nfang
In der Wissenschaft — wie wohl in den meisten Fällen — ist es normalerweise
am besten, mit dem Anfang zu beginnen. Natürlich gibt es auch Fälle,
in denen man besser mit dem Ende anfängt. Wenn man zum Beispiel einen Hund grün
anstreichen möchte, wäre es empfehlenswert, am Schwanz zu beginnen, da er an
diesem Ende nicht beißen kann. - Lewis Carroll,
Sylvie & Bruno. München 1986 (Goldmann 8552, zuerst 1889)Anfang (2)
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Damals war nicht das Nichtsein, noch das Sein,
Nicht Tod war damals noch Unsterblichkeit, Vom Dunkel war die ganze Welt bedeckt, Doch, wem ist auszuforschen es gelungen, |
- Aus dem Rigveda, nach (zeit)
Anfang (3) Lassen Sie sich etwas zum Schreiben bringen, nachdem Sie es sich irgendwo bequem gemacht haben, wo Sie Ihren Geist soweit wie möglich auf sich selber konzentrieren können. Versetzen Sie sich in den passivsten oder den rezeptivsten Zustand, dessen Sie fähig sind. Sehen Sie ganz ab von Ihrer Genialität, von Ihren Talenten und denen aller anderen. Machen Sie sich klar, daß die Schriftstellerei ein er der kläglichsten Wege ist, die zu allem und jedem führen. Schreiben Sie schnell, ohne vorgefaßtes Thema, schnell genug, um nichts zu behalten, oder um nicht versucht zu sein, zu überlesen.
Der erste Satz wird ganz von allein kommen, denn es stimmt wirklich, daß in jedem Augenblick in unserem Bewußtsein ein unbekannter Satz existiert, der nur darauf wartet ausgesprochen zu werden.
Ziemlich schwierig ist es, etwas darüber zu sagen, wie es
mit dem folgenden Satz geht... - André Breton, Erstes Manifest
des Surrealismus (1924)
Anfang (4) Es ist längst Erfahrung und Statistik geworden, daß die Menschheit größten Epidemien, genau so wie die Kriege, überlebt. Sie macht weiter: Leider. Und leider im alten Fahrwasser, indem sie hastig wieder aufbaut, was das vorige Mal schon zu einem Kriege geführt hat.
Kriege und Epidemien sind nicht groß genug, um den Menschen auf eine andere Bahn zu bringen. Und deshalb könnte man sie auch gleich auslassen. Es kommt nur auf das an, was der Mensch als freiwilligen Entschluß richtig fühlt und die Richtung, die er mit diesem Entschluß einschlägt.
Neue Anfänge zu machen sollte eher eine Freude für die Menschen ein als die Verfolgung der alten Geleise. Die Vorzeit gibt ein viel bunteres Bild von Versuchen der Menschheit, als ich es bisher darstellen konnte. Das Thema würde zu viel Raum beanspruchen. Wie schon erwähnt, haben die Staaten es dahin gebracht, daß der Einzelne nicht mehr die geringste Spur von Freiheit hat, völlig erblindet ist in seiner Sklaverei und einzig von den dem Staat geleiteten Spuren eine Hoffnung haben kann. Auch die Staaten mögen was sie wollen für bald versprechen, sie brauchen doch Jahrhunderte dazu, und alsdann sind sie ferner vom Ziel als sie je erwartet haben.
Deshalb ist die völlige Freiheit vom Staat die erste Vorbedingung,
unter der Menschen mit neuen Experimenten
anfangen könnten. Es ist im Grunde nicht gut, daß man das sagen
muß, denn man hätte vielleicht eine größere Gemeinschaft denken
können, die auch auf neuen Wegen leitet oder Dutzende von solchen
neuen Versuchen, die einander nicht stören. Auch ein tiefes Elend,
das der Staat erzeugt hat, ist kein wesentlicher Beitrag zu einem
neuen Leben, wenn wir annehmen, daß es Umstände herbeiführen
würde, unter denen neue Anfänge möglich wären. Es könnte sein,
daß die Staaten keine Zeit haben, sich um einzelne Gruppen, die
sich loslösen, zu kümmern: Das wäre alles, was man erwarten kann.
- Aus: Ernst Fuhrmann, Was die Erde will. Eine Biosophie. München
1986 (zuerst 1930)
Anfang (5) Ganz zu Anfang gab es nichts
anderes als die Dunkelheit [...]. Töne, dumpfes Dröhnen und Grollen
machten sich in Abständen bemerkbar. Rotes, Weißes, Blaues und
Braunes verflochten sich zu einer Spirale und flössen in der
Dunkelheit zusammen. Gemeinsam arbeiteten sie darauf hin, sich
zu durchmischen. An einem Punkt trafen sie zusammen, um zu gebären.
Die so gebildete Kugel erbebte und kreiste
und verdichtete sich zu einer Substanz, die zu zwei in diese
Plazenta eingehüllten Embryos wurde. Das hatte sich im Raum und
in der Dunkelheit abgespielt. Sie kamen vorzeitig zur Welt, alles
stand still, denn sie waren Totgeburten. Erneut kreisten die
Lichtmassen, vereinigten sich und zeugten. Diesmal kamen die
Embryos rechtzeitig zur Welt — drinnen hatten die beiden Kinder
sich abgesprochen. - (str)
Anfang (6) Es war einmal eine Prinzessin, die hieß Jaja; aber leider hatte es mit ihr einen Haken, und deshalb haben wir unsere Geschichte falsch angefangen. Eigentlich können wir gar nicht beginnen, denn der Haken war eben, daß die Prinzessin nicht wußte, ob sie war. Also fangen wir noch einmal von vorn an.
Es war also einmal eine Prinzessin, und die war nicht.
Das ist aber auch noch nicht der richtige Anfang. Denn solange
die Philosophen noch nicht klar darüber
sind, was das wirkliche Sein wirklich sei und wie es mit dem
Erkennen zusammenhänge, fragt es sich
doch, ob die Prinzessin wirklich nicht war, oder ob sie bloß
nicht wirklich war. Und da in den Märchen immer alle Dinge dreimal
vorkommen und erst das dritte Mal die Sache gelingt, so sehen
wir nicht ein, warum es nicht gleich mit dem Anfange auch so
sein solle und erst der dritte Anfang der richtige werde. Und
nun kommt er. - Kurd Lasswitz, Die Prinzessin Jaja! Aus:
In Laurins Blick. Das Buch deutscher Phantasten. Hg. Kalju Kirde.
Frankfurt am Main u.a. 1985 (zuerst 1982)
Anfang (7) ich
fang noch einmal an mich kennen zu lernen ich schau noch
einmal im Spiegel meine Zunge
an ich onaniere noch einmal ich
fange noch einmal an zu denken und merke
ich bin ein Pferd ich sehe noch
einmal am Abend zum Fenster hinaus
und es wird Nacht ich bin mir unsicher
ob ich enttäuscht bin ich
riskiere es nicht enttäuscht zu sein sonst müßte ja auch die
Möglichkeit bestehen, daß ich zufriedengestellt werden kann das
hieße sich noch einmal überlegen wie man etwas behandelt hieße
also Verhaltensforschung betreiben wie Susn manchmal noch möchte
von mir daß ich studiere das hieße noch einmal Erkenntnis
nicht abschreiben das hieße noch einmal blind zu sein das
hieße diese ganze starke Pferdenatur noch einmal herauszufordern
diese Pferdenatur zu traktieren nicht nur Pferd Pferd
einen Lipizzaner aus mir machen hieße das und springen
über Gerüste und Gräben nein nicht nur Verbesserung der
Pferdenatur auch Verwandlung Panzer
Rakete Dampfer undsoweiter
werden hieße also nichts anderes als kämpfen
hieße das eine mit dem anderen vertauschen hieße wechseln
verwechseln ausgewechselt werden hieße in der
Schlacht sein hieße sei Alexander
hieße also kämpfen damit im fernen Hindukusch
irgend ein Stamm 2000 Jahre lang Gewänder in griechischen Falten
trägt hieße daß es dort Zöpfe gibt wie sie die Germanen trugen
gehen schwimmen in die Luft hüpfen im Liegestuhl liegen
und denken hinausdenken über den Zigarettenrauch -
Herbert Achternbusch, Die Alexanderschlacht. Frankfurt am Main
1972 (st 61, zuerst 1971)
Anfang (8) Wir gehen den Aquädukt entlang,
über den Wasser bis zur Zitadelle geleitet wird; herrenlose Hunde
schliefen in der Sonne oder streunten umher, am Himmel zogen
Raubvögel ihre Kreise. - Ein Hund reißt einen Esel in Stücke,
von dem nur noch ein Teil des Skeletts und der Kopf mit dem vollständigen
Fell übrig war; sicherlich ist der Kopf
wegen der Knochen das schlechteste Stück. Die Vögel
fangen immer bei den Augen an, die Hunde
im allgemeinen mit dem Bauch oder dem After; alle fangen sie
jedenfalls bei den zarteren Teilen an und gehen nach und nach
zu den zähen über. - (orient)
Anfang (9) Bis man bemerkt, daß etwas
angefangen hat, ist es schon zu spät. Den Anfang findet man nicht
mehr. Und die Vorgeschichte ist vielviel länger als die Geschichte.
Weil sich aber die Geschehnisse in uns erhalten je nach dem Schmerz,
den sie einmal verursachten, muß ich mit dem Umzug beginnen.
Das ist auch der einzige Grund dafür, mit einem Umzug zu beginnen.
- Martin Walser, Das Einhorn. Frankfurt am Main 1966
Anfang (10) Der Kosmos hatte zweifellos einen Anfang.
Unverkennbar war er vor 18,5 Milliarden Jahren aus einem Uratom entstanden.
Zugleich konnte es jedoch ein solches Uratom, aus dem er hätte schlüpfen können,
nicht gegeben haben, denn wer hätte es an einer leeren Stelle unterschieben
können? Am Anfang gab es nichts. Hätte es etwas gegeben, dann hätte sich jenes
Etwas - klarer Fall - zu entwickeln begonnen,
und der ganze Kosmos wäre viel früher entstanden, wenn man es genau nimmt -
unendlich früher! Warum sollte denn dieses ursprüngliche Uratom währen und währen,
in Totenstarre und Unbeweglichkeit ungeahnte Äonen
hindurch währen, ohne sich zu rühren, und was um Gottes willen hätte in einem
bestimmten Augenblick so an ihm zerren und reißen
sollen, daß es sich zu etwas so Gewaltigem ausdehnen und ausbreiten konnte,
wie es das Universum darstellt? -
(lem)
Anfang (11) Zuallererst wahrlich entstand das Chaos,
aber dann die breitbrüstige Gaia, für immer der nicht wankende Sitz von allem
Unsterblichen, und der dämmernde Tartaros im Innern der breitstraßigen Erde
und der Eros, der Schönste unter den unsterblichen Göttern, der gliederlösende.
Von allen Göttern und von allen Menschen bezwingt er in der Brust den Sinn und
den klugen Ratschluß. Aus dem Chaos entstand Erebos und die dunkle Nacht;
aus der Nacht aber entstanden wiederum der Äther, und die Tageshelle.
Gaia aber erzeugte als erstes, ihr selbst gleich, den sternenreichen Uranos,
damit er sie ganz umhülle. Sie erzeugte auch die hohen Berge, den lieblichen
Aufenthalt der Göttinnen, der Nymphen.
- Hesiod, nach (zeit)
Anfang (12) Die «Singularitätensätze» geben hinreichende Bedingungen
dafür an, daß das Universum einen «Anfang»
hatte. Diese Sätze konstruieren nicht explizit einen Anfang der
Welt, sondern sie beweisen, daß sich ein logischer Widerspruch
zu anderen vernünftigen physikalischen Annahmen über das Weltall
ergeben würde, wenn es keinen Anfang gäbe. - (bar)
Anfang (13) Wer begann je einen Traum?
Die Menschen finden sich immer inmitten des einen oder anderen Traums
wieder. Das Wesentliche am Schlaf liegt nicht im Träumen;
es liegt in einem gewissen Absterben des Oberflächenlebens
und einem Hinabsinken ins Leben unter der Oberfläche, wo das andere Leben
heilend und erquickend wie eine unsterbliche Frischwasserströmung existiert,
die unter dem Salzwasser einer aufgewühlten See flutet. Es genügt, sich an die
lieblichen und geheimnisvollen Empfindungen beim Einschlafen
zu erinnern und sie mit den groben, rohen Eisenspitzen unschöner Dinge zu vergleichen,
die in Träumen vorkommen, um den Unterschied zu erkennen. Zwischen dem Vorgang
des Einschlafens und dem des Träumens besteht eine große Kluft. Sie scheinen
verschiedenen Kategorien des Seins anzugehören. - John Cowper Powys, Glastonbury Romance.
München 1993 (zuerst 1933)
Anfang (14) Unsere glücklichen Tage kamen erst
später. Sie kamen für die Mutter, als sie mir täglich vor dem Schulgang die
Brote schmierte und wir durch die Geschäfte gingen, um die Schulutensilien für
mich zu kaufen: eine Federbüchse, eine Spardose, eine Schultasche, neue Bücher
in Pappeinband und Hefte in glänzenden Umschlägen. Niemand in der Welt empfindet
neue Dinge so stark wie Kinder. Der Geruch des Neuen erregt sie wie einen Hund
die Hasenspur. Das törichte Gefühl, das sie befällt, heißen wir später, so wir
erwachsen sind, Begeisterung. Das reine Gefühl eines Kindes, neue Dinge zu besitzen,
teilte ich auch meiner Mutter mit. Einen Monat lang freuten wir uns der Federbüchse
und der Morgendämmerung, da ich am großen Tisch bei Licht Tee trank und meinen
Ranzen packte. - (babel)
Anfang (15) Alle nehmen Gegensätze
als Anfänge an; sowohl die da sagen, daß Eines das All und unbeweglich sei (denn
Parmenides macht Warmes und Kaltes zu Anfängen; dieses nennt er aber
Feuer und Erde), als die Dünnes
und Dichtes, und Demokrit, der das Undurchdringliche
und Leere nennt. Von diesen sagt er, daß das eine als seiendes, das andere als
nicht seiendes sei. Auch in Lage, Gestalt und Ordnung nimmt er Gegensätze an,
nämlich folgendergestalt. In der Lage, als oben und unten, vorn und hinten.
In der Gestalt: eckig und winkellos, gerade und krumm. - Aristoteles,
Physik
Anfang (16) Niemals als erster reden,
es sei denn von Gesundheit, Regen oder schönem Wetter. - (hds)
Anfang (17) Die Frage nach dem Anfang und Ursprung aller Dinge ist natürlich keine wissenschaftliche Frage. Zwar sind viele Menschen fasziniert von den vier großen Fragen nach dem Ursprung des Universums, des Lebens, des Menschen und des Bewusstseins, doch diese Faszination beruht eher auf den religiösen Konnotationen dieser Fragen als auf einem Interesse an den Antworten, die unsere Wissenschaften darauf geben. Denn, genau gesagt, geben die Wissenschaften darauf keine Antwort. Und das hat seine Gründe. Jede dieser Entitäten - das Universum, das Leben, der Mensch, das Bewusstsein - existiert als solche auf der Ebene ihrer Entstehung nur im Rahmen der philosophischen oder religiösen Fragestellung, aber nicht im Zusammenhang einer wissenschaftlichen Realität. Was sagt die Wissenschaft darüber?
Wer vom Ursprung des Universums
spricht, der meint, dass es eine Zeit gab, da das Universum
seinen Anfang nahm. Dieser Ausdruck setzt voraus, dass die Zeit außerhalb des
Universums existiert, dass es eine absolute, gleichsam göttliche Zeit gibt.
Die Physik lehrt uns aber, dass Zeit, Raum und Materie untrennbar miteinander
verbunden sind. Für Physiker hat es deshalb gar keinen Sinn, von einem Anfang
oder Ursprung des Universums im zeitlichen Sinne zu sprechen; sie vermögen nur
die Veränderungen des bereits existierenden Universums zu beschreiben. Ein zeitlicher
»Nullpunkt« ist nur eine Konvention, die aus Gründen der leichteren mathematischen
Behandlung eingeführt wird. - Michel Serres und
Nayla Farouki (Hg.): Thesaurus der exakten Wissenschaften. Frankfurt am
Main 2004 (zuerst 1997)
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