tmen   »Ich möchte reformieren - zuerst die Gesellschaft, und dann, durch die Gesellschaft, die Kirche. Irrtümer haben sich eingeschlichen . . . verderbte Glaubensanschauungen . . . gewisse schamlose abergläubische Vorstellungen . . . Tollkühne Anmaßungen, die in den Schriften durch nichts begründet sind.«
Mick bedachte dies. »Meinen Sie Fragen des Dogmas? Derlei Angelegenheiten können höchst kompliziert sein.«
»Strenge Befolgung der Worte Gottes«, knüpfte Joyce an, »wird alle Ränke des Satans beschämen. Beherrschen Sie die hebräische Sprache?« »Ich fürchte, nein.«

»Ach, das tun allzu wenige. Das Wort ruach ist überaus wichtig. Es bedeutet Atem oder Blasen. Auf lateinisch nennen wir es spiritus. Das griechische Wort lautet pneuma. Erfassen Sie die Bedeutungskette, die wir hier vor uns haben? All diese Wörter bedeuten Leben. Leben, und den Lebensodem. Gottes Atem im Menschen.«
»Bedeuten diese Wörter ein und dasselbe?« »Nein. Das hebräische ruach bezeichnete lediglich das Göttliche Wesen, das der Menschwerdung vorausging. Später bezeichnete man damit die Entflammung, sozusagen, des geschaffenen Menschen durch den Atem Gottes.«
»Ich finde das nicht sehr klar.«

»Nun . . . man braucht Erfahrung, wenn man versuchen will, himmlische Konzepte in irdische Worte zu fassen. Dieses Wort ruach will doch letztlich nicht die immanente Energie Gottes beschreiben, sondern vielmehr seine transzendente Energie, welche dem Menschen die göttlichen Inhalte vermittelt.«

»Wollen Sie damit sagen, der Mensch sei teilweise Gott?« »Bereits die vorchristlichen Griechen gebrauchten pneuma, um die grenzenlose und allmächtige Persönlichkeit Gottes zu bezeichnen; und die körperlichen Sinne des Menschen gibt es nur kraft der Immanenz dieses pneuma. Es ist Gottes Wille, daß der Mensch eine Ausgießung Seines pneuma erfahre.«

»Nun . . . das ist kaum zu bestreiten, oder? Das, was Sie pneuma nennen, unterscheidet den Menschen vom Tier?« »Wie Sie wollen, aber es wäre falsch zu sagen, allein der Umstand, daß der Mensch — charismatischerweise — ruach oder pneuma besitzt, mache ihn teilweise zu Gott. Gott ist zwei Personen, der Vater und der Sohn. Sie existieren in Hypostase. Aus der Erwähnung beider göttlicher Personen im Neuen Testament geht das ganz klar hervor. Worauf ich Ihr besonderes Augenmerk lenken will, das ist der Heilige Odem - der Heilige Geist, um die gebräuchlichere Benennung zu verwenden.«

»Und was ist mit dem Heiligen Odem?«
»Der Heilige Odem war die Erfindung der Sorgloseren unter den frühen Kirchenvätern. Wir haben es hier mit einer Verwirrung von Gedanken und Sprache zu tun. Diese armen ignoranten Männer brachten pneuma mit dem, was sie das Wirken des Heiligen Odem nannten, in Verbindung, wo es doch lediglich eine Ausschwitzung Gottes, des Vaters, ist. Pneuma ist eine Aktivität des existierenden Gottes, und es ist ein beklagenswerter und schändlicher Irrtum, wenn man pneuma als eine hypostatische Dritte Person identifiziert. Widerwärtiger Unsinn!«
Mick nahm sein Glas und starrte verzagt hinein. »Demnach glauben Sie nicht an den Heiligen Geist, Mr Joyce?«

»Es steht kein einziges Wort über den Heiligen Geist oder die Dreieinigkeit im Neuen Testament.« »Ich bin nicht. . . sehr bewandert in biblischen Studien.« Joyce's leises Murren klang nicht böse.
»Natürlich sind Sie das nicht, denn Sie wurden als Katholik großgezogen. Genausowenig wie der katholische Klerus. Diese alten Disputanten, Rhetoriker und Theologisierer, die man kollektiv als die frühen Kirchenväter bezeichnet, waren Armleuchter, wenn sie sich Ideen in den Kopf setzten und dann annahmen, Gott habe sie ihnen direkt eingegeben. Das Konzil von Alexandria versuchte im Jahre 562, die Arianische Kontroverse zu beenden, und nachdem es die Naturgleichheit des Sohnes und des Vaters bestätigt hatte, fuhr es einfach fort und verkündete die Übertragung einer dritten Hypostase auf den Heiligen Odem. Ohne Buh-Rufe und ohne die Sache überhaupt zu debattieren! Heiliger Strohsack; man sollte doch wirklich annehmen, daß sie ein bißchen mehr Verstand gehabt hätten, oder?« »Ich hatte es immer so verstanden, daß Gott aus drei göttlichen Personen besteht.«

»Da sind Sie eben nicht früh genug aufgestanden, mein Junge. Der Heilige Geist wurde nicht vor dem Konzil von. Konstantinopel 581 offiziell erfunden.« Mick fingerte an seinem Kinn herum. »Meine Güte«, sagte er. »Ich frage mich, was die Patres vom Heiligen Geist dazu sagen würden.«
Joyce pochte lärmend mit seinem Glas auf die Tischplatte und verlangte brummend nach der Bedienung, welche erschien und die Gläser forträumte. Dann zog er ausgiebig an seiner Zigarre.

»Aber eins kennen Sie doch«, fragte er, »das Glaubensbekenntnis von Nikäa.«

»Das kennt doch wohl jeder.«

»Ja. Der Vater und der Sohn wurden auf dem Konzil von Nikäa peinlich genau definiert, und der Heilige Odem wurde kaum erwähnt. Augustinus war eine schwere Bürde für die Frühkirche, und Tertullian spaltete sie, daß sie klaffte. Er bestand darauf, daß sich der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn herleite - quoque, wissen Sie. Die Ostkirche wollte mit einer derartigen Irrlehre nichts zu tun haben. Schisma!« - Flann O'Brien, Aus Dalkeys Archiven. Frankfurt am Main 1982 (BS 623, zuerst 1964)

Atmen (2)   »Die Seefahrer gingen an Land, und er mit ihnen; doch auf der Insel trennte er sich von den anderen und setzte sich unter einen Baum. Die Müdigkeit übermannte ihn, und er schlief ein; als er aber wieder aufwachte und sich zum Schiff hin begab, um an Bord zu gehen, sah er, daß es bereits abgesegelt war. Und nun erblickte er auf jener Insel Schlangen, die so groß waren wie Kamele und wie Palmen, die den Namen Allahs, des Allgewaltigen und Glorreichen, anriefen und über Mohammed - Allah segne ihn und gebe ihm Heil! - den Segenswunsch sprachen und laut Gottes Einheit und Lobpreis verkündeten. Als Bulûkija das sah, erstaunte er über die Maßen' - -«

Da bemerkte Schehrezâd, daß der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an. Doch als die Vierhundertundsiebenundachtzigste Nacht anbrach, führ sie also fort: »Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, daß Bulûkija, als er die Schlangen Gott lobpreisen und seine Einheit verkünden hörte, über die Maßen darob erstaunte. Wie aber die Schlangen seiner gewahr wurden, versammelten sie sich um ihn, und eine von ihnen fragte ihn: »Wer bist du? Woher kommst du? Wie heißt du ? Und wohin gehst du?' Er antwortete: 'Ich heiße Bulûkija, und ich bin von den Kindern Israel. Ich bin ausgezogen, erfüllt von der Liebe zu Mohammed - Allah segne ihn und gebe ihm Heil! -, und ich suche ihn. Was aber seid ihr, edle Geschöpfe?' Die Schlangen erwiderten ihm: »Wir gehören zu den Bewohnern der Hölle; uns hat Allah der Erhabene zur Strafe für die Ungläubigen erschaffen.' »Und was hat euch an diese Stätte gebracht?' fragte Bulûkija weiter; die Schlangen antworteten: ,Wisse, Bulûkija, die Hölle atmet in ihrer heißen Siedeglut zweimal im Jahre, einmal im Winter und einmal im Sommer. Und wenn sie in ihrer gewaltigen Siedehitze ausatmet, so speit sie uns aus ihrem Bauch aus; wenn sie aber ihren Atem einzieht, so holt sie uns wieder zu sich zurück.' Wiederum fragte Bulukija: ,Sind in der Hölle noch größere Schlangen als ihr?' Da erwiderten die Schlangen: »Wir können nur deshalb bei ihrem Atmen herauskommen, weil wir so klein sind; in der Hölle ist jede andere Schlange so groß, daß sie es nicht spüren würde, wenn eine von uns ihr über die Nase kröche.'«  - (1001)

Atmen (3)  Der Dünger und der verwesende Leichnam sind es nicht allein, was den Pflanzen als Nahrung von Menschen und Tieren zugute kommt. In einem geheimen, den meisten Menschen unbekannten Verkehre müssen sie vielmehr den Pflanzen das Wichtigste leisten mit dem Wichtigsten, was sie selber haben. In der Tat, woher glaubt man wohl, daß eine Pflanze, die im Topfe oder auch draußen wächst, so groß wird? Das Erdreich scheint sich ja kaum zu mindern. Auch läßt eine Pflanze beim Verbrennen wenig Asche zurück. Viel tut freilich das aufgenommene Wasser, aber wenig Erde und viel Wasser macht bei weitem noch keine Pflanze. Wie sonderbar es manchen klingen mag, ist es doch gewiß, daß es hauptsächlich der Atem der Menschen und Tiere ist, aus dem sich die Pflanze erbaut, der ihr festes Gerüste schafft. Merklich allen festen Stoff, der beim Verbrennen der Pflanzen als Kohle zurückbleibt, schöpft die Pflanze aus derKohlensäure der Luft (und dem damit geschwängerten Wasser), demselben Wesen, das auch als Schaum des Champagners entweicht. Diese Kohlensäure wird von Menschen und Tieren ausgeatmet, von den Pflanzen aufgenommen, der Kohlenstoff daraus abgeschieden und in ihre Substanz verwandelt, der Sauerstoff aber (dessen Verbindung mit dem Kohlenstoff eben die Kohlensäure bildet) der Atmosphäre zurückgegeben...

Im Winter erstarrt unser Atem zu Blumen am Fenster, im Sommer schießen die lebendigen Blumen der Wiese daraus an. Gott, sagt man, hauchte den Menschen die Seele ein, umgekehrt, kann man sagen, hauchen die Menschen den Pflanzen den Leib ein.  - Gustav Theodor Fechner, Nanna oder Über das Seelenleben der Pflanzen. In: G.T.F., Das unendliche Leben. München 1984 (Matthes & Seitz debatte 2, zuerst 1848)

Atmen (4)   Es war das erstemal, daß ich nahebei das Blasen von Walen hörte. Es war in der Nacht, als wir zwischen den Falklandinseln und Staten Island waren. Wir hatten die Wache von zwölf bis vier und fanden, als wir an Deck kamen, unsere kleine Brigg vollständig still liegen. Sie war in dicken Nebel eingehüllt, und die See war so glatt, als ob Oel darüber gegossen wäre. Dann und wann lief unter der Wasseroberfläche eine lange, niedrige Dünung, die das Schiff ein wenig hochhob, ohne aber die glasige Fläche zu durchbrechen. Wir waren von Scharen träger Wale umgeben. Des Nebels wegen konnten wir sie nicht sehen. Ich stand an der Reling und lauschte auf das langsame Atmen der riesigen Tiere. Ich glaubte immer wieder durch den Nebel hindurch die schwarzen Körper zu sehen, hörte aber nur aus der Entfernung das Ausstoßen der Luft. Es war, als ob des Ozeans breite Brust sich mit ihren schweren, langgezogenen Atemzügen hob und senkte. - Richard Henry Dana, Zwei Jahre vor'm Mast. Vom Sklavenleben auf den alten Segelschiffen. Nördlingen 1987 (Greno, zuerst 1840)

Atmen (5)  Es wurde mir durch einen Einfluß, den ich nicht beschreiben kann, gezeigt, wie ihre Rede beschaffen war, als sie noch in der Welt lebten. Sie war nicht artikuliert wie die Wörtersprache unserer Zeit, sondern still (tacita), und geschah nicht durch das äußere, sondern durch ein inneres Atmen. Es wurde mir auch wahrzunehmen gegeben, wie ihr inneres Atmen beschaffen war, daß es nämlich vom Nabel dem Herzen zu, und so durch die Lippen ging, lautlos, und daß es in des anderen Ohr nicht durch den äußeren Weg einging, und an etwas schlug, was das Trommelfell des Ohres genannt wird, sondern durch einen Weg innerhalb des Mundes, und zwar durch etwas daselbst, was heutzutage die Eustachische Röhre (tuba Eustachiana) genannt wird. Und es wurde gezeigt, daß sie durch eine solche Rede die Empfindungen des Gemüts und die Vorstellungen des Denkens viel vollständiger ausdrücken konnten als es durch artikulierte Töne oder laute Worte irgend geschehen kann, die ebenfalls durch das Atmen bestimmt werden, aber durch das äußere, denn es gibt nichts in einem Wort, das nicht bestimmt wird durch die Modifikationen (applicationes) des Atmens. Bei ihnen aber geschieht das viel vollkommener, weil durch das innere Atmen; welches, weil innerlich, auch viel vollkommener und den Denkvorstellungen selbst angemessener und gleichförmiger ist. Außerdem (geschah es) auch durch kleine Bewegungen der Lippen und entsprechende Veränderungen des Angesichts; denn weil sie himmlische Menschen waren, so leuchtete alles, was sie dachten, aus ihrem Angesicht und Augen hervor, die sich auf angemessene Weise veränderten. Nie konnten sie eine andere Miene zeigen als gemäß dem, was sie dachten. Verstellung und noch mehr Arglist galt ihnen für einen argen Frevel.

Es wurde mir in lebendiger Weise gezeigt, wie das innere Atmen der Uralten still einfloß in ein äußeres, und so in eine stille Rede, die von dem anderen vernommen wurde in seinem inwendigen Menschen. Sie sagten, daß dieses Atmen bei ihnen sich verschieden gestaltete je nach dem Stand ihrer Liebe und ihres Glaubens an den Herrn. Es wurde auch der Grund angegeben, daß es, weil sie Gemeinschaft mit dem Himmel hatten, nicht anders sein konnte; denn sie atmeten mit den Engeln, in deren Umgang (consortio) sie waren. Die Engel haben ein Atmen, dem das innere Atmen entspricht, und es gestaltet sich bei ihnen ebenso verschieden, denn wenn ihnen etwas aufstößt, das der Liebe und dem Glauben an den Herrn entgegen ist, so haben sie ein beengtes Atmen, wenn sie aber in der Seligkeit der Liebe und des Glaubens sind, dann haben sie ein freies und weites Atmen. Jeder Mensch hat etwas ähnliches, aber gemäß seinen körperlichen und weltlichen Trieben und gemäß seinen Grundsätzen; wenn diesen etwas widerstreitet, so haben sie eine Beengung des Atmens, wenn sie aber begünstigt werden, so haben sie ein freies und weites Atmen, allein dieses findet beim äußeren Atmen statt. - Emanuel Swedenborg, Die himmlischen Geheimnisse. Nach dem Projekt Gutenberg

Atmen (6)  Demokrit behauptet, dass die Einatmung für die Atmenden eine bestimmte Folge hat. Er sagt nämlich, sie verhindere, dass die Seele aus dem Leibe herausgedrängt werde. Davon freilich sagt er kein Wort, dass die Natur das um dieses Zweckes willen so eingerichtet habe. Denn ganz wie die anderen Naturforscher berührt auch er eine solche Ursache in keiner Weise. Er behauptet aber, die Seele und das Warme seien dasselbe, nämlich die Primärformen des Kugelgestaltigen. Wenn nun diese kugelgestaltigen Formen von dem die Seele umgebenden Körper, der die hinausdrängen will, zusammengepreßt werden, komme ihnen die Einatmung zu Hilfe. Denn in der Luft befinde sich ein große Zahl solcher Formen, die er Geist und Seele nennt. Wenn man nun einatme und die Luft in den Leib eintrete, gelangten diese Formen mit ihr zusammen in den Körper hinein und hinderten, indem sie der Verdrängung entgegenwirkten, die in den Lebewesen befindliche Seele am Entweichen. Daher beruhe auf der Ein- und Ausatmung Leben und Sterben. Denn wenn der die Seele umgebende Körper beim Zusammendrängen der Seelenatome die Übermacht gewinne und die von außen eindringenden Formen nicht mehr die Kraft haben, ihn zu hemmen, weil keine Einatmung mehr möglich ist, dann erfolge der Tod der Lebewesen. Denn der Tod sei das Entweichen solcher Formen aus dem Körper infolge ihrer Herausdrängung durch den die Seele umgebenden Körper.

Den Grund aber, weswegen sämtliche Lebewesen einmal sterben müssen - nicht etwa, wenn es sich gerade einmal so trifft, sondern auf natürliche Weise durch das Alter oder auf widernatürliche Weise durch Gewalt -, hat er überhaupt nicht dargelegt. - Aristoteles, Über die Atmung

Atmen (7) Ich versuchte noch einmal, den Kopf zu schütteln, versuchte es verzweifelt. Er wog eine Tonne und ließ sich kaum von einer Seite zur anderen bewegen. Ich merkte, daß ich schwankte, und setzte einen Fuß vor, um mich zu fangen. Der Fuß und das Bein waren schlaff, weich, teigig. Ich mußte noch einen Schritt machen oder fallen; ich machte ihn, hielt krampfhaft den Kopf hoch und die Augen offen, suchte eine Stelle zum Fallen und sah zwei Handbreit vor meinem Gesicht das Fenster.

Ich schwankte vorwärts, bis ich mit den Oberschenkeln Halt am Fensterbrett fand. Dann waren meine Hände auf dem Fensterbrett. Ich tastete nach den Handgriffen unten am Fensterrahmen, wußte nicht genau, ob ich sie gefunden hatte, legte aber meine ganze Kraft in eine Hebebewegung. Das Fenster rührte sich nicht. Es war, als wären meine Hände unten festgenagelt. Ich glaube, da schluchzte ich. Und dann, mit der Rechten am Fensterbrett mich festhaltend, schlug ich mit der flachen Linken in die Mitte der Scheibe.

Luft, stechend wie Salmiak, kam durch die Öffnung. Ich hielt mein Gesicht daran, klammerte mich mit beiden Händen an das Fensterbrett und sog die Luft ein, mit Mund, Nase, Augen, Ohren und Poren, und lachte, und aus meinen brennenden Augen lief mir Wasser in den Mund. Ich hing da und trank Luft, bis ich der Beine unter mir und meiner Sehfähigkeit wieder einigermaßen sicher war, bis ich wußte, daß ich wieder denken und mich bewegen konnte, wenn auch nicht gerade schnell und sicher.   - Dashiell Hammett, Der Fluch des Hauses Dain. Zürich 1976 (detebe 20293, zuerst 1929)

Atmen (8) Seit die Menschen ihre Körper gewendet haben und mit heraushängenden Lungen, Herzen, Speiseröhren, Milzen und Gedärmen auf der Straße herumlaufen, habe ich mich zu Hause eingeschlossen und gehe auch nicht einmal mehr ans Fenster.

Es ist für mich schon immer eine Qual gewesen, sie atmen zu sehen oder zu hören. Wie denn? Die Menschen, diese höheren Wesen, gleich mir fähig, mit einem einzigen blitzartigen Gedanken das Konzept des Universums und die Gottesfurcht zu fassen, sollen dazu verdammt sein, jeden Augenblick den Mund aufmachen oder die Nase weiten zu müssen, um ein wenig von jener Substanz in sich zu ziehen, von der sie eingehüllt sind und außerhalb derer sie sofort zu schnappen anfangen würden wie ein Fisch auf dem Trockenen? - (branc2)

Atmen (9)  Jacques hatte den Wellenbewegungen des Hintern unter dem Rock oder den Shorts vor ihm nicht widerstanden, dieser zweiten Atmung des Körpers, die den Schritt vorgibt, und ich war beim Aufstieg so eingenommen vom Gedanken an seinen Blick auf mich, dass ich alle Zeit hatte, meine Möse darauf vorzubereiten, deren Öffnung ich nur mit einem kleinen Vogel vergleichen kann, der den Schnabel unersättlich aufsperrt.  - Catherine Millet, Das sexuelle Leben der Catherine M. München 2001

Atmen (10)  Seit einigen Tagen spürte Daniel, wie sich die Luft um ihn zusammenzog, sich kräuselte und knitterte. Und an diesem Abend, als er im Bett liegend im Begriff war, einzuschlafen, spürte er, wie sich im Innern seiner Brust der Raum zusammenzog, sich kräuselte und knitterte, zusammenschrumpfte wie ein altes Stück Pergamentpapier. Er richtete sich auf, setzte sich im Bett hoch und fragte sich, ob er nach etwa zehn Jahren wieder Asthmaanfälle bekommen würde. Er legte sich wieder hin; doch sein Atem wurde langsamer, mühsamer, war nahe daran, stillzustehen. Er richtete sich von neuem auf und setzte sich hin, ganz bucklig, wobei er automatisch die Stellung des Asthmatikers einnahm, die der peruanischen Mumien, jene, die man in die großen irdenen Krüge setzte, jene des Embryos.

Vielleicht würde es nicht kommen. Er hatte den Eindruck, daß sich sein Atem normalisierte. Er legte sich hin; doch bald mußte er wieder seine Fötushaltung einnehmen. Er beobachtete den Rhythmus seiner Einatmungen und seiner Ausatmungen. - (lim)

Atmen (11) Dann kam die Wartezeit, lange Stunden. Ich habe sie deutlich in Erinnerung. Nach der ersten Stunde war es nicht mehr nötig, irgend etwas für meinen Vater zu tun. Er lag ruhig und ohne Bewußtsein in seinem Bett, stöhnte nicht mehr, schien auch für nichts mehr ein Gefühl zu haben. Sein Atem hastete; ich mußte ihn, fast unbewußt, nachahmen. Dieses Atemtempo vermochte ich aber nicht lange durchzuhalten, gestattete mir daher Ruhepausen : und hoffte, damit auch den Atem des Kranken ruhiger zu machen. Der aber arbeitete unermüdlich weiter. Wir versuchten vergeblich, ihm einen Löffel Tee einzuflößen. Ein wenig kehrte sein Bewußtsein immer dann zurück, wenn er sich wehren wollte. Dann schloß er energisch die Zähne. Auch in diesem Zustand verließ ihn seine ewige Halsstarrigkeit nicht. Schon vor Morgengrauen ging seine Atmung anders. Sie hielt zeitweise ganz an, ging hierauf in regelmäßige Atemzüge über, die denen eines Gesunden ähnlich waren, wurde plötzlich wieder hastig, um dann wieder ganz auszusetzen. Es gab entsetzliche Pausen, die Maria und ich jedesmal als den Beginn des Sterbens auffaßten. Aber die sonderbaren Rhythmen des Atems begannen in gleichen Abständen immer aufs neue, um in gleicher Weise abzubrechen; es waren musikalische Rhythmen von unbeschreiblicher Traurigkeit, ohne alle Farbe. Dieses Atmen, das nicht immer gleichmäßig, aber immer gleich geräuschvoll war, wurde fast zum Bestandteil des ganzen Raums. Und noch lange nach jener schrecklichen Nacht ist es dort haften geblieben.  - (cos)

Luft
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