt ist, die Idee, deren Substanz nur der Schatten ist, die Wirklichkeit, deren Symbol sie nur ist, Ich dachte weiter, claritas wäre nach seiner Auffassung die künstlerische Entdeckung, die Darstellüng des göttlichen Zweckes in allem, wäre eine Kraft der Generalisation, die aus dem ästhetischen Bild ein universelles machte, daß es über seine eigenen Grenzen hinausstrahlte. Aber das ist literarisches Geschwätz. Ich verstehe es so: Wenn du den Korb als ein Ding be-griffen und ihn dann bezüglich seiner Form analysiert und ihn als Ding begriffen hast, so ist dies die logisch und ästhetisch einzig zulässige Synthese. Du siehst, daß er nur das Ding ist und kein anderes. Die claritas, von der er spricht, ist die scholastische quidditas, das Wesen des Dinges. Diese höchste Eigenschaft wird vom Künstler empfunden, wenn das ästhetische Bild zuerst in seiner Imagination konzipiert wird. Den Geisteszustand in diesem geheimnisvollen Augenblick hat Shelly so schön mit einer erlöschenden Kohle verglichen. Der Augenblick, in dem diese höchste Eigenschaft der Schönheit das klare Leuchten des ästhetischen Bildes, leuchtend vom Geiste erschaut wird, der vor seiner Vollständigkeit halt machte und durch seine Harmonie gefesselt wurde, ist die leuchtend-stille Stasis des ästhetischen Wohlgefallens, ist ein geistiger Zustand, der viel Ähnlichkeit mit jener Anlage des Herzens hat, die der italienische Physiologe Luigi Galvani mit einem Ausdruck bezeichnet, der ebenso schön ist wie der Shellys: die Verzauberung des Herzens.« - James Joyce, Jugendbildnis des Dichters. Frankfurt am Main 1967 (zuerst 1916)

Augenblick (3) Was in den letzten Jahren verlorengegangen ist oder sich verwischt hat, ist die Klangfarbe der Ereignisse, der kleine, einzigartige und wunderbare Effekt, der bei einigen von ihnen eine paradoxe und originelle, wenn nicht gar explosive Situation herstellte. ... Der Mai '68 war ein Ereignis dieser Art - Jean Baudrillard

Augenblick (4)

JENNY
    Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
PAUL
    Die Wolken, welche ihnen beigegeben
JENNY
    Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
PAUL
    Aus einem Leben in ein andres Leben
JENNY
    In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
BEIDE
    Scheinen sie alle beide nur daneben.

JENNY
    Daß so der Kranich mit der Wolke teile
    Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
PAUL
    Daß also keines länger hier verweile
JENNY
    Und keines andres sehe als das Wiegen
    Des andern in dem Wind, den beide spüren
    Die jetzt im Fluge beieinander liegen
PAUL
    So mag der Wind sie in das Nichts entführen
    Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
JENNY
    Solange kann sie beide nichts berühren

PAUL
    Solange kann man sie von jedem Ort vertreiben
    Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
JENNY
    So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben
    Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
PAUL
    Wohin ihr?
JENNY
        Nirgendhin.
PAUL
            Von wem davon?
JENNY
                        Von allen.

PAUL
    Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
JENNY
    Seit kurzem.
PAUL
        Und wann werden sie sich trennen?
JENNY
                Bald.
BEIDE
    So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.
 

- Bertolt Brecht, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

 Augenblick (5) Kann es nicht sein, daß die Mythen zwar noch wirken, aber zugleich verballhornt, verderbt, verdorben sind?

Vielleicht möchte ich sie endlich los sein, damit sie, mit denen ich mich nur noch verirre, nicht gefährlich werden, möchte sie zum Verschwinden bringen, und warum nicht durch die Praxis täglicher Aufzeichnungen, Register, Tabellen? Ja, manchmal kommt mir inzwischen vor, das Sagenhafte locke aus der Ferne wohl immer noch, entpuppe sich aber in seinem Innern als ausgangsloses Labyrinth.

Und so möchte ich dagegen die bloße Gegenwart, den Tag jetzt, den mythenfreien Augenblick gelten lassen, eben in der Chronistensprache festhalten und begleiten; meine Sagensucht aus mir herausschwefeln. - Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Frankfurt am Main 1994

Augenblick (6)  Ich übte mich nun darin, auf alles, was mir zustieß, sofort mit Sprache zu reagieren, und merkte, wie im Moment des Erlebnisses gerade diesen Moment lang auch die Sprache sich belebte und mitteilbar wurde; einen Moment später wäre es schon wieder die täglich gehörte, vor Vertrautheit nichtssagende, hilflose, privatisierende ›Du weißt schon, was ich meine‹-Sprache des Kommunikations-Zeitalters gewesen. Einen Moment lang wurde der Wortschatz, welcher mich Tag und Nacht durchquerte, gegenständlich, auf eine (mich und andere) erlösende Weise. Was auch immer ich privat erlebte, erschien in diesem ›Augenblick der Sprache‹ von jeder Privatheit befreit und allgemein. - (han)

Augenblick (7) Der Relativitätstheorie zufolge gibt es so etwas wie das "Jetzt" eigentlich überhaupt nicht. Am nächsten kommt diesem Begriff der "gleichzeitige Raum" eines Beobachters in der Raum-Zeit, aber dies hängt vom Bewegungszustand des Beobachters ab! Das „Jetzt” eines Beobachters stimmt in der Regel nicht mit dem „Jetzt” eines anderen Beobachters überein. Bezüglich zweier Raum-Zeit-Ereignisse A und B ist ein Beobachter U vielleicht der Ansicht, daß B zur feststehenden Vergangenheit und A zur ungewissen Zukunft gehört, während für einen zweiten Beobachter V vielmehr A zur fixierten Vergangenheit und B zur unsicheren Zukunft gehören könnte (siehe Bild 7.1)!

Es hat keinen Sinn, zu behaupten, eines der beiden Ereignisse A und B bleibe ungewiß, solange das jeweils andere definitiv feststeht.

7.1     Kann die Zeit tatsächlich  „fließen”? Für den Beobachter U kann das Ereignis B in der „festgelegten” Vergangenheit ruhen, während A in der „ungewissen” Zukunft liegt. Der Beobachter V sieht das umgekehrt! 

- Aus: Roger Penrose, Computerdenken. Des Kaisers neue Kleider oder Die Debatte um Künstliche Intelligenz, Bewußtsein und die Gesetze der Physik. Heidelberg 1991, zuerst 1989

Augenblick (8)  Büsche, Bäume, Wolken des Himmels, selbst der Asphalt der Straße zeigten einen Schimmer, der weder vom Licht jenes Tages noch von der Jahreszeit kam. Naturwelt und Menschenwerk, eins durch das andere, bereiteten mir einen Beseligungsmoment, den ich aus den Halbschlafbildern kenne (doch ohne deren das Äußerste oder das Letzte ankündigende Bedrohlichkeit), und der Nunc stans genannt worden ist: Augenblick der Ewigkeit. — Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire. Frankfurt am Main 1984 (zuerst 1980)

Augenblick (9) Sehnte sie sich nach ihren Ahnen? Ja, aber nicht mit ihnen zu sein, sondern bloß so einen Augenblick bei ihnen vorbeischauen zu können, sie zu trösten, sich bei ihnen zu bedanken und, mit einem Schritt zurück in den gebührenden Abstand, sie anzubeten. - Peter Handke, Der Bildverlust. Frankfurt am Main 2002

Augenblick (10)

Augenblick (11)  Es ist die Haltung des Haiku-Künstlers (mit dem Ozu viel zu tun hat), der in äußerster Ruhe sitzt, mit geradezu schmerzvoller Genauigkeit die Dinge und ihre Wirkung beobachtet und Wesentliches durch äußerste Vereinfachung erreicht. Untrennbar von buddhistischen Vorstellungen wird die Welt in die Distanz gerückt und wird der Zuschauer zu einem Empfänger von Eindrücken, die ihn nicht persönlich einbeziehen. Ozus Kamera ist Leonardos Spiegel im Orient. Was bleibt, nachdem man einen Ozu-Film gesehen hat, ist das Gefühl — vielleicht nur für ein oder zwei Stunden —, die Güte und die Schönheit alltäglicher Dinge und Menschen erlebt zu haben; ist das Gefühl, unbeschreibliche Erfahrungen gemacht zu haben, weil nur der Film und nicht Worte sie beschreiben können; ist schließlich das Gefühl, man habe einige kleine, denkwürdige, unvergeßliche Ereignisse gesehen, die schön, weil ernst sind und die gleichzeitig traurig stimmen, weil man sie nie wieder sehen wird; sie sind schon Vergangenheit. Ozus Welt mit ihrer Ruhe, ihrem Heimweh, ihrer Hoffnungslosigkeit, ihrem Ernst und ihrer Schönheit ist in der Tat sehr japanisch, aber eben deswegen sind seine Filme wichtig für den Westen. Ruhe ist weder Glück noch Verzweiflung, Begrenzungen mögen verengen, aber sie bereichern auch. - Donald Richie, nach: Arsenal-Programmheft Berlin 02/2003

Augenblick (12) «All dies zeigt deutlich, daß das bewußte Jetzt sprach- und kulturunabhängig etwa drei Sekunden zu betragen scheint», glaubt die Physikerin und Philosophin Eva Ruhnau, die mit Pöppel am Münchner Institut für medizinische Psychologie zusammenarbeitete. «Das Jetzt ist kein Punkt, sondern besitzt eine Ausdehnung.» Eben darin unterscheiden sich biologische und physikalische Zeit. Denn in der Physik ist das Jetzt ein Punkt ohne Ausdehnung, ein nicht faßbares Abstraktum. Die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft hat keine Dimension. Lebende Organismen schaffen sich, so scheint es, die Dimension der Gegenwart in ihrer Wahrnehmung selbst, geben ihr Dauer und Richtung. Folgen und Rhythmen ordnen und gliedern das Unfaßbare und machen es so dem Erleben zugänglich. - (zeit)

Augenblick (13) Sie wollte spüren, daß sie lebendig ware. Mit ihren blauen Augensternen suchte sie die Horizonte der Tage und Wochen nach Befriedigung ab. Ihr Leben ist eine Rotte, ein Räuberhaufen von Anfängen. Jeder davon enthält die Erinnerung an einen geglückten Moment. In der Praxis der Tage sind kurze Gewohnheiten versteckt, die sie nicht aufgeben wird. Könnte man, sagte ihr Vater, der sich um diese Tochter Sorgen machte, diese Vorräte an unbestimmten Aussichten Wurzeln nennen, so hätte sie überall eine.

Sie lehnte es ab, prinzipiell zu werden. Das hieße nämlich, sich zu einer Art »Erwachsensein« zusammenzufassen und dadurch, nicht faßbar, Lebenspraxis mitsamt versteckten Aussichten zu opfern. Der Vater, dachte sie, will mich teuer verkaufen, Sie hätte ihren Beitrag dazu leisten können, wenn er ihr etwas versprochen hätte, einen Ausgleich.

Der Mann, an den der Vater die Tochter schließlich verkauft hatte, litt unter deren Suchbewegung nach allen Seiten. Sie wäre ja bereit gewesen, sich Mühe zu geben. Schließlich waren in dieser Praxis, in der sie zwischen Tagen einer dienstwilligen Sklavin und den Tagen einer Herrin hin- und herschwankte, eine Reihe gelungener Momente versteckt. Die wollte sie nicht opfern, aber sie wurde auch nicht gefragt, was sie denn wollte. Ihr Ehemann hielt ihren sog. Willen für etwas, das sie willentlich einsetzen könnte. Er begriff nicht (und sie war nicht bereit, darüber nachzusinnen, da das die Praxis stört), daß sie so wenig bestimmen konnte, was ihr Wille im gegebenen Moment wäre, wie sie sich nicht vornehmen konnte, in einem bestimmten Moment Lust zu empfinden. Das ergab sich.

Tatsächlich, der Vater erkannte es zu spät, konnte der Schwiegersohn sie nicht überzeugen, so wenig wie es zuvor der Vater gekonnt hatte. Was diese GESCHAFTSMÄNNER IHRES KURZEN LEBENS als Willen bezeichneten, war FEST VERANKERT in einer Folge von GELEGENHEITEN, die allerdings nie zueinander gepaßt hatten. Sie war sozusagen ein FESTER CHARAKTER. - (klu)

Augenblick (14)  Nur junge Menschen haben solche Augenblicke. Ich meine nicht die ganz jungen. Nein. Die ganz jungen haben keine Augenblicke. Es ist das Vorrecht der frühen Jugend, ihren Tagen voraus zu leben, in der schönen Beständigkeit der Hoffnung, die keine Pausen und kerne Selbstbetrachtung kennt.

Man schließt die kleine Pforte der Kindheit hinter sich und tritt in einen verzauberten Garten ein, in dem selbst die Schatten verheißungsvoll glühen. Jede Wendung des Pfades hat  ihren verführerischen Reiz. Nicht weil es noch unentdecktes Land ist. Man weiß sehr wohl, daß alle Menschen den gleichen Weg gegangen sind. Es ist vielmehr der Zauber allgemeiner Erfahrung von dem man einen außergewöhnlichen oder persönlichen Eindruck, kurzum etwas Eigenes, erwartet.

Man geht dahin und erkennt die Wahrzeichen seiner Vorgänger erregt, belustigt nimmt man zugleich Unglück wie auch Glück hin — Lob und Schläge, wie man sagt — das allen gemeinsame, bunte Los, das so viele Möglichkeiten dem Verdienstvollen oder vielleicht dem vom Glück Begünstigten gewährt. Ja, so geht man dahin. Und auch die Zeit geht dahin - bis man voraus eine Schattenlinie wahrnimmt, eine Warnung, daß man auch das Reich der unbeschwerten Jugend hinter sich lassen muß.

In diesen Lebensabschnitt fallen gewöhnlich die Augenblicke, von denen ich eingangs gesprochen habe. Was für Augenblicke? Nun, die der Langeweile, des Überdrusses, der Unzufriedenheit. Augenblicke der Unbesonnenheit. Ich meine Augenblicke, in denen die Jugend geneigt ist, übereilte Handlungen zu begehen, wie sich plötzlich zu verheiraten oder ohne Grund eine Stellung aufzugeben.

Dies ist keine Ehegeschichte. So schlimm stand es nun doch nicht um mich. Meine Handlung, wie unbesonnen sie auch hatte mehr den Charakter einer Scheidung — beinah einer Flucht. Kein vernünftiger Mensch hätte auch nur den geringsten Grund dafür angeben können, warum ich meine Arbeit hinwarf - meine Stellung aufgab und das Schiff verließ, dem man nichts Ärgeres nachsagen konnte, als daß es ein Dampfer war und deshalb vielleicht keinen Anspruch auf die unbedingte Treue erheben konnte, die ...  Wie dem auch sei, es hat keinen Zweck, eine Handlung beschönigen zu wollen, die ich damals selbst schon im stillen für eine Laune hielt.

Es war in einem Hafen des Ostens. Und es war ein Schiff des Ostens, insofern, als es dort beheimatet war. Auf einer blauen, von Riffs starrenden See legte es seine Reisen zwisdien unbekannten Inseln zurück. Am Heck führte es die britische Handelsflagge und im Großtopp die Reedereiflagge, die auch rot war, jedoch einen grünen Rand hatte und einen weißen Halbmond führte, da der Eigner ein Araber und dazu von fürstlichem Geblüt war. Daher der grüne Rand der Flagge. Er war das Oberhaupt eines großen arabischen Fürstenhauses, aber man hätte keinen treueren Untertan des Britischen Weltreiches östlich des Suezkanals finden können. Um die hohe Politik kümmerte er sich nicht im geringsten, aber über seine Stammesgenossen übte er eine geheinmisvolle Macht aus.

Uns war es gleich, wem das Schiff gehörte. Der Eigner mißte in der Sdiiffahrtsabteilung seines Geschäftes Weiße beschäftigen, und viele von denen, die hier angestellt waren, hatten ihn vom ersten bis zum letzten Tag nicht zu Gesicht bekommen. Ich selbst sah ihn nur einmal, und das ganz zufällig am Kai — einen alten, schweigsamen, kleinen Mann, der auf einem Auge erblindet war, in einem schneeweißen Gewand und gelben Pantoffeln. Eine Schar malaiischer Pilger, denen er etwas hatte zugute kommen lassen — Lebensmittel und Geld —, küßte ihm gerade inbrünstig die Hände. Seine Almosenspenden, hörte ich, waren sehr zahlreich und erstreckten sich fast über den ganzen Archipel. Denn heißt es nicht: »Der Wohltätige ist der Freund Allahs«? Ein ausgezeichneter (und pittoresker) arabischer Reeder, um den man sich nicht zu kümmern brauchte, ein ganz vorzügliches schottisches Schiff — denn das war es vom Kiel aufwärts —, ein vortreffliches Seeschiff, das leicht sauberzuhalten und in jeder Hinsicht handlich war, kurzum ein Schiff, das von seiner aus dem Inneren kommenden Antriebskraft abgesehen, wohl der Liebe eines Mannes würdig war — bis auf den heutigen Tag gedenke ich seiner in aufrichtiger Verehrung. Was die Fahrt betraf, in der es eingesetzt war, und den Charakter meiner Bordkameraden, so hätte ich nicht glücklicher sein können, wenn mir ein wohlwollender Zauberer Leben und Menschen nach meiner Anweisung beschert hätte.

Und dies alles gab ich plötzlich auf. Ich verließ es in jener uns so inkonsequent erscheinenden Weise, in der ein Vogel von einem bequemen Ast fortfliegt. Es war, als ob ich unbewußt  ein Flüstern gehört oder etwas gesehen hätte. Nun — vielleicht! Am Tage vorher war alles noch in schönster Ordnung, und am nächsten Tage war alles fort — der Reiz des Lebens, seine  Würze, das Interesse, die Zufriedenheit — alles. Es war einer  jener Augenblicke, verstehen Sie. Wie eine Kinderkrankheit, die einen in späteren Jugendjahren befällt, ergriff es mich und raffte mich fort, von jenem Schiff, meine ich. -   Joseph Conrad, Die Schattenlinie Frankfurt an Main 1973 (Fischer-Tb. 1355, zuerst 1917)

Augenblick (15) Es giebt Augenblicke im Leben, da, ohne besondern äußern Anlaß, vielmehr durch eine von innen ausgehende und wohl nur physiologisch erklärbare Erhöhung der Empfänglichkeit, die sinnliche Auffassung der Umgebung und Gegenwart einen höhern und seltenen Grad von Klarheit annimmt, wodurch solche Augenblicke nachher dem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt bleiben und sich in ihrer ganzen Individualität konserviren, ohne daß wir wüßten weswegen, noch warum aus so vielen Tausenden ihnen ähnlicher gerade nur sie; vielmehr ganz so zufällig, wie die in den Steinschichten aufbehaltenen, einzelnen Exemplare ganzer untergegangener Thiergeschlechter, oder wie die, beim Zuschlagen eines Buches, einst zufällig erdrückten Insekten. Die Erinnerungen dieser Art sind jedoch stets hold und angenehm.

  Wie schön und bedeutsam manche Scenen und Vorgänge unsers vergangenen Lebens sich in der Erinnerung darstellen, obwohl wir sie damals ohne besondere Werthschätzung haben vorübergehn lassen! Aber vorübergehn mußten sie, geschätzt oder nicht: es sind eben die Musaiksteine, aus denen das Erinnerungsbild unsers Lebenslaufes zusammengesetzt ist. - (schop)

Augenblick (16)  Sieh ein Versammlungslokal an, ein Gerichtshaus, ein Gefängnis, einen Laden oder ein Wohnhaus und sage, was das Ding vor dem Blick der Wahrheit wirklich ist — und alles zerfällt bei deinem Bericht in Stücke. Die Menschen achten die Wahrheit, wenn sie in weiter Ferne ist, in den Vorstädten des Weltsystems, hinter dem fernsten Stern, vor Adam und nach dem letzten Menschen. In der Ewigkeit ist fürwahr etwas Wahres und Erhabenes. Aber alle diese Zeiten, Orte und Gelegenheiten sind jetzt und hier. Gott selbst kulminiert im gegenwärtigen Augenblick und wird nicht göttlicher sein im Verlaufe aller Äonen. Wir sind nur dann imstande, alles Edle und Erhabene aufzufassen, wenn wir stets die uns umgebende Wirklichkeit in uns aufnehmen, uns von ihr ganz durchdringen lassen. Das Weltall entspricht beständig und gehorsam unseren Vorstellungen; ob wir langsam oder schnell reisen, der Weg ist uns vorgezeichnet. So laßt uns also unser Leben begreifend verbringen. Kein Dichter oder Künstler hatte je einen so schönen und erhabenen Plan, daß es nicht einem seiner Nachkommen gelungen wäre, ihn auszuführen.

Laßt uns unsern Tag mit soviel Überlegung verleben wie die Natur und uns nicht von jeder Nußschale, jedem Moskitoflügel, der auf unsern Pfad fällt, davon abbringen. Laßt uns früh aufstehen und fasten oder die Fasten brechen und frühstücken, ruhig und ohne Hast; laßt Besuch kommen, laßt Besuch gehen, die Glocken läuten und die Kinder schreien — wir wollen uns unseres Tages freuen. - Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern. Zürich 1979 (zuerst 1854)

Augenblick (17) Ein Urerlebnis ist für einen Schriftsteller ja ebenso Ort wie Drang seines Schreibens, genauer: der ewig quälende Drang, jenen Ort in der Sprache zurückzugewinnen, den das Leben ihm unwiederbringlich verlor. - Einen Augenblick lang ist er dort gewesen, einen lang anhaltenden Augenblick Lust, der, und selbst als Lust eines Grauens, tiefe, tiefe Ewigkeit will. Doch die Dauer auch dieses Augenblicks ist bemessen; sie endet, da man nicht mehr mit ihm eins ist und ihm als Subjekt gegenübertritt, das nur darum Lust empfinden konnte, da es sie nicht als Ewigkeit hat. - Was das Paradies gewesen, weiß man erst, nachdem man es verlor. - Was bleibt, ist die Erinnerung, und die faßt jenes Erlebnis nie wieder, denn ein Urerlebnis ist eben etwas, das schon im ersten Fassensversuch, dem sich ihm Entgegen-Stellen, endet. - Das Unmittelbare faßt man nicht; man lebt es, oder vielmehr: es lebt einen, und tritt man aus diesem Verhältnis heraus, beginnt ein quälender Prozeß, den unerfüllbare Sehnsucht antreibt. Man will ihm, diesem Unmittelbaren, auch vom Ich her Dauer verleihen, die Gabe des Wortes bietet sich an, solch ein Bleibendes zu stiften, doch da man sich anschickt, Worte zu suchen, hat man das Unmittelbare schon nicht mehr, und das als sein Andauern Ersehnte, das ins Wort Gebrachte, hat man noch nicht. Im Gegensatz zum Urerlebnis ist dies Wort etwas, das gefaßt werden muß, und solches Fassen braucht seine Zeit. - Franz Fühmann, Im Berg. Rostock 1991

Augenblick (18) Sowenig das Individuum in der Gruppe und eine Gesellschaft unter den anderen allein ist, sowenig auch ist der Mensch allein im Universum. Wenn der Regenbogen der menschlichen Kulturen endlich im Abgrund unserer Wut versunken sein wird, dann wird - solange wir bestehen und solange es eine Welt gibt - jener feine Bogen bleiben, der uns mit dem Unzugänglichen verbindet, und uns den Weg zeigen, der aus der Sklaverei herausführt und dessen Betrachtung dem Menschen, auch wenn er ihn nicht einschlägt, die einzige Gnade verschafft, der er würdig zu werden vermag: nämlich den Marsch zu unterbrechen, den Impuls zu zügeln, der ihn dazu drängt, die klaffenden Risse in der Mauer der Notwendigkeit einen nach dem anderen zuzustopfen und damit sein Werk in demselben Augenblick zu vollenden, da er sein Gefängnis zuschließt; jene Gnade, nach der jede Gesellschaft begehrt, wie immer ihre religiösen Vorstellungen, ihr politisches System und ihr kulturelles Niveau beschaffen sein mögen; jene Gnade, in die sie ihre Muße, ihr Vergnügen, ihre Ruhe und ihre Freiheit setzt; jene lebenswichtige Chance, sich zu entspannen, loszulösen, das heißt die Chance, die darin besteht - lebt wohl. Wilde! lebt wohl, Reisen! -, in den kurzen Augenblicken, in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, der weiser ist als unsere Bücher; oder in dem Blick - schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen -, den ein unwillkürliches Einverständnis zuweilen auszutauschen gestattet mit einer Katze.  - (str2)

Augenblick (19) Es war in Alaska, in jenen gefährlichen Momenten bei Sonnenuntergang, wenn das Licht kurz so hell wurde, daß es töten konnte. Alle Leute flüchteten sich schnell in die Hütte, wo er war, und als jenes Licht aufblitzte, warfen sie ihn Ahnungslosen zu Boden - (bleist)

Augenblick (20) Der sphairos ist, nach Empedokles, jener nur einen Moment dauernde Zustand, in welchem dank der völligen Übermacht der Liebe sämtliche Urteilchen der Elemente unterschiedslos zu einer Kugel zusammengeballt sind - und das Gegenstück dieser vollkommenen Kugel der Liebe ist die akosmia  - (bleist)

Augenblick (21) In einer Taschenbuchausgabe von Tristram Shandy, die ich im Bücherantiquariat in Alice kaufte, war folgendes auf das Vorsatzpapier gekritzelt: »Einer der wenigen Augenblicke des Glücks, die ein Mann in Australien erlebt, ist der Moment, in dem er den Augen eines anderen Mannes über dem Rand zweier Biergläser begegnet.« - (chatw)

Augenblick (22) Ich habe die Sache folgendermaßen im Gedächtnis. An dem Abend, der dieser Nacht vorausging, war ich in Barracas, einem Ort, zu dem mich der Weg sonst nicht führt und dessen räumliche Entfernung von den Stadtteilen, die ich später durchwanderte, diesem Tag bereits einen eigenartigen Geschmack gab. Für den Abend hatte ich nicht das geringste vor; da schönes Wetter war, ging ich nach dem Essen aus, um mich zu bewegen und nachzudenken. Ich wollte diesem Spaziergang keine besondere Richtung vorschreiben; ich, sorgte für eine möglichst breite Skala zufallender Möglichkeiten, um nicht den Zustand der Erwartung durch den zwangsläufigen Vorausblick auf eine einzige unter ihnen zu erschöpfen. Ich verwirklichte im schlechten Umfang des Möglichen das, was man aufs Geratewohl dahinschlendern nennt; ich hielt mich ohne ein anderes bewußtes Vorurteil, als es in dem Vermeiden der Avenidas und der breiten Straßen zum Ausdruck kam, den dunkelsten Einladungen des Zufalls geöffnet. Trotz allem trieb mich etwas wie eine heimlich vertraute Schwerkraft in die Richtung jener Viertel, an deren Namen ich mich immer erinnern will und die meiner Brust Ehrfurcht gebieten. Nicht mein Viertel, den klar umgrenzten Umkreis meiner Kindheit, will ich so nennen, sondern seine noch immer geheimnisvolle angrenzende Umgebung: einen Grenzbezirk, den ich ganz in Worten, in Wirklichkeit dagegen nur wenig innehatte, nah und mythologisch zugleich. Die Kehrseite des Bekannten, sein Rücken, sind für mich jene vorletzten Straßen: mir in der Tat fast so unbekannt wie der unterirdische Zementsockel unseres Hauses oder unser unsichtbares Skelett. Unversehens geriet ich an die Ecke einer Straße. Ich atmete Nacht ein, in heiterster Gedankenlosigkeit. Die Vision war gewiß nicht kompliziert, erschien jedoch vereinfacht infolge meiner Ermüdung. Gerade ihr typischer Charakter verschob sie ins Unwirkliche. Die Straße bestand aus niedrigen Häusern, und obwohl deren Grundbedeutung auf ›Armut‹ lautete, war die zweite sicher ›Glück‹. Sie war das Ärmste und zugleich das Anmutigste. Kein Haus verwandte einen Blick auf die Straße; der Feigenbaum dunkelte über dem Eingang; die kleinen Portale, höher als die gestreckten Linien der Mauern, schienen aus dem gleichen unendlichen Stoff gebildet wie die Nacht. Der Bürgersteig überragte hochkantig die Straße, die Straße war Schlamm, noch uneroberter Urschlamm Amerikas. Das Gäßchen am Ende schlängelte sich schon ländlich zum Maldonado hin. Über der trüben und chaotischen Erde schien eine blaßrosa Lehmwand nicht Mondschein zu beherbergen, sondern von innen heraus Licht zu verströmen. Die Zärtlichkeiten beim Namen zu nennen, kann es nichts Besseres geben als diese Rosenfarbe.

Ich verweilte in Betrachtung dieser Schlichtheit. Ich dachte, bestimmt laut: ›Dies hier ist dasselbe wie vor dreißig Jahren.‹ Eine willkürlich genannte Zahl, die in anderen Ländern eine erst jüngst vergangene Zeit bezeichnet, hier jedoch — auf dieser wandlungssüchtigen Seite der Welt — eine ferngerückte. Vielleicht sang ein Vogel, und ich empfand für ihn eine kleine Liebe von dem Umfang eines Vogels; doch am sichersten ist anzunehmen, daß in dieser schon schwindelerregenden Stille kein anderer Laut zu hören war als der gleichfalls zeitlose der Grillen. Der vorschnelle Gedanke: Ich bin im Jahr achtzehnhundertsoundsoviel, war nicht mehr nur eine annähernde Umschreibung, sondern vertiefte sich zu Wirklichkeit. Ich fühlte mich tot, ich fühlte mich als abstraktes Wahrnehmungsorgan der Welt: unbestimmte Furcht, durchtränkt von Wissen, das beste Licht der Metaphysik. Ich glaubte keineswegs, ich sei die sogenannten Wasser der Zeit hinauf geschwommen; eher hatte ich mich im Verdacht, als sei ich Inhaber der entgleitenden oder abwesenden Bedeutung des unfaßbaren Wortes Ewigkeit. Erst danach gelang es mir, diese Imagination zu definieren.

Ich schreibe sie heute so nieder: Diese reine Vorstellung gleichartiger Tatsachen — Nachtstille, durchsichtig helle Mäuerchen, dörflicher Geruch nach Geißblatt, urhafter Schlamm — ist nicht bloß identisch mit jener, die vor soundsoviel Jahren an dieser Straßenecke bestand; sie ist, ohne Gleichklang und Wiederholungen, ein und dieselbe. Die Zeit, sofern es uns gelingt, diese Identität zu schauen, ist eine Täuschung. - (bo2)

Augenblick (23)  Das Leben scheint an der Epidermis des Körpers immer voll und ganz präsent zu sein: Vitalität, die nur darauf wartet, ganz und gar herausgedrückt zu werden, als festgehaltener Moment, als Aufzeichnung eines kurzen, gequälten Lächelns, eines Zuckens der Hand, eines flüchtig durch die Wolken dringenden Sonnenstrahls. Und kein Instrument, mit Ausnahme der Kamera, ist imstande, solch komplexe, kurzlebige Reaktionen zu registrieren und der ganzen Herrlichkeit des Augenblicks Ausdruck zu verleihen. Keine Hand kann das zum Ausdruck bringen, weil das Gedächtnis nicht imstande ist, die unverfälschte Wahrheit eines Augenblicks so lange festzuhalten, bis die langsamen Finger die Vielzahl der übermittelten Einzelheiten aufzeichnen können. Die Impressionisten haben sich vergeblich um diese Aufzeichnung bemüht. Was sie, bewußt oder unbewußt, mit ihren Lichteffekten darstellen wollten, war ja eben die Wahrheit des Augenblicks; der Impressionismus war stets bestrebt, das Wunder des Jetzt und Hier festzuhalten. Aber während sich die Impressionisten mit dem Ausdeuten beschäftigten, entfiel jener momentane Lichteffekt ihrem Gedächtnis; so bleibt ihre »Impression« meist nur eine Reihe von übereinandergelagerten Eindrücken. Stieglitz war besser beraten. Er bediente sich sofort des Instruments, das für ihn geschaffen war. - Paul Rosenfeld, nach: Susan Sontag, Über Fotografie. Frankfurt am Main 2003 (Fischer-Tb. 3022, zuerst 1977)

Augenblick (24) Der Greis macht einem keine Sorge mehr, weil er alt ist; der Tote nicht, weil er tot ist; leid tut einem nur der, der sich dem Alter nähert, dem Tod. Vierzig Jahre! Bei Volksfesten sehen wir Vehikel, die auf Schienen einen steilen Hang hinaufjagen, dem ein Abhang folgt und wieder ein Aufstieg; auf der Höhe der Steigung, vielmehr noch einen Meter vor dem höchsten Punkt, verlangsamt das Fahrzeug, das bei der Steigung die ganze gesammelte Energie fast verbraucht hat, zögernd seine Schnelligkeit, als sei der Gipfel unerklimmbar und als fürchte es den Sturz in den Abgrund. Der Mensch von vierzig Jahren befindet sich in diesem Augenblick der Unsicherheit, der Furcht: sein Lauf verlangsamt sich, der Gipfel und damit der Abstieg, den er nicht sieht, aber errät, lähmt ihn. - Pitigrilli, Kokain. Reinbek bei Hamburg 1988 (rororo 12225, zuerst 1922)

Augenblick (25)   Alle Geräusche waren verschwunden. Einen Augenblick war es völlig still. Es fiel ihm deutlich auf, als er von neuem einen Wagen irgendwo herankommen hörte, und plötzlich wußte er, daß er dies alles haßte, hier die Straße, die Wagen, die da hintereinander parkten, die abgestellten Taxis auf dem Platz, immer das Hochhaus, die Fenster gegenüber, dahinten die Bude mit der Fotografie eines Mannes im Sonntagsanzug und mit dem schwarzen Seidenbändchen um eine Ecke gelegt, die Taxifahrer, die Taxifahrer, die Taxifahrer, die Stadt hier, auf diese Art, hier, mit ihnen darin in einer Wohnung, hier, in dieser Straße, in die ein Taxi einbog und mit abgedrosseltem Motor auf die breite Fahrbahn links zufuhr, die es mit einem raschen neuen Start gerade überquerte, um hinter den anderen auf dem Platz aufzufahren und zu halten. Die Wagenlichter verlöschten. Wie bei den vier, fünf anderen Wagen, die schon dort hielten, blieb nur oben auf dem Dach das kleine Kästchen angeschaltet mit den gelben Buchstaben Taxi, Taxi, Taxi, Taxi. - (brink)

Augenblick (26)  Allerlei Momente: Nur aus solchen setzte sich's also zusammen; häufte sich an, lagerte sich ab, sammelte sich an ... Und was wirst du in dreißig Jahren davon wissen? Hoffentlich alles bis in jede Einzelheit... Denn solche Einzelheiten schärften das Gemüt? auf die kam es ihm an.

Schon lange schrieb er nichts mehr in sein Tagebuch und dachte: weil so viel eindringt und weil du dazugehörst und nicht mehr nur zuschauen kannst ... Und er hoffte, daß in ihm ein andrer säße, der trotzdem alles registrierte, was es hier an Neuem und Anderem gab.  - Hermann Lenz, Neue Zeit. Frankfurt am Main 1979 (st 505, zuerst 1975)

Augenblick (27)  Einer der typischen Irrtümer all derer, die versuchen, einen beliebigen Streifen ihrer eigenen Kontinuität zu sagen, zu schreiben, zu erinnern oder zu lesen, besteht im Vergessen dessen, daß Kontinuität nur als Fiktion der Einbildung kontinuierlich ist, als Widerstand gegen die Anstrengung, jeden Moment einzeln, einen nach dem anderen aufschreiben zu müssen. Aber warum nicht ab eventu erklären, daß Diskontinuität wesentlich ist für die Idee der Kontinuität, die uns einen Streifen Wir abzuwickeln gestattet? Einen Streifen Ich müßte ich sagen. - Giorgio Manganelli, Unschluß. Berlin 1978 (zuerst 1976)

Augenblick (28)   Es fiel mir in »Tausendundeiner Nacht« eine Erzählung auf, in der ein Zauberer einen Sultan bei Tisch in einen Wasserkessel treten läßt. Unter dem Banne der Magie scheint sich diesem der Kessel unermeßlich auszudehnen und zu einem Meere anzuschwellen, in das er versinkt, um lange Zeit auf seinem Grunde entlangzuwandern, bis er an einer fremden Küste ans Land geworfen wird. Dort nehmen ihn die Einwohner einer Stadt als Schiffbrüchigen auf. Er beginnt Handel zu treiben, erwirbt Vermögen, verheiratet sich, zeugt Kinder und wird endlich in ein Gerichtsverfahren verstrickt, um zum Tode verurteilt zu werden. Er wird gehängt, und wie ihn der Henker in die Höhe zieht, sieht er sich langsam aus ebendemselben Kessel herausgezogen, in den er vor Jahren getreten war. Es ist aber während dieser Geschehnisse kaum eine Sekunde verstrichen, und die Tischgenossen sitzen noch in der gleichen Haltung da.  - (ej)

Augenblick (29)   Wenn alles vor mir und hinter mir versinkt - die Vergangenheit im traurigen Einerlei wie ein Reich der Versteinerung hinter mir liegt - wenn die Zukunft mir nichts bietet - wenn ich meines Daseins ganzen Kreis im schmalen Raume der Gegenwart beschlossen sehe - wer verargt es mir, daß ich dieses magre Geschenk der Zeit, feurig und unersättlich wie ein Freund, den ich zum letzten Male sehe, in meine Arme schließe? Wenn ich mit diesem flüchtigen Gute zu wuchern eile, wie der achtzigjährige Greis mit seiner Tiare? - O ich hab schätzen lernen den Augenblick! Der Augenblick ist unsre Mutter, und wie eine Mutter laßt uns ihn lieben! - Friedrich Schiller, Das philosophische Gespräch aus dem Geisterseher

 Augenblick (30)   Die Tautropfen näßten nicht, sondern rollten sich zu Kügelchen zusammen und lagen obenauf. War mit dem ersten Schritt zum Stollen hinaus das Steingewicht von den Schultern und das Metallgefühl aus den Zähnen verschwunden, so wurden mir jetzt die Augen gewaschen, nicht von der Flüssigkeit, vielmehr deren so eigentümlichem Anblick. In mich aufgenommen hatte ich die Einzelheiten des Tals auch zuvor, nun aber erschienen sie mir in ihrer Buchstäblichkeit, eine im nachhinein, mit dem grasrupfenden Pferd als dem Anfangsbuchstaben, sich aneinanderfügende Letternreihe, als Zusammenhang, Schrift. Und diese Landschaft vor mir, diese Horizontale, mit ihren, ob sie lagen, standen oder lehnten, daraus aufragenden Gegenständen, diese beschreibliche Erde, die begriff ich jetzt als »die Welt«; und diese Landschaft, ohne daß ich damit das Tal der Save oder Jugoslawien meinte, konnte ich anreden als »Mein Land!«; und solches Erscheinen der Welt war zugleich die einzige Vorstellung von einem Gott, welche mir über die Jahre geglückt ist.  - Peter Handke, Die Wiederholung. Frankfurt am Main 1992 (zuerst 1986)

 Augenblick (31) Die Ladenglocke war keine gewöhnliche. Röhren aus Leichtmetall hingen hinter der Tür. Wenn man öffnete, schlugen die Röhren gegeneinander, und eine Melodie erklang.

Einst, als Maigret noch ein Junge war, hatte es in seinem Dorf bei dem Metzger ein ähnliches Glockenspiel gegeben.

Und so kam es, daß dieser Augenblick so lange zu dauern schien. Eine Zeitlang, es ließ sich nicht sagen, wie lange, stand Maigret außerhalb der Szene, die sich abspielte, erlebte sie, als steckte er nicht in der  Haut des dicken Kommissars, den Félicie hinter sich herzog.

Er schien der Junge von einst zu sein, der sich dort irgendwo versteckt hatte und zusah, wobei er ein unwiderstehliches Verlangen hatte, zu lachen.

War das alles ernst? Was tat dieser seriöse, gewichtige Herr in einer Umgebung, die aus einer Spielzeugschachtel hervorgeholt zu sein schien? Was  tat er hinter dieser  Félicie mit dem lächerlichen roten Hut, die man eher in einer Kinderzeitschrift gesucht hätte?

Eine Untersuchung? Befaßte er sich mit einem Mord? Suchte er einen Schuldigen? Und unterdessen sangen die kleinen Vögel, war das Gras von einem unschuldigen Grün, blühten überall Frühlingsblumen, und selbst die Porreestangen in der Auslage sahen wie Blumen aus.

Ja, er sollte sich später an jenen Augenblick erinnern, und nicht immer in guter Stimmung. Jahrelang sollte man später am Quai des Orfèvres an manchem heiterem Prühlingsmorgen zu ihm sagen:

»Hören Sie, Maigret...«

»Was?«

» Félicie ist da!«

Und er sollte diese schmale Gestalt in der komischen Kleidung, diese großen kurzsichtigen Augen, diese Nase, die ihn herausforderte, und vor allem diesen Hut, der hoch oben auf dem Kopf saß, diesen grellroten Hut mit einer grünen Feder daran, wieder vor sich sehen.

» Félicie ist da!«

Ein Brummen. Man wußte genau, daß Maigret jedesmal, wenn man ihn an  Félicie erinnerte, wie ein Bär zu brummen begann. Sie hatte ihm mehr zu schaffen gemacht als die ausgekochten Verbrecher, die er ins Zuchthaus gebracht hatte.

An diesem Maimorgen stand  Félicie dort vor der Ladentür, über der in gelben Buchstaben geschrieben waren: Melanie Chochoi, Lebensmittelgeschäft. Sie wartete darauf, daß der Kommissar endlich aus seinem Traum erwachte.

Schließlich tat er einen Schritt, fand sich wieder im wirklichen Leben und nahm den Faden seiner Untersuchung wieder auf, die den Mord an Jules Lapie, genannt Holzbein, betraf. - Georges Simenon, Maigret und das Dienstmädchen. München 1971 (Heyne Simenon-Kriminalromane 100, zuerst 1941)

Augenblick (32)  Es geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es war aber gerade da ein Torweg, wo wir hielten.

„Siehe diesen Torweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die ging noch niemand zu Ende.

Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus - das ist eine andre Ewigkeit.

Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stoßen sich gerade vor den Kopf: - und hier, an diesem Torwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des Torwegs steht oben geschrieben: "Augenblick".

Aber wer einen von ihnen weiter ginge - und immer weiter und immer ferner: glaubst du, Zwerg, daß diese Wege sich ewig widersprechen?" -  

„Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg.  „Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis."

„Du Geist der Schwere! sprach ich zürnend, mache dir es nicht zu leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuß, - und ich trug dich hoch!

Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Torwege Augenblick läuft eine lange ewige Gasse rückwärts: hinter uns liegt eine Ewigkeit.

Muß nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse gelaufen sein? Muß nicht, was geschehen kann von allen Dingen, schon einmal geschehn, getan, vorübergelaufen sein?

Und wenn alles schon dagewesen ist: was hältst du Zwerg von diesem Augenblick? Muß auch dieser Torweg nicht schon - dagewesen sein?

Und sind nicht solchermaßen fest alle Dinge verknotet, daß dieser Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? Also - - sich selber noch?

Denn, was laufen kann von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse hinaus - muß es einmal noch laufen! -

Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du im Torwege, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen flüsternd,- müssen wir nicht alle schon dagewesen sein? - und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse - müssen wir nicht ewig wiederkommen? - Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (zuerst 1885)

Augenblick (33)  Ich beobachtete die Vögel und hatte den Eindruck, daß sie mich suchten. Vielleicht übrigens glaubten das alle. Mit Neugier, ohne mich zu rühren oder zu verstecken, wartete ich, ob sie mich finden würden. Als sie fort waren, bedauerte ich beinahe, nicht gerufen zu haben: Hier bin ich! Es herrschte eine unbeschreibliche Stille während dieser zeitlosen Pause. Wo der Schatten eines dieser Vögel hinfiel, duckte sich alles Leben. Jetzt hinterher weiß ich, daß es so still war, wie ich es später bei meinem einsamen Gang durch die Stadt so schmerzhaft spürte. Es gab natürlich auch viele, die die Erscheinung nicht gesehen hatten, weil sie in geschlossenen Räumen ihrer Beschäftigung nachgingen. Aber es ist auffallend, daß auch sie unter dem Eindruck standen, daß etwas Außerordentliches geschähe, und daß sie, wie sie nachher aussagten, sich endlos lange nicht zu bewegen wagten. Man hatte an Hunden das gleiche bemerkt, und etliche behaupteten, die Blumen hätten die Köpfe sinken lassen, um sie dann allerdings gleich wieder zu heben. - Hans Erich Nossack, Nekyia. Bericht eines Überlebenden. Frankfurt am Main 1961 (BS 72, zuerst 1947)

Augenblick (34)  Zweifellos war Sagawa von diesen bösen Wesen aufgegessen worden, die sich überall im Busch aufhielten. Er sah Sagawa vor sich, wie er ihn zuletzt gesehen hatte, auf dem schmalen Pfad, wo er kurz zuvor enthauptet worden war, des Gewehrs wie auch der Naturforscherausrüstung seines Herrn beraubt. Ja, innerhalb einer Minute hatte sich diese Sache ereignet. Innerhalb einer Minute — Bassett hatte gerade vorher zurückgeblickt und ihn geduldig unter seiner Last dahintrotten sehen. Dann kamen Bassett seine eigenen Sorgen zu Bewußtsein. Er besah seine grausig verheilten Stümpfe des ersten und zweiten Fingers seiner linken Hand und strich mit ihnen dann vorsichtig über die Vertiefung am hinteren Schädel. Wie blitzschnell der langstielige Tomahawk auch geflogen kam, er war doch schnell genug gewesen, seinen Kopf zu ducken und mit seiner hochschnellenden Hand den Schlag teilweise abzuwehren. Zwei Finger und eine böse Wunde am Schädel waren der Preis für sein Leben gewesen. Mit dem einen Lauf seines zehnkalibrigen Schrotgewehrs hatte er den Buschmann, der ihn um Haaresbreite erwischt hätte, niedergestreckt, aus dem anderen feuerte er auf den Buschmann, der sich gerade über Sagawa beugte, und es war ihm eine Genugtuung, zu wissen, daß der größte Teil der Ladung den Mann getroffen hatte, der mit Sagawas Kopf davonsprang.   - Jack London, Der Rote. In: J.L.: Phantastische Erzählungen. Berlin 1988 (zuerst 1918)

Augenblick (35)  Viele Schatten der Abgeschiedenen beschäftigen sich nur damit, die Fluten des Totenflusses zu belecken, weil er von uns herkommt und noch den salzigen Geschmack unserer Meere hat. Vor Ekel sträubt sich dann der Fluß, nimmt eine rückläufige Strömung und schwemmt die Toten ins Leben zurück. Sie aber sind glücklich, singen Danklieder und streicheln den Empörten. Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Ruckkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.

Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend. Darum sind die revolutionären geistigen Bewegungen, welche alles Frühere für nichtig erklären, im Recht, denn es ist noch nichts geschehen.  - (hochz)

Augenblick (36)    Erlesene Gefühlsqualitäten rufen nach dem elementaren Wutrausch des Viehs. Der Held Byrons, zur Liebe unfähig oder nur zu einer unmöglichen Liebe fähig, leidet am Spleen. Er ist allein, ausgelaugt, sein Zustand erschöpft ihn. Will er sich leben fühlen, muß es im schrecklichen Überschwang einer kurzen und verzehrenden Tat geschehen. Lieben, was man nicht zweimal sehen wird, heißt im Feuer und Aufschrei lieben, um sich darauf in den Abgrund zu stürzen. Man lebt nur noch im und durch den Augenblick, für «jene kurze und lebensvolle Vereinigung eines aufgerührten Herzens mit dem Aufruhr» (Lermontow). - Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Reinbek bei Hamburg  1969 (zuerst 1951)

Augenblick (37)   Man kann von etwas Alltäglichem ausgehen: ein vergessenes Taschentuch kann für den Dichter der Auslöser sein, mit dem er ein ganzes Universum emporheben wird. Man weiß, was der herunterfallende Apfel, den Newton gesehen hatte, für diesen Gelehrten bedeutete, den man einen Dichter nennen kann. Deshalb mißachtet der Dichter von heute nicht eine Bewegung der Natur, und sein Geist verfolgt die Entdeckungen in den breitesten und unfaßbarsten Synthesen - Massen, Sternennebel, Ozeane, Nationen - ebenso wie die offenbar einfachsten Erscheinungen: eine Hand, die in einer Tasche kramt; ein Streichholz, das sich durch Reibung entzündet; der Schrei der Tiere; der Duft der Gärten nach einem Regen; eine Flamme, die in einem Herd entfacht wird. Die Dichter sind nicht nur Menschen des Schönen. Sie sind auch in erster Linie Menschen des Wahren, sofern es erlaubt ist, in das Unbekannte einzudringen, so daß die Überraschung, das Unerwartete eine der wesentlichsten Grundlagen der Poesie von heute ist. - (apol)

Augenblick (38)   Wenn der Meister fischte - nur mit der Angel, nie mit einem Netz. Schoß er auf Vögel - nie, wenn sie zur Ruhe sich gesetzt. - (kung)

Augenblick (39)   Im Märchen genügt  dem Zauberer ein Wasserbottich; sie lassen den Sultan, bei dem sie zu Gast sind, den Kopf hineintauchen. Dieser hört dann ein Brausen, als ob er in ein Meer versänke, auf dessen Grund er eine Wanderung beginnt, die ihn an eine ferne Küste führt. Dort steigt er als Bettler zu ferner Stadt empor. Er sucht die Moschee auf, und es trifft sich, daß vor ihr eine Dame auf den ersten wartet, der dort eintritt - denn diesen, so verpflichtet sie ein Gesetz oder ein Gelüde, soll sie heiraten. Der Fremdling wird also in das Bad und dann in reicher Kleidung zum Hochzeitsmahl geführt. Er beginnt mit dem Vermögen der Dame Handel zu treiben, zeugt mit ihr Kinder, erwirbt Häuser, Gärten, Sklaven und steigt im Verlauf der Jahre in Ämter und Würden auf. Indessen ist sein Glück nicht beständig; er wird in gefährliche Händel verwickelt, ins Gefängnis geworfen und soll des Lebens beraubt werden. Man führt ihn zum Richtplatz; der Henker steckt ihm den Hals in die Schlinge und zieht ihn empor. Er hört es brausen wie eine Brandung, dann zieht ihn der Strick aus den Wirbeln heraus. Es ist nicht das Wasser des Meeres, aus dem er den Kopf hebt, sondern das des Bottichs, in den er nicht länger als einen Augenblick eintauchte.

Die großen Herren sind nicht durchweg von diesen Traumwelten erbaut. Einer von ihnen, ich glaube, ein Sultan von Ägypten, erzürnt sich sogar derart über seine imaginären Qualen, daß er dem Zauberer den Kopf abschlagen läßt. - Ernst Jünger, Annäherungen. Drogen und Rausch. Frankfurt am Main u.a. 1980 (zuerst 1970)

Augenblick (40)  Den Himmel auf ebener Erde zu finden, einem Augenblick, den man in voller Bewußtheit erlebt hat, den Wert der Unvergänglichkeit zuzusprechen, das sind die Freuden, die der moderne Dämon der Verneinung demjenigen gönnt, der Windmühlen nicht für Riesen hält und nur mehr auf das Gegenwärtige zählt- auf das Direkte, Unmittelbare, die Dinge ohne Erwartung und ohne Erinnerung - und nur in dem Erfüllung zu finden vermag, was ihm ohne jeden Kalkül und unvorherberechnet das blitzartige Gefühl seiner Präsenz vermittelt, nicht die Präsenz von irgendetwas, was für gewöhnlich nicht wahrnehmbarwäre und sich plötzlich in der Erscheinung offenbart, sondern die Präsenz eben dieser Erscheinung selbst, die nichts anderes nötig hat als ihren eigenen Glanz, um zu blenden. Ich glaube nicht, daß es heißt, in eitles Wortgeplänkel zu verfallen, wenn man von einer »diabolischen Schönheit« spricht in bezug auf jene Ausschnitte von Gegenwart, die als atemberaubende Augenblicke nicht nur die Präsenz selber sind - makelloser Zauber, Pulsieren des Hier und Jetzt -, sondern uns umso stärker berühren, als wir um die Unmöglichkeit ihrer Dauer wissen.

Im übrigen genügt es, um zu vermuten, der Teufel zeige da die Spitze seines Horns, an das Paradox, ja an die Sünde zu denken, die - ein Strohfeuer, das aber als solches nicht minder heftig lodert - unsere jeweilige Wertschätzung dieser Art von Geschenken darstellt: zu wissen, daß sie sich fast so schnell verflüchtigen, wie sie uns zuteil geworden sind, und ihnen trotzdem eine Vorrangstellung einzuräumen, zeigt sich darin nicht eine sträfliche Anfälligkeit für die Nichtigkeit des Ephemeren, wie tief und edel auch immer uns unser Gefühl unmittelbar dann vorgekommen sein mag, als jene seltenen und völlig unverdienten Glücksfälle sich ereigneten? - (leiris2)

Augenblick (41)

Frederico Borell García,
"Loyalistischer Soldat im Moment seines Todes" (5. September 1936)

- Robert Capa

Augenblick (42) Abstrakt erscheint ihr die Frage nach der Freude, die sie empfindet, wenn ein weiteres mathematisches Rätsel gelöst ist. "Es ist ein kurzes, aber sehr intensives Gefühl. Wenn etwas klappt, ist es ein gewaltiger Augenblick der Selbstbehauptung. Wenn du fühlst: I got it! Dies ist ein Moment, wo deine Kraft getestet wurde und du weißt, dass du es kannst." - Olga Holtz, taz vom 7. Juli 2007

Augenblick (43)

Diese Siebenjährige auf ihrem Trampolin,
wie sie mühelos und mit fliegenden Haaren
die Schwerkraft besiegt;

der Koch, der gespannt, den hölzernen Löffel im Mund,
leckt, lauscht, wartet, bis der Geschmack
hinter dem Geschmack durch seine Nüstern strömt;

der hoffnungslos verkannte Tonsetzer,
wie er mit affenartiger Lust
seine Kadenz in die Tasten hämmert;

das geistesabwesend inmitten von Spritzen und Bierdosen
auf der klammen Parkbank
ineinander vergrabene Paar;

der Mörder, der, außer sich vor Freude
über den idealen Elfmeter, seinen Auftrag,
sein Alibi, seinen Tatort vergißt;

oder auf ihrem Badetuch die blinzelnde dicke Alte da,
wie sie sich kratzt, wie sie entrückt
mit ihren sandigen Zehen spielt;

und der gebückte Schuhputzer, wie er sich sonnt
im Spiegel des Glanzes, den er mit seiner Spucke
auf die lederne Kappe gehext hat:

diese bis zur Bewußtlosigkeit glücklichen Lebewesen —
einen Augenblick lang können sie nichts dafür,
daß sie keine gewöhnlichen Tiere sind.

 - Hans Magnus Enzensberger, Kiosk. Neue Gedichte. Frankfurt am Main 1997 (zuerst 1995)

Augenblick (44)  ›Die Augen zudrücken‹ ist in Paris nichts anderes als ein bildhafter Ausdruck; hier ist es ein Akt wirklicher Menschlichkeit. Meine Schwester erzählte mir gestern, einmal habe ein Sohn am Bett seines sterbenden Vaters geglaubt, es sei Zeit, ihm diesen letzten Dienst zu erweisen. Er täuschte sich. Der Vater spürte die Hand, öffnete die Augen noch einmal und sagte zu ihm: »Mein Sohn, noch einen Augenblick.« - (sop)

Augenblick (45)   »Die Zukunft ist ohne Belang. In sie zu sehen ist eine Rechenaufgabe, die vielleicht später einmal drankommt. Ich interessiere mich ausschließlich für die Gegenwart und die Vergangenheit - für diese rasche, kaum merkliche Bewegung, mit der ein Augenblick aus der Gegenwart zur Vergangenheit zurückmuß,  kaum daß er noch war, und doch seine Spuren jetzt und jetzt und hier hinterläßt. Diese Bewegung!« rief der Einarmige wieder.   »Die Spur des  Wurmes,   der dort drüben kriecht, sie aber hier hinterläßt.« Er klopfte mit dem Zeigefinger wieder auf seinen Bauch. »Der Lichtabdruck der Glühbirne hier an der Wand, wenn ich die Augen wieder aufmache. Das Wissen darum, was jetzt - aber dort passiert!« Er wies mit seinem Kopf zur Eingangstüre und durch sie hinaus in die Dunkelheit. »Alles, was für unser Leben Bedeutung hat, passiert in unserer Abwesenheit, habe ich gesagt - sagen die Schriften!« korrigierte er sich. »Und es ist gut so. - Das Geschehen selbst, die Fliege des Augenblicks, wie wir es nennen, ist ohne Belang. Es ist nicht gut und nicht böse, denn in ihm sind, wie man sagt, alle Kräfte freigesetzt und ohne Schuld. Was interessiert ist die Schleifspur aus Blut und Sekreten, die zurückbleibt, auch wenn die Fliegenreste selbst längst weggekehrt sind.«  - Klaus Hoffer, Bei den Bieresch. Frankfurt am Main  1986 (zuerst 1979/1983)

Augenblick (46)  Statt die Ewigkeit des Dings an sich zu »momentanisieren« (wäre denn Gott selber dazu imstande, o hochfahrender Francis, Du mit dem sublimen Ausruf, daß die Kiefern Dir etwas schuldig sind, weil sie von Dir bemerkt wurden!?), kann, so glaube ich, der Künstler einzig darauf abzielen, den gemeinsamen Moment der Sache und seines Ich zu verewigen. - G. A. an Francis Ponge, in: F.P., Das Notizbuch vom Kiefernwald und La Mounine. Frankfurt am Main  1982 (zuerst 1952)

Augenblick (47)   Er haßte ihn, weil er ungebildet war, weil er keine Bücher las und keine Gedichte im Radio hörte und die Farbwerte und Nuancen auf Bildern nicht wahrnahm. Er haßte ihn: den Philister, den eigensinnigen starken Stier, den machtvollen Manns-Kerl, der ihn einhändig spielend hätte erledigen können.

Der Mann legte sich zu Nicky's Füßen auf den Boden und hielt sein Ohr an ein Kaninchenloch. Das Gewehr zeigte ihm genau ins Genick. Ich braucht bloß abzudrücken, dachte er. Niemand würd wissen, daß es kein Unfall war. Ich könnt sagen, der Abzug war an einem Zweig hängengeblieben. Bei Jungens kommen solche Unfälle häufig vor. Ich brauch mich bloß dummzustellen. Und minderjährig bin ich auch noch. Minderjährige können sie nicht hängen. Ich könnte tatsächlich mit einem Zweig abdrücken, oder mit dem Knopf an meinem Jacken-Ärmel. Lance hat mal in den Boden geschossen, als er grad sein Gewehr geladen hat. Die glauben doch alle, daß Jungens immerfort Unfälle bauen. Er legte seinen Finger an den Abzug.  - T. H. White, Kopfkalamitäten. Franfurt am Main 1987 (S.Fischer, Bibliothek der phantastischen Abenteuer)

Augenblick (48)

Augenblick (49)  Die Tat ist eine kurze Tollheit. Das Kostbarste des Menschen ist eine kurze Epilepsie.

Das Genie hängt an einem Augenblick. Liebe entsteht auf einen Blick; und ein Blick genügt, ewigen Haß zu erzeugen. Und wir sind nichts, wenn wir nicht imstande waren und imstande wären, einen Augenblick außer uns zu sein.

Dieser kurze Moment, da ich außer mir bin, ist ein Keim oder drängt wie ein Keim hervor. Die übrige Zeit läßt ihn sich entwickeln oder zugrunde gehen, Eine zum Erstaunen mächtige Spannkraft drängt sich in den Samen und in einzelnen Minuten zusammen. Es gibt Teilchen der Zeit, die sich voneinander wie ein Pulverkorn von einem Sandkorn unterscheiden. Nach außen sehen sie fast gleich aus, doch ihre Bahnen sind nicht zu vergleichen.  - (pval)

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