nstrengung  Wenn Gerald davon, von Frauen, redete, hörte sich alles so einfach an, unkompliziert, klar und eindeutig, und es war dann auch für ihn so einzusehen. Andererseits stimmten diese Bilder, die Gerald ihm vorhielt, dann doch wieder nicht, nicht für ihn, obwohl er davon fasziniert war, wie Gerald ihm das klarmachte, was das Ganze mit Frauen überhaupt sollte, im Grunde nichts, weil es in jedem Fall zu wenig war am Ende, das bedeutete Erschöpfung, Beruhigung, ein leeres Umherblicken mit beinahe unverständlichem Blick auf den danebenliegenden atmenden Körper, mehr konnte dabei nicht herauskommen, es lag kein Vorwärtskommen, keine Entwicklung darin, keine andere Erfahrung in dem es tun, getan zu haben nach all der vorher unternommenen Anstrengung, es zu tun, es tun zu können.  - (brink)

Anstrengung (2)  FRANZOSEN, NOCH EINE ANSTRENGUNG, WENN IHR REPUBLIKANER SEIN WOLLT

Die Religion

Ich werde euch große Ideen darlegen: Man wird sie anhören und sie werden durchdacht werden; und finden nicht alle Anklang, so werden doch zumindest einige im Gedächtnis haften bleiben und ich werde in irgendeiner Weise zum Fortschreiten der Aufklärung beigetragen haben. Damit will ich zufrieden sein. Ich verhehle nicht, daß ich voll Schmerz die Trägheit sehe, mit der wir ans Ziel zu gelangen suchen; mit Besorgnis spüre ich, daß wir nahe daran sind, unser Ziel noch einmal zu verfehlen. Glaubt man denn, dieses Ziel sei erreicht, wenn wir Gesetze haben werden? Täuschen wir uns nicht. Was sollen wir mit Gesetzen ohne Religion anfangen? Wir brauchen eine Religion, eine dem Charakter eines Republikaners angepaßte Religion, die sich so deutlich von der Roms abhebt, daß es unmöglich ist, je zu dieser zurückzukehren. In einem Jahrhundert, in dem wir überdies überzeugt sind, die Religion müsse auf der Moral und nicht die Moral auf der Religion gründen, ist eine Religion erforderlich, die den Sitten gerecht wird, die gleichsam deren Weiterentwicklung ist, deren notwendige Folge, eine Religion, welche die Seele erhebt und sie fortwährend auf der Höhe jener kostbaren Freiheit hält, die ihr heute allein anbetungswürdig erscheint. Nun frage ich, kann man ernsthaft annehmen, die Religion eines Sklaven des Titus, die eines gemeinen Histrionen aus Judäa könne einer freien und kriegerischen Nation geziemen, die sich gerade neu gestaltet hat? Nein, Landsleute, nein, das könnt ihr nicht annehmen. Wenn sich der Franzose zu seinem eigenen Schaden weiter in der Finsternis des Christentums vergrübe, hätten ihn auf der einen Seite der Hochmut, die tyrannische Willkür und die Gewalttätigkeit der Priester, jene unter diesem Pack immer wieder aufblühenden Laster, auf der anderen Seite die Erbärmlichkeit, Beschränktheit und Seichtheit der Dogmen und Mysterien dieser unwürdigen und phantastischen Religion, die den Stolz einer republikanischen Seele abstumpft, bald wieder unter das Joch zurückgezwungen, das seine entschiedene Tatkraft gerade erst abgeschüttelt hat!

Verlieren wir nicht aus den Augen, daß diese kindische Religion eine der besten Waffen in den Händen unserer Tyrannen war: Eines ihrer ersten Dogmen lautete, man solle Cäsar geben, was Cäsars ist; aber wir haben Cäsar vom Thron gestoßen und wollen ihm nichts mehr geben. Franzosen, bildet euch nicht ein, der Geist eines vereidigten Klerus könne nicht mehr der eines aufsässigen Klerus sein; es gibt Standesuntugenden, die man niemals ablegt. In weniger als zehn Jahren würden eure Priester mit Hilfe der christlichen Religion, ihres Aberglaubens und ihrer Vorurteile trotz ihrem Eide und trotz ihrer Armut die Herrschaft über die Seelen zurückgewinnen,  die sie an sich gerissen hatten; sie würden euch wieder an die Kette der Könige legen, weil die Macht dieser immer die Macht jener gestützt hat, und euer großartiges republikanisches Gebäude würde zusammenstürzen, weil ihm das Fundament fehlt.

O ihr, die ihr die Sichel in der Hand habt, versetzt dem Baum des Aberglaubens den letzten Schlag; gebt euch nicht damit zufrieden, die Zweige abzuhauen: reißt dieses verheerende Gewächs mit seinen Wurzeln aus; seid überzeugt, daß eure Anschauung von Freiheit und Gleichheit den Priestern am Altar Christi zu eindeutig wider den Strich geht, als daß es jemals auch nur einen einzigen geben könnte, der sie sich entweder aufrichtig zu eigen machte oder sie nicht zu erschüttern suchte, wenn es ihm gelänge, einige Macht über die Gewissen zurückzugewinnen. Wo wäre der Priester, der, vergleicht er die Stellung, auf die man ihn gerade herabgedrückt hat, mit der, der er sich einstmals erfreute, der nicht alles in seiner Macht stehende unternähme, um sowohl das Vertrauen als auch die Autorität wiederzuerlangen, die ihm genommen worden sind? Und wie viele schwache und kleinmütige Geschöpfe würden sogleich wieder zu Sklaven dieses ehrgeizigen Tonsurträgers! Warum will man nicht wahrhaben, daß Mißstände, die einmal bestanden haben, wieder neu entstehen können? Waren die Priester in den Anfängen der christlichen Kirche nicht das, was sie heute sind? Ihr seht, wie weit sie gekommen waren: Aber wer hat sie dorthin geführt? Waren das nicht die Mittel, die ihnen die Religion verschaffte? Also, wenn ihr sie nicht ganz verbietet, diese Religion, werden die, die sie verkünden, bald dasselbe Ziel wieder erreichen, da ihnen immer noch die gleichen Mittel zur Verfügung stehen. Schafft also ein für allemal alles ab, was eines Tages euer Werk zerstören könnte. Bedenkt, daß die Frucht eurer Anstrengungen nur euren Nachkommen zugute kommt, daß also euer Pflichtbewußtsein und eure Rechtschaffenheit verlangen, ihnen keinen dieser gefährlichen Keime zu hinterlassen, die sie wieder in das Chaos hinabstürzen könnten, dem zu entrinnen uns soviel Mühe gekostet hat. Schon zerstreuen sich unsere Vorurteile, schon schwört das Volk den Ungereimtheiten des Katholizismus ab; es hat bereits die Tempel abgeschafft, es hat die Götterbilder gestürzt, es ist übereingekommen, daß die Heirat nicht mehr als ein bürgerlicher Rechtsakt ist; die zerbrochenen Beichtstühle leisten Dienste in öffentlichen Versammlungsräumen; die sogenannten Gläubigen bleiben dem apostolischen Zechgelage fern und überlassen die Mehlgötter den Mäusen. Franzosen, haltet nicht ein: Ganz Europa, eine Hand schon auf der Binde, die seine Augen mit Blindheit schlägt, erwartet von euch die Anstrengung, die sie von seiner Stirn reißt. Beeilt euch: Laßt dem heiligen Rom, das auf jede Art und Weise bemüht ist, eure Kraft zu schwächen, nicht die Zeit, vielleicht noch einige Proselyten zu machen. Schlagt ihm schonungslos auf den hochmütigen und zitternden Kopf, damit in weniger als zwei Monaten der Baum der Freiheit, der die Trümmer des Stuhls von St. Peter überschattet, mit dem Gewicht seiner siegreichen Zweige all diese verabscheuungswürdigen Heiligenbilder des Christentums zudeckt, die unverschämterweise über der Asche eines Cato und eines Brutus errichtet worden sind.

Franzosen, ich wiederhole: Europa erwartet von euch, daß ihr es von Szepter und Weihrauch befreit. Vergeßt nicht, es ist unmöglich, es von der Tyrannei der Könige zu befreien, wenn es nicht zugleich den Zaum religiösen Aberglaubens zerreißt: Die Bande des einen sind zu eng mit denen des anderen verknüpft, als daß ihr nicht, ließet ihr eines der beiden fortbestehen, gleich wieder unter die Herrschaft dessen zurückfallen würdet, das aufzulösen ihr versäumt habt. Weder vor einem imaginären Wesen noch vor einem gemeinen Betrüger darf ein Republikaner in Zukunft niederknien; Mut und Freiheit seien jetzt seine einzigen Götter. Rom verschwand, sobald das Christentum dort verkündet wurde, und Frankreich ist verloren, wenn es hier immer noch verehrt wird.

Prüfen wir sorgfältig die absurden Dogmen, die erschreckenden Mysterien, die gräßlichen Zeremonien, die unmögliche Moral dieser abscheulichen Religion, und wir werden sehen, ob sie einer Republik würdig sein kann. Glaubt ihr wirklich, ich ließe mich von den Ansichten eines Menschen beherrschen, den ich gerade zu Füßen dieses blödsinnigen Priesters Jesu gesehen habe? Nein, nein, gewiß nicht! Dieser Mensch wird stets niederträchtig bleiben, stets wird er der Niedrigkeit seines Standpunktes gemäß an den Scheußlichkeiten des Ancien Regime festhalten. Wer imstande war, sich den Dummheiten einer so abgeschmackten Religion zu unterwerfen wie jener, die wir in unserer Torheit zugelassen haben, kann mir keine Gesetze mehr vorschreiben oder zu meiner Aufklärung beitragen; ich sehe in ihm nur noch einen Sklaven der Vorurteile und des Aberglaubens.

Um uns von dieser Wahrheit zu überzeugen, laßt uns einen Blick auf die wenigen Individuen werfen, die dem unsinnigen Glaubenskult unserer Väter verbunden bleiben; wir werden sehen, ob sie nicht alle unversöhnliche Feinde des gegenwärtigen Systems sind, wird werden sehen, ob sich nicht allein unter ihnen die ganze zu Recht verachtete Kaste der Roya-listen und Aristokraten findet. Der Sklave eines gekrönten Straßenräubers mag, wenn er will, zu Füßen eines Heiligenbildes aus Teig niederknien, ein solches Ding ist für seine Dreckseele gemacht worden; wer Königen dienen kann, muß Götter anbeten! Aber wir, Franzosen, aber wir, Landsleute, wir unter so verächtlichem Zwang noch demütig im Staube kriechen? Eher tausendmal sterben, als uns ihm von neuem unterwerfen! Da wir aber eine Religion für notwendig halten, laßt uns die der Römer nachahmen: Tatkraft, Leidenschaft, Heldentum, das waren die achtbaren Gegenstände ihres Kultes. Derartige Idole erhoben die Seele und elektrisierten sie; mehr noch, sie machten sie der Tugenden des verehrten Wesens teilhaftig. Der Bewunderer der Minerva wollte lebensklug sein. Mut war in dem Herzen desjenigen, den man zu Füßen des Mars sah. Kein einziger Gott dieser großen Männer war kraftlos; alle übertrugen das Feuer, das sie selbst begeisterte, auf die Seele desjenigen, der sie verehrte; und da man die Hoffnung hatte, eines Tages selbst einmal angebetet zu werden, strebte man danach, mindestens ebenso groß zu werden wie der, den man zum Vorbild erkoren hatte. Was finden wir dagegen in den nichtssagenden Göttern des Christentums? Ich frage euch, was bietet euch diese unsinnige Religion?

Prüft jemand diese Religion aufmerksam, so wird er feststellen, daß die Ruchlosigkeiten, von denen sie erfüllt ist, teils von der Roheit und Einfalt der Juden, teils von der Gleichgültigkeit und Verworrenheit der Heiden herrühren; anstatt sich anzueignen, was die Völker der Antike an Gutem haben mochten, scheinen die Christen ihre Religion nur aus einer Mischung aller Laster gebildet zu haben, die sie überall antrafen.

Läßt der gemeine Betrüger von Nazareth in euch irgendwelche großen Ideen entstehen? Regt euch seine dreckige und ekelhafte Mutter, die unkeusche Maria, zu irgendwelchen Tugenden an? Und findet ihr etwa unter den Heiligen, mit denen sein Elysium ausgeschmückt ist, Vorbilder der Erhabenheit, des Heldenmuts oder der Tugend? Nein, diese stumpfsinnige Religion regt keine erhabenen Gedanken an, kein Künstler kann ihre Embleme an den Bauwerken verwenden, die er errichtet; selbst in Rom entnehmen die meisten Verzierungen und Ornamente des Papstpalastes ihre Motive dem Heidentum, und solange die Welt besteht, wird allein das Heidentum die Begeisterung großer Menschen anfeuern.

Aber stoßen wir vielleicht im reinen Theismus auf mehr Antriebe zu Erhabenheit und Geistesgröße? Vermag vielleicht der Glaube an ein imaginäres Wesen unseren Seelen das für republikanische Tugenden erforderliche Maß an Kraft zu verleihen, das den Menschen dazu bringt, diese Tugenden zu lieben oder auszuüben? Bilden wir uns das nicht ein; wir sind von diesem Hirngespinst abgekommen, und jetzt ist der Atheismus die einzige Philosophie aller Menschen, die vernünftig denken können. Mit zunehmender Aufklärung haben wir auch begriffen, daß, da die Bewegung der Materie innewohnt, ein Beweger, der notwendig wäre, um diese Bewegung hervorzubringen, nur eine Chimäre ist, und daß, da alles Existierende seinem Wesen nach in Bewegung sein muß, eine treibende Kraft überflüssig ist; wir haben begriffen, daß dieses Hirngespinst von einem Gott, das die ersten Gesetzgeber mit Bedacht erfanden, in ihren Händen nichts anderes war als ein Mittel mehr, um uns an die Kette zu legen, und daß, da sie allein sich das Recht vorbehielten, dieses Gespenst zum Sprechen zu bringen, sie recht gut verstanden, es nur das sagen zu lassen, was der Unterstützung der lächerlichen Gesetze diente, mit denen sie danach trachteten, uns zu versklaven. Lykurg, Numa, Moses, Jesus Christus, Mahomet, all diese großen Schurken, all diese großen Tyrannen unserer Gedanken wußten die Gottheiten, die sie erdichteten, ihrem maßlosen Ehrgeiz zu verbinden, und da sie sicher waren, die Völker mit dem Erlaß dieser Götter zu bezwingen, sorgten sie, wie man weiß, stets dafür, sie entweder nur zu passender Zeit zu befragen oder sie nur antworten zu lassen, was ihnen nach ihrei Meinung nützen könnte.

Laßt uns also heute mit der gleichen Verachtung auf den nichtigen Gott herabblicken, den diese Betrüger gepredigt haben, wie auf all diese religiöser Haarspaltereien, die von dessen lächerlicher Anerkennung herrühren; mit dieser Kinderklapper kann man keine freien Menschen mehr zerstreuen. Die völlige Ausrottung des Götterkultes sollte also einer notwendigen Teil unserer Grundsätze ausmachen, die wir in ganz Europa verbreiten. Geben wir uns nicht damit zufrieden, die Zepter zu zerbrechen, sonderr zermalmen wir für alle Zeiten die Götterbilder: Es war immer nur ein Schritt vom Aberglauben zurr Königtum.

Man verfolge die Geschichte aller Völker: Man wird nirgendwo finden, daß sie die Regierungsform, die sie hatten, für eine monarchische eintauschten, die sie mit den Mitteln der Verdammung und des Aberglaubens in Banden halten würde. Man wird immer wieder feststellen, daß die Könige die Religion unterstützen und die Religion die Könige heiligt. Man kennt die Geschichte vor dem Haushofmeister und dem Koch: Geben Sie mir den Pfeffer, und ich gebe Ihnen die Butter. Unglückselige Menschen, seid ihr denn immer noch dazu bestimmt, dem Herrn dieser beiden Schurken zu gleichen?

Das muß auch zweifellos so sein, da ja einer der ersten Artikel, auf den die Könige bei ihrer Salbung verpflichtet wurden, immer die Aufrechterhaltung der herrschenden Religion war, die wiederum eine der politischen Grundlagen darstellte, die ihrem Thron die beste Stütze geben konnte. Aber da er niedergerissen ist, dieser Thron, da er es glücklicherweise für alle Zeiten ist, wollen wir uns nicht fürchten, ebenfalls das zu vernichten, was seine Stützen ausmachte.

Ja, Bürger, ihr werdet jetzt begriffen haben, daß Religion und der Begriff der Freiheit unvereinbar sind. Nie wird sich ein freier Mensch vor den Göttern des Christentums beugen; nie werden sich seine Dogmen, nie seine Riten, seine Mysterien oder seine Sittenlehre für einen Republikaner geziemen. Noch eine Anstrengung; da ihr euch nun einmal bemüht; alle Vorurteile zu zerstören, laßt keines von ihnen fortbestehen, wo doch nur ein einziges nötig ist, um alle wieder aufleben zu lassen. Wie sicher können wir doch ihres Wiederauftauchens sein, wenn das, welches ihr am Leben gelassen habt, bestimmt die Wiege all der anderen ist! Glauben wir nicht länger, die Religion könne dem Menschen von Nutzen sein. Wir brauchen gute Gesetze, dann können wir auf die Religion verzichten.

Aber das Volk braucht die Religion, wird behauptet; sie vertreibt ihm die Zeit, sie hält es im Zaum. Schön und gut! Dann gebt uns also eine, die freien Menschen geziemt. Gebt uns die Götter des Heidentums zurück. Gern werden wir Jupiter, Herkules oder Pallas Athene anbeten; aber wir wollen nichts mehr von dem märchenhaften Schöpfer eines Universums wissen, das sich selbst bewegt, nichts mehr von einem Gott ohne räumliche Ausdehnung, der dennoch alles mit seiner Unermeßlichkeit erfüllt, nichts mehr von einem allmächtigen Gott, der niemals ausführt, was sein Wille ist, nachts mehr von einem allgütigen Wesen, das nur Unzufriedene hervorbringt, nichts von einem Wesen, das die Ordnung liebt, in dessen Regierung jedoch alles in Unordnung ist. Nein, wir wollen keinen Gott mehr, der die Ordnung der Natur stört, der der Vater der Verwirrung ist, der den Menschen in dem Augenblick bewegt, in dem der Mensch Greueltaten begeht; ein solcher Gott läßt uns vor Empörung erschaudern, und wir verbannen ihn für alle Zeiten in die Vergessenheit, aus der der niederträchtige Robespierre ihn wieder hervorholen wollte.

Alle Religionen stimmen darin überein, daß sie uns die tiefe Weisheit und Macht der Gottheit preisen; aber sobald sie uns deren Auswirkung darlegen, entdecken wir nur Unklugheit, Schwäche und Torheit. Gott, sagt man, hat die Welt für sich selbst erschaffen, und bis heute ist es ihm nicht gelungen, sich in ihr in angemessener Weise ehren zu lassen; Gott hat uns erschaffen, um von uns angebetet zu werden, und wir verbringen unsere Tage damit, ihn zu verhöhnen! Welch ein armseliger Gott ist das doch!

Franzosen, ersetzen wir dieses unwürdige Gespenst durch die achtunggebietenden Götterbilder, die Rom zur Herrin des Universums machten; verfahren wir mit allen christlichen Idolen so, wie wir mit denen unserer Könige verfahren sind. Wir haben die Banner der Freiheit auf den Fundamenten aufgepflanzt, auf denen einst Tyrannen ruhten; nun laßt uns auch die Bildnisse bedeutender Männer auf den Sockeln der vom Christentum angebeteten Lumpenkerle wieder aufstellen.

Es handelt sich hier nur um solche Männer, die seit langer Zeit hohes Ansehen genießen.

Wir wollen auch die Auswirkungen des Atheismus auf unsere Landbevölkerung nicht länger fürchten. Haben die Bauern nicht die Notwendigkeit der Ausrottung der katholischen Religion eingesehen, die den wahren Grundsätzen der Freiheit so völlig widerspricht? Haben sie nicht ohne Schrecken und ohne Schmerz zugesehen, wie ihre Altäre und Pfarrhäuser eingerissen wurden? Ach! Seid überzeugt, sie verzichten gleichfalls auf ihren lächerlichen Gott. Die Statuen des Mars, der Minerva und der Freiheit werden an den markantesten Plätzen ihrer Wohnorte aufgestellt; dort wird jedes Jahr einmal ein Fest gefeiert; die Bürgerkrone wird dem Bürger zuerkannt, der sich um das Vaterland am meisten verdient gemacht hat. Am Rande eines einsamen Waldes werden Venus, Hymen und Amor, deren Statuen im Schütze eines ländlichen Tempels errichtet wurden, die Huldigungen der Liebenden empfangen; dort wird die Schönheit mit der Hand der Anmut die Beständigkeit krönen. Es wird nicht nur darauf ankommen zu lieben, um dieser Krone würdig zu sein, man muß auch wert sein, geliebt zu werden: Heldenmut, Talente, Menschlichkeit, Seelengröße, eine unerschütterliche Bürgergesinnung, das sind die Attribute, die der Liebhaber seiner Geliebten zu Füßen legen muß, und sie wiegen die der Geburt und des Reichtums wohl auf, die ein törichter Hochmut ehemals forderte. Diese Religion wird wenigstens einige Tugenden erblühen lassen, während aus jener, die wir früher aus Schwäche öffentlich bekannt haben, nur Verbrechen hervorgehen. Diese Religion wird sich mit der Freiheit verbinden, der wir dienen; sie wird sie beleben, kräftig erhalten und entflammen, im Gegensatz zum Theismus, der seinem Wesen und seiner Anlage nach der größte Todfeind der Freiheit ist, der wir dienen.

Kostete es einen Tropfen Blut, als die heidnischen Götterbilder zur Zeit des oströmischen Reiches zerstört wurden? Die Revolution, durch die Dummheit eines wieder in Sklaverei gefallenen Volkes vorbereitet, vollzog sich ohne den geringsten Widerstand. Wie sollten wir fürchten, der Sieg der Philosophie wäre mühseliger als der des Despotismus? Einzig die Priester halten dieses Volk noch zu Füßen ihres trügerischen Gottes nieder, dieses Volk, dessen Aurklärung ihr so scheut; entfernt sie von ihm, und der Schleier fällt von selbst. Seid überzeugt, daß dieses Volk sehr viel klüger ist, als ihr denkt und daß es sich, von den Fesseln der Tyrannei befreit, auch bald von denen des Aberglaubens lösen wird. Ihr habt Angst vor ihm, wenn diese Zügel wegfallen: Welche Narrheit! Ach! glaubt mir, Bürger, der, den das konkrete Schwert der Gesetze nicht zurückhält, läßt sich auch nicht von der abstrakten Furcht vor den Qualen der Hölle hindern, an die er sich seit seiner Kindheit nicht kehrt; kurz, euer Theismus hat viele Freveltaten veranlaßt, aber niemals einie einzige verhindert. Wenn es wahr ist, daß Leidenschaften blind machen, daß sie vor unseren Augen eine Wolke schweben lassen, die uns die Gefahren verhüllt, von denen sie umgeben sind, wie können wir dann annehmen, daß Gefahren, die in solcher Ferne liegen wie die von eurem Gott angedrohten Strafen, diese Wolke zu zerteilen vermöchten, die selbst das Schwert der Gesetze nicht aufzulösen vermag, das immer drohend über den Leidenschaften hängt? Wenn also bewiesen ist, daß die zusätzlichen Schranken überflüssig sind, welche die Vorstellung von einem Gott auferlegt, wenn außerdem bewiesen ist, daß dieser Gott in seinen anderen Auswirkungen gefährlich ist, frage ich, wozu er denn nützlich sein soll und aus welchen Beweggründen wir darauf bestehen könnten, sein Leben zu verlängern. Wird man mir erwidern, wir seien noch nicht reif genug, um unsere Revolution so offenkundig zu sichern? Ach! Mitbürger, der Weg, den wir seit 1789 zurückgelegt haben, war viel schwieriger als der, der noch vor uns liegt, und wir brauchen bei dem, was ich euch vorschlage, auf die öffentliche Meinung lange nicht so stark einzuwirken, wie wir es seit dem Sturm auf die Bastille taten, da wir sie nach allen Seiten umwühlten. Seien wir überzeugt, daß ein Volk, das klug und mutig genug war, einen unverschämten Monarchen vom Gipfel seiner Herrlichkeit zum Fuße des Schafotts zu führen; das in so wenigen Jahren so viele Vorurteile besiegen, so viele lächerliche Schranken zerbrechen konnte, auch genügend Klugheit und Mut besitzt, nur um der guten Sache willen, zum Gedeihen der Republik, ein Gespenst zu opfern, das noch weit trügerischer war, als das eines Königs je sein konnte.

Franzosen, schlagt zu, und eure nationale Erziehung erledigt den Rest; aber macht euch schnell ans Werk und macht es zu einer eurer wichtigsten Aufgaben; und legt vor allem diese wesentliche Sittenlehre zugrunde, die von der religiösen Erziehung so vernachlässigt worden ist. Ersetzt die gottbezogenen Torheiten, mit denen ihr die jungen Organe eurer Kinder ermüdet, durch hervorragende gesellschaftliche Prinzipien; anstatt wertlose Gebete auswendig zu lernen, die sie mit sechzehn vergessen zu haben stolz sein werden, sollten sie über ihre Pflichten innerhalb der Gesellschaft unterrichtet werden; lehrt sie, Tugenden zu lieben, von denen ihr ihnen früher kaum gesprochen habt und die ohne eure frommen Geschichten für ihr persönliches Glück ausreichen; bringt sie zu der Einsicht, daß dieses Glück darin besteht, die anderen ebenso glücklich zu machen, wie wir selbst es sein wollen. Wenn ihr aber diese Wahrheiten den christlichen Hirngespinsten aufpfropft, wie ihr es in eurem Wahnsinn einst getan habt, werden eure Schüler, kaum daß sie die Nichtigkeit des Fundaments erkannt haben, das Gebäude zum Einstürzen bringen, und sie werden nur deshalb zu Verbrechern, weil sie glauben, die Religion, die sie verworfen haben, verböte ihnen, es zu sein. Überzeugt sie hingegen davon, daß Tugend einzig und allein deshalb nötig ist, weil ihr eigenes Glück von ihr abhängt, dann werden sie aus Egoismus anständige Menschen sein, und diese Macht, welche die gesamte Menschheit regiert, ist immer noch die zuverlässigste von allen. Man vermeide also mit der größten Sorgfalt, irgendein religiöses Gewäsch in die nationale Erziehung zu mischen. Verlieren wir nie aus den Augen, es sind freie Menschen, die wir heranbilden wollen, und keine niedrigen Anbeter eines Gottes. Ein schlichter Philosoph lehre seine neuen Schüler die unbegreifliche Großartigkeit der Natur; er beweise ihnen, daß die den Menschen oft sehr gefährliche Überzeugung von der Existenz eines Gottes nie zu ihrem Glück beiträgt und daß sie nicht glücklicher sein werden, wenn sie als Ursache für etwas, das sie nicht verstehen, etwas anderes annehmen, das sie noch weniger verstehen; er beweise ihnen, daß es bei weitem nicht so wesentlich ist, die Natur zu begreifen, als sie zu genießen und ihre Gesetze zu achten; daß diese Gesetze ebenso klug wie einfach sind; daß sie in den Herzen aller Menschen geschrieben stehen und daß man nur dieses Herz zu befragen braucht, um ihre Antriebe zu erfassen. Wollen eure Schüler euch unbedingt von einem Schöpfer sprechen hören, so antwortet ihnen: Da die Dinge immer das waren, was sie sind, da sie nie einen Anfang hatten und nie ein Ende haben können, wird es für den Menschen ebenso überflüssig wie unmöglich, auf einen imaginären Ursprung zurückzugehen, der nichts erklärt und um nichts weiterführt. Sagt ihnen: Die Menschen können keine wahre Vorstellung von einem Wesen haben, das auf keinen unserer Sinne wirkt.

All unsere Gedanken sind Abbilder der Gegenstände, die auf unsere Sinne einwirken; was kann sich uns in der Gottesvorstellung widerspiegeln, die doch offensichtlich eine gegenstandslose Idee ist? Ist eine solche Vorstellung, fügt ihr hinzu, nicht ebenso unmöglich wie eine Wirkung ohne Ursache? Ist ein Abbild ohne Urbild etwas anderes als ein Hirngespinst? Einige Kirchenlehrer, so fahrt ihr fort, behaupten, die Gottesidee wäre den Menschen angeboren und ihnen vom Mutterleibe an mitgegeben. Aber das ist falsch, werdet ihr ihnen sagen; jedes Prinzip beruht auf einer Erkenntnis, jede Erkenntnis ist das Resultat einer Erfahrung, und Erfahrung läßt sich nur durch das Wirken der Sinne erlangen; woraus folgt, daß die religiösen Prinzipien sich offenbar auf nichts gründen und keineswegs angeboren sind. Wie, fahrt ihr fort, hat man vernünftigen Wesen einreden können, das am schwersten Verständliche wäre das für sie Wesentlichste? Deshalb, weil man sie heftig erschreckt hat; deshalb, weil man aufhört, vernünftig zu denken, wenn man Angst hat; deshalb, weil man ihnen vor allem geraten hat, ihrem Verstand zu mißtrauen, und deshalb, weil man, ist das Gehirn verwirrt, alles glaubt und nichts überprüft. Unwissenheit und Furcht, so sagt ihr ihnen dann noch, sind die beiden Grundpfeiler jeder Religion. Die Ungewißheit, in der der Mensch sich in bezug auf seinen Gott befindet, ist genau der Beweggrund, der ihn an seine Religion bindet. Der Mensch wird in der Finsternis von einer sowohl physischen als auch geistigen Angst ergriffen;

die Furcht wird ihm zur Gewohnheit und weiterhin zum Bedürfnis: Er würde meinen, ihm fehlte irgend etwas, hätte er nichts mehr zu hoffen oder zu fürchten. Anschließend kommt ihr auf die Vorzüge der Sittenlehre zurück: Gebt ihnen, was dieses große Thema angeht, lieber viele Beispiele, als ihnen Vorschriften zu machen, gebt ihnen eher Beweise als Bücher in die Hand, und ihr werdet gute Bürger aus ihnen machen, gute Krieger, Väter, Ehegatten; so werdet ihr Menschen heranbilden, die der Freiheit ihres Landes so eng verbunden sind, daß kein Gedanke an Knechtschaft ihnen einfallen, keine religiöse Furcht ihren Geist verwirren kann. Dann wird in den Seelen aller der wahre Patriotismus aurbrechen; in all seiner Kraft und Reinheit wird er dort herrschen, weil er zu der dominierenden Empfindung wird und weil keine fremdartigen Gedanken seine Kraft mehr schwächen; dann ist eure zweite Generation in Sicherheit, und euer Werk, durch sie gefestigt, wird das Gesetz des Universums werden. Aber, werden aus Angst oder Kleinmut diese Ratschläge nicht befolgt, läßt man die Grundmauern des Gebäudes bestehen, das man zerstört zu haben glaubte, was geschieht dann? Auf diesen Grundmauern wird man wieder aufbauen und dieselben monströsen Idole darauf errichten, mit dem grausamen Unterschied allerdings, daß sie diesmal so fest einzementiert sein werden, daß es weder eurer noch den folgenden Generationen gelingen wird, sie umzustürzen.

Es steht außer Zweifel, daß die Religionen die Wiege des Despotismus sind; der erste aller Tyrannen war ein Priester; der erste König und der erste Kaiser Roms, Numa und Augustus, verbündeten sich mit der Priesterkaste; Konstantin und Chlodwig waren eher Geistliche als Staatsoberhäupter; Heliogabal war Priester der Sonne. Zu allen Zeiten, in allen Jahrhunderten bestand zwischen Tyrannei und Religion ein so enger Zusammenhang, daß mehr als bewiesen ist: Wenn man das eine zerstört, muß man auch das andere unterminieren, aus dem wichtigen Grunde, weil das eine dem andern immer zur Macht verhelfen wird. Ich schlage indessen weder Blutbäder noch Anweisungen vor; all diese Greueltaten liegen meiner Seele zu fern, als daß ich es wagte, sie auch nur eine Minute in Betracht zu ziehen. Nein, mordet nicht und verweist niemanden des Landes: Diese Abscheulichkeiten sind die Mittel der Könige oder der Ruchlosen, die sie nachahmten; wenn ihr handelt wie sie, werdet ihr nicht erzwingen, daß man die verabscheut, die solche Abscheulichkeiten begingen. Laßt uns Gewalt nur bei den Götterbildern anwenden; die, die ihnen dienen, braucht man nur lächerlich zu machen: Der Sarkasmus Julians schadete der christlichen Religion mehr als alle Foltern Neros. Ja, zerstören wir für immer jede Gottesidee, und machen wir aus den Priestern Soldaten; einige sind es bereits; sie sollen sich mit diesem ehrenwerten republikanischen Beruf begnügen und uns in Zukunft weder etwas von ihrem Phantasiegebilde, noch von dessen erdichteter Religion erzählen, die unsere ganze Verachtung verdient. Den ersten dieser geweihten Scharlatane, der zu uns noch einmal von Gott oder Religion spricht, wollen wir dazu verurteilen, auf allen Märkten der größten Städte Frankreichs verhöhnt, lächerlich gemacht und mit Kot beworfen zu werden; und lebenslängliches Gefängnis soll die Strafe für den sein, der es sich zweimal zuschulden kommen läßt. Die schmählichsten Gotteslästerungen, die atheistischsten Schriften müssen ohne Einschränkung erlaubt werden, um in den Herzen und der Erinnerung der Menschen diese entsetzlichen Spielzeuge unserer Kindheit völlig auszurotten. Man veranstalte einen Wettbewerb für das Werk, das am besten geeignet ist, endlich die Europäer über einen so bedeutenden Gegenstand aufzuklären, und ein von der Nation gestifteter, ansehnlicher Preis sei die Belohnung dessen, der, nachdem er alles gesagt und alles bewiesen hat, seinen Landsleuten nurmehr eine Sichel zurückläßt, um all diese Hirngespinste zu zerschlagen, und ein aufrechtes Herz, um sie zu hassen. In sechs Monaten wird alles vorbei sein; euer niederträchtiger Gott wird sich in Nichts aufgelöst haben, und zwar ohne daß ihr aufgehört hättet, gerecht und ehrliebend zu sein, ohne daß ihr aufgehört hättet, das Schwert der Gesetze zu fürchten und anständige, gebildete Menschen zu sein, denn man wird einge&ehen haben, daß der wahre Freund des Vaterlandes sich nicht von Hirngespinsten leiten lassen darf wie der Sklave von Königen; kurz, man wird begriffen haben, daß weder die eitle Hoffnung auf eine bessere Welt, noch die Furcht vor größeren Übeln, als die Natur sie uns schickt, einen Republikaner lenken dürfen, dem die Tugend alleiniger Führer ist und der einzige Zügel das Gewissen.

Die Sitten

Nachdem ich nun aufgezeigt habe, daß der Theismus für eine republikanische Regierung ungeeignet ist, erscheint mir der Beweis notwendig, daß die französischen Sitten ihr ebenso wenig gemäß sind. Diese Ausrührungen sind deshalb so wesentlich, weil die Gesetze, die man verkünden wird, auf unseren Sitten beruhen werden.

 Franzosen, ihr seid zu aufgeklärt, um nicht zu erkennen, daß eine neue Staatsform neue Sitten erfordert; es ist unmöglich, daß der Bürger eines freien Staates sich wie der Sklave eines tyrannischen Königs beträgt, da die Verschiedenheit ihrer Interessen und Pflichten und des Verhältnisses zwischen beiden wesentlich ganz andere Verhaltensweisen in der Welt bedingen; eine Menge kleiner Fehler, kleiner gesellschaftlicher Vergehen, die unter der Herrschaft der Könige als sehr schwer angesehen wurden, da die Könige darauf achten mußten, Schranken zwischen sich und ihren Untertanen zu errichten, um als achtbar oder unnahbar zu gelten, werden jetzt nichtig. In einem republikanischen Staat, unter einer Regierung, die weder Könige noch Religion kennt, müssen andere Delikte, die unter den Begriff Königsmord oder Sakrileg fallen, ebenfalls getilgt werden. Bedenkt, Bürger, wenn ihr die Gewissens- und Pressefreiheit einführt, müßt ihr auch bis auf wenige Einschränkungen die Freiheit des Handelns gewähren, und ihr hättet, die Fälle ausgenommen, die die Grundlagen des Staates erschüttern, unendlich weniger Verbrechen zu bestrafen, denn in einer Gesellschaft, die auf Freiheit und Gleichheit basiert, gibt es im Grunde sehr wenige kriminelle Handlungen, und wenn man die Dinge gründlich prüft und untersucht, ist eigentlich nur das verbrecherisch, was das Gesetz verwirft; weil die Natur, da sie uns sowohl zu Lastern als auch zu Tugenden inspiriert, die sie uns mit Rücksicht auf unsere Körper- und Geistesbeschaffenheit eingibt oder, philosophischer ausgedrückt, mit Rücksicht auf das Bedürfnis, das sie nach dem einen oder anderen hat, weil die Natur, sage ich, ein sehr unisicheres Maß wäre, um mit Genauigkeit zu bestimmen, was gut oder schlecht ist. Aber, um meine Gedanken über ein so wesentliches Thema ganz klar darzulegen, werde ich die verschiedenen Handlungen im Leben eines Menschen, die man bis heute allgemein als kriminell bezeichnet hat, klassifizieren und sie anschließend an den wahren Pflichten eines Republikaners messen.

Zu allen Zeiten sind die Pflichten des Menschen unter den folgenden drei verschiedenen Aspekten betrachtet worden:

1. Solche, die ihm sein Gewissen und seine Leichtgläubigkeit gegenüber dem höchsten Wesen auferlegen;

2. Solche, die er seinen Brüdern gegenüber erfüllen muß;

3. Schließlich solche, die nur in Beziehung zu ihm selbst stehen.

Die für uns notwendige Gewißheit, daß kein Gott sich mit uns befaßt hat und daß wir von der Natur notwendig hervorgebrachte Geschöpfe sind wie die Pflanzen und Tiere, daß wir da sind, weil es unmöglich ist, daß wir nicht da sind, diese Gewißheit macht, wie man sieht, mit einem Schlag den ersten Bereich dieser Pflichten zunichte, ich meine die, für die wir uns fälschlich einer Gottheit gegenüber verantwortlich fühlen; mit ihnen verschwinden all die religiösen Vergehen, die unter so unpräzisen und vagen Bezeichnungen wie Gottlosigkeit, Sakrileg, Gotteslästerung, Atheismus usw. bekannt sind, kurz all die, welche Athen an Alkibiades und Frankreich an dem unglücklichen La Barre so ungerecht bestraften. Wenn es etwas Wahnwitziges auf der Welt gibt, so dieses, daß Menschen, die ihren Gott und das, was er fordern könnte, nur auf Grund ihrer eigenen, beschränkten Vorstellungen kennen, sich nichtsdestoweniger ein Urteil darüber anmaßen wollen, was das lächerliche Gespenst ihrer Phantasie zufriedenstellt oder erzürnt. Ich verlange also, daß man sich nicht darauf beschränkt, alle Religionen gleichberechtigt nebeneinander bestehen zu lassen; vielmehr verlange ich die Freiheit, sich über alle Religionen lustig zu machen oder alle zu verspotten; die Menschen, die sich in irgendeinem Gotteshaus versammeln, um nach ihrem Brauch den Ewigen anzurufen, sollten wie Komödianten in einem Theater betrachtet werden, bei deren Spiel es jedem erlaubt ist zu lachen. Betrachtet man die Religionen nicht aus diesem Blickwinkel, werden sie den Charakter einer ernstzunehmenden Weltsicht und damit ihre Bedeutung wiedererlangen, und sobald man sich mit den Religionen wieder auseinandersetzt, wird man sich auch wieder für sie erwärmen;

Jedes Volk behauptet, seine Religion sei die beste und stützt sich, um dem Überzeugungskraft zu verleihen, auf eine Unzahl von nicht nur untereinander nicht übereinstimmenden, sondern auch fast immer in sich widersprüchlichen Beweise. Angesichts unserer völligen Unwissenheit, welche dieser Religionen Gott gefallen könne, angenommen, es gäbe einen Gott, müssen wir, wenn wir klug sind, sie entweder alle auf die gleiche Weise schützen oder alle gleicherweise verbieten. Und sie abzuschaffen ist wahrhaftig das sicherste Mittel, da wir ja die Gewißheit haben, daß jede Religion nur ein Mummenschanz ist und keine mehr als die andere einem Gott gefallen kann, der nicht existiert.

und das Prinzip der Gleichheit, das durch die Begünstigung oder den Schutz, den man einer von ihnen gewährt, aufgehoben wird, wird bald auch aus der Regierung verschwinden; und ist einmal die Theokratie wieder eingeführt, wird bald auch die Aristokratie wieder aufleben. Ich kann also nicht oft genug wiederholen: Schluß mit den Göttern, Franzosen, Schluß mit den Göttern, wenn ihr nicht wollt, daß ihre unheilvolle Macht euch bald abermals in die Schrecken des Despotismus stürzt; nur indem ihr sie verspottet, vernichtet ihr sie; alle Gefahren, die sie als Folge nach sich ziehen, tauchen sogleich in Massen wieder auf, wenn ihr sie verdrossen bekämpft und sie zu ernst nehmt. Reißt die Götterbilder nicht im Zorn nieder; zermalmt sie im Spiel, und die öffentliche Meinung fällt von selbst um.

Ich hoffe, das genügt, um zu beweisen, daß kein Gesetz gegen religiöse Vergehen erlassen werden darf, weil der, der ein Hirngespinst beleidigt, nichts beleidigt, und daß es ein Zeichen äußerster Inkonsequenz wäre, diejenigen zu bestrafen, die eine Religion mit Füßen treten oder verachten, deren Vorrang vor anderen durch nichts klar bewiesen ist; das hieße doch notwendigerweise Partei ergreifen und folglich die Waage der Gleichheit stören, das oberste Gesetz eurer neuen Regierungsform.

Kommen wir nun zum zweiten Bereich der Pflichten des Menschen, auf die nämlich, die ihn mit seinesgleichen verbinden; diese Kategorie ist zweifellos die umfangreichste.

Die christliche Sittenlehre ist so unbestimmt in bezug auf das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitmenschen und stellt Grundsätze auf, die so voller Trugschlüsse sind, daß es uns unmöglich ist, sie zu akzeptieren, denn, will man ein Gebäude von Prinzipien errichten, muß man sich hüten, ihm ein Fundament von Trugschlüssen zu geben. Diese vernunftwidrige Lehre verlangt von uns, wir sollten unseren Nächsten wie uns selbst lieben. Sicherlich wäre nichts großartiger, wenn es möglich wäre, daß etwas Falsches die Züge der Schönheit tragen kann. Aber es kommt nicht darauf an, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, da das allen Gesetzen der Natur zuwiderläuft und da ihre Eingebung allein alle Handlungen unseres Lebens lenken muß; es handelt sich nur darum, unsere Mitmenschen wie Brüder zu lieben, wie Freunde, die die Natur uns schenkt und mit denen wir in einem republikanischen Staat um so besser leben müssen, als das Verschwinden der Standesunterschiede die Bande notwendig enger knüpft. Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Barmherzigkeit sollen uns demzufolge unsere Pflichten vorschreiben, und wir wollen sie individuell mit dem Grad Entschiedenheit erfüllen, den die Natur uns in diesem Punkt verliehen hat, ohne die zu tadeln und vor allem, ohne die zu bestrafen, die, kälter oder schwarzgalliger als andere, in diesen gleichwohl so ergreifenden Banden nicht alle die Annehmlichkeiten verspüren, die andere in ihnen antreffen; denn man wird zugeben, daß hier ein greifbarer Widersinn bestünde, wenn man allgemeingültige Gesetze vorschreiben wollte; eine solche Verfahrensweise wäre ebenso lächerlich wie die eines Armeegenerals, der seine Soldaten alle mit einem nach denselben Maßen angefertigten Gewand bekleiden würde; es ist eine fürchterliche Ungerechtigkeit zu fordern, daß Menschen von verschiedenartiger Wesensart sich gleichen Gesetzen beugen: Was für den einen paßt, paßt für den andern noch lange nicht. Ich sehe ein, man kann nicht so viele Gesetze machen, wie es Menschen gibt; aber die Gesetze könnten so mild und von so geringer Zahl sein, daß alle Menzu strafen. Es ist erwiesen, daß es manche Tugend gibt, deren Ausübung gewissen Menschen unmöglich ist, ebenso wie es manches Heilmittel gibt, das mancher Leibesbeschaffenheit nicht zuträglich sein kann. Also, welch ein Gipfel der Ungerechtigkeit wäre es, wenn man jemanden mit dem Gesetz bestrafte, dem es unmöglich ist, sich dem Gesetz zu beugen! Gliche die schwere Ungerechtigkeit, die ihr damit begehen würdet, nicht jener, der ihr euch schuldig machtet, wenn ihr einen Blinden zwingen wolltet, Farben zu unterscheiden? Aus diesen obersten Grundsätzen leitet sich, wie man sieht, die Notwendigkeit ab, milde Gesetze zu machen, und vor allem, die Abscheulichkeit der Todesstrafe für immer aus der Welt zu schaffen, weil das Gesetz, das sich an dem Leben eines Menschen vergreift, unausführbar, ungerecht, unzulässig ist. Es ist nicht so, das werde ich gleich erläutern, daß es nicht unendlich viele Fälle gäbe, in denen die Menschen, ohne die Natur zu kränken (und das werde ich beweisen) von dieser Mutter aller Menschen die völlige Freiheit erhalten hätten, sich gegenseitig nach dem Leben zu trachten, aber unmöglich ist, daß das Gesetz das gleiche Vorrecht erhalten könnte, weil das Gesetz, selbst ohne Empfindung, zu den Leidenschaften keinen Zugang haben kann, die in den Menschen die grausame Tat des Mordes rechtfertigen; der Mensch empfängt von der Natur die Impulse, die eine solche Handlung entschuldigen, das Gesetz hingegen, das immer im Widerspruch zur Natur steht und nichts von ihr empfängt, kann nicht bevollmächtigt werden, sich die gleichen Ausschweifungen zu erlauben: Da es nicht dieselben Antriebe hat, kann es unmöglich dieselben Rechte haben. Das sind einige philosophische und subtile Unterscheidungen, die vielen Leuten entgehen, weil sehr wenige Leute nachdenken; aber von den gebildeten Mengchen, an die ich mich wende, werden sie akzeptiert werden, und ich hoffe, sie beeinflussen das neue Gesetzbuch, das für uns vorbereitet wird.

Der zweite Grund für die Abschaffung der Todesstrafe ist der, daß sie dem Verbrechen noch nie Einhalt geboten hat, da es ja jeden Tag am Fuße des Schafotts begangen wird. Kurz, diese Strafe muß abgeschafft werden, weil es keine schlechtere Rechnung gibt als die, einen Menschen deswegen sterben zu lassen, weil er einen anderen getötet hat, da sich doch offensichtlich aus diesem Verfahren ergibt, daß es statt eines Menschen weniger mit einem Schlag zwei weniger gibt, und weil nur Henkern oder Dummköpfen eine solche Rechenkunst einleuchten kann. Wie dem schließlich auch sei, die Missetaten, die wir unseren Brüdern gegenüber begehen können, lassen sich in vier Hauptgruppen zusammenfassen:

Verleumdung, Diebstahl, durch Unzucht verursachte Vergehen, die den andern in unangenehmer Weise gleichkommen können, und Mord.

Sind all diese Taten, die in einer Monarchie als Kapitalverbrechen betrachtet werden, in einer Republik ebenso schwerwiegend? Wir werden das mit der Fackel der Philosophie untersuchen, denn allein in ihrem Licht darf eine solche Prüfung unternommen werden. Man beschuldige mich nicht, ein gefährlicher Neuerer zu sein; man sage mir nicht, es wäre riskant, Die Gewissensbisse in der Seele der Übeltäter abzustumpfen, wie es diese Schrift vielleicht tun wird; man sage nicht, es würde größter Schaden angerichtet, weil die Milde meiner Sittenlehre den Hang, den die Übeltäter zu Verbrechen haben, verstärke: Ich bezeuge hier ausdrücklich, keine dieser perversen Absichten zu verfolgen; ich lege Gedanken dar, die sich seit meiner Verstandesreife in mir herangebildet haben und deren Verbreitung sich der abscheuliche Despotismus der Tyrannen seit Jahrhunderten widersetzt hat; was scheren mich jene Menschen, die nur das Schlechte in philosophischen Lehren erfassen können, die sich durch alles verderben lassen würden. Wer weiß, ob sie nicht vielleicht bei der Lektüre Senecas und Charrons verdorben würden! Zu ihnen spreche ich nicht: Ich wende mich nur an Menschen, die fähig sind, mich zu verstehen, und sie werden mich ohne Gefahr lesen.

Ich gestehe mit der äußersten Offenheit, ich habe die Verleumdung nie für etwas Böses gehalten, vor allem in einer Regierungsform wie der unsrigen nicht, in der alle Menschen enger aneinander gebunden und einander viel näher sind, also offensichtlich ein größeres Interesse haben, sich gut zu kennen. Entweder — oder: entweder die Verleumdung trifft einen wirklich verdorbenen Menschen, oder sie fällt über ein tugendhaftes Wesen her. Man wird zugeben, im ersten Fall wird es fast gleichgültig, daß man ein bißchen mehr Schlechtes von einem Menschen erzählt, der bekannt dafür ist, viel Schlechtes zu tun; vielleicht gibt dann sogar das Böse, das nicht existiert, Aufklärung über das, was ist, und dann ist der Übeltäter besser bekannt.

Angenommen, in Hannover wäre das Wetter ungesund, und ich liefe, wenn ich mich der Unfreundlichkeit dieses Klimas aussetzte, keine andere Gefahr als die, mir einen Fieberanfall zu holen, könnte ich dann dem Menschen böse sein, der, um mich daran zu hindern dahinzufahren, mir sagte, man stürbe dort, sobald man ankäme? Nein, zweifellos nicht; denn, indem er mich durch ein großes Übel abgeschreckt hat, hat er mich davor bewahrt, ein kleines zu erleiden.

Trifft die Verleumdung hingegen einen tugendhaften Menschen, so braucht er sich deswegen nicht zu beunruhigen: Er lasse sich sehen, und die ganze Bosheit des Verleumders fällt bald auf diesen selbst zurück. Die Verleumdung ist für solche Leute nur eine Art reinigender Abstimmung, aus der ihre Tugend um so leuchtender hervorgeht. Es ergibt sich hier sogar ein Gewinn für die Gesamtheit der Tugenden der Republik; denn dieser tugendhafte und empfindsame Mensch wird sich, durch die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit gereizt, bemühen, es nun noch besser zu machen; er wird diese Verleumdung, vor der er sich sicher glaubte, wettmachen wollen, und seine edlen Taten werden sich um noch einen Grad moralisch vervollkommnen. So wird der Verleumder im ersten Falle recht gute Wirkungen erzielt haben, indem er die Laster eines gefährlichen Menschen größer erscheinen ließ; im zweiten Falle hat er ausgezeichnete erzielt, weil er die Tugend genötigt hat, sich uns ganz vollkommen darzubieten. Also, frage ich jetzt, in welcher Hinsicht sollte ein Verleumder zu fürchten sein, vor allem in einem Staat, in dem es so wesentlich ist, die Bösen zu kennen und die Kraft der Guten zu vergrößern. Man hüte sich also davor, irgendeine Strafe gegen Verleumdung auszusprechen; betrachten wir sie unter dem doppelten Aspekt eines Fanals und eines Ansporns, auf jeden Fall als etwas sehr Nützliches. Der Gesetzgeber, dessen Gedanken alle so groß sein müssen, wie das Werk, an dem er arbeitet, sollte nie die Auswirkungen eines Vergehens prüfen, das nur ein Individuum trifft; er sollte vielmehr seine Auswirkung auf die Masse untersuchen,und wenn er auf diese Weise die Wirkungen der Verleumdung beobachtet, wird er, wette ich, darin nichts Strafbares entdecken; ich wette, daß er dem Gesetz, das Verleumdung unter Strafe stellte, nicht den kleinsten Anschein von Gerechtigkeit geben könnte; er wird hingegen der gerechteste und redlichste Mensch, wenn er sie begünstigt oder sie belohnt.

Der Diebstahl ist das zweite der sittlichen Vergehen, dessen Untersuchung wir uns vorgenommen haben. Durchstreifen wir das Altertum, so werden wir gewahr, daß der Diebstahl in allen Republiken Griechenlands erlaubt war und belohnt wurde; Sparta begünstigte ihn öffentlich; einige andere Völker haben ihn als kriegerische Tugend angesehen; es steht fest, er erhält den Mut, die Kraft, die Geschicklichkeit, kurz alle die Tugenden, die einer republikanischen Regierung und folglich der unseren von Vorteil sind. Ich wage zu fragen, ohne Parteilichkeit jetzt, ob der Dicbstahl, der eine Angleichung der Reichtümer bewirkt, in einer Regierung, deren Ziel die Gleichheit ist, ein großes Übel ist. Nein, zweifellos nicht; denn so wie er einerseits die Gleichheit aufrechterhält, regt er andererseits dazu an, sein Eigentum besser zu hüten. Es gab ein Volk, das nicht den Dieb bestrafte, sondern den, der sich bestehlen ließ, um ihn zu lehren, seine Besitztümer zu hüten. Das führt uns zu umfassenderen Überlegungen.

Gott verhüte, daß ich hier den Eid auf die Achtung des Eigentums angreife oder zerstöre, den die Nation gerade abgelegt hat; aber mir werden doch einige Gedanken über die Ungerechtigkeit dieses Eides gestattet sein? Welches ist der Sinn des von allen Individuen einer Nation geleisteten Eides? Ist es nicht der, eine vollkommene Gleichheit unter den Bürgern aufrechtzuerhalten, sie alle gleich unter das Gesetz vom Schutz des Eigentums aller zu stellen? Aber jetzt frage ich euch, ob wohl ein Gesetz gerecht ist, das dem, der nichts hat, befiehlt, den zu schonen, der alles hat. Welches sind denn die wesentlichen Bestandteile des Sozialvertrages? Besteht er nicht darin, daß man ein wenig von seiner Freiheit und seinem Eigentum abgibt, um zu bewahren und zu erhalten, was man' von dem einen und dem anderen behält?

Alle Gesetze basieren auf diesen Grundsätzen; sie sind der Grund für die Strafen, die über den verhängt werden, der seine Freiheit mißbraucht; sie rechtfertigen ebenso die Steuern; das bewirkt, daß ein Bürger keinen Einspruch erhebt, wenn man sie von ihm fordert, weil er weiß, daß man ihm mittels dessen, was er gibt, das erhält, was ihm bleibt; aber noch einmal, mit welchem Recht soll sich der, der nichts hat, einem Vertrag fügen, der nur den schützt, der alles hat? Wenn ihr einen Rechtsakt vollzieht, in dem ihr durch euren Eid das Eigentum der Reichen schützt, begeht ihr dann nicht eine Ungerechtigkeit, indem ihr diesen Eid auf den „Schutz des Eigentums" von jemandem fordert, der nichts hat? Welches Interesse hat dieser an eurem Eid? Und warum wollt ihr, daß er etwas verspricht, was allein für den von Vorteil ist, der sich von ihm durch seine Reichtümer so sehr unterscheidet? Es gibt sicherlich nichts Ungerechteres: Ein Eid muß auf alle Individuen, die ihn ablegen, die gleiche Wirkung ausüben; es geht nicht an, daß er den unterjocht, der kein Interesse an seiner Aufrechterhaltung hat, weil er dann nicht mehr der Vertrag eines freien Volkes wäre: Er wäre die Waffe des Starken gegen den Schwachen, der sich gegen jenen unausgesetzt empören müßte; und genau das widerfährt dem Eid auf die Achtung des Eigentums, den die Nation soeben gefordert hat; allein der Reiche kettet den Armen daran, allein der Reiche ist Nutznießer des Eides, den der Arme mit so viel Unbedachtsamkeit leistet, daß er nicht erkennt, daß er sich mittels dieses, seiner Gutgläubigkeit abgezwungenen Eides verpflichtet, etwas zu tun, was man ihm gegenüber nicht tun kann.

Seid ihr also von dieser grausamen Ungleichheit überzeugt, wie ihr es sein müßt, so verschlimmert denn eure Ungerechtigkeit nicht, indem ihr den, der nichts hat, bestraft, weil er gewagt hat, dem, der alles hat, etwas zu entwenden: Euer ungerechter Eid gibt ihm mehr als je das Recht dazu. Weil ihr ihn durch diesen für ihn unsinnigen Eid zum Meineid verleitet, legitimiert ihr alle Verbrechen, zu denen dieser Meineid ihn veranlaßt; es kommt euch also nicht mehr zu, das zu bestrafen, für das ihr die Ursache gewesen seid. Mehr brauche ich nicht zu sagen, um euch die entsetzliche Grausamkeit erkennen zu lassen, die in der Bestrafung von Dieben liegt. Bildet das kluge Gesetz des Volkes nach, von dem ich soeben gesprochen habe; verhängt eine leichte Strafe über den Menschen, der sich hat bestehlen lassen, aber bestraft den nicht, der stiehlt; bedenkt, daß euer Eid ihn zu dieser Tat berechtigt, und daß der, der sie begeht, nichts anderes getan hat, als dem ersten und klügsten Trieb der Natur Folge zu leisten, nämlich dem, seine eigene Existenz zu erhalten, ganz gleich auf wessen Kosten.

Die Vergehen, die wir in der zweiten Kategorie der Pflichten des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen untersuchen müssen, bestehen aus den Taten, zu denen die sexuelle Ausschweifung Anlaß geben kann; unter ihnen scheinen besonders Prostitution, Ehebruch, Blutschande, Notzucht und Sodomie die Rechte des Nächsten zu beeinträchtigen. Wir dürren jedoch keinen Augenblick in Zweifel ziehen, daß alles, was Vergehen gegen die Sittlichkeit genannt wird, das heißt all die oben zitierten Handlungen, in einem Staate moralisch indifferent sind, dessen einzige Aufgabe darin besteht, mit welchen Mitteln auch immer die zu seinem Bestehen wesentlich nötige Form zu bewahren: Das ist die einzige Moral einer republikanischen Verfassung. Da sie nun aber von den Despoten, die unseren Staat umgeben, bekämpft wird, kann man sich logischerweise nicht vorstellen, daß die Mittel, die zum Schütze unserer Verfassung anzuwenden sind, moralische Mittel sein könnten; denn sie schützt sich nur durch den Krieg, und nichts ist weniger moralisch als der Krieg. Nun frage ich, wie man beweisen können will, daß es in einem durch seine Verpflichtungen unmoralischen Staate wichtig sei, daß die Menschen moralisch seien. Ich gehe weiter: Es ist gut, wenn sie es nicht sind. Die Gesetzgeber Griechenlands hatten genau begriffen, wie wichtig und nötig es sei, die Staatsbürger zu verderben, damit sich ihre unmoralische Zügellosigkeit auf die dem Staatsapparat nützliche Zügellosigkeit auswirke. Daraus ergab sich der Geist des Aufruhrs, der für einen Staat unbedingt vonnöten ist, in dem man so völlig glücklich lebt wie in dem republikanischen und der deshalb notwendig den Haß und die Mißgunst all der Staaten erregen muß, die ihn umgeben. Der Geist des Aufruhrs, dachten diese klugen Gesetzgeber, ist keineswegs ein moralischer Zustand; er muß dennoch der Dauerzustand einer Republik sein; es wäre also ebenso unsinnig wie gefährlich, zu fordern, daß die, welche die fortwährende unmoralische Erschütterung des Staatsapparates unterstützen sollen, selbst sehr moralische Wesen sind, denn der moralische Zustand eines Menschen ist ein Zustand des Friedens und der Ruhe, wohingegen sein unmoralischer Zustand ein Zustand unaufhörlicher Unruhe ist, der ihn in die Nähe des notwendigen Aufruhrs bringt, eines Zustandes also, in dem ein Republikaner den Staat, dessen Mitglied er ist, ständig halten muß.

Aber gehen wir nun etwas in die Einzelheiten und beginnen wir mit der Analyse der Schamhaftigkeit, dieses den unkeuschen Leidenschaften völlig entgegengesetzten, kleinmütigen Gefühls. Hätte es in dem Willen der Natur gelegen, daß der Mensch züchtig sei, hätte sie ihn sicherlich nicht nackt erschaffen; eine Unzahl von Völkern, die weniger als wir durch die Zivilisation verdorben sind, laufen nackt herum und empfinden deswegen keine Scham; es besteht kein Zweifel darüber, daß die Unfreundlichkeit des Klimas und die Gefallsucht der Frauen der einzige Grund für die Sitte, sich zu bekleiden, war; sie empfanden, daß sie sich bald um die Früchte der Begierde bringen würden, wenn sie ihnen entgegenkämen, anstatt sie wachsen zu lassen; sie meinten, daß sie sich, da die Natur sie auch nicht ohne Fehler geschaffen hatte, viel besser aller Mittel zu gefallen versicherten, wenn sie diese Fehler durch Schmuck verbärgen; so war also die Sdiamhaftigkeit durchaus keine Tugend, sondern eine der ersten Auswüchse der Verdorbenheit, eines der ersten Mittel der Gefallsucht der Frauen.

Lykurg und Solon, die sehr wohl durchschaut hatten, daß die Auswirkungen der Schamlosigkeit den Bürger in dem den Gesetzen des republikanischen Staates unerläßlichen Zustand der Unmoral hielten, zwangen die jungen Mädchen, sich nackt auf dem Theater zu zeigen.

Man hat gesagt, die Gesetzgeber beabsichtigten, indem sie die Leidenschaft, die Männer für ein nacktes Mädchen verspüren, abstumpften, die Leidenschaft zu steigern, die die Männer manchmal für ihr eigenes Geschlecht empfinden. Diese Weisen ließen zur Schau stellen, wessen man überdrüssig werden sollte, und ließen verbergen, was sie für geeignet hielten, süßeres Begehren zu erregen. Arbeiteten sie nicht auf jeden Fall an der von uns beschriebenen Aufgabe? Wie man sieht, empfanden sie, wie unerläßlich die Unmoral für die republikanischen Sitten ist.

Rom ahmte dieses Beispiel bald nach: Zu den floralischen Festen tanzte man nackt; die meisten heidnischen Mysterien wurden so gefeiert; bei einigen Völkern galt die Nacktheit sogar als Tugend. Wie dem auch sei, die Schamhaftigkeit gebiert die Neigung zur Geilheit; und die angeblichen Verbrechen, die wir untersuchen, deren erste Auswirkung die Prostitution ist, gehen aus dieser Neigung hervor. Jetzt, da wir eine Unmenge religiöser Irrtümer erkannt haben, die uns in ihren Banden hielten, da wir so viele Vorurteile überwunden haben, die uns der Natur entfremdeten, hören wir nur noch auf die Stimme der Natur und wissen, daß, wenn es überhaupt so etwas wie Verbrechen gibt, diese vielmehr darin bestehen, die Neigungen, welche die Natur uns eingibt, zu bekämpfen, und daß, da die Geilheit eine Folge dieser Neigungen ist, es sich weniger darum handeln kann, diese Leidenschaft in uns zu ersticken, als vielmehr die Möglichkeit zu schaffen, ihr in Frieden zu frönen. Wir sollten also unsere Anstrengung darauf richten, in diesem Bereich Ordnung zu schaffen und für die nötige Sicherheit zu sorgen, damit der Bürger, den der Trieb zu Objekten der Lüsternheit treibt, sich mit diesen Objekten allen Ausschweifungen hingeben kann, die seine Leidenschaften ihm vorschreiben, ohne durch irgend etwas gehindert zu werden; denn es gibt keine menschliche Leidenschaft, die stärker des ganzen Ausmaßes der Freiheit bedürfte als diese. In den Städten sollten verschiedene Plätze eingerichtet werden, die gesund, weitläufig, angemessen möbliert und in jeder Hinsicht sicher sind; dort würden alle Geschlechter, alle Altersstufen, alle Geschöpfe den Launen der Libertins dargeboten, die kämen, um sich zu erlustigen; und völlige Unterordnung wäre die wichtigste Vorschrift für alle angebotenen Individuen; die kleinste Weigerung würde von dem, der sie erfahren hat, sofort nach eigenem Ermessen bestraft. Dies muß ich noch erklären, es in Zusammenhang mit den republikanischen Sitten darlegen, da ich allenthalben die gleiche Logik versprochen habe. Ich werde Wort halten.

Wenn, wie ich gesagt habe, keine Leidenschaft des vollen Umfangs der Freiheit stärker bedarf als diese, so ist auch zweifellos keine so despotisch; hier liebt der Mensch zu befehlen. Gehorsam zu finden, sich mit Sklaven zu umgeben, die gezwungen sind, ihn zu befriedigen; und wenn man dem Menschen nicht die geheime Möglichkeit gibt, das Maß Herrschsucht auszuleben, das die Natur auf den Grund seines Herzens gelegt hat, wird er gezwungen, sie an den Wesen, die ihn umgeben, auszulassen, wird er den Staat gefährden. Wollt ihr diese Gefahr vermeiden, so gestattet also eine freie Entfaltung dieser Herrschbegierden, die ihm, ohne sein Zutun, unaufhörlich zusetzen; zufrieden, seine kleine Souveränität in einem Harem von Itschoglanen oder Sultaninnen, den eure Fürsorge und sein Geld ihm zur Verfügung stellen, ausgeübt zu haben, wird er befriedigt herauskommen und kein Bedürfnis empfinden, eine Staatsordnung zu stören, die ihm so entgegenkommend alle Mittel zur Befriedigung seiner Wollust zur Verfügung stellt; verfahrt ihr hingegen anders und legt diesen Objekten öffentlicher Geilheit die lächerlichen Fesseln an, welche der ministerielle Despotismus und die Lüsternheit unserer Sardanapale

Es ist bekannt, daß der niederträchtige und ruchlose Sartine Ludwig XV. Lüsternheit stimulierte, indem er ihm dreimal wöchentlich von der Dubarry intime und von ihm ausgeschmückte Einzelheiten von all dem vorlesen ließ, was in den schlechten Häusern von Paris vor sich ging. Diese Abart der Ausschweifung des französischen Nero kostete den Staat drei Millionen!

einst erfanden, so wird der Mensch bald gegen euren Staat aufgebracht und auf den Despotismus, den er euch allein ausüben sieht, neidisch sein, er wird das Joch abschütteln, das ihr ihm auferlegt, und wird, eurer Art ihn zu regieren überdrüssig, die Regierungsform ändern, wie er es doch gerade erst getan hat.

Betrachten wir doch, wie die griechischen Gesetzgeber, die von der Richtigkeit solcher Überlegungen überzeugt waren, die Ausschweifung in Sparta und Athen behandelten; sie ließen den Bürger sich an ihnen berauschen, anstatt sie zu verbieten; keine Art sexuellen Genusses war verboten, und Sokrates, den das Orakel zum weisesten Philosophen der Erde erklärt hatte, wechselte aus Aspasiens Armen unbekümmert in die des Alkibiades und blieb doch der Stolz Griechenlands. Ich gehe noch weiter, mögen auch meine Vorstellungen noch so sehr im Gegensatz zu unseren heutigen Sitten stehen: Da es meine Absicht ist, zu beweisen, daß wir schleunigst unsere Bräuche ändern müssen, wenn wir unsere Staatsform beibehalten wollen, werde ich versuchen, euch zu überzeugen, daß die Prostitution von Frauen, die man gemeinhin anständig nennt, nicht gefährlicher ist als die der Männer. Nicht nur sollten wir diese Frauen an den Ausschweifungen in den von mir geforderten Häusern teilnehmen lassen, sondern sogar speziell Häuser für sie einrichten, in denen sie ihre Launen und die in ihnen angelegten Triebe, die doch viel heftiger sind als die unsrigen, ebenso mit allen Geschlechtem befriedigen könnten.

Erst einmal, mit welchem Recht verlangt ihr, daß die Frauen an der blinden Unterwerfung nicht teilhaben sollten, die die Natur ihnen unter die Launen der Männer vorschreibt, und dann, mit welchem anderen Recht verlangt ihr, daß sie sich einer Enthaltsamkeit unterzögen, die für ihren Körper unmöglich und für ihre Ehre völlig überflüssig ist?

Ich werde jede dieser beiden Fragen gesondert behandeln.

Es ist unbestreitbar, daß Frauen im Naturzustand vulgivag geboren werden, das heißt, sie genießen die Vorteile aller anderen tierischen Weibchen und gehören wie diese ohne Ausnahme allen männlichen Tieren; so sahen zweifellos die ersten Gesetze der Natur und die Ordnung der ersten Menschenansammlungen aus. Eigennutz, Egoismus und Liebe verdarben diese ersten so schlichten und natürlichen Ansichten; man wollte sich bereichern, indem man eine Frau und mit ihr das Vermögen ihrer Familie nahm;

damit waren also die ersten beiden genannten Gefühle befriedigt; noch häufiger entführte man eine Frau und band sich gefühlsmäßig an sie; das war der zweite Beweggrund — in jedem Falle war Ungerechtigkeit das Resultat. Niemand kann sich ein freies Wesen zueigen machen; es ist so ungerecht, eine Frau ausschließlich zu besitzen, wie es ungerecht ist, Sklaven zu besitzen; alle Menschen sind frei geboren, alle sind vor dem Gesetz gleich: Verlieren wir diese Grundsätze nie aus den Augen. Es kann demnach einem Geschlecht nie das Recht zugestanden werden, sich des andern ausschließlich zu bemächtigen, und nie kann ein Geschlecht oder eine Klasse willkürlich über das oder die andere verfügen. Den reinen Gesetzen der Natur zufolge kann sich auch eine Frau nicht jemandem, der sie begehrt, unter dem Vorwand verweigern, sie liebe einen andern; denn eine solche Verweigerung würde zur Ausschließlichkeit führen, und wenn wir uns einig sind, daß jede Frau uneingeschränkt allen Männern gehört, darf kein Mann vom Besitz einer Frau ausgeschlossen werden. Nur einen unbeweglichen Gegenstand oder ein Tier kann man sich aneignen, niemals aber ein Wesen, das uns gleicht; und alle Bande, die eine Frau an einen Mann ketten können, sind, welcher Art sie auch immer sein mögen, ebenso widerrechtlich wie phantastisch.

Wenn also unbestreitbar ist, daß die Natur uns das Recht verliehen hat, ausnahmslos alle Frauen zu begehren, so ist gleichfalls unbestreitbar, daß wir das Recht haben, sie zu zwingen, uns zu Willen zu sein, und zwar nicht ausschließlich, das widerspräche dem, was ich oben gesagt habe, sondern für den Augenblick.

Man sage nicht, ich widerspräche mir hier, da ich weiter oben behauptet habe, wir hätten kein Recht, eine Frau an uns zu binden, und jetzt höbe ich diesen Grundsatz wieder auf, wenn ich sagte, wir hätten das Recht, sie zu zwingen; ich wiederhole, daß es sich hier nur um sinnlichen Genuß, nicht um Eigentum handelt; ich habe keinen Eigentumsanspruch auf die Quelle, die an meinem Wege liegt, aber ich habe bestimmt das Recht, mir durch sie einen Genuß zu verschaffen; ich habe das Recht, ihr klares Wasser zu benutzen, das sie gegen meinen Durst bereithält; ebenso habe ich keinen rechtlichen Eigentumsanspruch auf diese oder jene Frau, aber ich habe unbestreitbar das Recht, mir durch sie einen Genuß zu verschaffen; ich habe das Recht, sie zur Unterwerfung zu zwingen, wenn sie mir diesen Genuß aus irgendeinem Grunde verweigert.

Es ist unbestreitbar, daß wir das Recht haben, Gesetze zu schaffen, die die Frau zwingen, dem zu Willen zu sein, der sie begehrt; und da die Gewalt eine der Auswirkungen dieses Rechtes ist, können wir sie also legal anwenden. Und hat die Natur nicht bewiesen, daß wir dieses Recht haben, als sie uns die nötige Kraft mitgab, Frauen gefügig zu machen?

Vergeblich führen die Frauen Scham oder die Bindung an andere Männer zu ihrer Verteidigung an, solche phantastischen Einwände sind nichtig; wir haben weiter oben gesehen, daß Schamhaftigkeit ein unnatürliches und verächtliches Gefühl ist. Die Liebe, die man den Wahnsinn der Seele nennen könnte, legitimiert die Treue nicht mehr; da die Liebe nur zwei Individuen befriedigt, die Geliebte und den Liebhaber, kann sie zum Glück der andern nicht beitragen; die Frauen sind uns jedoch für das Glück aller und nicht für ein egoistisches, privilegiertes Glück gegeben. Alle Männer haben also das gleiche Recht auf den Genuß aller Frauen; es gibt keinen Mann, der gemäß den Gesetzen der Natur ein alleiniges und persönliches Anrecht auf eine Frau besäße. Das Gesetz, das sie zwingt, sich in den Lusthäusern, von denen die Rede war, zu prostituieren, sooft wir wollen, dieses Gesetz, das sie bestraft, wenn sie dagegen verstoßen, ist also durchaus gerecht, und es gibt keinen legitimen oder berechtigten Einwand, den man dagegen ins Feld führen könnte.

Wenn die Gesetze, die ihr verkündet, gerecht sind, kann also ein Mann, der irgendeine Frau oder ein Mädchen begehrt, diese auffordern lassen, sich in einem der Häuser einzufinden, von denen ich gesprochen habe; und dort wird sie ihm unter der Aufsicht der Matronen dieses Venustempels ausgeliefert sein, um ihm demütig und gefügig in allem zu Willen zu sein, was seine Launen ihm mit ihr zu treiben eingeben mögen, wie seltsam und absonderlich diese Launen auch sein mögen; denn es gibt keine sexuelle Absonderlichkeit,  die nicht natürlich und von der Natur zugelassen wäre. Man müßte also nur noch eine Altersgrenze bestimmen; nun behaupte ich aber, man kann das Alter nicht restlegen, ohne die Freiheit dessen einzuschränken, der ein Mädchen dieses oder jenes Alters begehrt. Wer das Recht hat, die Frucht eines Baumes zu essen, kann sie doch zweifellos reif oder grün pflücken, wie es seinem Geschmack entspricht. Aber, wird man einwenden, es gibt ein Alter, in dem der Verkehr mit einem Mann der Gesundheit eines Mädchens schaden muß! Diese Überlegung ist wertlos; denn sobald man den Anspruch auf Genuß zugibt, ist dieser Anspruch unabhängig von den Auswirkungen des Genusses; von diesem Augenblick an ist es gleichgültig, ob der Genuß dem Wesen, das genossen wird, zum Nutzen oder Schaden gereicht. Habe ich nicht bereits bewiesen, daß es legal ist, den Willen einer Frau in dieser Hinsicht zu brechen, und daß sie, sobald sie Begehren erregt, dieses Begehren ohne jede Rücksicht auf ihr egoistisches Gefühl befriedigen muß? Das gleiche gilt von der Gesundheit. Sobald die Rücksicht, die man auf sie nimmt, die Lust dessen, der ein Mädchen begehrt und der das Recht hat, von ihm Besitz zu ergreifen, vergehen läßt oder schwächt, wird diese Rücksicht hinfällig, weil es sich in dieser Untersuchung keineswegs darum handelt, was das Wesen erdulden mag, das von Natur und Gesetz dazu verurteilt ist, für einen Augenblick die Gelüste eines andern zu befriedigen, sondern nur darum, was dem Begehrenden zukommt. Und wir werden die Waage schon wieder ins Gleichgewicht bringen.

Ja, wir werden das Gleichgewicht wieder herstellen, das sind wir den Frauen schuldig; wir sind den Frauen, die wir so grausam unterjocht haben, unbestreitbar eine Entschädigung schuldig, und das wird die Antwort auf die zweite Frage sein, die ich gestellt habe.

Wenn wir verlangen, wie wir es getan haben, daß alle Frauen sich unserer Lust hingeben müssen, so müssen wir ihnen auch erlauben, ihre Gelüste reichlich zu befriedigen; unsere Gesetze müssen hierbei ihr feuriges Temperament berücksichtigen, und es ist absurd, daß ihre Ehre und ihre Tugend auf der Seite jener widernatürlichen Kraft ins Spiel gebracht wurden, die sie anwenden, um sich gegen die Triebe zu stemmen, die ihnen in noch größerer Fülle als uns zuteil geworden sind; diese Ungerechtigkeit der Sitten ist um so schreiender, als wir uns einerseits mit unseren Verführungskünsten bemühen, sie schwach werden zu lassen, um sie dann dafür zu bestrafen, daß sie den Anstrengungen erlegen sind, die wir gemacht haben, um sie zu Fall zu bringen. In dieser ungerechten Grausamkeit kommt, scheint mir, der ganze Unsinn unserer Sitten zum Ausdruck, und allein diese Ausführungen sollten uns bewußt werden lassen, wie nötig es ist, sie durch reinere Sitten zu ersetzen.

Ich sage also, daß die Frauen, die viel heftigere Neigungen für die Freuden der Lüsternheit haben als wir, sich ihnen frei von allen Bindungen der Ehe und den Vorurteilen der Scham hingeben dürfen sollten, soviel sie wollen, so daß ihr Naturzustand völlig wiederhergestellt wäre; ich verlange, daß die Gesetze ihnen erlauben, sich so vielen Männern hinzugeben, wie sie wollen; ich verlange, daß ihnen wie den Männern der Genuß aller Geschlechter und aller Teile ihres Körpers erlaubt wird; und unter der besonderen Bedingung, daß sie selbst sich allen hingeben, die sie begehren, müssen sie selbst die Freiheit haben, sich mit allen zu erlustigen, die sie für würdig halten, sie zu befriedigen.

Was sind, frage ich, die Gefahren dieser Freiheit? Kinder, die keine Väter haben? Na und! Was bedeutet das in einer Republik, wo niemand eine andere Mutter haben darf als das Vaterland, wo alle, die geboren werden, Kinder des Vaterlandes sind! Ach! Wieviel mehr werden die ihr Vaterland lieben, die nichts anderes kennen, die von Geburt an wissen, daß sie nur von ihm alles erwarten können! Bildet euch doch nicht ein, ihr könntet gute Republikaner heranbilden, solange ihr die Kinder, die nur der Republik gehören dürfen, in ihren Familien absondert. Wenn sie nur einigen Individuen das Maß an Zuneigung zukommen lassen, das sie für alle ihre Brüder empfinden müßten, werden sie notwendigerweise auch die häufig gefährlichen Vorurteile dieser Individuen annehmen; ihre Ansichten und Gedanken werden sich auf ihren engen Lebenskreis, auf das Besondere richten und sie weit von allen Tugenden eines Staatsmannes entfernen. Schließlich schenken sie ihr Herz ganz denen, die sie geboren haben, und finden in ihrem Herzen keine Liebe mehr für das Vaterland, das sie leben läßt, erzieht und bildet, als ob diese zweiten Wohltaten nicht wichtiger wären als die ersten! Wenn es also die größten Nachteile hat, Kinder in ihren Familien mit Sonderinteressen füttern zu lassen, die sich oft sehr von denen des Vaterlandes unterscheiden, so hat es andererseits die größten Vorteile, sie von ihren Familien zu trennen. Und sind sie nicht durch die Regelung, die ich vorschlage, völlig von ihrer Familie getrennt; denn wenn man alle Bande der Ehe völlig zerstört, gehen doch als Frucht aus der Lust der Frauen nur solche Kinder hervor, denen es absolut verboten ist, ihren Vater zu kennen? Damit haben sie nicht mehr die Möglichkeit, nur zu einer einzigen Familie zu gehören, anstatt, wie es sein sollte, einzig Kinder des Vaterlandes zu sein.

Es wird also Häuser geben, in denen (wie in denjenigen für die Männer) Frauen sich Ausschweifungen unter dem Schütze der Regierung hingeben können; dort werden ihnen Menschen beiderlei Geschlechts für ihre Lust zur Verfügung gestellt; und je häufiger sie diese Häuser aufsuchen, desto größer wird ihr Ansehen sein. Es gibt nichts Unmenschlicheres und Lächerlicheres als Ehre und Tugend der Frauen von dem Widerstand abhängig zu machen, den sie den Trieben entgegensetzen, die sie von der Natur empfangen haben, und die auch diejenigen ständig erregen, die die Frechheit haben, sie zu verurteilen. Im zartesten Alter

Die Babylonierinnen brachten schon vor ihrem siebten Lebensjahr ihre Jungfernschaft im Venustempel dar. Sobald ein junges Mädchen die erste Wollust empfindet, ist für es die von der Natur bestimmte Zeit gekommen, sich zu prostituieren; und es sollte sich ohne Hemmungen seinen Trieben überlassen, sobald die Natur spricht; stemmt es sich dagegen, so verletzt es die Naturgesetze.

schon sollte sich also ein Mädchen, das sich aus den väterlichen Banden gelöst und nichts mehr für die Ehe (die durch die von mir geforderten weisen Gesetze ganz abgeschafft sein wird) aufzusparen hat, über die Vorurteile erheben, die sein Geschlecht einst unterjochten, und sich in den hierfür eingerichteten Häusern allem überlassen, was ihm seine Natur eingibt; es wird dort respektvoll empfangen und überreichlich befriedigt werden; und wenn es dann in die gute Gesellschaft zurückkehrt, kann es dort so frei und offen von der Lust sprechen, die es genossen hat, wie heute von einem Ball oder einem Spaziergang. Reizendes Geschlecht, ihr werdet frei sein; ihr werdet wie die Männer alle Freuden genießen können, welche die Natur euch zur Pflicht gemacht hat; in keiner werdet ihr euch zurückhalten müssen. Soll der göttlichste Teil der Menschheit denn vom andern in Eisen geschlagen werden? Nein! Sprengt die Eisen, das ist der Wille der Natur; kennt keine anderen Fesseln mehr als die eurer Neigungen, keine anderen Gesetze als eure Triebe, keine andere Moral als die der Natur; schmachtet nicht länger unter den barbarischen Vorurteilen, die eure Reize welken ließen und eure göttliche Sehnsucht gefangen hielten;

Die Frauen wissen nicht, wie sehr Lüsternheit sie verschönt. Aber man vergleiche nur zwei Frauen etwa gleichen Alters und gleicher Schönheit, von denen die eine enthaltsam, die andere ausschweifend lebt: Man wird sehen, wieviel prächtiger und frischer die letzte aussieht; jede Gewalt, die man der Natur antut, erschöpft viel mehr als ein Übermaß an Ausschweifung; und jedermann weiß, daß eine Niederkunft eine Frau verschönt.

ihr seid frei wie wir, und ein Leben der Venuskämpfe steht euch offen wie uns; fürchtet keine unsinnigen Vorwürfe mehr; Schulmeisteret und Aberglaube sind abgeschafft; ihr braucht wegen eurer reizenden Seitensprünge nicht mehr zu erröten; die Hochachtung, die wir für euch, Myrten- und Rosenbekränzte, empfinden, wird um so größer, je weiter ihr in euren Ausschweifungen geht.

Was eben gesagt wurde, sollte uns eigentlich einer Untersuchung des Ehebruchs entheben; werfen wir nichtsdestoweniger einen Blick auf den Ehebruch, wie nichtig er auch im Lichte der von mir beschriebenen Gesetze sein mag. Wie lächerlich war es doch, ihn für verbrecherisch zu erklären; wie es in der früheren Staatsform geschah. Wenn es etwas Unsinniges auf dieser Welt gab,  so war es ganz bestimmt die ewige Gültigkeit ehelicher Bande; mir scheint, man brauchte nur die ganze Last dieser Bande zu untersuchen oder zu spüren,  um die Tat,  die sie erleichtert,  nicht mehr als ein Verbrechen anzusehen. Da die Natur,  wie wir soeben ausgeführt haben,  die Frauen mit einem feurigeren Temperament,  einer tieferen Empfindsamkeit begabt hat als die Individuen des anderen Geschlechts,  war für die Frauen das Joch der ewigen Ehe zweifellos drückender. Sensible und vom Feuer der Liebe entflammte Frauen,  entschädigt euch nun ohne Furcht; seid überzeugt,  daß nichts Böses dabei sein kann,  den Antrieben der Natur zu folgen,  daß sie euch nicht für einen einzigen Mann geschaffen hat, sondern dazu,  allen Männern zu gefallen. Kein Zügel halte euch zurück. Eifert den Republikanern Griechenlands nach; niemals haben die Gesetzgeber,  die ihnen Gesetze erließen,  daran gedacht,  aus einem Ehebruch ein Verbrechen zu machen,  und fast alle hießen die Ausschweifung der Frauen gut. Thomas Morus beweist in seiner Utopie,  daß es den Frauen zum Vorteil gereicht,  wenn sie sich der Ausschweifung hingeben, und die Gedanken dieses großen Mannes waren nicht immer Träumereien.

Er wollte, daß die Verlobten sich nackt sähen, bevor sie heirateten. Wieviele Heiraten würden unterbleiben, wenn man dieses Gesetz ausführte! Man wird zugeben: Das Gegenteil tun, heißt wirklich,  die Katze im Sack kaufen.

Je häufiger eine Frau sich bei den Tartaren prostituierte, desto mehr wurde sie geehrt; sie trug die Erkennungszeichen ihrer Schamlosigkeit allen sichtbar am Hals,  und die,  die damit nicht geschmückt waren,  wurden nicht geachtet. In Peru liefern die Familien selbst ihre Frauen oder Mädchen fremden Reisenden aus: Man mietet sie zu soundsoviel am Tag wie Pferde und Wagen! Bände würden nicht ausreichen um zu zeigen,  daß Unzucht bei keinem klugen Volk der Erde jemals als Verbrechen galt. Alle Philosophen wissen genau,  daß wir es nur den christlichen Betrügern verdanken,  daß sie zum Verbrechen erklärt worden ist. Die Priester hatten wohl ihren Grund,  uns die Unzucht zu verbieten: Diese dringende Ermahnung,  durch die ihnen die Kenntnis und die Freisprechung von diesen heimlichen Sünden vorbehalten blieb,  gab ihnen eine unglaubliche Macht über die Frauen und öffnete ihnen Möglichkeiten der Geilheit, deren Ausmaß keine Grenzen kannte. Es ist bekannt,  wie sie sich dieses Vorrecht zunutze machten und wie sie es immer noch mißbrauchen würden,  wenn ihr Ansehen nicht endgültig zerstört wäre.

Ist der Inzest gefährlicher? Nein,  zweifellos nicht; er lockert die Familienbande und stärkt infolgedessen die Liebe der Bürger zum Vaterland; er wird uns von den höchsten Gesetzen der Natur vorgeschrieben,  wir neigen ihm zu, und der Genuß von Wesen,  die uns gehören, erscheint uns immer köstlicher als jeder andere. Die ersten gesellschaftlichen Institutionen förderten ihn; man findet ihn am Anfang aller gesellschaftlichen Zusammenschlüsse; in allen Religionen wird er geheiligt; alle Gesetze haben ihn unterstützt. Durchstreifen wir das Universum, so finden wir überall den Inzest eingeführt. Die Neger der Pfefferküste und Rio-Gabons gaben ihre Frauen ihren eigenen Kindern preis; im Königreich Judas muß der älteste Sohn die Frau seines Vaters heiraten; die Völker Chiles schlafen mit ihren Schwestern und Töchtern und heiraten oft Mutter und Tochter zugleich. Ich wage zu behaupten,  daß, kurz gesagt,  der Inzest in jedem Staate Gesetz werden müßte, dessen Grundlage die Brüderlichkeit ist. Wie konnten vernünftige Menschen die Abgeschmacktheit so weit treiben zu glauben,  der Genuß seiner Mutter, seiner Schwester oder seiner Tochter könnte ein Verbrechen sein! Ist es nicht,  frage ich, ein erbärmliches Vorurteil,  das aus einem Menschen einen Verbrecher macht, der zu seiner Erlustigung doch nur ein Wesen vorzieht,  das ihm durch sein natürliches Gefühl nähersteht als andere?

Ebensogut könnte man sagen, es sei uns verboten, diejenigen zu sehr zu lieben, für die die Natur uns starke Liebe eingibt,  und je mehr Neigung sie uns zu einem Wesen einflöße, desto nachdrücklicher befehle sie uns gleichzeitig, uns von ihm zu entfernen. Diese Widersprüche sind unsinnig: Nur vom Aberglauben verdummte Völker können sie glauben oder sich zu eigen machen. Da die von mir geforderte Gemeinschaft der Frauen den Inzest notwendig zur Folge hat, bleibt wenig über ein vermeintliches Vergehen zu sagen, dessen Nichtigkeit zu klar erwiesen ist, als daß man noch weiter darauf eingehen müßte, und wir wollen nun zur Notzucht übergehen, die auf den ersten Blick von allen Abarten der Ausschweifung diejenige zu sein scheint, deren Schädlichkeit im Hinblick auf die Schmach, die sie scheinbar antut, am ehesten einzusehen ist. Es steht jedoch fest, daß durch Notzucht, eine so seltene und so schwer nachweisbare Tat, dem Nächsten weniger Unrecht zugefügt wird als durch Diebstahl, da der Dieb ja Besitztum an sich reißt, derjenige, der notzüchtigt, es jedoch nur beschädigt. Und was soll man außerdem dem Mädchenschänder erwidern, wenn er antwortet, daß das Böse, das er begangen hat, tatsächlich von mäßiger Bedeutung ist, da er das von ihm mißbrauchte Wesen nur ein wenig früher in den Zustand versetzt hat, in den es die Ehe oder die Liebe ohnehin demnächst gebracht hätte?

Aber ist die Sodomie, dieses angebliche Verbrechen, das das Feuer des Himmels auf die Städte lenkte, die ihrer frönten, nicht eine ungeheuerliche Ausschweifung, für die die Strafe nicht hart genug sein kann? Es ist zweifellos sehr schmerzhaft für uns, unseren Vorfahren die Justizmorde vorwerfen zu müssen, die sie sich in dieser Hinsicht erlaubt haben. Kann man so barbarisch sein, ein unglückliches Individuum zum Tode zu verurteilen, dessen ganzes Verbrechen darin besteht, nicht die gleichen Neigungen zu haben wie ihr? Man erschaudert, wenn man bedenkt, daß noch keine vierzig Jahre vergangen sind, seit diese Abgeschmacktheit der Gesetzgeber im Schwange war. Tröstet euch, Bürger; eine derartige Unvernunft wird nicht wiederkehren: Die Weisheit eurer Gesetzgeber bürgt dafür. Heute ist man über diese Schwäche einiger Männer völlig aufgeklärt und weiß, daß eine solche Verirrung nicht kriminell sein kann, daß die Natur dem Saft, der in unseren Lenden fließt, keine so große Bedeutung beigemessen haben kann, daß sie über den Weg ergrimmte, den' wir diesen Saft fließen lassen.

Worin sollte denn das Verbrechen bestehen, das es hier geben könnte: Doch bestimmt nicht darin, sein Glied in diesen oder jenen Körperteil einzuführen, es sei denn, man wollte behaupten, die Körperteile wären keineswegs gleichwertig und es gäbe reine und schmutzige; aber, da es unmöglich ist, solchen Unsinn vorzubringen, könnte das einzige sogenannte Vergehen hier nur in der Vergeudung des Samens bestehen. Nun frage ich, ob es wahrscheinlich ist, daß dieser Samen in den Augen der Natur so wertvoll ist, daß es unmöglich wird, ihn zu vergeuden, ohne dabei ein Verbrechen zu begehen? Würde sie immer wieder solche Vergeudung verursachen, wenn es so wäre, und bedeutet es nicht, daß sie sie billigt, wenn sie sie in Träumen, im Lustakt mit einer schwangeren Frau zuläßt? Kann man sich vorstellen, die Natur habe uns die Möglichkeit zu einem Verbrechen gegeben, das ihr zuwiderläuft? Ist es möglich, daß sie gutheißt, wenn die Menschen ihre Freuden zerstören und dadurch stärker werden als sie? Es ist unerhört, in welchen Abgrund der Absurdität man sich stürzt, wenn man beim Denken den Beistand der Fackel des Verstandes ausschlägt. Lassen wir uns also dessen versichert sein, daß es ebeniso natürlich ist, sich mit einer Frau auf die eine wie auf die andere Art und Weise zu erlustigen, daß es völlig gleichgültig ist, ob man sich mit einem Mädchen oder einem Knaben ergötzt, und daß, wenn sicher ist, daß in uns keine anderen als die von der Natur empfangenen Neigungen bestehen können, die Natur zu klug und zu konsequent ist, als daß sie uns solche eingegeben hätte, die ihr jemals zuwiderlaufen könnten.

Die Neigung zu Sodomie ist eine Folge unserer physischen Veranlagung, und diese Veranlagung kam ohne unser Zutun zustande. Kinder im zartesten Alter zeigen diese Neigung und legen sie niemals ab. Manchmal ist sie die Frucht der Übersättigung; aber gehört sie, selbst in diesem Fall, deswegen weniger der Natur an? Wie man sie auch betrachtet: Sie ist ihr Werk, und in jedem Falle hat der Mensch zu achten, was sie eingibt. Wenn man durch eine genaue Zählung dahin käme zu beweisen, daß diese Vorliebe unendlich reizvoller ist als die andere, daß die durch sie gewonnene Lust sehr viel lebhafter ist und daß aus diesem Grunde die Zahl ihrer Anhänger tausendmal größer ist als die ihrer Feinde, könnte man dann nicht folgern, daß dieses Laster der Natur durchaus nicht zuwiderläuft, sondern ihrer Absicht entspricht, und daß sie viel weniger an Nachkommenschaft interessiert ist, als wir in unserem Wahn glauben? Nun, durchstreifen wir das Universum, wie viele Völker entdecken wir da nicht, welche die Frauen verachten! Es gibt Völker, die sich ihrer einzig und allein bedienen, um das Kind hervorzubringen, das nötig ist, um sie zu ersetzen. Durch die Sitte der Männer, in Republiken zusammenzuleben, wird dieses Laster dort immer häufiger auftreten, aber es ist sicherlich nicht gefährlich. Hätten die Gesetzgeber Griechenlands es in ihrer Republik eingeführt, wenn sie es für gefährlich gehalten hätten? Keinesfalls, sie hielten es für ein Kriegervolk für nötig. Plutarch spricht mit Begeisterung vom Bataillon der Liebhaber und Geliebten; sie allein verteidigten lange Zeit die Freiheit Griechenlands. Dieses Laster herrschte in der Vereinigung der Waffenbrüder; es kittete sie zusammen. Die bedeutendsten Männer waren ihm zugeneigt. Ganz Amerika war bei seiner Entdeckung von Leuten dieser Geschmacksrichtung bevölkert. In Lousiana, bei den Illinois, prostituierten sich als Frauen gekleidete Indianer wie Kurtisanen. Die Neger von Benguela halten öffentlich Männer aus; fast alle Harems Algiers sind heute nurmehr mit Knaben besetzt. In Theben ließ man es nicht dabei bewenden, die Knabenliebe zu dulden, man machte sie zur Pflicht; der Philosoph von Chäronea schrieb sie vor, um die Sitten der jungen Leute zu verfeinern.

Wir wissen, in welchem Maße sie in Rom grassierte:

Dort fanden sich öffentliche Stätten, wo Knaben sich in Mädchenkleidung prostituierten und junge Mädchen in Knabenkleidung. Martial, Catull, Tibull, Horaz und Virgil schrieben an Männer wie an ihre Mätressen, und wir lesen schließlich bei Plutarch,

Schriften über die Moral. Abhandlung über die Liebe.

die Frauen dürften an der Liebe der Männer in keiner Weise beteiligt sein. Die Amasier von der Insel Kreta entführten früher Knaben unter den seltsamsten Zeremonien. Wenn sie einen von ihnen liebten, machten sie den Eltern an dem Tag davon Mitteilung, an dem der Entführer ihn mit sich nehmen wollte; der junge Mann leistete einigen Widerstand, wenn sein Liebhaber ihm nicht gefiel; im anderen Fall ging er mit ihm fort, und der Verführer schickte ihn zu seiner Familie zurück, sobald er sich seiner bedient hatte; denn bei dieser Leidenschaft, wie bei der der Frauen, hat man immer zuviel, wenn man genug hat. Strabo berichtet, daß auf derselben Insel die Harems nur mit Knaben gefüllt wurden: Sie wurden öffentlich der Unzucht preisgegeben.

Wollt ihr noch einen letzten Ausspruch, der beweist, wie nützlich dieses Laster für einen republikanischen Staat ist? Hören wir Hieronymus den Peripatetiker:

„Die Knabenliebe", sagt er, „breitete sich über ganz Griechenland aus, denn sie gab Mut und Kraft und half die Tyrannen verjagen; Verschwörungen bildeten sich zwischen den Liebhabern, und sie ließen sich eher foltern, als daß sie ihre Komplizen verraten hätten; so opferte die Vaterlandsliebe alles dem Gedeihen des Staates; man war sicher, daß diese Bindungen die Republik festigten,  man eiferte gegen die Frauen, und es galt als eine Schwäche, die der Gewaltherrschaft vorbehalten war, sich solchen Geschöpfen anzuschließen." Die Päderastie war schon immer das Laster kriegerischer Völker. Von Cäsar erfahren wir, daß die Gallier ihr in außergewöhnlichem Maße verfallen waren. Die Kriege, die die Republiken aufrechterhalten sollten, trennten die beiden Geschlechter und verbreiteten dieses Laster, und als man seine für den Staat so nützlichen Folgen erkannte, wurde es bald von der Religion geheiligt. Es ist bekannt, daß die Römer die Liebschaften Jupiters und Ganymeds feierten. Sextus Empiricus versichert uns, daß diese Liebe bei den Persem vorgeschrieben war. Schließlich boten die eifersüchtigen und verachteten Frauen ihren Gatten an, ihnen den gleichen Dienst wie Knaben zu erweisen; einige versuchten es und kehrten zu ihren alten Gewohnheiten zurück, als sie merkten, daß keine Illusion möglich war.

Die Türken, die dieser Verderbtheit, die Mahomet in seinem Koran heiligt, sehr zugeneigt waren, versicherten nichtsdestoweniger, eine Jungfrau, die jung genug sei, könne sehr wohl einen Knaben ersetzen, und selten werden' die ihren zu Frauen, bevor sie nicht durch diese Prüfung gegangen sind. Sixtus-Quintus und Sanchez erlaubten diese Ausschweifung; der letzte versuchte sogar zu beweisen, daß sie der Fortpflanzung dienlich sei, und daß ein Kind, das nach einem solchen Abstecher gezeugt würde, von unendlich besserer Leibesbeschaffenheit sei. Schließlich entschädigten sich die Frauen untereinander. Diese Liebhaberei hat zweifellos nicht mehr Nachteile als die andere, weil das Fazit nur die Weigerung zu zeugen ist, und weil die Mittel der Anhänger der Vermehrung zu mächtig sind, als daß ihre Gegner sie jemals beeinträchtigen könnten. Die Griechen unterstützen diese Ausschweifung der Frauen aus Gründen des Staatswohls ebenfalls. Da die Frauen sich untereinander genug waren, ergab sich, daß ihre Verbindungen zu Männern weniger häufig waren und sie auf diese Weise der Republik nicht schadeten. Von Lucian erfahren wir, wie die Zügellosigkeit sich ausbreitete, und nicht ohne Interesse nehmen wir sie bei Sappho wahr.

Kurz, in all diesen Abseitigkeiten liegt keinerlei Gefahr: Selbst wenn man sich noch weiter hinreißen ließe, wenn man soweit ginge. Ungeheuer und Tiere zu liebkosen, wie es uns das Beispiel mehrerer Völker lehrt, brächten all diese Albernheiten nicht den geringsten Nachteil mit sich, denn die Sittenverderbnis, die einem Staate oft sehr nützlich sein kann, kann ihm nie schaden, und wir müssen von unseren Gesetzgebern genügend Klugheit und Umsicht erwarten, um sicher zu sein, daß sie kein Gesetz zur Unterdrückung dieser Schwächen erlassen werden, die einzig und allein durch die Veranlagung bedingt sind und an denen der, der zu ihnen neigt, nicht weniger unschuldig ist als derjenige, den die Natur verunstaltet erschuf.

In der zweiten Kategorie der Vergehen des Menschen gegenüber seinem Nächsten bleibt uns nur noch der Mord zu untersuchen, anschließend kommen wir zu den Pflichten des Menschen gegenüber sich selbst. Von allen Untaten,  die der Mensch an seinen Mitmenschen begehen kann, ist der Mord unstreitig die grausamste,  da er ihn des einzigen Gutes beraubt,  das er von der Natur erhalten hat,  des einzigen,  das unwiederbringlich ist. Nichtsdestoweniger drängen sich hier mehrere Fragen auf,  einmal abgesehen von dem Unrecht,  das durch den Mord an dem verübt wird,  der sein Opfer wird.

1. Ist diese Tat,  allein in Anbetracht der Naturgesetze,  tatsächlich kriminell?

2. Ist sie es in bezug auf die Gesetze des Staates?

3. Schadet sie der Gesellschaft?

4. Wie ist sie in einem republikanischen Staate zu werten?

5. Schließlich,  darf dem Mord durch Mord Einhalt geboten werden?

Wir werden jede dieser Fragen gesondert untersuchen: Das Thema ist wichtig genug,  um ein wenig bei ihm zu verweilen; vielleicht wird man unsere Gedanken ein wenig übertrieben finden; was macht das? Haben wir nicht das Recht erkämpft,  alles zu sagen? Laßt uns den Menschen große Wahrheiten vortragen: Sie erwarten es von uns; es ist Zeit,  daß der Irrtum verschwindet,  sein Schleier muß neben den der Könige fallen. Ist der Mord in den Augen der Natur ein Verbrechen? So lautet die zuerst gestellte Frage.

Wir werden hier zweifellos den Stolz des Menschen demütigen, indem wir ihn auf die Stufe aller anderen Hervorbringungen der Natur herabsetzen,  aber der Philosoph schmeichelt nicht den kleinen menschlichen Eitelkeiten; immer begierig,  die Wahrheit zu erkennen,  scheidet er sie von den dummen Vorurteilen der Eigenliebe,  hält sie fest,  enthüllt sie und zeigt sie kühn der erstaunten Welt.

Was ist der Mensch,  und welcher Unterschied besteht zwischen ihm und den anderen Pflanzen,  zwischen ihm und allen anderen Tieren der Natur? Keiner. Zufällig auf diesen Planeten versetzt wie sie,  ist er geschaffen worden wie sie; er pflanzt sich fort,  wächst und schrumpft wie sie; wie sie altert er und fällt wie sie ins Nichts,  wenn die Zeit um ist,  die die Natur jeder Tierart durch den Bau ihrer Organe setzt. Wenn die Entsprechungen so genau werden,  daß es dem prüfenden Auge des Philosophen völlig unmöglich wird,  irgendeinen Unterschied wahrzunehmen,  ist es doch ein ebenso großes oder kleines Übel,  ein Tier oder einen Menschen zu töten,  und der Unterschied findet sich nur in den Vorurteilen unseres Hochmuts; aber nichts ist unglückselig absurd wie die Vorurteile unseres Hochmuts. Doch vertiefen wir die Frage nichtsdestoweniger. Man kann nicht in Abrede stellen,  daß es auf das Gleiche hinausläuft,  ob man einen Menschen oder ein Tier vernichtet; aber ist die Vernichtung eines jeden lebenden Tieres nicht fraglos etwas Böses,  wie es die Pythagoräer glaubten,  und wie es heute noch die Bewohner der Gangesufer glauben? Bevor wir darauf antworten,  sei der Leser daran erinnert,  daß wir die Frage nur bezüglich der Natur untersuchen; anschließend werden wir sie im Hinblick auf die Menschen beantworten.

Nun frage ich,  welchen Wert können denn Lebewesen für die Natur haben,  die sie nie die geringste Mühe noch Sorge kosten. Der Arbeiter schätzt sein Werk nur nach der Arbeit, die es ihm macht, nach der Zeit,  die er aufwendet, um es zu schaffen. Also, wie ist es, verursacht der Mensch der Natur Mühe? Und, angenommen er täte es, kostet er sie mehr Mühe als ein Affe oder ein Elefant? Ich gehe noch weiter: Welches sind die Urstoffe der Natur? Woraus setzen sich die Wesen zusammen, die auf die Welt kommen? Rühren die drei Elemente, aus denen sie sich zusammensetzen, nicht ursprünglich von der Zerstörung anderer Körper her? Wenn alle Einzelwesen ewig lebten, wäre es dann der Natur nacht unmöglich, neue zu erschaffen? Wenn aber in der Natur ewiges Leben der Individuen unmöglich ist, wird Zerstörung der Individuen zum Naturgesetz. Folglich, wenn die Zerstörung für die Natur so nützlich ist, daß sie sich ihrer nicht entschlagen kann, und wenn sie kein Leben schaffen kann, ohne aus den Rohstoffen der Zerstörung zu schöpfen, die der Tod ihr verschafft, so wird die Vorstellung von totaler Vernichtung, die wir mit dem Tod verbinden, nicht mehr der Realität entsprechen; es wird keine endgültige Vernichtung mehr geben; was wir das Lebensende eines Tieres nennen, wird kein tatsächliches Ende mehr sein, sondern eine einfache Transmutation, deren Grundlage die fortwährende Bewegung ist. Bewegung ist das wahre Wesen der Materie; sie wird von allen modernen Philosophen als eines der obersten Gesetze der Materie angesehen. Der Tod ist also, nach diesen unwiderlegbaren Prinzipien, nichts als eine Veränderung der Form, .nichts als ein unmerklicher Übergang von einer Existenzform in eine andere, und das ist genau das, was Pythagoras Metempsychose nannte.

Hat man diese Wahrheiten einmal akzeptiert, wird man dann, so frage ich, je wieder behaupten können, Zerstörung wäre ein Verbrechen? Oder würdet ihr mir zur Stützung eurer unsinnigen Vorurteile zu sagen wagen, Transmutation wäre Zerstörung? Doch wohl kaum; denn dazu müßte ein Augenblick des Stillstandes in der Bewegung der Materie, ein Moment der Ruhe nachgewiesen werden. Aber diesen Augenblick werdet ihr nie entdecken. In dem Augenblick, in dem das große Tier seinen letzten Atemzug getan hat, bilden sich kleine Tiere, und das Leben dieser kleinen Tiere ist nur eine der notwendigen und durch den momentanen Schlaf des großen Tieres bestimmten Auswirkungen. Würdet ihr jetzt zu sagen wagen, das eine gefiele der Natur besser als das andere? Dazu müßte eine Unmöglichkeit bewiesen werden: die nämlich, daß die lange oder viereckige Form der Natur nützlicher und angenehmer wäre als die längliche oder dreieckige; es müßte bewiesen werden, daß im Hinblick auf die erhabenen Pläne der Natur ein Faulenzer, der sich in Untätigkeit und Trägheit mästet, von größerem Nutzen wäre als das Pferd, dessen Arbeit so wichtig ist, oder als das Rind, dessen Körper so wertvoll ist, daß es keinen unbrauchbaren Teil gibt; man müßte sagen, die giftige Schlange wäre nützlicher als der treue Hund.

Da nun aber all diese Philosophismen unhaltbar sind, müssen wir schlechterdings zugeben, daß es uns unmöglich ist, Schöpfungen der Natur zu vernichten, wenn wir in Erwägung ziehen, daß wir, wenn wir zu zerstören suchen, nur eine Variation der Formen bewirken, die das Leben aber nicht auslöschen kann, und es übersteigt die menschlichen Kräfte, zu beweisen, die sogenannte Zerstörung eines Geschöpfes, welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Art auch immer, könne ein Verbrechen sein. Die Reihe unserer Folgerungen, die sich alle auseinander ergeben, führt uns aber noch weiter, und wir müssen schließlich zugeben, daß die Tat, die man begeht, wenn man die Formen der verschiedenen Schöpfungen der Natur variiert, der Natur durchaus nicht schadet, ihr im Gegenteil zum Vorteil gereicht, da man ihr ja durch diese Tat den Rohstoff zu neuen Schöpfungen beschafft, deren Verwirklichung ihr unmöglich wäre, wenn man nicht vorher vernichtete. Aber laßt sie nur machen! erwidert man darauf; sicher, wir müssen sie walten lassen, aber der Mensch folgt ihren Eingebungen, wenn er mordet; die Natur treibt ihn dazu, und der Mensch, der seinesgleichen zerstört, ist für die Natur das gleiche wie die Pest oder eine Hungersnot,  alles kommt aus ihrer Hand, die sich aller möglichen Mittel bedient, um den für ihre Schöpfungen unbedingt nötigen Rohstoff der Zerstörung früher zu bekommen.

Wir wollen uns die Zeit nehmen, einen Augenblick mit der heiligen Fackel der Philosophie in unsere Seele zu leuchten; welche Stimme, wenn nicht die der Natur, inspiriert uns denn zu persönlichen Haß- und Rachegefühlen, zu Kriegen, kurz all diesen Motiven für unaufhörliches Morden? Wenn die Natur uns aber dazu inspiriert, bedarf sie also der Morde. Wie können wir uns demnach ihr gegenüber für schuldig halten, wo wir doch nur ihre Pläne ausführen?

Aber das war schon mehr, als nötig ist, um jeden aufgeklärten Leser zu überzeugen, daß ein Mord unmöglich der Natur zuwiderlaufen kann.

Ist Mord nun aber ein Verbrechen im Hinblick auf die Politik? Haben wir doch den Mut, uns einzugestehen, daß er im Gegenteil unglücklicherweise eine der größten Triebfedern der Politik ist. Ist Rom nicht durch Morde zur Gebieterin der Welt geworden? Ist Frankreich nicht durch Morde heute frei? Es erübrigt sich, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß wir nur von den durch Kriege veranlaßten Mordtaten sprechen und nicht von Grausamkeiten, die von Aufrührern und destruktiven Elementen begangen werden; solche Menschen werden allgemein verabscheut und brauchen nur ermahnt zu werden, um für immer dem allgemeinen Entsetzen und der Empörung preisgegeben zu sein. Welche menschliche Wissenschaft bedarf des Mordes mehr als die, die nur zu betrügen sucht, deren einziges Ziel darin besteht, eine Nation auf Kosten einer andern auszudehnen? Was sind Kriege, die einzigen Früchte solcher barbarischen Politik, denn anderes als die Mittel, von denen sie sich nährt, durch die sie sich stärkt, auf die sie sich stützt? Und was ist der Krieg, wenn nicht die Wissenschaft von der Zerstörung? Seltsame Verblendung des Menschen, der öffentlich die Kunst des Tötens lehrt und den belohnt, der sie am besten beherrscht, aber den bestraft, der sich aus einem bestimmten Grunde eines Feindes entledigt hat! Ist es nicht an der Zeit, diese barbarischen Irrtümer zu korrigieren? Schließlich, ist Mord ein Verbrechen an der Gesellschaft? Kein vernünftiger Mensch wird das behaupten wollen. Ach! Was macht es dieser zahlreichen Gesellschaft denn schon aus, ob sie ein Mitglied mehr oder weniger hat? Werden ihre Gesetze, ihre Sitten und Bräuche dadurch verdorben? Wird sich jemals der Tod eines Individuums auf die große Masse auswirken? Und würde nach dem Verlust der größten Schlacht, was sage ich, nach der Ausrottung der halben oder meinetwegen der ganzen Menschheit die kleine Anzahl von Überlebenden den geringsten materiellen Nachteil haben? Ach! Nein. Und ebensowenig die ganze Natur, und der Mensch, der in seinem dummen Hochmut glaubt, alles wäre für ihn geschaffen, wäre nach der völligen Vernichtung der menschlichen Gattung sehr erstaunt, wenn er sähe, daß sich in der Natur nichts ändert und daß der Lauf der Sterne sich deswegen nicht einmal verzögert hat. Also weiter.

Als was hat Mord in einem kriegerischen und republikanischen Staate zu gelten?

Es wäre sicher äußerst gefährlich, diese Tat zu verurteilen oder zu bestrafen. Der Stolz des Republikaners verlangt ein bißchen Roheit; wenn er verweichlicht und seine Kraft verliert, wird er bald unterjocht werden. Ein recht eigenartiger Gedanke drängt sich hier auf, aber da er zwar kühn doch wahr ist, werde ich ihn aussprechen. Eine Nation, die gerade erst anfängt, sich republikanisch zu regieren, wird sich nur durch Tugenden erhalten, denn um Großes zu erreichen, muß man immer klein anf anigen; aber eine alte, korrumpierte Nation, die mutig das Joch ihrer monarchistischen Regierung abschüttelt, um eine republikanische einzusetzen, wird sich nur durch eine Vielzahl von Verbrechen behaupten können; denn sie befindet sich bereits im Zustande des Verbrechens, und wenn sie vom Verbrechen zur Tugend übergehen wollte, das heißt von einem Zustand des Ungestüms in einen der Sanftheit, so würde sie in eine Passivität verfallen, die bald ihren sicheren Untergang nach sich zöge. Was würde aus einem Baum, den man aus kräftiger Erde in sandigen, trockenen Boden verpflanzte? Alle intellektuellen Vorgänge sind so seht der physischen Beschaffenheit der Natur untergeordnet, daß die Vergleiche, die uns die Landwirtschaft liefert, nie moralisch irreführen können.

Die Unabhängigsten unter den Menschen, die Naturverbundensten, die Wilden, geben sich tagtäglich straflos dem Morden hin. In Sparta jagte man Heloten wie wir in Frankreich Rebhühner. Je mehr ein Volk den Mord schätzt, desto freier ist es. In Mindanao wird der, der einen Mord begehen will, zum Helden erklärt: Er wird sogleich mit einem Turban dekoriert; bei den Caraguos muß man sieben Menschen getötet haben, um der Ehre dieser Kopfbedeckung wert zu sein; die Bewohner Borneos glauben, daß alle, die sie in den Tod schicken, ihnen dienen, wenn sie selbst nicht mehr sind; sogar die spanischen Betbrüder gelobten dem Heiligen Jakob von Galizien, zwölf Amerikaner pro Tag zu töten; im Königreich Tangut wird ein starker und kräftiger junger Mann auserwählt, dem es an bestimmten Tagen des Jahres erlaubt ist, jeden zu töten, dem er begegnet! Gab es je ein Volk, das den Mord mehr liebte als die Juden? Man begegnet ihm in allen Formen, auf jeder Seite ihrer Geschichte.

Der Kaiser und die Mandarine Chinas ergreifen von Zeit zu Zeit Maßnahmen, um das Volk zur Empörung zu reizen; durch solche Schliche verschaffen sie sich das Recht, ein schreckliches Blutbad im Volke anzurichten. Entledigt sich dieses verweichlichte und ver-weiblichte Volk des Joches seiner Tyrannen, dann wird es sie seinerseits mit sehr viel mehr Recht totschlagen, und beim Morden, das immer noch legitim und nötig sein wird, werden nur die Opfer gewechselt haben; was das Glück der einen war, wird die Seligkeit der andern.

Unendlich viele Nationen dulden den öffentlichen Mord: Er ist in Genua, Venedig, Neapel und ganz Albanien völlig legitim; in Kachao, am San Domingo, bringen die Mörder, die ein charakteristisches und allgemein gebilligtes Gewand tragen, auf euren Befehl und vor euren Augen jeden Menschen um, den ihr ihnen angebt; die Indianer nehmen Opium, um sich zum Morden Mut zu machen; wenn sie sich anschließend auf die Straßen stürzen, metzeln sie alles nieder, was ihnen über den Weg läuft; englische Reisende haben diese Manie auch in Batavia beobachtet. Welches Volk war größer und zugleich grausamer als das der Römer, und welche Nation hat ihren Glanz und ihre Freiheit länger bewahrt? Gladiatorenschauspiele stählten ihren Mut; sie wurden kriegerisch durch die Sitte, sich aus Mord ein Spiel zu machen. Zwölfoder fünfzehnhundert Opfer füllten täglich die Arena des Zirkus, und die Frauen, grausamer als die Männer, forderten noch, daß die Sterbenden mit Anmut fielen und noch in den Todeszuckungen die Form bewahrten. Die Römer gingen dann zu dem Vergnügen über, Zwergen zuzusehen, die sich vor ihren Augen abschlachteten; und als die christliche Kirche die Welt verpestete und die Menschen zu der Überzeugung brachte, es wäre etwas Böses, einander umzubringen, legten Tyrannen dieses Volk sogleich in Ketten, und die Helden der Welt wurden bald zum Spielzeug der Tyrannen.

Überall also glaubte man mit Recht, der Mörder, das heißt, ein Mensch, der seine Empfindsamkeit so sehr eindämmte,  daß er seinesgleichen tötete und der allgemeinen oder besonderen Rache trotzte, überall, sage ich,  glaubte man,  ein solcher Mensch müsse besonders mutig und infolgedessen sehr wertvoll für einen kriegerischen oder republikanischen Staat sein. Gehen wir die noch grausameren Nationen durch,  die erst befriedigt waren, wenn sie Kinder hinschlachteten,  und zwar sehr oft ihre eigenen, dann sehen wir,  daß diese Taten allgemein erlaubt,  ja manchmal sogar gesetzlich vorgeschrieben sind. Mehrere wilde Völkerstämme töten ihre Kinder, sobald sie geboren werden. Die an den Ufern des Orinoko lebenden Mütter brachten ihre Töchter um, sobald sie geboren hatten, weil sie überzeugt waren, daß ihre Töchter nur geboren würden, um unglücklich zu sein, denn es war ihre Bestimmung, Ehefrauen der Wilden dieser Gegend zu werden, die Frauen nicht ausstehen konnten. In Trapobanien und im Königreich Sopit wurden alle mißgestalteten Kinder von ihren eigenen Eltern umgebracht. Die Frauen Madagaskars setzten diejenigen ihrer Kinder wilden Tieren aus, die an bestimmten Wochentagen geboren wurden. In den Republiken Griechenlands untersuchte man sorgfältig alle Kinder, die zur Welt kamen, und fand man sie nicht geeignet, eines Tages die Republik zu verteidigen, wurden sie sogleich umgebracht: Dort glaubte man nacht, daß es wichtig wäre, in reich ausgestatteten Häusern den gemeinen Abschaum der menschlichen Natur zu erhalten.

Es bleibt zu hoffen, daß die Nation diese äußerst überflüssigen Ausgaben abschafft; jedes Individuum, das ohne die Eigenschaften geboren wird, die nötig sind, um der Republik eines Tages von Nutzen zu sein, hat kein Recht zu leben, und was kann man besseres tun, als es ihm in dem Augenblick zu nehmen, in dem es es empfängt.

Bis zur Verlegung des Regierungssitzes warfen die Römer alle Kinder, die sie nicht ernähren wollten, auf den Schindanger. Die alten Gesetzgeber hatten keine Bedenken, Kinder dem Tode zu weihen und nie unterdrückte irgendeines ihrer Gesetzbücher die Rechte, die ein Vater immer über seine Familie zu haben glaubt. Aristoteles empfahl die Abtreibung; und diese alten Republikaner, von Begeisterung, von brennender Liebe zum Vaterland beseelt, kannten jenes Mitleid für das Individuum nicht, das man in modernen Nationen findet; man liebte seine Kinder weniger, aber man liebte sein Land mehr. In allen Städten Chinas findet man in den Straßen jeden Morgen eine unglaubliche Menge von verlassenen Kindern; ein Karren liest sie bei Tagesanbruch auf, und sie werden in eine Grube geworfen; häufig befreien schon die Hebammen die Mütter von ihren Kindern und ersticken säe sogleich in Wannen mit kochendem Wasser oder werfen sie in den Fluß. In Peking legt man sie in kleine Binsenkörbe, die auf Kanälen ausgesetzt werden; jeden Tag werden diese Kanäle von Überflüssigem gesäubert, und der berühmte Reisende Duhalde schätzt die Zahl der bei jeder Säuberung aufgefischten Kinder auf mehr als dreißigtausend pro Tag. Es läßt sich nicht leugnen, daß es äußerst nötig und politisch wichtig ist,  den Bevölkerungszuwachs in einem republikanischen Staate einzudämmen; aus ganz entgegengesetzten Motiven muß eine Monarchie ihn fördern; denn dort brauchen die Tyrannen,  die nur auf Grund der Anzahl ihrer Sklaven reich sind,  natürlich Menschen; aber Bevölkerungsüberschuß ist in einem republikanischen Staat ein wahres Laster,  daran sollte kein Zweifel bestehen; trotzdem muß man nicht töten,  um die Bevölkerung zu verringern,  wie unsere modernen Dezemviren meinten: Es kommt nur darauf an,  ihr nicht die Mittel zu überlassen,  sich stärker zu vermehren,  als der allgemeine Anspruch auf Glück es zuläßt. Hütet euch,  ein Volk zu stark zu vermehren,  in dem jedes Individuum souverän ist,  und seid überzeugt,  Revolutionen sind nie etwas anderes als die Folgen einer zu großen Bevölkerungszahl. Wenn ihr um des Staatswohles willen euren Kriegern das Recht zugesteht,  Menschen zu vernichten,  so müßt ihr zur Erhaltung desselben Staates auch jedem Individuum zugestehen, daß es, sooft es will, von dem Recht Gebrauch macht, sich der Kinder zu entledigen,  die es nicht ernähren oder aus denen der Staat keinerlei Nutzen ziehen kann; denn der Natur kann ein solches Recht ja nie zuwiderlaufen; billigt desgleichen jedem Menschen das Recht zu,  sich auf eigene Kosten und Gefahr alle Feinde vom Halse zu schaffen,  die ihm schaden können,  denn das Ergebnis all dieser in sich selbst völlig bedeutungslosen Taten wird sein,  daß die Zahl eurer Bevölkerung in vertretbaren Grenzen gehalten und nie groß genug wird,  um eure Regierung zu stürzen. Überlaßt es den Anhängern der Monarchie zu sagen, ein Staat wäre nur auf Grund seiner hohen Bevölkerungszahl groß: Dieser Staat wird immer arm sein,  wenn seine Bevölkerungszahl seine Mittel zum Leben übersteigt,  und er wird immer blühen,  wenn er,  in richtigen Grenzen gehalten, mit seinem Überfluß Handel treiben kann. Lichtet man nicht einen Baum, wenn er zuviele Zweige hat? Und beschneidet man nicht die Zweige,  um den Stamm zu erhalten? Jedes System, das von diesen Grundsätzen abweicht,  ist ein Wahnsinn,  dessen Irrtümer bald zum völligen Einsturz des Gebäudes führen würden,  das wir gerade mit soviel Mühe errichtet haben; aber um die Bevölkerung zu verringern,  sollte man einen Menschen nicht vernichten,  wenn er schon gemacht ist. Es ist Unrecht, die Tage eines schon gestalteten Individuums abzukürzen; es ist jedoch kein Unrecht, sage ich, ein Wesen daran zu hindern, zur Welt zu kommen, das mit Sicherheit unnütz sein wird. Die menschliche Gattung muß gleich in der Wiege gereinigt werden; das heißt, man muß aus dem Schoß der Gesellschaft herausschneiden, was ihr voraussichtlich nie nützlich sein kann; das sind die einzig vernünftigen Mittel zur Verringerung einer Bevölkerung, deren zu große Ausdehnung, wie wir bewiesen haben, äußerst gefährlich ist.

Fassen wir also zusammen.

 Soll dem Mord durch Mord Einhalt geboten werden? Nein, auf keinen Fall. Wir wollen dem Mörder nie eine andere Strafe auferlegen als die,  die ihn durch die Rache der Freunde oder der Familie desjenigen ereilen kann,  den er getötet hat. „Ich gewähre euch Gnade",  sagte Ludwig XV. zu Charolais,  der zu seinem Vergnügen einen Menschen getötet hatte,  „aber ich gewähre sie auch dem,  der Euch töten wird." Alle Prinzipien eines Gesetzes gegen Mörder sind in diesem großartigen Wort enthalten.

Das salische Gesetz bestrafte Mord nur mit einer einfachen Geldbuße,  und da der Schuldige leicht die Möglichkeit hatte,  sich ihrer zu entziehen,  beschloß Childebert,  der König von Austrasien,  in einer in Köln verfaßten Bestimmung,  die Todesstrafe nicht gegen den Mörder zu verhängen,  sondern gegen den,  der sich der wegen Mord verhängten Geldstrafe entzog. Ebenso verhängte das ripuarische Gesetz wegen dieser Tat nur eine dem getöteten Individuum angemessene Geldstrafe. War es ein Priester,  war sie sehr hoch: Es wurde nach den Maßen des Mörders eine Tunika aus Blei angefertigt,  und er mußte das Gewicht dieser Tunika mit Gold aufwiegen,  andernfalls blieben der Schuldige und seine Familie Sklaven der Kirche.

Kurz,  der Mord ist eine Greueltat,  aber eine oft notwendige Greueltat,  niemals jedoch ein Verbrechen und in einem republikanischen Staat unbedingt zu dulden. Ich habe gezeigt,  daß es im ganzen Universum Beispiele dafür gibt; aber hat er als eine Tat zu gelten,  die durch die Todesstrafe gesühnt werden muß? Wer das folgende Dilemma löst,  hat die Frage hinreichend beantwortet:

Ist Mord ein Verbrechen oder nicht? Ist er keines,  warum dann Gesetze machen,  die ihn unter Strafe stellen? Und ist er eines,  ist es dann nicht eine barbarische und dumme Inkonsequenz,  ihn durch ein gleiches Verbrechen sühnen zu wollen?

Es bleibt noch über die Pflichten des Menschen sich selbst gegenüber zu sprechen. Da der Philosoph solche Pflichten nur insofern anerkennt,  als er durch sie Lust gewinnt oder als sie seine Existenz gewährleisten,  ist es recht unnütz,  ihm deren Ausübung zu empfehlen,  und noch unnützer ist es,  ihm Strafen aufzuerlegen,  wenn er ihnen nicht nachkommt.

Der einzige Verstoß,  den der Mensch gegen diese Pflichten begehen kann,  ist der Selbstmord. Ich werde mir nicht einfallen lassen,  hier die Einfältigkeit der Leute zu beweisen,  die eine solche Handlungsweise zum Verbrechen erklärten: Ich verweise alle,  die noch Zweifel haben könnten,  auf den berühmten Brief Rousseaus. In fast allen antiken Staaten wurde der Selbstmord politisch und religiös gebilligt. Die Athener legten am Areopag ihre Gründe für den Selbstmord dar: Anschließend erdolchten sie sich. Alle Republiken Griechenlands duldeten den Selbstmord; er entsprach den Absichten der Gesetzgeber, man tötete sich öffentlich und machte aus seinem Tod  ein prunkvolles Schauspiel. Die Republik Rom förderte den Selbstmord: Die so berühmten Aufopferungen für das Vaterland waren nur Selbstmorde. Als Rom von den Galliern erobert worden war,  opferten die hervorragendsten Senatoren ihr Leben; wenn wir im gleichen Geiste handeln, machen wir uns die gleichen Tugenden zu eigen. Während des Feldzugs von 1792 hat sich ein Soldat aus Kummer darüber getötet,  daß er seinen Kameraden nicht in das Gefecht von Jemmapes folgen konnte. Wenn wir uns ständig auf die hohe Stufe dieser stolzen Republikaner stellen, werden wir sie bald an Tugend übertreffen:

Die Staatsform macht den Menschen. Eine lange Tradition tyrannnischer Regierungen hat unseren Mut geschwächt und unsere Sitten verdorben; aber wir erleben eine Wiedergeburt; und bald wird man sehen,  welch erhabener Taten der französische Geist und Charakter fähig ist, wenn er frei ist; diese Freiheit muß erhalten werden,  sei es selbst um den Preis unseres Vermögens und unseres Lebens,  diese Freiheit,  die uns schon so viele Opfer gekostet hat,  von denen uns keines zu viel gewesen sein darf,  wenn wir das Ziel erreichen; sie selbst haben sich alle aus freien Stücken geopfert; ihr Blut darf nicht umsonst geflossen sein; und Einigkeit... Einigkeit,  oder wir gehen der Früchte all unserer Mühen verlustig; bauen wir ausgezeichnete Gesetze auf dem Fundament der Siege,  die wir errungen haben; unsere ersten Gesetzgeber waren noch Sklaven des Tyrannen,  den wir endlich niedergeworfen haben; sie hatten uns nur Gesetze gegeben,  die dieses Tyrannen würdig waren,  den sie noch beweihräucherten: Beginnen wir ihr Werk von vorn und bedenken wir,  daß wir endlich für Republikaner und aufgeklärte Menschen arbeiten; unsere Gesetze müssen milde sein wie das Volk,  das sie lenken.

Wenn ich hier also die Nichtigkeit und die Gleichgültigkeit einer Unzahl von Taten dargelegt habe,  die unsere Vorfahren,  von einer falschen Religion verführt,  für Verbrechen hielten,  reduziere ich unsere Arbeit auf sehr wenige Dinge. Laßt uns nur wenige,  aber gute Gesetze machen; es kommt nicht darauf an,  die Verbote zu vervielfachen,  es geht nur darum,  dem Gesetz,  das man anwendet,  unzerstörbaren Wert zu verleihen; — das einzige Ziel der Gesetze,  die wir erlassen,  sei die Ruhe des Bürgers,  sein Glück und das Wohl der Republik; aber ich hoffe,  Franzosen,  daß euch,  nachdem der Feind von eurem Boden verjagt ist,  die Begierde,  eure Prinzipien zu verbreiten,  nicht weitertreibt; nur mit Feuer und Schwert werdet ihr sie bis ans Ende der Welt tragen können. Bevor ihr solche Entschlüsse in die Tat umsetzt,  erinnert euch des unheilvollen Ausganges der Kreuzzüge. Hört auf mich: Wenn der Feind auf der anderen Seite des Rheins steht,  dann schützt eure Grenzen und bleibt zu Haus; belebt euren Handel,  baut eure Fabriken aus und sucht neue Absatzwege; laßt eure Künste wieder erblühen und fördert die Landwirtschaft,  die in einem Staate wie dem eurigen so wichtig ist und die so betrieben werden sollte,  daß sie alle ernähren kann,  ohne von irgend jemandem abhängig zu sein, laßt die Thronsessel Europas von selbst zusammenbrechen: Euer Beispiel, euer Gedeihen wird sie bald stürzen, ohne daß ihr euch darum zu kümmern brauchtet.

Wenn ihr im Innern unbesiegbar und dank eurer Polizei und eurer Gesetze ein Beispiel für alle Völker seid, wird es keinen Staat in der Welt geben, der nicht danach trachtete, euch nachzuahmen, keinen einzigen, der sich nicht durch eine Verbindung mit euch geehrt fühlte; aber wenn ihr, um der eitlen Ehre willen, eure Grundsätze in die Ferne zu tragen, von der Sorge um euer eigenes Glück ablaßt, wird die Tyrannei, die nur eingeschlummert ist, wiedererwachen, werden innere Zwistigkeiten euch zerreißen, werdet ihr eure Finanzen und eure Soldaten verbrauchen, und all das, um wieder die Ketten zu küssen, die euch die Tyrannen wieder angelegt haben werden, die euch während eurer Abwesenheit wieder unterjochten; alles, was ihr erreichen wollt, kann geschehen, ohne daß ihr den heimischen Herd zu verlassen braucht; mögen die andern Völker euch glücklich sehen, dann werden sie auf dem Wege, den ihr ihnen gebahnt habt, auch ihrem Glück entgegengehen. - Marquis de Sade, Die Philosophie im Boudoir. Ungekürzte Studienausgabe, zur Erziehung junger Damen bestimmt. Gifkendorf 1989 (zuerst ca. 1789)

Anstrengung (3)

Über die Anstrengung

1

Man raucht. Man befleckt sich. Man trinkt sich hinüber.
Man schläft. Man grinst in ein nacktes Gesicht.
Der Zahn der Zeit nagt zu langsam, mein Lieber! Man raucht.
Man geht k ... Man macht ein Gedicht.

2

Unkeuschheit und Armut sind unser Gelübde
Unkeuschheit hat oft unsere Unschuld versüßt.
Was einer in Gottes Sonne verübte
Das ist's, was in Gottes Erde er büßt.

3

Der Geist hat verhurt die Fleischeswonne
Seit er die haarigen Hände entklaut
Es durchdringen die Sensationen der Sonne
Nicht mehr die pergamentene Haut.

4

Ihr grünen Eilande der tropischen Zonen
Wie seht ihr aus morgens und abgeschminkt!
Die weiße Hölle der Visionen
Ist ein Bretterverschlag, worin Regen eindringt.

5

Wie sollen wir uns, die Bräute, betören?
Mit Zobelfleischen? ah, besser mit Gin!
Einem Lilagemisch von scharfen Likören
Mit bittren ersoffenen Fliegen darin.

6

Man säuft sich hinauf bis zum Riechgewässer.
Die Schnäpse verteilt man mit schwarzem Kaffee.
Dies alles verfängt nicht, Maria, 's ist besser
Wir gerben die köstlichen Häute mit Schnee!

7

Mit zynischer Armut leichter Gedichte
Einer Bitternis mit Orangegeschmack
In Eis gekühlt! malaiisch gepichte
Haare im Auge! oh, Opiumtabak

8

In windtollen Hütten aus Nankingpapier
O du Bitternisfrohsinn der Welt
Wenn der Mond, dieses sanfte, weiße Getier
Aus den kälteren Himmeln fällt!

9

O himmlische Frucht der befleckten Empfängnis!
Was sähest du, Bruder, Vollkommnes allhier?
Man feiert mit Kirsch sich sein Leichenbegängnis
Und kleinen Laternen aus leichtem Papier.

10

Frühmorgens erwacht, auf haarigen Zähnen
Ein Grinsen sich find't zwischen faulem Tabak.
Auch finden wir oft auf der Zunge beim Gähnen
Einen bitterlichen Orangegeschmack.

- Bertolt Brechts Hauspostille. Frankfurt am Main 1963 (BS 4, zuerst 1927)

Anstrengung (4)
Kraft Arbeit
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