Abschied  Der letzte Rath, den ich euch gebe, betrifft eure Aufführung, wenn ihr zum Galgen gebracht werdet, welcher euch, wegen Bestehlung eures Herrn; wegen eines Einbruches; weil ihr auf die Landstraßen gegangen, und weil ihr in einer Zänkerey, da ihr betrunken gewesen, den ersten, der euch vorgekommen, erstochen habet, wahrscheinlicher Weise gar leicht zu Theile werden kann, und welches einer von diesen drey Eigenschaften beyzumessen ist, entweder eurer Liebe zu guter Cameradschaft, eurer Großmuth, oder der gar zu großen Lebhaftigkeit eures Geistes.

Euer gutes Betragen in solchen Umständen wird eure ganze Brüderschaft betreffen.

Leugnet die That mit den feyerlichsten Verwünschungen. Hundert von euren Brüdern werden, wenn sie nur zugelassen werden können, vor dem Gerichte warten, und bereit seyn, euch vor demselben auf Befragen einen guten Character beyzulegen. Laßt euch durch nichts um Bekenntnisse bewegen, als die Versprechung des Pardons, wenn ihre eure Cameraden entdecken wollet.

Wiewohl dieses alles ist doch, wie ich glaube, umsonst. Denn wenn ihr gleich einmahl los kommet: so werdet ihr doch ein andermahl dasselbe Schicksal erfahren müssen.

Lasset euch eine Rede durch den besten Scribenten von Newgate verfertigen. Gutherzige Mädgen werden euch mit einem weissen holländischen Hemde und einer weissen Mütze mit einem rothen oder weissen Bande versehen. Nehmet von allen euren Freunden zu Newgate auf das herzlichste Abschied.

Steiget mit Muth auf den Karren. Fallet auf eure Knie. Hebet eure Hände in die Höhe. Haltet ein Buch in der Hand, wenn ihr gleich kein Wort lesen könnet. Leugnet die That noch unter dem Galgen.

Küsset den Büttel, und verzeihet ihm, und so fahret wohl.

Ihr werdet ansehnlich auf Kosten der Brüderschaft begraben werden. Den Wundärzten wird nicht eines von euren Gliedern zu Theil werden, und euer Nachruhm wird dauern, bis ein gleichberühmter Nachfolger an eure Stelle treten wird. - (swi)

Abschied (2)  Und damit ist Linke Poot in die Haltung verfallen, die er einnehmen muß. In die des Abschiednehmens. Wir sehen uns, wir werden uns auf einige Zeit nicht wiedersehen.

Man blase hinter mir den Trauermarsch. Ich liege in einem Sarge und habe zwei schwere Schuhe an, innen mit Nägeln beschlagen; die heißen Widerwillen. Ich habe eine Mütze auf, die heißt Abscheu. Ich habe einen grünen Schleier vor dem Gesicht, der heißt Ekel und Überdruß.

Tädium, nichts als Tädium. Es ist mir zu viel geworden. Ich bin immer gerecht nach jeder Seite gewesen, die sich nur blicken ließ. Ich habe nie versäumt, wo ich «ja» sagte, gleich hinterher «nein» zu sagen. Dies Schaukelpferd ritt ich mit Schneid und Eleganz in einer Zeit, wo jeder die Pflicht hat, Pflicht, eine wohlarrondierte Meinung zu exekutieren. Ich habe die Wut der Gerechten erregt: und was kann ein armer Schächer ohne Plattfüße mehr.

Jetzt bin ich überwältigt. Mein Pferd schlage ich kaputt. Mit dem Holz gehe ich fechten. Das königliche Wort: «Macht euch euren Mist alleene» unterdrücke ich. - (poot)

Abschied (3)  Nach seinem Selbstmordversuch im Jahre 1793 diktierte Chamfort blutüberströmt, aber bei vollem Bewußtsein sein Testament: »Ich, Sébastien Roch Nicolas Chamfort, erkläre, daß ich eher als freier Mann sterben, denn als Sklave mich in eine Haftanstalt zurückführen lassen wollte; und erkläre weiter, daß mir, wenn man darauf beharren sollte, mich in dem Zustand, in dem ich mich befinde, mit Gewalt dorthin zu schleppen, noch ausreichend Kraft bleibt, um zu vollenden, was ich begonnen habe. Ich bin ein freier Mann; nie wieder wird man mich lebendig in ein Gefängnis schaffen.« - Nach (Chamfort)

Abschied (4) Am 11. März 1957 unterzeichnet ein Mann in Portland im amerikanischen Staate Maine seinen letzten Willen, in dem es heißt: "Um die Wahrheit über mein Leben und mein Werk nach meinem Tode gegen Verdrehungen und Verleumdungen zu sichern, bestimme ich, daß alle Dokumente über meine Forschungen und Experimente, die Manuskripte und die Tagebücher, die Vergleichsreihen in meinem Archiv und die Kranken-Journale meiner Patienten in Gegenwart einer Amtsperson versiegelt werden sollen, um mein Werk vor Zerstörung, willkürlicher Veränderung, falscher Interpretation durch Auslassungen und Zusätze zu schützen. Diese Hinterlassenschaft soll eingebracht werden in einen Trustfond, aus dessen Erlös die gesetzgeberisch verankerte Sicherheit für Kinder überall in der Welt gefördert werden soll, ebenso wie die freie ärztliche Hilfe für Erwachsene, die aus beruflichen, erzieherischen, sozialen und anderen Gründen in seelische Not und darin begründete Krankheit geraten sind.

Der Trustfond soll gehalten sein, alle Aufzeichnungen, Tagebücher, Vergleichstabellen und Zeichnungen, die zur Entdeckung der Lebens-Energie führen und führen werden, der Vorgeschichte ihrer Entwicklung, der Einheit und Gleichheit ihrer physiologischen und psychischen Bindungen, den daraus sich ergebenden Funktionen im Leben des Einzelnen, der Lebensgemeinschaft sowie der Gesellschaft — für die nächsten 50 Jahre unter Verschluß zu halten, um jeden Versuch einer Verfälschung aus der Gegenwart heraus zu verhindern."

Drei Tage später trat der Unterzeichner dieses Testaments eine Gefängnisstrafe in Portland an — 2 Jahre Gefängnis wegen Ungehorsams gegen eine gerichtliche Verfügung (die Höchststrafe für contempt of court), von denen er allerdings nur 18 Monate verbüßt hat; er ist im Gefängnis gestorben. - Wilhelm Reich, nach: Franz Jung, Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich. In: Franz Jung, Schriften, Bd. 1, Salzhausen / Frankfurt am Main 1981

Abschied (5)  Gehabt Euch wohl! Ich habe den Ehrgeiz überwunden, als Schriftsteller anerkannt zu werden, als Geschäftsmann, als Liebhaber — und, wenn man das so will in dieser verrotteten Gesellschaft, selbst als anständiger Mensch; ich bin nicht anständig. Zwar nicht gerade ein Dieb, wie alle, die dieser Zeit dienen, oder ein Erpresser, Straßenräuber und sonstwas, weil ich weiß, alles das hat keinen Zweck; wozu die Umwege?

Niemand braucht sich zu scheuen, den anderen umzubringen. Die Leute, die man umbringt, werden das erst später merken, im Jenseits. Ich bin ein Opfer meiner Freunde, nicht meiner Feinde. Ich liebe meine Feinde — weil sie dumm sind. Aber ich verstehe sie besser als meine Freunde, vor denen ich etwas Angst habe. Ich hasse meine Freunde. Sie sind diejenigen, die sich weigern werden, mir in die Hölle zu folgen. Natürlich gehe ich zur Hölle, Ehrensache. Das ist der Platz, wohin ich gehöre. - Aus: Franz Jung, Der Weg nach unten. Aufzeichnungen aus einer großen Zeit. In: Franz Jung, Schriften, Bd. 1, Salzhausen / Frankfurt am Main 1981

Abschied (6)

Abschied (7)

Abschied (8) Vor seiner Front ging ein gebeugter Jüngling mit Brille auf und ab. An seiner Seite baumelte ein Säbel. Er bewegte sich hüpfend, mit unzufriedener Miene, so als drückten ihn die Stiefel. Dieser Bauernataman, von ihnen gewählt und beliebt, war Jude, ein halbblinder jüdischer Jüngling, mit dem schwindsüchtigen und konzentrierten Gesicht eines Talmudschülers. Im Gefecht bewies er umsichtige Tapferkeit und eine Kaltblütigkeit, die an die Zerstreutheit eines Träumers erinnerte.

Es war die dritte Stunde eines weiträumigen Julitages. In der Luft strahlte in den Farben des Regenbogens das Spinnengewebe der Hitze. Hinter den Hügeln blitzte ein festlicher Streifen aus Uniformen und Pferdemähnen, in die Bänder geflochten waren. Der Jüngling gab das Zeichen, sich fertigzumachen. Die Bauern, schlurfend in ihren Bastschuhen, rannten an die Plätze und bereiteten sich auf den Angriff vor. Doch es war blinder Alarm. Auf der Leszniower Chaussee erschienen die farbigen Schwadronen Maslaks. Ihre ausgemergelten, aber munteren Pferde griffen weit aus. An vergoldeten, mit Samtquasten behängten Stangen schwankten, in feurigen Staubsäulen, üppige Fahnen. Die Reiter ritten mit majestätischer und frecher Kaltblütigkeit. Das zerlumpte Fußvolk kam aus seinen Gruben gekrochen, riß die Mäuler auf und folgte der geschmeidigen Eleganz dieses gemächlichen Stromes.

An der Spitze des Regiments ritt auf einem gescheckten Steppenpferdchen Brigadekommandeur Maslak, erfüllt von besoffenem Blut und der Fäulnis seiner fettigen Säfte. Sein Bauch lag, wie ein dicker Kater, auf dem silberbeschlagenen Sattelknauf. Beim Anblick des Fußvolks lief er vor Heiterkeit puterrot an und winkte Zugführer Afonjka Bida zu sich. Der Zugführer trug bei uns den Spitznamen »Machno«, wegen seiner Ähnlichkeit mit dem berühmten Batjko. Sie flüsterten etwa eine Minute — der Kommandeur und Afonjka. Dann drehte sich der Zugführer zur ersten Schwadron um, beugte sich vor und gab leise das Kommando: »Vorwärts!« Die Kosaken verfielen zugweise in Trab. Sie hetzten die Pferde auf und rasten auf die Schützengräben zu, aus denen, von dem Anblick entzückt, das Fußvolk glotzte.

— Fertigmachen zum Gefecht! — sang langgezogen und wie aus der Ferne kommend Afonjkas Stimme.

Maslak ritt heiser hüstelnd und genießerisch beiseite, die Kosaken gingen zur Attacke über. Das arme Fußvolk ergriff die Flucht, doch zu spät. Schon klatschten die Kosakenpeitschen auf die zerschlissenen Röcke nieder. Die Reiter zogen ihre Kreise über dem Feld und wirbelten mit unnachahmlicher Kunst die Nagajka in den Händen.

— Was soll der Unsinn? — rief ich Afonjka zu.

— Nur so, zum Spaß, — antwortete er mir, im Sattel hin und her rutschend, und zog einen jungen Kerl aus den Büschen, der sich dort versteckt hatte.

— Nur so, zum Spaß! — rief er, auf den ohnmächtigen Burschen eindreschend.

Der Spaß nahm ein Ende, als Maslak, majestätisch und huldvoll, mit seiner weichen Hand abwinkte.

— Glotzt nicht so, Fußvolk! — rief Afonjka und reckte hochmütig seinen schmächtigen Körper. — Geht Flöhe fangen, Fußvolk .. .

Die Kosaken, einander zufeixend, formierten sich wieder zu Kolonnen. Das Fußvolk war wie weggeblasen. Die Schützengräben waren leer. Nur der gebeugte Jüngling stand an der alten Stelle und beobachtete die Kosaken durch die Brille aufmerksam und von oben herab.

Der Beschuß aus Richtung Leszniow riß nicht ab. Die Polen waren im Begriff, uns einzukreisen. Durch den Feldstecher konnten wir einzelne Gestalten ihrer berittenen Aufklärer sehen. Sie kamen aus dem Schtetl gesprengt und verschwanden, wie die Stehaufmännchen. Maslak sammelte eine Schwadron und verteilte sie zu beiden Seiten der Chaussee. Über Leszniow erhob sich ein blitzender Himmel, unaussprechlich leer, wie immer in Stunden der Gefahr. Der Jude, den Kopf in den Nacken geworfen, pfiff traurig und laut auf der Trillerpfeife. Und das Fußvolk, diese unwiederbringliche, verprügelte Infanterie, kehrte an die Plätze zurück.

Die Kugeln flogen in dichten Schwaden auf uns zu. Der Stab der Brigade geriet unter MG-Beschuß. Wir stürzten in den Wald und schlugen uns durch das Gebüsch, rechts der Chaussee. Zerschossene Äste knackten hastig über uns. Als wir uns durch die Büsche gearbeitet hatten — waren die Kosaken nicht mehr am alten Platz. Auf Befehl des Divkom waren sie in Richtung Brody abgezogen. Nur die Bauern bissen aus ihren Schützengräben mit vereinzelten Gewehrschüssen zurück, und der zurückgebliebene Afonjka eilte seinem verlorenen Zug nach.

Er ritt am äußersten Straßenrand, wobei er sich dauernd umdrehte und die Nase in die Luft hielt. Der Beschuß ließ für einen Augenblick nach. Der Kosak dachte, diese Atempause zu nutzen, und ritt Galopp. In diesem Augenblick durchschlug eine Kugel den Hals seines Pferdes. Afonjka ritt noch etwa einhundert Schritt, und hier, vor unseren Reihen, knickte das Pferd starr in der Vorderhand ein und stürzte zu Boden.

Ohne Eile zog Afonjka den eingeklemmten Fuß aus dem Bügel. Er hockte sich hin und stocherte in der Wunde mit kupferrotem Zeigefinger. Dann richtete Bida sich auf und umfing den blitzenden Horizont mit gepeinigtem Blick.

— Leb wohl, Stepan, — sagte er mit hölzerner Stimme, trat vor dem verendenden Tier zurück und verbeugte sich tief bis zum Gürtel, — wie soll ich ohne dich nach Hause kommen in die stille Staniza? .. . Wem deinen gestickten Sattel überwerfen? Leb wohl, Stepan, — wiederholte er, lauter, holte tief Luft, kiekste, wie eine gefangene Maus, und heulte los. Sein aus der Tiefe brodelndes Geheul drang bis an unser Ohr, und wir sahen Afonjka sich rasch und immer wieder verbeugen, wie eine Besessene in der Kirche. — Aber ich ergebe mich nicht in dieses Scheiß Schicksal, — rief er, die Hände von dem leichenblaß gewordenen Gesicht nehmend, — jetzt metzle ich sie erbarmungslos nieder, die unsägliche Schlachta! Bis zum tiefsten Herzensseufzer, bis zu ihrem letzten Seufzer und zum Muttergottesblut ... Bei meinen lieben Brüdern daheim, das versprech ich dir, Stepan . . .

Afonjka legte sich mit dem Gesicht auf die Wunde und verstummte. Das leuchtende tiefe violette Auge auf seinen Herrn gerichtet, hörte das Pferd das krampfhafte Keuchen Afonjkas. In sanftem Vergessen fuhr es mit dem zu Boden gesunkenen Maul über die Erde, und Ströme von Blut, wie zwei rubinrote Siele, flossen über seine mit weißen Muskeln gepolsterte Brust.

Afonjka lag regungslos da. Mit dem Trippelschritt seiner dicken Beine näherte sich dem Pferd Maslak, steckte ihm den Revolver ins Ohr und schoß. Afonjka sprang auf und wandte Maslak das pockennarbige, entsetzenerregende Gesicht zu.

— Nimm ihm das Geschirr ab, Afanasij, — sagte Maslak liebevoll, — geh zu deiner Einheit. . .

Und von der Anhöhe aus sahen wir, wie Afonjka, gebeugt unter der Last des Sattels, das Gesicht naß und rot, wie rohes Fleisch, langsam auf seine Schwadron zuwankte, grenzenlos einsam in der staubigen lodernden Wüste der Felder.  - Isaak Babel, Die Reiterarmee. Berlin 1994 (Friedenauer Presse, neu übs. von Peter Urban, zuerst 1926)

Abschied (9)

WIE LANGE NOCH

„Wie lange noch, dann fassen
wir weder Gram noch Joch,
du kannst mich doch nicht lassen,
du weißt es doch,
die Tage, die uns einten,
ihr Immer und ihr Nie,
die Nächte, die wir weinten,
vergißt du die?

Wenn du bei Sommerende
durch diese Landschaft gehst,
die Felder, das Gelände
und schon im Dämmer stehst,
ist es nicht doch die Leere,
das Dunkel, das du fliehst,
ist es nicht doch das Schwere,
wenn du mich gar nicht siehst?

Die Falten und der Kummer
auf meinen Zügen tief,
das ist doch auch der Schlummer,
den hier das Leben schlief,
die eingeglühten Zeichen,
die Male dort und hier
sind doch aus unseren Reichen,
die litten wir.

Ja, gehst du denn zu Grabe,
daß es nun gar nichts gibt,
so gehe - ach, ich habe
dich so geliebt,
doch ist es eine Wende,
vergiß auch nie,
es gibt ein Sommerende
und Nächte, die

das Herz umfassen
mit Gram und Joch
- die du verlassen,
sie atmen noch-,
mit Schmerzen, hämmernden
Verlusten, wo
du suchst die dämmernden
Entfernten so!"

- (benn)

Abschied (10) »Seit zwei Monaten habe ich mich nicht mehr betrunken. Ich will weit fortgehen von dieser Himmelsplantage, um kein Ärgernis zu geben.«

Ein Lächeln flackerte über das Gesicht des Pflanzers. »Deesa«, sagte er, »jetzt hast du die Wahrheit gesprochen, und ich würde dir auf der Stelle einen Urlaub bewilligen, wenn ich nur wüßte, was ich mit Moti Guj anfangen soll, während du fort bist. Du weißt, er gehorcht nur dir allein.«

»Mögest du, o Licht des Himmels, vierzigtausend Jahre leben!« rief Deesa. »Ich werde nur zehn Tage fort sein, dann kehre ich zurück, das schwöre ich bei meinem Glauben, bei meiner Ehre und meiner Seele. Habe ich jetzt die allergnädigste Erlaubnis des Himmelsentsprossenen, Moti Guj herzubringen?«

Die Erlaubnis wurde erteilt und auf Deesas schrillen Pfiff hin kam das majestätische Tier aus dem Schatten einer Baumgruppe herangeschaukelt, wo es sich die Zeit damit vertrieben hatte, sich mit Staub zu duschen.

»Licht meines Herzens, Beschützer der Betrunkenen, Berg der Macht, leihe mir dein Ohr!« begann Deesa und pflanzte sich vor dem Elefanten auf. Moti Guj lieh es ihm und salutierte mit dem Rüssel.

»Ich gehe fort«, erklärte Deesa.

Moti Guj zwinkerte verständnisvoll; er liebte ebenso wie sein Herr das Herumstrolchen: man konnte da allerlei nette Sachen auf der Landstraße aufschnappen.

»Aber du, du altes dickes Schwein, bleibst hier und arbeitest!« setzte Deesa schnell hinzu.

Moti Guj heuchelte Entzücken, aber der Glanz in seinem Auge erlosch. Er haßte aus tiefster Seele das Stümpfeausroden. Es bereitete ihm Zahnschmerzen.

»Zehn Tage bleibe ich fort, o Lieblicher! Heb mal jetzt den linken Vorderfuß, damit ich dir die Zahl einhämmern kann, du Warzenkröte aus einer vertrockneten Dreckpfütze!« - und Deesa nahm die Zeltstange und schlug Moti Guj, der dabei grunzte und von einem Fuß auf den andern trat, zehnmal auf die Nägel.

»Zehn Tage«, wiederholte Deesa, »mußt du arbeiten, Stümpfe ausroden und ausreißen, wie Chihun dir befehlen wird. Heb jetzt Chihun auf und setze ihn auf deinen Nacken!«

Moti Guj rollte das Ende seines Rüssels zusammen, Chihun stellte seinen Fuß hinein und befand sich im nächsten Augenblick auf dem Nacken des Elefanten.

Deesa reichte ihm den Ankus hinauf, den eisernen Elefantenstachel; Chihun hämmerte damit auf Moti Gujs Glatze los wie ein Grobschmied auf den Amboß.

Moti Guj trompetete.

»Keine Widerrede, du Schwein aus dem Urwald!« ermahnte ihn Deesa. »Chihun ist jetzt dein Mahout für zehn Tage. Und nun, Tier meines Herzens, sag mir Lebewohl! 0 du mein Herr, mein König! Perle aller erschaffenen Elefanten! Du Lilie der Herde, bleib gesund und sei tugendhaft! Gott befohlen!«

Moti Guj schlang als Antwort seinen Rüssel um Deesa und schwenkte ihn zweimal durch die Luft.  - Rudyard Kipling, Moti Guj, der Meuterer, nach (ki)

Abschied (11) Ich, der ich die äußren reichtümber verachten hatte gelernt, beschloß das kriegerische hand- & feuerwerck an den nagel zu hängen, schluge tatsächlich einen solchen in die weiße wand meiner damaligen logis, und tat, was ich mir vorgenommen. Auf dem flohmarckte zu La Paz, was zu teutsch Friedens Statt heißet, verkauffte ich meinen berühmten husarenrock, der vormals ein schrecken der feinde gewesen, gab die orden und ehrenzeichen, so ich unter Stanislaus von Aragonien hatte erworben, als draufgab dazu, dachte von ohngefähr an die auffschneider & prahlhänse, die ihren weltlichen ruhm vom flohmarckte würden erwerben, und war meiner sache wohl zufrieden.

Da ich in mein kühles quartier zurückekam - zu denken, wie heiß ein niedercalifornischer sommer im freien mag sein -, hatte mir meine indianische wirtin die neueste zeitung auf den mittagstisch gelegt. Die frau war eine person aus beidem: fürsorge & neugier. Was wunder, daß sie, ehe sie mir die zeitung zu tische brachte, beim pfarrer war, der ihr, so sie keines buchstabens mächtig, von meiner abdankung aus den diensten des fürsten schon vorgelesen.

»Die wunderschöne uniform!« seufzte frau Lopetz und eilte ihrer zwiebelknoblauchküche zu. Aber auf meiner schönen uniform, die ich im dienste eines unehrlichen potentaten dannoch mit ehr hatte getragen, saßen mitlerweilen schon die Schmeißfliegen des mittags, und ich dachte, wie gut es überdies seie, nicht selbst darinnen zu stecken, was ja oft und genug vorkommt, daß man in einem kriegerischen kleide stecket, vor lauter blut nimmer heraus kann und die fliegen kriechen und krabbeln wie ameislein vorm gewitter und legen ihre weißen eier ... - H.C. Artmann, Der aeronautische Sindtbart oder Seltsame Luftreise von Niedercalifornien nach Crain. Ein fragment von dem Autore selbst aus dem yukatekischen anno 1958 ins teutsche gebracht sowie edirt & annotirt durch Klaus Reichert. München 1975 (dtv 1067, zuerst 1958)

Abschied (12)  Mit jedem Tag bemerkten wir, meine Schwester und ich, deutlicher, daß die Kräfte unseres Vaters Mamun nachließen. Er schien ein reiner Geist zu sein, der nur deshalb Menschengestalt angenommen hatte, um von den groben Sinnen der Erdenwesen wahrgenommen zu werden. Eines Tages nun ließ er uns in sein Arbeitszimmer rufen. Sein Antlitz wirkte so ehrwürdig und göttlich, daß wir beide unwillkürlich niederknieten. Er ließ uns in dieser Lage, wies uns auf ein Stundenglas und sprach: „Ehe noch dieser Sand verrinnt, werde ich nicht mehr sein. Achtet auf jedes meiner Worte. Mein Sohn, ich wende mich zuerst an dich; ich habe dir himmlische Gattinnen bestimmt, die Töchter Salomos und der Königin von Saba. Ihrer Abkunft nach war es ihnen nur vergönnt, einfache Sterbliche zu sein. Doch Salomo hatte der Königin den großen Namen dessen, der da ist, enthüllt. Die Königin sprach ihn genau im Augenblick ihrer Niederkunft aus. Die Genien des Großen Orients eilten herbei und empfingen die Zwillinge, ehe sie die unreine Wohnstatt, die man die Erde nennt, berührt hatten. Sie trugen sie in die Sphäre der Töchter Elohims, wo sie die Gabe der Unsterblichkeit erhielten sowie die Macht, die Unsterblichkeit dem mitzuteilen, den sie zu ihrem gemeinsamen Gatten erwählen würden. Es sind jene beiden unnennbaren Gattinnen, die ihr Vater in seinem Schir haschirim, dem Lied der Lieder, meint. Studiere dieses göttliche Epithalamium von neun zu neun Versen. Dir, meine Tochter, bestimme ich einen noch schöneren Bund. Die beiden Thoamim, jene, die bei den Griechen unter dem Namen der Dioskuren, bei den Phöniziern unter dem der Kabiren bekannt waren, mit einem Wort: die Himmelszwillinge. Sie werden deine Gatten sein. Was sage ich? ... Dein empfindsames Herz - ich fürchte, daß ein Sterblicher... Der Sand verrinnt. Ich sterbe."

Nach diesen Worten entschwand mein Vater, und wir fanden an dem Ort, wo er gewesen war, nur etwas leuchtende, leichte Asche. Ich hob diese teuren Reste auf, verschloß sie in einer Urne und stellte diese in unser Haustabernakel, unter die Schwingen der Cherubim. - (sar)

Abschied (13)

Im Jahre fünfundzwanzig meines Lebens, als ich noch
sehr rüstig auf den Beinen war
und durch die Landschaft fuhr, nicht so wie ein Scholar,
der heute betteln geht und morgen schon im Loch
bei Brot und Wasser brummt... oh, nein!
Villon war auch in diesem Fall kein Tugendbold,
doch hat er sich nicht bloß mit einer Pulle Wein
begnügt, er nahm, von wems grad kam, auch Reisegeld.

In diesen fetten Erdenjahren also kam
mir eines Tages das Gefühl, daß ich
wohl doch den dicken Trennungsstrich
einbrennen muß in das Bisher und ohne Gram
von manchem Abschied nehmen, was sehr nett
und friedlich war. Es hat auch keinen Sinn,
wenn man in jedem Winkel gleich sein Bett
aufschlägt und sich den Sauerkohl rasiert vom Kinn.

Kurzum: am warmen Herd zur Winterszeit,
warf ich mich in die Heldenbrust
und sagte: François, nun sei gescheit
und tu, was du nach Gottes Ratschluß mußt.
Streif ab den goldnen Fingerring
und sag der Kleinen, wo der Schuh dich drückt.
Und weint am Ende gar das dumme Ding
und meint: du seist verrückt,

dann hau ihr eins und, langt es nicht, auch zwei.
Sie hat dich nie mit Zuckerbrot verwöhnt,
und lagst du mal des Nachts, du Luder, bei
der andern Frau, dann hat sie dir die Ohren vollgeklöhnt.
Ich habe diese Freundschaft gründlich satt.
Am besten, glaub ich, bleibt man unbeweibt
und lebt dahin, wie an dem Weidenbaum ein Blatt,
das abfällt und im Wasser weitertreibt.

 - Aus: Die lasterhaften Balladen des François Villon. Nachdichtung von Paul Zech. München 1962 (dtv 43, zuerst ca. 1460)

Abschied (14)  Nach dem Tod von Ernst Jandl habe ich ein Medium befragt. Dieses Medium hat gesagt, Ernst Jandl sei gut aufgehoben. Aber dann bin ich skeptisch geworden, als er in dem Gespräch mit dem Medium angeblich Friederike zu mir gesagt haben soll. Er hat nie Friederike zu mir gesagt. Das Medium wollte mich nur trösten. Die Wahrheit ist: Er ist weg, ganz weg. Und wir haben uns nicht einmal verabschieden koennen, es ging alles zu schnell. Ich hoffe, daß ich nicht von einem Augenblick zum anderen sterbe. Ich möchte mich auf das Sterben vorbereiten. Mit meinen liebsten Menschen sprechen. Aber ob einem das vergönnt ist, weiss man nicht. Man müßte wenigstens zweihundert Jahre alt werden. Manche Pflanzen werden so alt. - Friederike Mayröcker, Die Zeit, 16.12.2004

Abschied (15) Dies ist mein Abschiedsbrief.

Von mir nicht darum gebeten, lest Ihr ihn mitten in meinem Gebiet.

Wußte, daß Ihr kommen würdet mit Gewalt. Eure Euch heiligen Gesetze haben es nicht vermocht, mich zu schützen. Eure Versprechungen sind nicht gehalten worden.

Habe mir selbst geholfen — und lade mir damit Euch alle auf den Hals.

Habe meine Versprechungen — Drohungen, werdet Ihr sie nennen — immer gehalten. Hat mir nichts genützt. Muß doch auf und davon.

Wollte mich ungestört meinen Experimenten mit Tieren — mit dem Feuer—mit dem Wasser hingeben: meinen Arbeiten über Luftwiderstände, Erdanziehung, über Trägheitsgesetze (nicht nur Eurer Gehirne), über die Beeinflussung der Mondbahnen durch Farbenreize — und anderes. Nötig dazu war großes Gebiet; wollte ebenso ungehindert wie unbeachtet arbeiten können. Beides habt Ihr vereitelt. Ich gehe. Meinen Pelz, meinen Bart, meine Locken nehme ich mit. Benötige sie für die liebe Welt da draußen. Hätte sie Euch gern als Andenken zurückgelassen. Zweifle nicht, daß die Stadt mich schließlich angekauft hätte — billig, da ich nicht mehr so recht zog. Habe den Eigentümer - sofern ich nicht Eigentümer meiner selbst geblieben bin, was ich mir eigentlich einbilde - anständig bezahlt. Mehr hätte die Stadt auch nicht gegeben.

Lasse Euch den anderen Solneman dafür — den, der umkreist ist von seinen Möbelwagen. Verehrt ihn, verachtet ihn, beklopft ihn, umschnüffelt ihn! — Vermisse übrigens die Brille. He?

Macht Euch nicht die Mühe, mich zu suchen. Ihr findet keinesfalls, da Ihr mich nicht einmal zu nennen wißt. Was ich Euch als meinen Namen hinhielt, dürft Ihr nicht, wie es üblich ist, nehmen. Lest es anders, als Ihr zu lesen gewohnt seid. Dann werdet Ihr finden, daß ich für Euch namenlos war und bin.

Da ich nicht tot bin, lebe ich noch. Da ich lebe, bin ich noch Eigentümer des Parkes.

Tastet mir den dreimal Gesegneten auf der Höhe im Tempel nicht an! Er ist größer als wir alle!! Ich schaue gelegentlich nach dem Rechten. Behaltet mich lieb.

Hciebel Solneman.

-  Alexander Moritz Frey, Solneman der Unsichtbare. Frankfurt am Main 1984 (BS 855, zuerst 1914)

Abschied (16) Auch für Brummell war die Stunde gekommen, da man niemand mehr etwas ist, die Stunde des Unglücks. Sein Zusammenbruch war unaufhaltsam. Er wußte es. Mit der Unbewegtheit des Dandy hatte er, die Uhr in der Hand, die Frist berechnet, die er noch auf dem Felde bleiben durfte, auf der Bühne der wunderwürdigsten Erfolge, die ein Weltmann jemals aufzuweisen gehabt hat, und er war zu dem Entschlüsse gelangt, nach all dem Glanz dort in seiner Erniedrigung sich nicht mehr zu zeigen. Er machte es wie die stolzen Schönen, die es vorziehen, zu verlassen, was sie noch lieben, als von denen verlassen zu werden, die zu lieben aufgehört haben. Am I.Mai 1816 ließ er sich von Watier einen Kapaun holen, trank eine Flasche Bordeaux  und schrieb, ohne sich in Hoffnungen zu wiegen, gleichmütig, wie ein Mensch, der sich bereits aufgegeben hat, noch einmal das Schicksal versucht, den bekannten Brief:

»Mein lieber Scrope, schick mir 200 Pfund. Die Bank ist geschlossen, und alle meine Mittel sind Papiere. Ich werde Dir die Summe morgen zurückgeben.

Dein ergebener Georges Brummell.«

Ohne Verzug erhielt er von Scrope Davies dieses an Kürze wie an Freundschaft gleich lakonische Antwortschreiben :

»Mein lieber Georges, ich bedauere unendlich, aber alle meine Mittel sind Papiere.

Dein ergebener Scrope.«  - Barbey d'Aurevilly, Von Dandytum und von G. Brummell. Nördlingen 1987 (Greno 10/20 7, zuerst ca. 1844)

Abschied (17)  Wenn ich bedenke, daß diese Stunde meine letzte auf Erden in Mr. Knotts Hauswesen ist, wo ich so viele Stunden verbracht habe, so viele glückliche Stunden, so viele unglückliche Stunden, und - das Allerschlimmste - so viele Stunden, die weder glücklich noch unglücklich waren, und daß, ehe der Hahn kräht, oder spätestens ein wenig später, meine müden kleinen Beine mich, so gut sie können, von hier wegtragen müssen, meinen Rumpf, der noch müder ist als sie, und meinen Kopf, der am allermüdesten ist, weg, weit weg von diesem Zustand oder Ort, in die ich seit so langer Zeit meine Hoffnungen gesetzt hatte, so schnell sie den müden, kleinen, dicken Hintern und Bauch hinein- und hinausbewegen können, weit weg von hier, und den eingefallenen Brustkasten und den armen kleinen, dicken Kahlkopf, der so wackelig ist, daß er herunterzufallen droht, immer schneller durch die graue Luft und immer weiter weg, in irgendeine der dreihundertsechzig Richtungen, die einem hoffnungslosen Mann von durchschnittlicher Beweglichkeit offenstehen, und oft drehe ich mich um, mit tränenblindem Blick - ha! - ohne dabei meinen Lauf zu unterbrechen (was gar nicht leicht ist), und vielleicht mit dem einzigen Wunsch, in eine Steinsäule verwandelt zu werden oder in einen Hünenstein, mitten auf einem Feld oder an einem Berghang, den die künftigen Generationen bewundern werden und an dem künftige Kühe und Pferde und Schafe und Ziegen sich reiben werden und an den künftige Männer und Hunde pissen werden und über den künftige Gelehrte nachdenken werden und auf den enttäuschte Menschen Parteiparolen und Obszönes schreiben werden und in dem künftige Liebende ihre Namen verewigen werden, in einem Herzen, mit Datum, und an dem dann und wann ein einsamer sitzender Mann wie ich angelehnt einschlafen wird, in der Sonne, wenn die Sonne zufällig scheint. Darum habe ich ein Gefühl, das in jeder Hinsicht dem Gefühl der Trauer so täuschend ähnlich ist, der Trauer über das, was war, ist und sein wird, insofern es mich persönlich betrifft, denn ich bin momentan außerstande, mir über die Sorgen und Nöte anderer den Kopf zu zerbrechen, der allmählich so wackelig geworden ist, daß er herunterzufallen droht, was, wie ich glaube, einem intellektuellen Kerl meines Schlages - ha! - durchaus erlaubt zu behaupten, daß nur wenige Empfindungen peinlicher sein können, ebenso wie für einen Lebemann das Gefühl, daß seine Geschlechtsteile herunterzufallen drohen. - (wat)

Abschied (18) Zahnlücke war auch so ein Junge, der kein Zuhause mehr hatte. Seine Mutter lebte in einer der Höhlen, aber da sie nach ihm noch zwei Junge bekommen hatte, war er hinausgeflogen und mußte sich nun selbst versorgen. Wir hatten den Rausschmiß in den letzten paar Tagen miterlebt, und es war die reinste Volksbelustigung gewesen. Zahnlücke wollte nämlich nicht weichen. Jedesmal, wenn seine Mutter die Höhle verließ, schlich er sich wieder hinein. Wenn sie ihn dann bei ihrer Heimkehr dort vorfand, hatte sie die herrlichsten Wutausbrüche. Die ganze Horde machte es sich zur Gewohnheit, diesem Schauspiel beizuwohnen. Zuerst drang aus dem Innern der Höhle ein Kreischen und Zetern, dann hörte man, wie sie ihn verdrosch, und gleich darauf Zahnlückes Geflenne. Das war das Zeichen für die beiden Jüngeren, sich an seiner Züchtigung zu beteiligen, und schließlich kam er in hohem Bogen aus der Höhle geflogen wie die Lavabrocken bei der Eruption eines mittleren Vulkans. - Jack London, Vor Adams Zeiten. Frankfurt am Main 1984 (zuerst 1907)

Abschied (19) Ich muß euch unbedingt eine interessante Sache zeigen, sagte er.  Er meinte ein Foto im Lokal des ehemaligen Champions Franz Diener, das Grosz in Boxstellung zeigte und noch aus der Zeit stammte, als er das Schmeling-Porträt malte. Tatsächlich fand sich das gestellte Foto zwischen vielen gerahmten Bildern ehemaliger Prominenter im Schankzimmer wieder. Grosz nahm noch einmal die alte Pose ein und verkündete, daß er Dieners Restaurant zu seinem Stammlokal erkläre. «Der Wirt forderte ihn auf, sich an der Autogrammwand einzutragen. Grosz versprach dies, und eine Zeichnung obendrein. Schon sehr bald wolle er kommen, vormittags, wenn man nicht gestört werde. Natürlich bestellte er Sekt, mit böhmischem Bier ...

Es war wenig nach Mitternacht, als wir das Restaurant verließen und den kurzen Weg zu seinem Haus schlenderten. Unter sternenübersätem Himmel umarmte uns Grosz. Dann stieg er die Stufen empor, wandte sich noch einmal um, klappte die Hacken zusammen, lüftete den Hut und begann mit Ladies and Gentleman eine Ansprache, in der er den Tag und die Freundschaft, die Nacht und die Sterne, Berlin und die Menschen schlechthin lobte. Nachher öffnete sich die Haustür einen Spalt weit. Er streckte seinen Strohhut mit dem breiten schwarzen Band eraus und winkte damit. Darauf drehte sich der Schlüssel von innen im Schloß. Wir sahen noch seinen Schatten, wie er die Treppe erstieg.»

Im Morgengrauen entdeckte ihn eine Zeitungsfrau, zusammengebrochen im Flur des Nebeneingangs. Er muß allein noch einmal weggewesen sein, kein Ende findend, sich selbst überschätzend. Ein Eismann kam, der verständigte Maurer, die zur Arbeit gingen. Als Grosz in die Wohnung getragen wurde, lebte er noch; kurz darauf starb er, erstickt an seinem Erbrochenen. - Lothar Fischer, George Grosz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1976

Abschied (20)  Sie ging draußen auf dem Quai vorbei, in Begleitung eines älteren Mannes, und sie grüßten einander stumm, aber offen, nur daß diese Offenheit auch der schärfste Beobachter nicht bemerkt hätte - der schon gar nicht. Solch heimliche Abschiede von seinen Frauen, in der Menge, im Gedränge, auf die Entfernung, waren für Don Jüan die richtigen, und sie waren in seinen Augen auch diejenigen Abschiede zwischen Mann und Frau, die am ehesten glücken konnten; alle die sonstigen Abschiedsarten schienen ihm im voraus vom Scheitern bedroht. Und glücken, das hieß wiederum, daß sich ihrer beider Körper so heimlich, von weitem, von einander verabschiedeten, die ganzen Körper. Diese zwei Körper hatten sich einer am andern gefreut, rein gefreut, und freuten sich jetzt im heimlichen Abschiednehmen noch einmal, womöglich noch reiner. Zumindest ihm ging es so, daß von ihrem inzwischen fernen Leib ein Strahlen auf den seinen übergriff - worauf er wiederum, im Blick auf ihren bereits abgewendeten Rücken, erfuhr, daß mit der Frau darüber hinaus gerade noch etwas ganz anderes geschah. Sie wollte den endgültigen Abschied nicht — auch sie nicht. Er sollte, er durfte nicht von ihr fortgehen für immer. Ihr Rücken, mit den Schattenspielen an den nackten Schulterblättern, er drohte: Wehe, du kommst nicht zurück. Er forderte, er befahl. Und zwischendurch bat der sich entfernende Rücken auch, ruhig, flehentlich. Und Don Juan, in die Szene versunken: freute sich wiederum umso stärker auf das nächste Land und die Folgefrau; verspürte umso mächtigeren Appetit auf den weiteren Körper.   - Peter Handke, Don Juan (erzählt von ihm selbst) Frankfurt am Main 2006 (st 3739, zuerst 2004)

Abschied (21)  FREITAG, 18. MÄRZ  1910  In Saint-Mandé, um Moréas zu sehen. Unmöglich, hineinzukommen.

Ich habe dieses Pech sehr bedauert. Erstens war es ein weiterer Toter für meine Sammlung. Zweitens hatte ich meine Beileidsbekundungen so gut vorbereitet. Alle, die Moréas gesehen hatten, sagten, er selber spreche als erster, und zwar bei jeder Gelegenheit, von seinem Tode. Auch von dem Krankenpfleger Gustave war die Rede, der um ihn ist und nach dem er ständig verlangt. Deshalb wollte ich zu Moréas sagen: «Sie können sich noch immer in der Comédie-Française wähnen. Erinnern Sie sich noch an Gustave, den Ausrufer, der immer durch die Logengänge lief: Die-Vor-stel-lung-be-ginnt. Nur daß es hier heißt: Die-Vor-stel-lung-ist-aus.»  - (leau)

Abschied (22)

-  Brassaï

Abschied (23)   Ich hatte ein recht langes und im großen und ganzen glückliches Leben; ich glaube, man wird sich meiner mit ein wenig Bedauern erinnern, und vielleicht hinterlasse ich einen gewissen guten Ruf. Was könnte ich mir mehr wünschen? Die Ereignisse, an denen ich beteiligt bin, ersparen mir vermutlich die Sorgen des hohen Alters. Ich werde im Vollbesitz meiner Fähigkeiten sterben. - Lavoisier 1794, nach Stephen Jay Gould: Bravo, Brontosaurus. Die verschlungenen Wege der Naturgeschichte. Hamburg 1994

Abschied (24)   : ein weißer Qualm hatte begonn'n, die ganze Gruppe dort zu überzieh'''n.  - erst W. - : Fr, mit gespenstischer Ruhe, id verdammte GaukelFuhre 'nein=turnend.,./((& die Versuchung dóch hinzukriechn !! -(und=wie würde Sie Mir ad (Hühner=)Brust fliegn :!!!-). - Nachher noch ne FußSpur ausschneidn ?; (mi''m Spatn...))/(? -:ein langer Kerl - (?:grüne Leder-Jacke, braune Hose) - bum'lde  .... , ): "Schöne»=milde Luft, Herr PaschnSchdecher -"/(?-:leck Mich am Arsch=Mensch !). - queer über der Uhr ein sandbrauner Fadn ? -(:jajajdiese KinderLiebe würde sich später, sowieso=noch, an Ihrim arm' Ehe=Mann rächn l), - 'only a woman's hair !' : Wer wird Dän weinen,wenn man auseinander geht ?!;( plus : ' da bisDe endlich wieder ein Verhältnis=los !', BZW: 'S-Einsamkeit Mich wieder erfreut : oh wie Mich FREUD S=Eye'Sam'keit !')) : - :WRRR tWRRR !.., /Eine Dohle flog schreiend auf Mich ein : ` '!'-,- (: ja , krix dann gleich Futter, (ich redete Mir aber auch sonst gut=zu;so :'Hau ab Kerl !sin Deine WahnWeltn !'. Oder: 'Hock doch ein in Dein verwünschtes FrazznHaus, Spinner ! : MondscheinMensch !', Auch: 'Geh lieber ma zu'm Arzt, armis Schwein ! Am bestn gleich zu Mehreren.1 (Aber Meine Stimme hatte ein' so=eignthümlichn Klang beim Murmln, daß Mir selber komisch wurde & WECKJÄZZ !!!, und den HinterKopf ...EichnStamm !... /.../   (Denn Sie war'n vorüber. Ge ) / (Tcha; Elle a fui, la Tourterelle. Elle a fui loin de Toi. - (: 'Excellenz fliegn am ganzn Leibe !'  ...- Arno Schmidt, Zettel's Traum.  Frankfurt am Main  1986 (zuerst 1970)

Abschied (24)   Der Deutsche, der wohl unter allen Europäischen Nationen die meisten Umstände beym Weggehen macht, steht doch darin dem Chineser weit nach. Der Hausherr pflegt bey ihnen seinen Gast vor die Thür zu begleiten, und wünscht ihn zu Pferd sitzen zu sehen. Der Gast hingegen wünscht, daß Himmel und Erde eher vergehen möchten, als daß er im Angesichte des Hausherrn aufsteigen sollte. Wenn nun dieser sieht, daß er nichts ausrichten kann, so begiebt er sich auf einen Augenblick weg, kehrt aber sogleich wieder um, wenn er glaubt, der Gast säße. Hier giebt es nun wieder neue Umstände. Endlich wenn der Fremde um die erste Ecke herum ist, wird ihm oft ein Bedienter nachgeschickt, der ihn noch einmal im Namen seines Herrn decomplimentirt. Du Halde, der dieses erzählt, merkte an, daß diese Complimente hauptsächlich unter Kaufleuten gebräuchlich wären, und daß der von beyden immer die meisten und schönsten mache, der den anderen betrogen habe. - Lichtenberg

Abschied (25)   Als die Freibeuter festgenommen waren: »Ah! meine Freunde,« sagte da Mister Knot, der Quäker, »nehmet diese Prüfungen auf euch, wie ich es getan habe. Ihr sollt euer Herz nicht an die Dinge der Welt hängen.«

»Sackerment! hängen, das ist das richtige Wort«, schwor Kennedy.

Man schaffte ihn dann in Ketten an Bord eines Strafschiffes, um ihn in London abzuurteilen. Old Baley nahm ihn in Empfang. Kennedy malte seine Kreuze unter alle seine Aussagen und unterzeichnete sie so auf dieselbe Weise wie seine Empfangsbestätigungen auf dem »Korsaren«. Seine letzte Rede wurde auf dem Hafendamm gesprochen, auf der Galgenstätte, wo ein leichter Seewind die in ihren Ketten hängenden Leichname der früheren wohledeln Ritter des Glücks hin und her schaukelte.

»Sackerment! welche Ehre«, sagte Kennedy und betrachtete die Gehenkten. »Sie werden mich neben dem Kapitän Kid aufknüpfen. Die Augen fehlen ihm, aber er muß es schon sein. Nur er konnte sich einen so reichen roten Rock erlauben. Kid hat sich immer schmuck getragen. Und er konnte schreiben! Er war ein sehr gebildeter Mann, weiß der Satan! Eine so schöne Hand! Entschuldige, Kapitän. (Er grüßte den ausgedörrten Leichnam im roten Rock.) Aber auch ich war ein wohledler Ritter des Glücks.«  - Marcel Schwob, Der Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe. Nördlingen 1986 (Krater Bibliothek, zuerst 1896)

Abschied (26)   Wir gaben unsere Schlüssel der Hausmeisterin ab, zum letzten Mal standen wir auf dem kleinen Hof, mit Tränen in den Augen schauten wir uns um, und in dieser halben Stunde durchlief ich mein ganzes Leben hier an diesem Damm zur Ewigkeit, alle Hochzeiten im Hause, all die Saufgelage, es tauchten vor mir all jene auf, die uns besucht hatten, all das, weswegen sie einander angeschrien hatten, ich sah mich selbst, wie ich im weißen Nachthemd über den Hof zur Toilette ging, während Schnee fiel, ich sah meinen Mann, wie er auf dem Dach schrieb, wie er mit allen Fingern in die Klaviatur der Tasten hackte, ich sah, wo überall mein Mann betrunken gelegen hatte, wenn er nicht mehr aufstehen konnte, ich öffnete die Tür zur Waschküche, dort stand noch immer diese schwedische Waschmaschine, die mir einst meine schönen Vorhänge und meine Leintücher zerlöchert hatte, ich sah, wie mein Mann und ich im Hof auf unseren Stühlen der Sonne nachpilgerten, wenn die Sonne weitergewandert war, war auch ich aufs Dach hinaufgeklettert, um mich auf der schiefen, geteerten Fläche zu sonnen, ich sah den Hausflur, der immer noch von bröckelndem, feuchtem Mörtel und Gips übersät war, diesen schmalen Hausflur, der den Hof mit der Straße verband, diesen Flur, an dem mein Mann sich jedesmal, wenn er aus der Kneipe zurückkehrte, beide Ärmel verdreckte ... ich sah aber auch unseren Kater Etan, wie er auf uns wartete, wie er durchs schmale Gitterfensterchen zu uns hineinsprang, wie sehr er uns liebte und wie sehr wir seine große Katzenseele liebten, ich sah diesen wilden Wein, der sich noch immer so dahinzog und wand, wie mein Mann ihn an den Wänden entlang festgebunden hatte, ich sah die Totenmaske, die mein Mann auch weiter hier zwischen diesen Ranken der Reben hängen ließ, diese Totenmaske, die Vladimir Boudnik für ihn angefertigt hatte ... ich stand da und war ganz geblendet von all diesen Bildern, von denen ich geglaubt hatte, sie seien schon verschüttet, sie seien in dem Augenblick untergegangen, als sie an mir vorbeigezogen waren, jetzt aber stand ich in diesem Hof und konnte, ohne mit der Wimper zu zucken, mein Leben nacherzählen, von der Minute an, als ich zum ersten Mal hierhergekommen war und durchs Fenster im Abendlicht einen Menschen gesehen hatte, der den Fußboden schrubbte und später mein Mann wurde, ich sah mich selbst als junge Frau, die ganz am Anfang hatte Selbstmord begehen wollen und zusammen mit diesem Mann dann überhaupt keine Zeit mehr gehabt hatte, an so was auch nur zu denken, denn dieser Mann hielt mich all die Jahre so auf Trab, er verärgerte und verdroß mich dermaßen, daß ich darüber vergaß, ein Kind zu haben, denn mein Mann, das war nicht nur ein Kind, mein Mann machte mir so viel zu schaffen wie eine ganze Klasse geistesgestörter Kinder einer Sonderschule ... Ich zuckte mit den Schultern, was soll's? Unter Tränen lief ich die Treppe hinunter und verdreckte meine Ärmel ein letztes Mal an den abblätternden Wänden.   - Bohumil Hrabal, Ich dachte an die goldenen Zeiten. München 2007

Abschied (29)  Ernst Jünger zum Mittagessen. Er überreicht mir einen Bildband mit Porträtaufnahmen von sich, den ein französischer Photograph gerade herausgebracht hat. Munter, immer noch mit lebhaftem Schritt und aufrechten Hauptes, löst er sich dennoch vom alltäglichen Lauf der Dinge: die riesigen Demonstrationen der deutschen Pazifisten, die ich nicht ohne Hintergedanken in das Gespräch einflechte, rufen bei ihm keinerlei Reaktion hervor. Wie André Breton in seinen letzten Lebensmonaten, der ebenfalls auf diese kaum spürbare Weise das Interesse verlor, scheint er durch seine gleichmütige Zurückhaltung das Wort Chateaubriands vom Ende seiner Memoiren wie der auf zu greifen: »Die kommenden Ereignisse gehen mich nichts mehr an: Sie sind dran, meine Herren!«  - (grac)

Abschied (28)   Der ältliche Mensch, schmächtig, viel kleiner als ich, stand mit geknickten Knien, hängenden Armen und den gichtverbogenen Fingern, die in diesem Augenblick wutgeballte Fäuste darstellten, an dem Wegkreuz und schrie mir zu: »Geh doch zugrunde, wie dein Bruder zugrunde gegangen ist, und wie alle in unserer Familie zugrunde gehen! Aus keinem ist etwas geworden, und auch aus dir wird nichts werden! Aus dir wird nicht einmal ein guter Spieler werden, wie ich einer bin!« Dabei hatte er mich gerade noch, zum ersten Mal überhaupt, umarmt, und ich hatte ihm über die Schulter auf seine taunasse Hose geblickt, in dem Gefühl, er umarme in mir eher sich selber. In der Erinnerung aber wurde ich dann von der Umarmung des Vaters gehalten, nicht bloß an jenem Abend vor dem Bahnhof in Jesenice, sondern auch über die Jahre, und seinen Fluch hörte ich als Segen. In Wirklichkeit war er todernst gewesen, und in der Vorstellung sah ich ihn schmunzeln. - Peter Handke, Die Wiederholung. Frankfurt am Main 1992 (zuerst 1986)

Abschied (29)   Ich sah meine Eltern an, sie wackelten, ihre Köpfe zitterten... Sie beherrschten sich nicht länger, dicke Tränen rollten ihnen übers Gesicht... Da begann auch ich zu heulen. Dabei schämte ich mich sehr, ich zerfloß wie ein kleines Mädchen, ich fand mich widerwärtig. Meine Mutter umschlang mich fest... Man schloß die Türen... «Alles einsteigen!» wurde gerufen... Sie umarmte mich so heftig, mit so gewaltiger Inbrunst, daß ich davon torkelte... Die Kraft eines zärtlichen Pferdes stieg ihr bei solchen Gelegenheiten aus der Tiefe ihres wunderlichen Gerippes herauf... Eine Trennung stählte sie schon im voraus. Es wühlte sie zutiefst auf, ein furchtbarer Sturm, als wäre ihr die Seele zu den Augen, zum Bauch, zur Brust herausgetreten, als würde sie mich ganz damit bekleckern, den Bahnhof damit beleuchten... Sie konnte nicht anders... Es war nicht mit anzusehen ... - (tod)

Abschied (30)    Ich legte die Würfel als eine Art Talisman oder Abschiedsgabe nach ihrem Tod in den Sarg jener Freundin, der ich eines Abends nach einer Zechtour auf Montmartre erbrechen half und die mir in ihrem Todeskampf über alles Mitleid und alle Trauer hinweg einen wahrhaft heiligen Schrecken eingejagt hatte: eine eisige Kälte schoß mir ins Rückenmark, und der Lebensgefährte der Sterbenden versicherte mir wenig später, er habe ein bläuliches Gleißen von meinem Kopf ausgehen sehen, als wir bemerkten, wie jene Frau, die unendlich fern zu sein schien, mit einem Ausdruck wilder Freude und Ironie wie ein kleines Mädchen, das uns einen bösen Streich spielen wollte, ein verkehrt herum geschlagenes halbes Kreuzzeichen - eine Geste, die zuerst die eine, dann die andere Schulter berührte, und das war alles - andeutete, doch nicht ausführte, als hätte sie es bis zum Äußersten treiben wollen, um uns, ihren Freunden und ebenso wie sie Atheisten, mit diesem Zeichen vor einer möglichen  - allerdings auf ketzerische Weise vorgenommenen - Konversion Angst einzujagen.  - Michel Leiris, Die Spielregel 2. Krempel. München 1985 (zuerst 1955)

Abschied (31)  In dem plötzlichen Begreifen, daß sie gleich diese Stadt, die sie liebt, verlassen muß, wirft sie ein Glas gegen die Wand des Zimmers, und man sieht sie erschrocken an. Man begleitet sie in einem Taxi zum Flugplatz Orly. Mit einer zweiten verzweifelten Geste wirft sie ihr rotes Brillen-Etui hinter sich aus dem Auto - wie die Kinder im Märchen das Brot hinter sich geworfen haben, um an dieser Spur den Weg aus dem Labyrinth des Waldes, in das man sie führt, zurückzufinden.

Während sie in der Halle von Orly auf ihr Flugzeug nach Frankfurt wartet, schneidet sie sich mit einer spitzen Nagelfeile eine 6 in das Innere ihrer linken Hand. Denn plötzlich ist ihre schöne Zahl des Lebens - die 9 - für sie zur 6 geworden. Und während sie diese schmerzhafte Operation vornimmt, denkt sie an das Anagramm, das sie aus diesem Satz gemacht hat:

Wenn die Neun zur Sechs geworden ist

Das Ergebnis:

Wo regnet's zwischen neun und drei? Es
regnet zwischen uns so neu. Der Winde
Neun ist zur Sechs geworden. Wenn die
Wege rot, renn' zu uns dich weiß. Enden
werden wir, zu siegen! Stunden, schön
zu erröten. Schweigend, wissend nun.

Die Sechs liegt blutig in ihrer Hand. Sie hat keinen Schmerz empfunden. Sie geht - sie weiß nicht, warum, für einen Augenblick hinaus auf die Straße. Eine große, schwarze Hand fährt heran - sie hebt die Arme - (sie muß es tun!) - in einer beschwörenden Geste und springt vor das Auto - denn:

dieses schwarze Auto hat für sie die Bedeutung des kommenden Krieges angenommen, und diesen Krieg will sie mit ihrer Geste aufhalten. Und sie hält diesen »Krieg« auf: das Auto stoppt. Der Fahrer blickt sie erschrocken an.  - Unica Zürn, Der Mann im Jasmin. Frankfurt am Main - Berlin  1977

Abschied (32) Ich habe den Ehrgeiz überwunden, als Schriftsteller anerkannt zu werden, als Geschäftsmann, als Liebhaber - und, wenn man das so will in dieser verrotteten Gesellschaft, selbst als anständiger Mensch; ich bin nicht anständig. Zwar nicht gerade ein Dieb, wie alle, die dieser Zeit dienen, oder ein Erpresser, Straßenräuber und sonstwas, weil ich weiß, alles das hat keinen Zweck; wozu die Umwege?

Niemand braucht sich zu scheuen, den anderen umzubringen. Die Leute, die man umbringt, werden das erst später merken, im Jenseits. Ich bin ein Opfer meiner Freunde, nicht meiner Feinde. Ich liebe meine Feinde — weil sie dumm sind. Aber ich verstehe sie besser als meine Freunde, vor denen ich etwas Angst habe. Ich hasse meine Freunde. Sie sind diejenigen, die sich weigern werden, mir in die Hölle zu folgen. Natürlich gehe ich zur Hölle; Ehrensache. Das ist der Platz, wohin ich gehöre.  - Franz Jung, Der Weg nach unten. In: Franz Jung, Schriften, Bd. 1, Salzhausen / Frankfurt am Main 1981

Abschied (33)

Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
Du Ungleichrunde,
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! – – Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Mußt nicht so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?

Du bist ein so rührend junges Blut. –
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, daß du eine Edelknolle
Warst, und daß dich ein Kenner verschlingt.

- Joachim Ringelnatz

Abschied (34)

Abschied (35)   Aber so ist Kind- und Knabenheit; sie behält Kleinstes, sie vergißt Größtes, man weiß bei beidem selten warum. Abschiede behält ohnehin die immer unten und oben und überall hinauswollende Kindheit weniger als Ankunft; denn ein Kind verläßt zehnmal leichter die langgewohnten Verhältnisse als die kurzgewohnten und erst im Manne erscheint gerade das Umgekehrte der Berechnung. Für Kinder gibt es kaum Abschiede; denn sie kennen keine Vergangenheit, sondern nur eine Gegenwart voll Zukunft. - Jean Paul, Selberlebensbeschreibung

 

Todesart Schluß Strafen Schmerz

 
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