kt, poetischer  Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes

Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.

Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen. Die alogische Geste selbst kann, derart ausgeführt, zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden. Schönheit allerdings ist ein Begriff, welcher sich hier in einem sehr geweiteten Spielraum bewegen darf.

1 Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heißt, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift.

2 Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik.

3 Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit.

4 Der poetische Act wird starkbewußt extemporiert und ist alles andere als eine bloße poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden.

5 Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut.

6 Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote.

7 Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel.

8 Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.  - H. C. Artmann, nach Konrad Bayer: hans carl artmann und die wiener dichtergruppe, in  (artm)

Act, poetischer (2) ein keller wird gefunden, artmann versucht ein theater zu gründen, schutt wird weggeräumt, eine bühne wird gebaut, ein verein wird gegründet, (mein freund oswald wiener taucht in dieser Umgebung auf.) geplant ist »hopsignor« von ghelderode, »sweeney agonistes« von eliot, vertont von gerhard rühm. daraus wird nichts, es folgen einige poetische acte von großer Schönheit: in H. C.'s Franciscan Catacombes Club, Wien 1., Ballgasse 10: »IN MEMORIAM TO A CRUCIFIED GLOVE« on Saturday the Ninth of January 1954; rum, beer, dancing in torchlight, new-orleans band; the vaults will be opened from 21.00 hours to 5.00 hours. am 5. februar: »das fest des hl. simeon, quasi una fantasmagoria« (ich führe regie, die schwarze messe kommt nicht recht zustande, die versprochene jungfrau erscheint nicht, die tote taube ist von den ratten gefressen, der satanspriester otto zokan liegt bewußtlos trunken in seinem kohlenkeller, ein übler dilettant muß ihn ersetzen, aber oswald wiener darf raimund ferra in einem schubkarren durch die unterirdischen gänge fahren und in eine grube schütten, wo wir das opfer mit erde bedecken und mit rum besprengen), teddy janata arrangiert eine woche später eine indische reistafel, artmann schreibt: »la cocodrilla« (theater am lichtenwerd, wien 1963). am 20. 2. 1954 folgt die »SOIRÉE MIT ILLUMINIERTEN VOGELKÄFIGEN«, dann wird artmann von der polizei nahegelegt, den klub aufzulösen und den keller zu schließen, der heimstatt entblößt sickern wir ins café glory. pötzlberger, h. jelinek und chilenische anarchisten treten mit uns in lose Verbindung, (der »strohkoffer«, vom art-club längst verlassen, ist eine kleine touristenattraktion und zeitweiliger treffpunkt der wiener unterweit geworden.) artmann schreibt eine reihe kleiner zyklen: »böse formeln«, »treuherzige kirchhoflieder«, »lieder zu einem gutgestimmten hackbrett«. marc adrian, damals noch bildhauer, begeistert sich eben am goldenen schnitt und schlägt uns vor, dieses Verhältnis in die dichtung einzuführen: in adrians atelier wird der METHODISCHE INVENTIONISMUS geboren, wir sind sehr stolz, jeder kann jetzt dichter werden. - Konrad Bayer: hans carl artmann und die wiener dichtergruppe, in  (artm)

Akt   (3)  Saul Steinberg / Der Akt der Letter

Die Paarung der Letter ist hier eher komisch als erotisch. Sie haben sich aus den Wörtern fortgestohlen, oder sie waren noch gar nicht im Wort. Daher ihre Unbeholfenheit.

A scheint mir zu vorschnell. Treibt sein linker Balken sich nicht wie ein Keil in die Hüfte B's? Weiß B, was es da empfangt? Hätte A nicht als ein anderer erscheinen können, als a nämlich, rund und geschmeidig? Oder kann es nicht anders als sein Typograph es wollte: eckig und spitz? B indes versteckt seine Kanten im Kissen. Als wollte es nicht allzu hervorstechen. Das willenlose Empfangende? Oder sind B's Waffen gerade seine Wölbungen?

Aber wer hat nicht sofort A die männliche und B und die weibliche Rolle zugeteilt?!

Leser sind Voyeure. Ihre Lustobjekte sind die Letter. Berauscht verfolgen sie deren Konstellation im Text. Die Vokale und Konsonanten aber, wie die Insekten, führen ein unentdecktes Eigenleben, entziehen sich der ästhetischen Kategorie. So könnte ich A und B in ihrem Akt neu begreifen lernen. Und sollte meine Phantasie nicht ausreichen, sie mir im Dunkel vorzustellen, wie sie unbeobachtet die Metamorphose vollziehen: sie treten aus ihrer lustlosen Form und werden chinesische Schriftzeichen oder geschwungener arabischer Buchstab. Oder sie träumen sich als Anfang und Beginn so kostbarer Wörter wie Atem oder Baum. Wie alle Wesen sind sie es leid, bloßes Gebrauchsobjekt zu sein. Sie fordern die Sinnlichkeit ihrer Benutzer.

Viele meiner Fragen bleiben ungeklärt. Warum beispielsweise gebärden sich die Letter so überaus menschlich und benutzen ein Bett? Oder wäre das gerade ihre befreiende Loslösung vom Alltag?   - Bettina Wassmann, nach (abc)

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